25 April 2011, 14:05
‚Dominus Iesus’ und das entschlossene Einschreiten Johannes Pauls II.
 
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Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und die Hintergrundgeschichte zu einem der meist diskutierten Dokumente der letzten Jahrzehnte. Die Legende von der ‚Fixiertheit’ Kardinal Ratzingers. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Im Vorfeld der Seligsprechung Papst Johannes Pauls II. erschien in diesen Tagen ein Interviewbuch mit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone (Tarcisio Bertone, Un cuore grande. Omaggio a Giovanni Paolo II, Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 2011, EUR 14,00). Am 24. April veröffentlichte die vatikanische Zeitung „L’Osservatore Romano“ unter dem Titel „Quando Papa Wojtyła volle spiegare la ‚Dominus Iesus’“ („Als Papst Wojtyła ‚Dominus Iesus’ erklären wollte“) einen Auszug aus dem Buch, in dem Kardinal Bertone die Hintergrundsgeschichte zur Veröffentlichung der dogmatischen Erklärung Dominus Iesus (6. September 2000) erläutert. Die Erklärung bekräftigte die absolute Einzigkeit Jesu Christi für das Heil aller Menschen.

Die Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre war sofort heftigen Kritiken innerhalb und außerhalb der Kirche ausgesetzt gewesen und wird von einigen Bereichen bis zum heutigen Tag als „kritisch“ bewertet. Unmittelbar nach deren Veröffentlichung machte sich die Ansicht breit, dass Papst Johannes Paul II. die Erklärung nur ungern und auf Druck des damaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Kardinal Ratzinger, veröffentlicht habe. Mit dieser Legende macht nun Kardinal Bertone Schluß. Bertone hatte zur damaligen Zeit als Sekretär der Kongregation Seite an Seite mit Ratzinger gearbeitet.

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Zur Entstehungsgeschichte von „Dominus Iesus“ erklärt Kardinal Bertone:

„Ein typisches Element der doktrinellen Festigkeit Johannes Pauls II. betrifft gerade seine Leidenschaft für eine wahre, echte Christologie. Der Papst selbst wollte die dogmatische Erklärung über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche ‚Dominus Iesu’, trotz all des Geredes, das Kardinal Ratzinger oder der Kongregation für die Glaubenslehre aufgrund der Tatsache, dass sie diese berühmte Erklärung gewollt hätten, eine ‚Fixiertheit’ nachsagte, ein Gerede, das sich auch im katholischen Bereich breit gemacht hatte.“

„Ja, es war Johannes Paul II. selbst, der um die Erklärung gebeten hatte, da ihn die kritischen Reaktionen auf seine Enzyklika über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrages ‚Redemptoris missio’, sehr betroffen gemacht hatten. Mit dieser Enzyklika wollte er die Missionare ermutigen, Christus auch in den Bereichen zu verkündigen, wo andere Religionen präsent sind, um die Gestalt Jesu nicht auf irgendeinen Gründer einer religiösen Bewegung herabzusetzen. Die Reaktionen waren negativ gewesen, vor allem in Asien, und der Papst war darüber sehr verbittert. So sagte er im Heiligen Jahr – dem christologischen Jahr schlechthin –: ‚Bereitet bitte eine dogmatische Erklärung vor’. So wurde ‚Dominus Iesus’ vorbereitet, eine dichte und kurze Erklärung in einer dogmatischen Sprache. Sie bleibt im aktuellen Klima der Kirche sehr wichtig, da sie – ausgehend von der Analyse einer besorgniserregenden Lage auf Weltebene – den Christen die Züge einer Lehre bietet, die auf der Offenbarung gründet und das konsequente Verhalten leiten muss, das Jesus, dem Herrn und einzigen und universalen Heiland, treu ist.“

Auf die Frage, wie der Vatikan auf die sich sofort nach der Veröffentlichung von „Dominus Iesus“ eingestellt habenden harschen Kritiken an der Erklärung reagierte, antwortet Kardinal Bertone:

