01 Mai 2011, 08:16
Wadowice, Niegowic, Krakau, Rom: Das Leben des neuen Seligen
 
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Unter dem „Konklave-Außenseiter“ aus Polen erreichte das Papsttum Beachtung und Anerkennung wie nie zuvor in seiner Geschichte

Vatikanstadt (kath.net/KAP/red) Wadowice, Krakau, das Dorf Niegowic in Südpolen, wieder Krakau und schließlich Rom: Das waren die wichtigsten Orte im Leben des 265. Nachfolgers Petri, Johannes Paul II., der am 1. Mai seliggesprochen wird.

Am 18. Mai 1920 wurde der Papst mit dem bürgerlichen Namen Karol Wojtyla in Wadowice bei Krakau geboren. Er war der Sohn des Stabsoffiziers in der Verwaltung der polnischen Armee Karol Wojtyla sr. und der Emilia Wojtyla, geborene Kaczorowska.

1938 maturierte Karol jr. und übersiedelte nach Krakau, wo er das Studium der Philosophie und Philologie an der Jagiellonen-Universität begann. Nach Ausbruch des II. Weltkrieges wurde die Universität offiziell geschlossen, existierte aber teilweise im Untergrund weiter, so dass Wojtyla seine Studien fortsetzen konnte. 1940-44 arbeitete unter der deutschen Okkupationsmacht in einem Kalksteinbruch bei Krakau, später in einer Fabrik für chemische Produkte Solvay und studierte heimlich weiter.

1942 trat er ins Untergrundpriesterseminar der Erzdiözese Krakau ein. Am 1. November 1946 wurde Wojtyla zum Priester geweiht. Er begann ein Doktoratsstudium am "Angelicum", der Päpstlichen Universität der Dominikaner in Rom. 1948 erfolgte die Promotion in Rom, der eine weitere in Krakau an der Theologischen Fakultät über ein moraltheologisches Thema folgte. Erster Seelsorgeposten (1948/49) war die Landpfarre Niegowic (Gemeinde Gdow).

1950 übernahm Wojtyla die Florianskirche in Krakau, wo er auch Studenten- und Akademikerseelsorger war. 1953 wurde er Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät in Krakau, 1955 habilitierte er sich an der Katholischen Universität Lublin über Max Scheler.

Am 28. September 1958 wurde Wojtyla als damals jüngstes Mitglied des polnischen Episkopats Weihbischof in Krakau, am 13. Jänner 1964 folgte die Ernennung zum Erzbischof von Krakau, 1967 die Verleihung der Kardinalswürde durch Papst Paul VI.

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"Habt keine Angst!"

Am 16. Oktober 1978, nach dem Tod von Johannes Paul I., wurde Wojtyla als erster Pole zum Papst gewählt. Er nahm den Namen Johannes Paul II. an. Der 265. Nachfolger des Apostels Petrus war seit 1523 der erste Nicht-Italiener auf dem Stuhl Petri.

Der beschwörende Appell aus seiner Antrittsrede blieb im Gedächtnis: "Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus. Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine rettende Macht".

Die 111 Kardinäle hatten einen Mann gewählt, der als "Außenseiter" ins Konklave gegangen war. Schon das Pontifikats-Programm, das der neue Papst zum Ende des Konklaves vortrug, enthielt die wesentlichen Elemente seiner Amtszeit:

Treue zum Konzil unter besonderer Berücksichtigung von Glaubensverbreitung und Ökumene, aber auch der Kirchendisziplin. Das Glaubensgut müsse unversehrt bewahrt, die innere Einheit der Kirche geschützt werden, die liturgischen Normen müssten beachtet und die Kollegialität gefördert werden - etwa durch die Bischofssynoden.

Zudem sollte die Kirche ihren Beitrag zu Frieden, Fortschritt und Gerechtigkeit der Völker leisten: "Wir müssen mit allen Mitteln danach streben, dass sämtliche Formen der Ungerechtigkeit, die heute vorkommen, gemeinsam erwogen und wirklich beendet werden, sodass alle Menschen ein wahrhaft menschenwürdiges Leben führen können".

