18 April 2011, 11:00
Praktizierende Ärztin, praktizierende Katholikin: Zentral ist Jesus
 
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Von Eucharistie und Beichte über Pille und Abtreibung bis hin zum aktuellen Papst: Christa Wiesenberg im KATH.NET-Exklusiv-Interview zum Thema "Gelebte Nachfolge heute". Von Petra Lorleberg

Spilamberto/Modena (kath.net/pl)
Kath.net: Liebe Frau Wiesenberg, was ist Ihnen das Wichtigste im Leben? Haben Sie ein Thema, welches alle anderen Bereiche Ihres Lebens beeinflusst?

Christa Wiesenberg: Das Wichtigste in meinem Leben ist Jesus Christus.

Verbunden damit ist meine Verehrung, die ich Seiner Mutter entgegenbringe. Hätte Maria nicht ihr „Fiat“ ausgesprochen, als sie von dem Erzengel Gabriel bezüglich ihrer Bereitschaft zur Mutterschaft für den Erlöser gefragt wurde, was wäre dann wohl geschehen? Dann hätte es zumindest zu dieser Zeit in der Geschichte die Menschwerdung des Gottessohnes zu unser aller Rettung nicht gegeben. Gewiss, Gott ist allmächtig und es wäre für Ihn jederzeit möglich, der Welt den Retter und Erlöser zu schenken, aber für mich gilt hier das, was geschehen ist: Maria hat sich als die „Magd des Herrn“ in unser aller Dienst gestellt, und dafür danke ich ihr zutiefst.

Jesus Christus ist die zentrale Person in meinem Leben geworden, an der ich mich selbst immer wieder auszurichten versuche. Das ist keineswegs etwas, das immer leicht fällt, doch es lohnt ganz einfach, sich immer wieder im Alltag nach Ihm auszurichten. Wenn Er „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist, wie es uns in der Heiligen Schrift vermittelt wird, wenn ich daran wirklich und aufrichtig glaube, dann ist mir damit ja schon vorgegeben, wie die Gestaltung meines persönlichen Lebens sinnvoll sein kann, um dem Heil zuzustreben, wozu wir alle – ohne Ausnahme! – aufgerufen sind.

Wie sehr ich dabei in der von mir gewählten Nachfolge Christi immer wieder versage, das erschrickt mich selbst jedesmal von neuem, doch ist es kein Grund, von Christus abzulassen und mir sein Vorbild nicht immer wieder erneut vor Augen zu stellen.

Das ist, wenn man so will, das Thema, das alle anderen Bereiche – eigentlich alle Bereiche – meines Lebens beeinflusst. Ich weiß, dass man damit nicht selten auf Unverständnis stößt. Dann wird es mir meist etwas weh ums Herz, weil andere, die dies nicht zu akzeptieren verstehen, nicht nachvollziehen können, welcher Reichtum darin liegt, Christus zum zentralen Punkt seines individuellen Lebens zu haben. Da geht anderen vieles von dem verloren, was unendlich spannend und aufregend sein kann… Ich wünschte es jedem Menschen, einmal seine ganz persönlichen Erfahrungen mit Jesus Christus zu machen!

Kath.net: Als gebürtige Deutsche leben Sie in Italien. Was machen Sie dort?

Christa Wiesenberg: Seit 1995, also seit inzwischen 16 Jahren, lebe ich in Italien und bin hier in einem „Lebenshilfezentrum“ [Centro di Aiuto alla Vita dell´Armata Bianca] tätig. Tätig gewesen, müsste ich korrekt sagen, denn seit dem Erdbeben vom 6. April 2009 steht dieses Gebäude, in dem ich zusammen mit meinem Sohn untergebracht war, nicht mehr. Doch wegen eines „steinernen Gebäudes“ bin ich nicht nach Italien gekommen. Ich hatte als Ärztin gut verdient, hatte einen Arbeitsvertrag auf Lebenszeit, was seinerzeit nicht unbedingt üblich gewesen ist, meine drei Kinder waren inzwischen erwachsen, und ich hatte den ursprünglichen Wunsch meiner Kindheit nicht aufgegeben, einmal in der Mission tätig werden zu können.

