11 Mai 2011, 12:55
Der Mensch ist in seiner Natur 'homo religiosus’ und 'homo orans'
 
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Benedikt XVI. setzt seine Katechesenreihe über das Gebet fort. Die Religiosität gehört zur Natur des Menschen. Das Gebet als Ereignis des Bundes mit Gott. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) In der Begegnung mit Gott darf der Mensch erfahren, dass seine innerste Sehnsucht gestillt wird – eine Sehnsucht, die zu seinem Menschsein gehört. In den Mittelpunkt seiner zweiten Katechese zum „Gebet“ stellte Papst Benedikt XVI. im Rahmen der Generalaudienz auf dem Petersplatz vor rund 30.000 Pilgern und Besuchern die Herausforderung und Gnade, die jener schenke, an den sich der Mensch wende.

Der Mensch des digitalen Zeitalters suche wie jener der Steinzeit in der religiösen Erfahrung die Wege, um seine Endlichkeit zu überwinden und seinem „schwankendem irdischen Abenteuer“ Sicherheit zu verleihen. Ein Leben ohne transzendenten Horizont hätte keinen erfüllten Sinn, so Benedikt XVI., während das Glück, nachdem alle Menschen streben, auf die Zukunft ausgerichtet sei, „auf ein Morgen, das sich noch erfüllen muss“.

Der Mensch als „homo sapiens“ und als „homo faber“ sei in seiner tiefen Verwirklichung immer auch ein „homo religiosus“ und damit ein „homo orans“, ein religiöser und ein betender Mensch. Die Beziehung zu Gott besonders im Gebet eröffnet ihm den Zugang zum Wahren und Schönen. Aber auch zum Unsichtbaren, Unerwarteten, Unaussprechlichen. Das Verlangen nach Gott sei in das Herz des Menschen eingeschrieben. Das bedeute, dass das Bild des Schöpfers in sein Sein eingeprägt sei und er das Bedürfnis verspüre, ein Licht zu finden, um auf die Fragen zu antworten, die den tiefen Sinn der Wirklichkeit betreffen. Diese Antwort könne der Mensch nicht in sich selbst, im Fortschritt oder in den empirischen Wissenschaften finden.

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Benedikt XVI. zitierte die Erklärung des II. Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra aetate“ (Nr.1): „Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“.

Der Mensch könne sich noch so sehr der Illusion der Selbstgenügsamkeit hingeben, doch er mache stets die Erfahrung, sich dem Anderen öffnen zu müssen, der oder das ihm das schenken könne, was ihm fehle, so dass er aus sich selbst herausgehen müsse. Wir lebten einerseits in einer säkularen Welt, wo Gott aus dem Bewusstsein vieler Zeitgenossen zu verschwinden scheine. Zugleich könnten viele Zeichen ausgemacht werden , die das Wiedererwachen eines Sinnes für das Religiöse anzeigten. Vielen Menschen genüge eine bloß horizontale und materielle Sichtweise des Lebens nicht. Sie fragten nach mehr und erkennen, dass nur Gott die letzten Antworten geben kann.

Für Benedikt XVI. hat sich die Vorhersage derer als falsch erweisen, die seit dem Zeitalter der Aufklärung das Verschwinden der Religionen vorausgesagt und eine absolute, vom Glauben losgelöste Vernunft betont hatten, „eine Vernunft, die die Finsternis der religiösen Dogmatismen vertreiben und die Welt des Heiligen auflösen sollte, um dem Menschen seine Freiheit zu erstatten, seine Würde und seine Autonomie“. Zwei tragische Weltkriege hätten dann jedoch jenen Fortschritt in eine Krise versetzt, den die autonome Vernunft und der Mensch ohne Gott anscheinend zu gewährleisten vermochten.

