14 April 2011, 12:00
Das Kreuz mit der Atomkraft
 
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Schon vor der Katastrophe in Japan gab der Philosoph Robert Spaemann ein Interview zum Thema Atomkraft und weltanschauliche Hintergründe der Atomkraftdebatte. Spaemann möchte den Atomausstieg. Von Oliver Maksan / Die Tagespost

München (kath.net/Die Tagespost)
Herr Professor Robert Spaemann, Sie sprechen sich seit Jahr und Tag gegen die Atomkraft aus. Man hat Sie deshalb schon als „Öko-Philosophen“ bezeichnet. Warum sind Sie gegen Atomkraft?

Meiner Meinung nach hat man die Atomenergie zu einem Zeitpunkt eingeführt, als die Probleme, die im Zusammenhang damit auftreten, noch nicht geklärt waren. Und sie sind bis heute nicht geklärt, vor allen Dingen das Endlagerproblem.

Was ist denn das Problem mit der Endlagerung?

Das Problem ist, dass wir Gefahrenquellen für eine unabsehbare Zukunft schaffen. Die Stellen, an denen der Atommüll gelagert wird, müssen absolut gesichert werden gegen das Eindringen von Wasser et cetera. Vor allen Dingen aber muss das Know-how, das uns in die Lage versetzt hat, überhaupt Atomenergie nutzbar zu machen, über Tausende von Jahren erhalten bleiben. Denn sonst wissen die Menschen irgendwann überhaupt nicht mehr, wie sie mit diesen Gefahrenquellen umgehen sollen, weil sie gar nicht mehr wissen, worum es sich handelt. Die Vorstellung, unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation, die wir in Europa und Amerika entwickelt haben, würde über Jahrtausende erhalten bleiben und sich weiterentwickeln: Das ist eine außerordentlich fantastische Vorstellung.

Terroristische Angriffe und Unfälle wie in Tschernobyl sind es dagegen nicht...

Das kommt dazu. Allerdings sind diese Einwände nicht der Hauptpunkt meiner Kritik. Atomkraftwerke können immer sicherer gemacht werden, allerdings gibt es auch keine absolute Sicherheit für die gegenwärtig Lebenden. Im Nachhinein sieht man dann, was man versäumt hat und was man anders hätte machen müssen. Techniken müssen fehlerfreundlich sein, das ist inzwischen allgemein akzeptierte Regel. Die Atomenergie ist es nicht, weil ihre möglichen Folgen keine Fehler verzeihen.

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Aber wieso kann man nicht die Nachteile gegen die Vorteile abwägen? Da sieht es für die Kernkraft gar nicht schlecht aus: Sie ist extrem effizient, produziert Unmengen von Energie, ist CO2-neutral, wird immer sicherer. Ist es unsittlich zu sagen: Angesichts dieser Vorteile nehmen wir ungelöste Folgeprobleme in Kauf, weil sie ja künftig wahrscheinlich gelöst werden?

Das „wahrscheinlich“ ist das, woran ich Anstoß nehme. Wir können nicht unsere Vorteile auf Kosten kommender Generationen erwirtschaften und ihnen die Lösung unserer Probleme auftragen. Das scheint mir außerordentlich unfair zu sein. Wenn wir ihnen dieses Kuckucksei ins Nest legen, müssen wir auch die Folgen beherrschen. Wir müssen wirklich beurteilen können, was auf lange Zeit sicher ist. Wir können nicht sagen: Wir wägen unseren Vorteil ab gegen den Nachteil anderer. Wir können nur Vorteile gegen Nachteile abwägen und dürfen nicht anderen Nachteile aufbürden, die wir nicht selbst akzeptieren würden.

Sind ihre Sympathien dann bei den Demonstranten gegen die Castor-Transporte, die sich an die Schienen ketten, oder sind das einfach nur Radau-Brüder?

Das kann ich nicht so genau beurteilen. Darunter sind auch ernsthafte Leute. Die treiben die Kosten natürlich hoch und das ist wohl auch ihre Absicht. Sie sagen, dass die Wirtschaftlichkeitsrechnung der Atomwirtschaft externe Kosten nicht auslagern darf. Die Demonstrationen und die aus ihnen folgenden Schäden sind Kosten, die mit eingerechnet werden müssen. Und wenn man sagt, die werden absichtlich verursacht, spielt das keine Rolle. Wenn sie da sind, sind sie da.

Tatsächlich ist der Atomausstieg beschlossene Sache. Die Atomkraft gilt deshalb als Brückentechnologie, bis genügend erneuerbare Energien zur Verfügung stehen. Es wird vor allem darüber gestritten, wie lange sie das sein darf. Gibt es hier eine moralische Laufzeitbegrenzung?