Um Gottes Lohn für die Ärmsten der Armen zu arbeiten – das hatte mich schon immer innerlich bewegt. Nun war dafür eine Möglichkeit gekommen, denn meine Kinder hatten ihre eigene Existenz und ihren eigenen Wirkungskreis (Familie, Beruf) und waren vor allem damit einverstanden. So einfach zwischen Tür und Angel verabschiedet habe ich mich natürlich nicht, da gab es mehrfache vorausgegangene Gespräche. Auch lebte meine Mutter mit uns beisammen, die sich noch genau daran erinnerte, dass ich als Kind schon „in die Mission“ gehen wollte. Ich tat nun diesen Schritt und bemerkte bald, dass das Betätigungsfeld schier endlos werden kann, wenn man sich in den Dienst Gottes stellt und bereit dazu ist, Seinen Willen jederzeit anzunehmen (…auch wenn´s nicht immer unbedingt leicht fällt).

Ich konnte mich aber immer zu diesem winzigen Wörtchen „ja“ durchringen, erfuhr immer wieder, wie schön es sein kann, wenn man sich auf ein solches Wagnis erst einmal einlässt. Das „Einlassen darauf“ ist wohl das Wesentliche dabei, um zu einer Freiheit gelangen zu können, die wundervoll ist. Ich war für Drogenabhängige und Prostituierte mit meinem ärztlichen und persönlichen Rat ebenso da, wie für alte, gebrechliche und obdachlose Menschen, hatte mit Kindern und Jugendlichen zu tun, da gab es kein Limit und keine Ausgrenzung. Mein Aufgabenbereich lag aber auch auf musikalischer Ebene, da ich einst Musik studiert hatte (Klavier und Orgel) und nun den Kindern, die Interesse hatten, unter anderem auch Klavierunterricht erteilen konnte. Mein Sohn, der mir ein Jahr später nach Italien folgte und sich seinerseits auch voll und ganz mit einbrachte, gründete mit den Kindern, Jugendlichen und einigen Erwachsenen einen beachtlichen Chor und unsere Kirche, Sant´Apollonia, füllte sich zu den Sonntagsmessen immer mehr, wenn der Chor die Liturgie mitgestaltete. Er war 13 Jahre lang bei den „Regensburger Domspatzen“ und hatte bei seinem großen Lehrer, dem H.H. Domkapellmeister Georg Ratzinger und Bruder Papst Benedikt XVI., eine vorzügliche Schule genossen. Auch und vor allem in spirituellem Sinne. Wir beide brachten uns somit auch bei den Andachten, ganz besonders bei der Eucharistischen Anbetung und dem Gebetsleben unserer Gemeinschaft mit ein. Es war also ebenso ein kontemplatives Leben und Erleben, das unseren Alltag hier ausmachte. An dieser Stelle fällt mir gerade ein, dass drei von „unseren“ Drogenabhängigen allein durch die tägliche Eucharistische Anbetung – wie sie es selbst und unabhängig voneinander sagten – den Weg zu Christus gefunden haben, der ihnen unendlich sehr dazu verholfen hat, aus ihren Drogenproblemen herauszufinden. Dabei wurde niemand dazu gezwungen, es konnte zu den Anbetungen kommen, wer wollte. Wir beherzigten im Wesentlichen den Weg, über die Gottesmutter zu Jesus Christus zu gelangen und über Ihn zum Himmlischen Vater. Das in etwa ist, grob gezeichnet, „unser“ Weg der Spiritualität, zu dem uns unser Padre Spirituale, ein Kapuzinerpater, hinführte und aufmerksam begleitete. Das alles ist allerdings nur ganz grob umrissen. Wenn man mehr über unsere Gemeinschaft und unsere Tätigkeit erfahren möchte, kann man sich hier ausführlich informieren: Armatabianca

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Kath.net: Verstehen Sie Ihren Einsatz als Berufung durch Gott?