104 Auslandsreisen in 129 Länder

Dieses Programm setzte Johannes Paul II. mit spektakulären Initiativen und unkonventionellen Gesten, mit großer Liturgie und stillem Gebet, mit öffentlichen Reden, Botschaften und mit vertraulicher Diplomatie um. Johannes Paul II. ging damit als einer der großen und entscheidenden Päpste in die Kirchengeschichte ein.

Im Mittelpunkt dieses Pontifikates stand die große Wirkung des Wojtyla-Papstes nach "außen", über die Grenzen der Kirche hinaus. Johannes Paul II. suchte stets den Kontakt zu den Menschen.

Unter dem "Einwanderer" aus Polen erreichte das Papsttum Beachtung und Anerkennung wie nie zuvor in seiner Geschichte. Johannes Paul II. hielt mehr als 1.000 Generalaudienzen, empfing rund 900 Staats- und Regierungschefs.

Mit seinen 104 Auslandsreisen in 129 Länder machte der 265. Nachfolger Petri die katholische Kirche als Weltkirche auf neue Weise medial sichtbar und erfahrbar. Das Attentat von 1981 brachte ihn nicht davon ab, auch weiterhin den unmittelbaren Kontakt zu den "Massen" zu suchen, vor allem auf seinen Pastoralreisen.

Weltpolitik von Gorbatschow bis Bush

Große Außenwirkung entfaltete Johannes Paul II. auch im politischen Bereich, allen voran mit seinem Beitrag zum Sturz der kommunistischen Regime und zum Fall des "Eisernen Vorhangs". Die Wahl des ersten slawischen Papstes hatte ein psychologisches Erdbeben ausgelöst, das tief in das damalige kommunistische Staatengefüge hineinwirkte.

Mit ungezählten Appellen gegen Gewalt und für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte hatte Johannes Paul II. zu den politischen und sozialen Konflikten in aller Welt Stellung bezogen sowie persönlich und über die vatikanische Diplomatie zu vermitteln versucht. Einer seiner eindrucksvollsten Einsätze galt der Verhinderung des Irak-Kriegs 2003.

Es gibt kaum einen großen Staatsmann, der nicht im Vatikan empfangen wurde. So besuchte etwa US-Präsident George W. Bush Johannes Paul II. drei Mal. Und einer der Höhepunkte des Monats Dezember im historischen Wendejahr 1989 war die Begegnung zwischen Papst Johannes Paul II. und Michail Gorbatschow am 1. Dezember 1989.

Menschenrechte und Frieden

Karol Wojtyla, der schon in seiner Jugend Krieg, Rassismus und Antisemitismus und gleich darauf die Unterdrückung durch die Kommunisten selbst erlebt hatte, scheute auf seinen Reisen nicht die Begegnung mit einigen der übelsten Diktatoren, "linken" wie "rechten", um ihnen öffentlich und unter vier Augen ins Gewissen zu reden.

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme schlug der Papst auch gegen den ungezügelten Kapitalismus und Neo-Liberalismus sehr kritische Töne an. Und wenn Johannes Paul II. die Menschenrechte verteidigte, dann vergaß er nie, auch das Lebensrecht der Ungeborenen vom Augenblick der Empfängnis an unbeirrt einzufordern.

In seinen Friedensinitiativen ließ er sich auch von Rückschlägen und bitteren Niederlagen - etwa in den Jugoslawien-Kriegen oder im Nahostkonflikt - nicht entmutigen. Dass er den USA in der Anti-Saddam-Front im Golfkrieg 1991, in den Luftangriffen auf Serbien in der Kosovo-Krise 1999 und zuletzt im Irak-Feldzug 2003 die Gefolgschaft verweigerte, belastete zeitweise das Verhältnis des Papstes zu den imperialen Strategen in Washington.

Ein Netz von diplomatischen Beziehungen wurde nach 1989 aufgebaut: Neben den zahlreichen Nachfolgestaaten der UdSSR und anderen Ländern Osteuropas zählt zu dieser Erfolgsliste auch die Aufnahme vollwertiger Beziehungen zu Israel 1994. Das beim Vatikan akkreditierte Diplomatische Corps verdoppelte sich im Pontifikat des neuen Seligen. Drei Mal trat er vor UNO-Versammlungen auf (1979, 1994, 1995), einmal vor der UNESCO (1980) auf.