„Nicht nur im säkularen Bereich, sondern auch im katholischen schlossen sich einige diesen Kritiken an. Der Papst war doppelt verbittert. Es kam zu einer Sitzung, bei der gerade über diese Reaktionen, vor allem seitens der Katholiken, nachgedacht werden sollte. Am Ende der Versammlung sagte der Papst entschlossen: ‚Ich will sie verteidigen und will darüber am Sonntag, den 1. Oktober, während des Gebets des Angelus sprechen – anwesend waren ich, Kardinal Ratzinger und Kardinal Re –, und ich möchte das und das sagen’. Wir haben seine Vorstellungen zur Kenntnis genommen und den Text verfasst, den er dann approbiert und verlesen hat. Es war der Sonntag, an dem die chinesischen Märtyrer heiliggesprochen wurden. Dieses Zusammentreffen ließ einige zur Vorsicht raten: ‚Es ist nicht zweckmäßig – suggerierten ihm einige –, dass Sie über die Erklärung ‚Dominus Iesus’ gerade an jenem Tag sprechen, es ist besser, dass Sie das in einem anderen Zusammenhang tun. Es ist besser, das aufzuschieben, Sie könnten es am 8. Oktober veröffentlichen, am Sonntag des Jubiläums der Bischöfe, in Gegenwart von Hunderten von Bischöfen’. Doch der Papst antwortete so auf derartige Einwürfe: ‚Wie bitte? Jetzt soll ich das aufschieben? Absolut nicht! Ich habe den 1. Oktober beschlossen, ich habe diesen Sonntag beschlossen, und am Sonntag werde ich es tun!’

Am Sonntag, den 1. Oktober 2000, stellte Johannes Paul II. die Erklärung „Dominus Iesus“, „die ich in besonderer Form approbiert habe“, mit diesen Worten vor:

„Auf dem Höhepunkt des Jubiläumsjahrs habe ich mit der Erklärung »Dominus Iesus« – Jesus ist der Herr –, die ich in besonderer Form approbiert habe, alle Christen einladen wollen, ihre Treue zu ihm in der Freude des Glaubens zu erneuern und einmütig zu bezeugen, daß er – auch heute und morgen – »der Weg und die Wahrheit und das Leben« ist (Joh 14,6). Unser Bekenntnis zu Christus als einzigem Sohn, durch den wir selbst das Antlitz des Vaters schauen (vgl. Joh 14,8), ist keine Überheblichkeit, die andere Religionen abwertet, sondern Ausdruck freudiger Dankbarkeit dafür, daß Christus sich uns ohne unser Verdienst gezeigt hat. Zugleich hat er uns den Auftrag gegeben, das Empfangene weiterzuschenken und auch den anderen das mitzuteilen, was uns geschenkt wurde, denn das Geschenk der Wahrheit und die Liebe, die Gott ist, gehören allen Menschen.

Mit dem Apostel Petrus bekennen wir, daß »uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben [ist], durch den wir gerettet werden sollen« (Apg 4,12). Auf den Spuren des II. Vatikanischen Konzils zeigt die Erklärung »Dominus Iesus«, daß damit das Heil den Nichtchristen nicht abgesprochen wird. Vielmehr wird auf dessen letztendlichen Ursprung in Christus hingewiesen, in dem Gott und Mensch vereint sind. Gott schenkt allen Menschen das Licht in der jeweils für ihre inneren und äußeren Voraussetzungen angemessenen Weise, indem er ihnen die heilbringende Gnade auf Wegen gewährt, die er weiß (vgl. Dominus Iesus VI, 20 –21). Das Dokument verdeutlicht die wesentlichen christlichen Elemente, die den Dialog nicht behindern, sondern vielmehr seine Grundlagen erkennen lassen. Denn ein Dialog ohne Fundmente wäre dazu verurteilt, in leere Redseligkeit auszuarten.

Das gleiche gilt für die Frage der Ökumene. Wenn das Dokument in Einklang mit dem II. Vatikanum erklärt, daß »die einzige Kirche Christi […] verwirklicht [ist] [subsistit in] in der katholischen Kirche« (Dominus Iesus, 16), möchte es damit nicht eine Geringachtung für die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zum Ausdruck bringen Diese Überzeugung wird begleitet von dem Bewußtsein, daß dies kein menschliches Verdienst ist, sondern ein Zeichen der Treue Gottes, die stärker ist als die menschlichen Schwächen und Sünden, die wir zu Beginn der Fastenzeit vor Gott und den Menschen feierlich bekannt haben. Die katholische Kirche leidet – wie es das Dokument zum Ausdruck bringt – unter der Tatsache, daß echte Teilkirchen und kirchliche Gemeinschaften mit wertvollen Heilselementen von ihr getrennt sind.

Auf diese Weise bringt das Dokument noch einmal dieselbe Leidenschaft für die Ökumene zum Ausdruck, die auch meiner Enzyklika »Ut unum sint« zugrunde liegt. Meine Hoffnung ist, daß diese Erklärung, die mir so am Herzen liegt, nach so vielen Fehldeutungen endlich ihre klärende Funktion, die der Öffnung dienen soll, erfüllen kann. Am Kreuz vertraute der Herr uns Maria als unser aller Mutter an. Sie helfe uns, gemeinsam zu wachsen im Glauben an Christus, den Erlöser aller Menschen, in der Hoffnung auf das Heil, das Christus allen anbietet, und in der Liebe, die das Zeichen der Kinder Gottes ist“.


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