Christa Wiesenberg: Hier muss ich mit einem ganz klaren und eindeutigen „ja“ antworten. Wie findet man aber soetwas heraus? Nun, ich hatte zum Beispiel das Ziel verfolgt, in den Ural und nach Sibirien zu gehen, um dort ein Zentrum mit aufbauen zu helfen, das Kindern, Jugendlichen und alten Menschen dienen und auch medizinisch betreut werden sollte. Über zwei reichliche Jahre hinweg stand ich mit dem verantwortlichen Bischof und den Priestern und Schwestern in Verbindung, die hierfür verantwortlich zeichneten. Ich engagierte mich in dieser Hinsicht und auf diverse Weise in unserer Pfarrgemeinde und freute mich schon mit Ungeduld darauf, endlich selbst „eingesetzt“ zu werden. Mit meinem Sohn nahm ich die Gelegenheit zu einer Wallfahrt nach Fatima wahr, das war im Oktober 1995. Ich weiß noch, wie ich die Gottesmutter inständig darum bat, mich doch endlich in ihre Dienste zur höheren Ehre Gottes zu holen… Klingt vielleicht etwas seltsam, aber so war es nun mal. Am 13. Oktober verbrachten wir noch einen unvergesslichen Pilgertag in der Cova d’Ira…, am 14. Oktober flogen wir heim, am 30. Oktober lud man mich überraschend zu einer Kinderwallfahrt nach Italien ein, bei der ich als „medizinisches Begleitpersonal“ fungierte, am 31. Oktober besuchte ich in diesem Rahmen erstmals das Grab von Pater Pio in Giovanni Rotondo und ich weiß noch, dass ich auch hier den späteren Heiligen inständig bat, das Ganze „etwas zu beschleunigen“… Es ergab sich, dass ich unerwartet von Mitte bis Ende November nach Ecuador eingeladen wurde, um die Missionsarbeit der italienischen Freunde dort kennen zu lernen, flog danach nach Deutschland zurück, um dann am Loreto-Tag, dem 10. Dezember 1995, die Gelegenheit wahrzunehmen, mich endgültig auf den Weg nach Italien zu machen.

Ich muss noch erwähnen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Italienisch sprach, mit Russisch hingegen durch die frühere Schulzeit zurechtfinden kann, dass ich wegen „früherer schlechter Erfahrungen“ niemals mehr meinen Fuß nach Italien setzen wollte…, nun ja: der Mensch denkt, doch Gott lenkt. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mich ohne ausreichende Sprachkenntnis niemals „freiwillig“ in ein Land begeben hätte, in dem ich auch noch zu bleiben beabsichtigte.

Hier glaubte ich dann allerdings, im „Schleudersitz der Gottesmutter“ zu sitzen. So jedenfalls erklärte ich es dann später immer wieder meinen Freunden und Angehörigen aus der Heimat, wenn sie mich besuchen kamen und es sich niemals vorgestellt hätten, dass ich so rasant und endgültig handeln würde. Und bis zur Stunde habe ich auch nichts davon jemals bereut! Die Gottesmutter, unser Herr und Heiland, Pater Pio und und und…, sie haben mich schlicht und ergreifend nur beim Wort genommen. So sehe ich dahinter für mich eine Berufung durch Gott.

Kath.net: Sie sind nicht von einer der neuen geistlichen Bewegungen geprägt, sondern Sie haben durch ganz normales Pfarreileben zum entschiedenen Christsein gefunden. Möchten Sie uns Ihre geistliche Entwicklung seit Ihrer Kindheit skizzieren?

Christa Wiesenberg: Nun, kurz nach meiner Geburt wurden wir aus unserer Heimat, den Sudeten, vertrieben und siedelten in Leipzig an, da meine Mutter als Balletmeisterin und meine Tante als Sängerin ein Engagement am dortigen Operettentheater bekamen. Wir waren auf uns selbst gestellt, alle unsere Verwandten siedelten im westlichen Teil Deutschlands an.