Es ist im allgemeinen so, dass Menschen Lösungen für dramatische Probleme erst finden, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Dann sind sie außerordentlich erfinderisch. Ich denke, wenn wir uns mit dem Stichwort Brückentechnologie beruhigen und sagen: wir warten mal, bis genügend andere Energien zur Verfügung stehen, dann kann dieser Zeitpunkt, bis sie wirklich zur Verfügung stehen, sehr weit hinausgeschoben werden. Es fehlt schlicht der Handlungsdruck. Aber nur der macht erfinderisch. Die Geschichte zeigt, dass das immer so läuft – warum sollte es jetzt anders sein?

Die Atomkraftbefürworter argumentieren für den Erhalt der Kraftwerke auch damit, dass sie sagen: Wenn wir jetzt abschalten, kaufen wir Atomstrom eben in Frankreich ein, weil wir ihn brauchen. Das wäre aber heuchlerisch und eine Art von Hehlerei.

Das ist natürlich ein Einwand. Man muss darauf setzen, dass unser Verhalten Schule macht. Österreich hat ja von Anfang an nicht mitgemacht bei der Atomenergie. Und wenn nun immer mehr Länder dem Beispiel Deutschlands folgen, werden sich die Franzosen diese Frage auch stellen müssen. Man muss anfangen.

Aber wäre es unmoralisch, Atomstrom aus Frankreich zu kaufen?

Es entstehen natürlich eine Menge Probleme, wenn man auf die Atomkraft verzichtet. Vor allen Dingen erhöht sich wieder die Gefahr des CO2-Ausstoßes und damit der Klimaerwärmung. Das ist eine ganz bedrohliche Sache. Ich bin kein Politiker und habe nicht selber zu entscheiden. Ich kann nur die Gesichtspunkte benennen, die unbedingt berücksichtigt werden müssen. Da ist allerdings mein Hauptgesichtspunkt der der Endlagerung und der fantastischen Vorstellung, unsere Zivilisation würde noch zehntausend Jahre existieren. Kein vernünftiger Mensch kann das annehmen, obwohl alle so leben, als wäre es so.

Nun sind Erdöl, Gas und im übrigen auch das für die Atomkraft nötige Uran begrenzte Ressourcen. Wieviel davon dürfen wir denn verbrauchen und was müssen wir künftigen Generationen übrig lassen?
Wir müssen mit diesen Ressourcen so schonend umgehen wie möglich. Das Verbrennen von Erdöl ist natürlich eine außerordentlich verschwenderische Sache, denn es werden Zeiten kommen, in denen man davon einen viel höherwertigen Gebrauch machen kann. Wir dürfen nur verbrauchen, was wir tatsächlich notwendigerweise brauchen. Wir müssen von uns ausgehen. Wir haben nicht die Pflicht, denen, die nach uns kommen, alles übrig zu lassen. Wenn die künftigen Generationen das auch machen, hieße das ja, dass niemand mehr davon Gebrauch machen dürfte. Ich kann da kein Maß nennen. Ich kann nur sagen, dass diejenigen, die darüber entscheiden, der Nachhaltigkeit einen ganz hohen Stellenwert geben müssen.

Die Energieversorgung ist das Rückgrat der hochindustrialisierten globalen Wirtschaft. Die Frage ist doch: Was dürfen Fortschritt und Wachstum kosten?

So ist es. Entscheidend ist, dass reelle Rechnungen gemacht werden, die die humanen Unkosten, die nicht unbedingt in Geld ausdrückbaren Nachteile, mit einrechnen. Für die Politik gibt es überhaupt keine externen Kosten wie für den Techniker. Alle anfallenden Unkosten sind Unkosten, die diesem Fortschritt zugerechnet werden müssen. Wenn da eine reelle Rechnung gemacht würde, wäre das schon ein sehr großer Gewinn. Dann würde man nämlich sehen, dass der Fortschritt, wie Wittgenstein einmal sagte indem er Nestroy zitierte, nicht so groß ist, wie er ausschaut.

Müssen also Politiker aus Verantwortung für das Allgemeinwohl Konsumverzicht und Wachstumsbeschränkung predigen?

Ich glaube Ja. Es gibt Thesen, die dem entgegenstehen, die sagen, dass die Möglichkeiten, die wir haben, unbegrenzt sind, eine Beschränkung uns gar nicht weiterbringe und vor allem andere von unserer Verschwendung profitierten. Aber diese Denkweise ist eigentlich zu Ende – so hat man vor ein paar Jahrzehnten noch gedacht. Aber inzwischen ist das Bewusstsein gewachsen, dass das nicht funktioniert. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Für unser Bruttosozialprodukt ist jeder tödliche Verkehrsunfall eine Steigerung des Bruttosozialprodukts. Denken Sie an die Sanitäter und die Bestatter. Das alles wird in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Teil des Bruttosozialprodukts eingerechnet und nicht als Unkosten. Es ist aber offensichtlich, dass diese Rechnung global gesehen nicht aufgehen kann.