Historische Schritte in der Ökumene

Eine Reihe von historischen Schritten setzte Johannes Paul II. in den Beziehungen zu den anderen christlichen Kirchen und zu den anderen Weltreligionen. 1986 besuchte er als erster Papst nach Petrus ein jüdisches Gotteshaus, die Synagoge in Rom. Im selben Jahr lud er Vertreter der Weltreligionen zum ersten Mal zu einem interreligiösen Friedensgebet in die Franziskus-Stadt Assisi, eine Aufsehen erregende Geste, die ihm in der eigenen Kirche auch Kritik einbrachte. Im Jänner 2002 wiederholte er diese Einladung als Reaktion auf die angespannte Weltlage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA.

Im März 2000 betete der Papst an der Klagemauer in Jerusalem und bat um Vergebung für die Verfolgung von Juden durch Christen. Das Bild des Papstes, der wie ein gläubiger Jude den Text der Vergebungsbitte in eine Ritze der Klagemauer schiebt, blieb eine der prägenden Erinnerungen des Pontifikats.

Im Mai 2001 besuchte Johannes Paul II. zum ersten Mal den Gebetsraum einer Moschee, der Omayyaden-Moschee in Damaskus. Auch hier stand der Appell zu Toleranz, gegenseitigem Respekt, Verständigung und Zusammenarbeit im Mittelpunkt. Nach dem 11. September 2001 warnte er auch vor Islamophobie und vor einem "Krieg der Religionen".

Die ökumenische Bilanz des Pontifikates von Karol Wojtyla fällt gemischt aus, aber auch in diesem Bereich konnte Johannes Paul II. Meilensteine setzen. Er predigte als erster Papst in einer evangelischen Kirche (1983 in Rom), unter seiner Regentschaft legten die katholische und die lutherische Kirche 1999 in einer gemeinsamen Erklärung ihren Streit über die Rechtfertigungslehre teil. Zudem ermunterte Johannes Paul II. mit der Enzyklika "Ut unum sint" die anderen christlichen Kirchen zu einer Debatte über die mögliche künftige Ausgestaltung des Papstamtes.

Schwieriger gestaltete sich der Dialog mit der Orthodoxie aufgrund gewisser antipolnischer Ressentiments in Moskau. Mit der ihm eigenen Zähigkeit gelang Johannes Paul II. jedoch zuletzt eine Annäherung an mehrere östliche Kirchen, die bis dahin deutliche Vorbehalte gegen Rom gezeigt hatten. Allen voranging der Aufbau eines tatsächlich freundschaftlichen Verhältnisses mit dem Ökumenischen Patriarchat. So hatte der Papst den starken Wunsch, zum Andreasfest 2004 (30. November), Patriarch Bartholomaios I. im Istanbuler Phanar zu besuchen, was aber sein schlechter Gesundheitszustand nicht möglich machte.

Gespannt blieben aber die Kontakte zu Moskau. Zu den Gründen gehörte das Wiedererstarken der mit Rom unierten Katholiken in der Ukraine und der Ausbau der katholischen Strukturen in Russland. Ein ersehnter Besuch in Moskau blieb dem Papst daher verwehrt.

Geste von welthistorischer Bedeutung

Ein Höhepunkt im Pontifikat Johannes Pauls II. war das Heilige Jahr 2000. Schon bei seinem Amtsantritt hatte er sich zum Ziel gesetzt, die Kirche über die Jahrtausendschwelle zu führen.

Am 12. März des Jubiläumsjahres setzte der 265. Nachfolger Petri eine Geste, der von vielen "welthistorische Bedeutung" zugemessen und als die wichtigste seines Pontifikates eingestuft wurde: Er sprach am ersten Fastensonntag 2000 eine Große Vergebungsbitte für historische Vergehen der Christen in den 2.000 Jahren der Geschichte der Kirche. Und er setze wenige Wochen danach eindrucksvolle Symbolhandlungen durch seine Besuche an der Klagemauer und in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem.