Es war meine Großmutter, die mich wohl auf den ersten Schritten zu einem Katechismus begleitete und mir die „Theologie ihres Herzens“ nahe brachte. Sie war eine einfache, schlichte Bauersfrau, doch verging kein Tag, an dem ich nicht von ihr über die Schönheit, die Liebe und die Größe Gottes erfuhr, und zum Veranschaulichen dessen diente nicht selten „nur“ ein Gänseblümchen… Das ist kein Scherz, es war wirklich so. Sie erzählte mir von dem bitteren Leiden des Gottessohnes am Kreuzesstamm, der für uns den Tod erlitt, um uns zum ewigen Leben zu erlösen. Von Seinem Sieg über den Tod, Seine Auferstehung, davon, dass Er an der Rechten des Vaters seinen Platz hat und wiederkommen wird. Irgendwie beeindruckte mich das auf unglaubliche Weise.

Ich erlebte meine Großmutter als einen aufrichtigen und stets liebevollen Menschen – warum sollte ich ihr also nicht glauben? Weite Wege ging sie mit mir an den Sonntagen, bei Wind und Wetter und stets mit einer Freude im Herzen, um in einer der kilometerweit entfernten Kirchen (wir lebten in der Diaspora) den Heiland zu besuchen, der, wie sie es mir vermittelte, durch die Wandlungsworte des Priesters immer wieder und so oft dies geschieht in der Gestalt von Brot und Wein zu uns kommt. Ich verstand meine Großmutter irgendwie und das, was sie mir sagte, immer, selbst als ich noch nicht zur Schule ging.

In der ersten Klasse Grundschule passierte es dann auch zum ersten Mal, dass ich mich zu Gott bekannte, und ich ahnte damals kaum, WAS ich damit in einem atheistisch-sozialistischen Gesellschaftsgefüge anrichtete und was mir dann wie ein roter Faden überall hin nachlief.

In der DDR war es üblich, neben dem militant-markanten Pioniergruß auch agitpropgruppentypisch in sogenannten Sprech-Chören aktiv zu sein. Zugegeben, das sind für manche regelrechte Fremdworte…, doch war es in meiner Kindheit und Schulzeit so. Ich erinnere mich, wie wir im Klassenverband skandiert und laut aufsagen mussten: „Ohne Gott und Sonnenschein, bringen wir die Ernte ein.“ Das waren allerdings auch für mich Fremdworte, ich distanzierte mich davon. Auf die strenge Ermahnung meiner Klassenlehrerin und die Frage, warum ich nicht im Klassenverband mitspreche, sagte ich, dass es wohl möglich sein könne, ohne Sonnenschein zu ernten, nicht aber ohne Gott. Hier prallten nun zum erstenmal spürbar für mich zwei Welten aneinander. Den Kürzeren zog natürlich ich, das sollte sich in den Folgejahren auch nicht ändern.

Während der Grundschulzeit wurde wiederholt die Klasse dazu angestachelt, mich nach der Schule zu verprügeln, denn dies hätte ich verdient. Ich ging gern zur Schule, doch bekam ich mehr und mehr Angst davor, ja, ich spürte bald eine vernichtende Angst vor der Schule und hätte sie lieber geschwänzt. Ich kam aber auf eine andere Idee.

Von der Großmutter wusste ich, dass Christus, der Sohn des Allmächtigen Vaters im Himmel, lebt und bei jeder Heiligen Messe auf dem Altar buchstäblich zugegen ist. Nun, dachte ich, wenn dies so ist, dann wird Er mir sicherlich helfen und mich trösten und stärken, damit ich keine Angst mehr zu haben brauche. Meine Großmutter war es dann auch, die mich zu unserem Probst (er wurde später unser Bischof) brachte, mich entsprechend vorbereitete und befragen ließ, damit ich zur Ersten Heiligen Kommunion schon im Alter von sieben Jahren zugelassen werden konnte. Das war für mich ein unsagbarer Gewinn! Morgens von 06:15 Uhr bis 06:45 Uhr wurde regelmäßig die Heilige Messe in der Kolpingskapelle in der Innenstadt zelebriert (unsere Kirche wurde im Krieg zerbombt, ihr Wiederaufbau wurde um viele, viele Jahre durch die sozialistischen Behörden in der DDR verhindert). Die Werktagsmessen waren nur von zwei oder drei Leuten besucht, manchmal war außer einem Messdiener niemand weiter anwesend, aber das war für mich die Lösung! Ich besuchte die Morgenmesse über Jahre hinweg, auch bei Wind und Wetter, das störte mich nicht.