Lassen Sie uns über die konkrete Politik sprechen. Es fällt doch auf, dass die CDU die Bewahrung der Schöpfung erst spät entdeckt hat und im Grunde bis heute technikgläubig ist. Gleichzeitig verstand sie sich – wenigstens bisher – als gesellschaftspolitisch wertkonservativ. Bei den Grünen ist das genau andersherum. Die sind gegen eine ressourcenintensive Lebensweise, aber für die Abtreibung. Wie geht das zusammen?

Das frage ich mich auch. Der Gründer der Grünen-Bewegung, Herbert Gruhl, hat die Grünen deshalb auch verlassen. Die Grünen müssen sich auch fragen lassen, wie man für unbegrenzte Einwanderung sein kann, wenn man gleichzeitig für Ressourcenschonung ist. Umgekehrt glaube ich, dass eine Partei, die sich auf das Christentum beruft, nicht einfach auf einen moralisch indifferenten Fortschritt setzen kann. Sie muss schon fragen, wer die Kosten trägt. Aber die ökonomistische Denkweise gewinnt in der CDU inzwischen doch immer mehr an Boden. Nehmen Sie die Forschung an Embryonen: Da ist es ganz klar, dass bei den Befürwortern in der CDU die Frage gar nicht mehr auftritt.

Aber woher kommt das?

Bei den Grünen ist das sehr merkwürdig, weil sie mit dem Emanzipationsvokabular auftreten. Nun kann man fragen, wessen Emanzipation da gefordert wird und in welche Richtung. Wann gilt jemand als emanzipiert? Die Grünen haben Vorgaben von Leuten übernommen, die unter Emanzipation die schrankenlose Befriedigung individueller Bedürfnisse verstehen. Das ist enorm schädlich für die Zukunft des Planeten. Wenn Sie mich fragen, woher dieser Widerspruch kommt, kann ich ihnen auch keine Antwort geben. Es sind hier in den 60er Jahren zwei Gruppierungen zusammengestoßen, die eigentlich miteinander nichts zu tun haben.

Die ökologische Bewegung hat nicht selten die Tendenz, folgende Rechnung zu machen: Der Mensch hat die ökologischen Probleme verursacht, wenn er sie nicht lösen kann, wäre es besser, es gäbe ihn nicht mehr. Wäre die Erde ein besserer Platz ohne uns Menschen?

Besser für wen? Besser für die Regenwürmer oder für den Menschen? Wir können ja nur vom Menschen ausgehen, und fragen, was besser für ihn ist.

Aber für die Affen im Labor, oder die Hühner, die völlig widernatürlich gehalten werden, wäre es offensichtlich besser, wenn es uns Menschen nicht gäbe.

Die Hühner gäbe es dann gar nicht in diesen Mengen. Aber was die Affen betrifft, haben Sie vollkommen recht. Meiner Meinung nach ist es so, dass die Menschen tatsächlich eine Pflicht haben, den Gesichtspunkt des Schutzes der Tiere, der Ermöglichung einer tiergemäßen Lebensweise für Tiere einen hohen Rang einzuräumen. Das „tierwürdige“ Leben die Tiere muss ein Teil des Wohlbefindens der Menschen sein. Die Menschen sind einerseits die Feinde der Tiere, andererseits sind sie auch die, die für ihre Erhaltung sorgen. Ohne den Menschen gäbe es dann andere Ausrottungsfeldzüge, eine Art kämpfte gegen die andere. Das Gleichgewicht hat sich in der Geschichte nie so gehalten, dass alle Arten erhalten worden wären. Es gab riesige Einbrüche und der Kampf aller gegen alle würde sich in der Tierwelt völlig frei entfalten.

Das heißt, wir müssen unsere eigene Abschaffung nicht wünschen?

Nein. Aber so weitermachen wie bisher können wir auch nicht, sonst kommt es irgendwann auf unsere Wünsche gar nicht mehr an.


Info: Dieses Interview mit Robert Spaemann ist am 20. Februar 2010 in der „Tagespost“ erschienen. Anlass waren damals Äußerungen von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) zum Atomausstieg. Zurzeit debattiert die Bundesrepublik nach der Katastrophe von Fukushima erneut diesen Ausstieg. In dieser Debatte sind die Aussagen des Philosophen Spaemann von hohem Interesse und haben nichts von ihrer Aktualität verloren, weshalb sowohl die Tagespost wie auch kath.net das damalige Interview nochmals abdrucken.

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