Innerkirchliche Kritik

Von manchen in der Kirche erntete der Papst auch Kritik. So "fortschrittlich" der Papst ihnen in sozialen und politischen Fragen schien, so wenig konnten sie sich mit seiner marianisch inspirierten Theologie und Morallehre anfreunden. Seinen Lehrschreiben blieb - mit wenigen Ausnahmen – eine unbeschränkte Anerkennung versagt. 14 Enzykliken und zahlreiche weitere Lehrschreiben verfasste Johannes Paul II. Die meiste Beachtung fanden seine Dokumente zur katholischen Soziallehre, zur Einheit der Christen und zum Verhältnis von Glaube und Theologie zu Philosophie und Vernunft.

Innerkirchliche Kritik an Johannes Paul II. entzündete sich anfänglich vor allem an Maßregelungen gegen manche Befreiungstheologen. Forderungen nach einer Lockerung der kirchlichen Sexualmoral, einem Ja zur künstlichen Empfängnisregelung und einer Aufhebung des Zölibats für Priester gab er ebenso wenig nach wie den Rufen nach einer generellen Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion. Das Nein der Kirche zum Priesteramt für Frauen definierte Johannes Paul II. als "endgültig" und erntete dafür heftigen Widerspruch. Unbeirrt forderte er auch den Schutz für Ehe und Familie. Forderungen der Homosexuellen-Lobby nach Zulassung der "Homo-Ehe" erteilte er eine deutliche Absage.

In einzelnen Ortskirchen entzündeten sich Konflikte durch Bischofsernennungen. Den Wünschen nach stärkerer "Demokratisierung" der Entscheidungsabläufe in der Weltkirche kam Johannes Paul II. nicht nach. Die Bischofssynoden - der Papst berief insgesamt 15 ein - behielten ihren lediglich beratenden Charakter, ebenso die Konsistorien.

Während manche Bischöfe von "überzogenem Zentralismus" sprachen, forderte der Papst von ihnen Treue zum Lehramt und zum Nachfolger Petri. Für Johannes Paul II. musste die Einheit der katholischen Weltkirche und Offenheit nach außen mit starker Disziplin nach innen einhergehen. Diesen seinen Zielen trug er vor allem mit der Veröffentlichung des neuen Kirchenrechts 1983, mit einer Kurienreform 1989 und mit der Herausgabe des Weltkatechismus 1992 Rechnung.

Bis zuletzt geistig hellwach

In seinen letzen Jahren setzte der polnische Papst noch einmal wesentliche ökumenische, interreligiöse und auch innerkirchliche Akzente. Große Anziehungskraft übte er auch auf die Jugend aus, was sich besonders bei den Weltjugendtagen in Paris 1997, Rom 2000 und Toronto 2002 zeigte.

Je mehr er durch Alter und Krankheit körperlich geschwächt wurde, je schwerer er sich beim Sprechen und Gehen tat, desto mehr wuchs seine moralische und geistliche Autorität, desto unbeirrter ging er - auch gegen manchen Widerstand aus der Kurie - seinen Weg. Denn trotz aller körperlichen Gebrechen war Johannes Paul II. bis zuletzt geistig hellwach.

Der von Krankheit und Alter schwer Gezeichnete stellte im August 2004 in Lourdes - dem Ziel seiner 104. und letzten Auslandsreise - noch einmal eindrucksvoll und zeichenhaft seine Botschaft des Trostes und Zuspruchs für die Leidenden vor.

Ab Februar 2005 erschütterte das Leiden und der Todeskampf des Papstes die Welt. Allabendlich versammelten sich in den letzten Märztagen 2005 Zigtausend Gläubige zum Gebet auf dem Petersplatz. Schon seit Jahresbeginn hatte sich die Parkinson-Erkrankung des einst so sportlichen Kirchenmannes drastisch verschlimmert. Zweimal musste der 84-Jährige ins Krankenhaus, mit einem Luftröhrenschnitt versuchten die Ärzte Linderung zu verschaffen.

Die Karwoche verfolgte Johannes Paul II. über einen Bildschirm in seiner Privatkapelle. Beim Ostersegen "Urbi et orbi" versagte ihm die Stimme; stumm und schmerzgezeichnet machte er das Kreuzzeichen.

Fünf Tage später, am 2. April 2005, informierte der vatikanische „Innenminister“ Leonardo Sandri die Welt: "Der Heilige Vater ist heute Abend um 21.37 Uhr in das Haus des Vaters heimgekehrt."

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Foto: (c) kath.net/Armin Schwibach



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