Der Gewinn für mich war unendlich groß: Jesus Christus, den ich vor der Schule noch besuchte und den ich empfangen durfte. Ich hatte von da an keinerlei Angst mehr, auch später nicht, als ich als Jugendliche dann wiederholt von der Straße weg zu Stasi-Verhören gewaltsam mitgenommen wurde…

Das wäre aber eine zu lange Geschichte. Eines aber noch. Ich lebte sehr früh nach dem Grundsatz: „in jedem Menschen Christus sehen“. Und ich bemühte mich sehr ernsthaft darum, dass es mir so gut es ging gelingen kann. Als ich bei einem Stasi-Verhör rüde (das muss ich leider so sagen, denn ich bekam auch den einen oder anderen Boxhieb oder Schlag ins Gesicht) gefragt wurde, warum ich trotz allem immer noch so freundlich sei, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Weil ich in jedem Menschen Christus sehe…“ Damit hatte ich eine Zorneswelle losgetreten, bei der ich mir eine Narbe an der Stirn einhandelt, die heute noch zu sehen ist. Man schrie mich an, es gebe keinen Gott, und ungeniert wie ich war, fragte ich, warum man etwas so nachhaltig bekämpfe, was es doch gar nicht gäbe. Aber das führte jetzt wirklich zu weit.

Fakt ist, dass auch aus den Reihen unserer katholischen Jugend nur spärlich ein Bekenntnis kam, weil man sich vor dem fürchtete, was einem bevorstehen kann, wenn man sich bekennt. Nun, ich glaube, das muss jeder mit sich selbst ausmachen, man kann es niemandem vorschreiben. Nur Rückenhalt bekam ich aus „unseren Reihen“ sozusagen wenig. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: ich tutete nicht in aller Öffentlichkeit damit herum, das ich katholisch bin und mir die Kirche und ihre Lehre vor allem etwas sehr Wesentliches bedeutete. Ich war eher zurückhaltend, studierte bereits privat Musik und saß oft sieben Stunden täglich am Klavier. Meine Zeit war von daher genug bemessen.

Nachdem ich kurz vor dem Abitur – und kurz nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 – von der Schule relegiert wurde, sollte bald überhaupt nichts mehr für mich möglich sein. Auch als Hilfskraft in irgendeiner Fabrik ließ man mich nicht arbeiten. Ja, wenn ich mich von dieser Hirnrissigkeit, im 20. Jahrhundert noch an einen Gott zu glauben, endgültig getrennt hätte, dann stünden mir alle Türen offen… (hieß es). Ob diese Türen wirklich dann für mich offenstehen würden, habe ich gar nicht erst ausprobiert, ich bezweifle dies. Aber ich verstand dabei den Satz über die „Torheit des Kreuzes“ erst so richtig! Da haben mir die Parteigenossen (sicher ohne es zu wollen) blendend auf die Sprünge geholfen.

Da man mich nirgendwo haben wollte, stellte ich mich nach einem Gespräch mit meinem Bischof Dr. Otto Spülbeck zur Verfügung, unsere christlichen Brüder und Schwestern in der verfolgten Kirche in der seinerzeitigen Tschechoslowakei zu besuchen und Kontakte mit ihnen aufrecht zu halten. Das war eine wundervolle Zeit, auch wenn dies nicht ungefährlich war. Man konnte Kopf und Kragen dabei riskieren. Ich hatte allerdings auch kaum noch etwas zu verlieren… Es war auch eine Zeit harter Entbehrungen, doch reich an spirituellem Zugewinn!