Der Mensch trage in sich einen unendlichen Durst, „ein Heimweh nach der Ewigkeit“, eine Suche nach der Schönheit, ein Verlangen nach Liebe, ein Bedürfnis nach Licht und Wahrheit, die ihn zum Absoluten drängten. Dabei wisse der Mensch, wie er sich an Gott wenden könne: im Gebet. Benedikt XVI. erinnerte an die Definition des Gebets als „Ausdruck des Verlangens, das der Mensch nach Gott hat“, wie sie beim heiligen Thomas von Aquin zu finden sei.

Dieses Hingezogensein zu Gott sei die Seele des Gebets, das in der Geschichte viele Formen und Modalitäten annehme, da der Mensch verschiedene Weisen der Öffnung zum Anderen und über den Anderen hinaus entwickelt habe, so dass das Gebet als eine Wirklichkeit erkannt werden könne, die in jeder Religion und Kultur vorhanden sei.

Das Gebet des „homo orans“ sei eine innere Haltung des Menschen, betonte Benedikt XVI., vor allen Praktiken und Formeln. Das Gebet schlage seine Wurzeln in der Tiefe der Person. Daher sei es nicht leicht, es zu entschlüsseln. Aus demselben Grund könne es auch Missverständnissen und Mystifikationen ausgesetzt sein.

„Beten ist schwer“, so der Papst. Das Gebet sei der Ort schlechthin der Unentgeltlichkeit, „des Strebens nach dem Unsichtbaren, dem Unerwarteten, dem Unaussprechlichen“. Gott selbst komme dabei dem Menschen zuerst entgegen. Das Beten sei die Antwort auf seine Liebe. So werde das Gebet zum Ort des liebenden Gesprächs, der Gemeinschaft mit Gott, der als einziger die Erfüllung der menschlichen Sehnsucht schenken könne.

Benedikt XVI. rief ein Wort des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein in Erinnerung, der gesagt hatte: „Beten bedeutet zu spüren, dass der Sinn der Welt außerhalb der Welt liegt“. In dieser Dynamik des Gebets finde es eine seiner typischen Ausdrucksformen im knienden Beten. So bringe der Mensch seine Grenze und sein Bedürfnis nach dem Anderen zum Ausdruck.

In der Erfahrung des Gebets erkläre der Mensch das Bewusstsein seiner selbst, „alles, was er von seinem Dasein erfassen kann, und gleichzeitig wendet er sich ganz dem Sein zu, vor dem er steht, er richtet seine Seele auf jenes Geheimnis aus, von dem er sich die Erfüllung des tiefsten Verlangens erwartet". In diesem Blick auf den anderen liege das Wesen des Gebets als der Erfahrung einer Wirklichkeit, die das Sinnliche und Kontingente überwinde.

Abschließend unterstrich Benedikt XVI., dass die Suche des Menschen ihre Erfüllung nur in dem sich offenbarenden Gott finde. Das Gebet werde an dieser Stelle zu einer persönlichen Beziehung mit ihm.

Auch wenn der Mensch seinen Schöpfer vergesse, höre Gott nicht auf, den Menschen als erster zur geheimnisvollen Begegnung im Gebet zu rufen: „Beim Beten geht diese Bewegung der Liebe des treuen Gottes zuerst von ihm aus; die Bewegung des Menschen ist immer Antwort. In dem Maß, in dem Gott sich offenbart und den Menschen sich selbst erkennen lässt, erscheint das Gebet als ein gegenseitiger Zuruf, als ein Geschehen des Bundes, das durch Worte und Handlungen das Herz miteinbezieht. Es enthüllt sich im Lauf der ganzen Heilsgeschichte“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2567).


Die Pilger aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

Mit Freude grüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Lernen wir wieder neu, vor Gott ruhig zu werden und innezuhalten. Gerade in der Stille hören wir seine Stimme, die uns zur Quelle des Lebens ruft, um uns über alle Begrenzung hinauszuführen und uns auf die Größe Gottes hin zu öffnen, zur Gemeinschaft mit ihm, der die unendliche Liebe ist. Gott begleite Euch alle!







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