Als ich dann Jahre später drei kleine Kinder hatte, glaubte ich meine Welt in Frieden zu wissen. Wenn man allerdings eine Kaderakte wie die meine hat und sich dieser rote Faden von (wörtlich) „sozialistischer Unzuverlässigkeit“ hinter einem herzieht, dann wird das „im Frieden leben“ leider nicht zur Realität. Es kam bis 1972 dann so weit, dass man mir mit einer Zwangsadoption meiner Kinder drohte. Dagegen war derjenige, den es traf, machtlos und dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. So flüchteten wir ein Jahr darauf über das Schwarze Meer über die Türkei in die Bundesrepublik Deutschland. Diese Flucht war schwer genug mit drei Kindern von 7, 6 und 3 Jahren… Dem Glauben tat dies aber keinerlei Abbruch! Wenn er (der Glaube) nur so groß wäre, wie es uns Jesus bei dem Gleichnis mit dem Senfkorn sagt, dann könnte er Berge versetzen. Ich bemühe mich tagtäglich darum, dass mein Glaube den Bruchteil der Größe eines Senfkorns wenigstens haben kann – schon das ist keineswegs immer leicht.

Kath.net: Ich weiß von Ihnen, Frau Wiesenberg, dass Sie beten. Vielleicht möchten Sie Ihr Gebetsleben lieber unter einem Schleier lassen. Doch darf ich Sie bitten, für unsere Leser Zeugnis über Ihr Beten zu geben?

Christa Wiesenberg: Ich muss mein Gebetsleben nicht unter einem Schleier verbergen. Meine Art des Betens ist sehr einfach. Da Christus und Maria im Zentrum meines Lebens stehen, ist es naheliegend, dass auch am Morgen meine ersten Gedanken dorthin gehen. Seit mein Sohn sein Noviziat und noch sein weiteres Studium bei den Legionären Christi absolviert hat, klaue ich da sozusagen etwas von dem, was bei der Legion Gang und Gebet ist, nämlich „Cristo, nostro Re, venga il tuo Regno“ beim Erwachen zu sprechen/beten. Zu Deutsch heißt das: „Christus, unser König, Dein Reich komme“. Eigentlich liegt in den wenigen Worten schon alles drin. Ein gebührender Gruß, das Voraugenführen dessen, WER Christus ist – ein König, unser König! -, ebenso das, was man sich nur wünschen kann, nämlich dass Sein Reich bald kommen möge. Das wiederum spornt dazu an, etwas mit beizutragen, auch wenn es noch so klein und gering in unserem allzu begrenzten Menschsein ist, etwas, das man selbst einbringen kann.

Da ich ein Frühaufsteher bin, beginne ich den Tag dann gern mit dem Rosenkranzgebet. Hier in Italien nutze ich dazu oft auch den Sender „Radio Maria“ und freue mich somit an jedem Morgen über die Stimme von Johannes Paul II., den ich sehr verehre. Es hängt davon ab, wie der Tag organisiert ist. Bleibt mir Ruhe und Zeit, dann bete ich liebend gern mit der Kirche das Stundengebet, die Psalmen haben für mich mittlerweile eine große Bedeutung (das war früher weniger der Fall). Ja, es ist wirklich sehr einfach, wie soll ich das erklären? Zum Beispiel habe ich früher, als ich noch in der Klinik tätig war, auf dem Weg dorthin an „meine“ Patienten gedacht, sie dem Erbarmen des Himmlischen Vater anheimgestellt, und ehe ich nach dem Parken die Klinik betrat, sagte ich mir im Stillen: „Herr, sei Du jetzt der Arzt für die mir anvertrauten Patienten, mache mich zu Deinem Werkzeug. Mehr will ich nicht sein. Mutter Gottes, hilf auch Du: den Schwestern, den Pflegern, den Kollegen und allen, die zum Dienst am Nächsten bestellt sind, auch den Putzfrauen und Pförtnern.“ Das ging mir so eigentlich immer über die Lippen meines Herzens! Und ich meine, dass dies schon eine Art von Beten ist.

Ich sehe es jedenfalls so. Als mir mein Sohn einmal die Anekdote von der Putzfrau erzählte, die müde und abgeschlagen nach getaner Arbeit auf einen Stuhl sank und sagte: „Ach Herr, heute hatte ich aber zu putzen gehabt…“, der der Herr entgegnete: „Was heißt ICH? WIR hatten zu putzen gehabt…“ - da musste ich nicht nur schmunzeln, ich habe es dann ebenso für mich beherzigt.

Wenn Dinge zu tun anstanden, die mich so ganz und gar nicht begeistern konnten – das gibt es oft genug im Alltag! – dann kam der notwendige Schwung in die Sache, wenn ich daran dachte, dass der Herr oder die Gottesmutter Maria an meiner Seite sind oder dass ich überhaupt etwas zur Ehre Christi und zur Freude Mariens tue. Auf langen Einkaufswegen bete ich gern den Rosenkranz oder einen Teil davon, wenn die Zeit nicht ganz reicht, ebenso bei Arbeiten, die eintönig und mühsam sind – es macht Freude, die Arbeit geht leichter von der Hand und man staunt immer wieder, was sich alles hinter dem Rosenkranzgebet verbirgt und immer wieder neu entdeckt werden kann. So ist der Rosenkranz auch meist noch das letzte Gebet vor dem Einschlafen… Und die Menschen, für die ich mich zu beten bereit erklärte, die gehen nicht unter, auch wenn es inzwischen beachtlich viele geworden sind. Damit ich niemanden von ihnen vergesse, bitte ich Gott in seiner Allmacht und Liebe, in mein Herz zu schauen, denn dort trage ich sie gewöhnlich mit mir: „Herr, Du kennst jeden, für den ich Dich bitten möchte, auch wenn mir all die vielen Namen nicht mehr einfallen können. Es soll aber keiner vergessen werde, darum bitte ich Dich. Und ich danke Dir, dass Du Dich unser und meiner annimmst und erbarmst.“

Wenige Worte, einfache Worte, Worte aus dem Herzen – es braucht meines Erachtens nicht mehr. Das kann jeder für sich irgendwie bewerkstelligen, dazu gehört nicht viel. Bin ich in einem Land, dessen Sprache ich nicht kenne, dann ist es wundervoll, mit anderen den Rosenkranz in Latein zu beten. Man hat dabei das Gefühl, zu Hause zu sein, denn da ist etwas, das gemeinsam besteht mit den „fremden“ Menschen, etwas, das verbindet.

Wenn ich in einem Restaurant esse, dann mache ich ganz selbstverständlich „mein“ Kreuzzeichen und bete im Stillen mein Tischgebet. Ich habe noch nie erlebt, dass sich jemand daran stößt. Hingegen erlebte ich es schon, dass mich Menschen darauf ansprechen. Dann habe ich keine Not, mich zu meinem Glauben zu bekennen. Schlicht, einfach, ohne dabei dem anderen nahezutreten. Ich glaube, dass man durch sein eigenes Verhalten Menschen neugierig machen kann. Und wenn sie neugierig sind und etwas oder gar mehr darüber wissen wollen, dann kann man es ihnen doch sagen, oder nicht?

Kath.net: Wenn Sie bei einer eucharistischen Anbetung vor dem Allerheiligsten niederknien, was möchten Sie damit ausdrücken? Wovor knien Sie?

Christa Wiesenberg: Ich sagte bereits zuvor, dass ich glaube, dass in der Eucharistie, dem Allerheiligsten, Christus, der Sohn des lebendigen Gottes auf dem Altar gegenwärtig ist. Und wenn dies so ist, dann ist es nur recht und billig, mein Knie vor dem zu beugen, der Gott ist. Das Geheimnis der Gegenwart Gottes ist so gewaltig, dass man davor nur verstummen kann, denn fassen und begreifen kann man es nicht. Jeder Versuch, es zu erläutern oder zu erklären oder gar wie eine mathematische Formel herzuleiten (ist das schon schwer genug und oftmals unmöglich!) ist naturgemäß zum Scheitern verurteilt.

Vor dem Allerheiligsten gibt es für mich nur die Demut, mich niederzuknien, die Dankbarkeit, dass sich Gott immer wieder zu uns herablässt, die Bewunderung, wie groß Seine Liebe sein muss, die uns allen in vollstem Maße geschenkt wird und keinen – auch nicht den Geringsten – davon ausschließt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! In unserer Welt, in der es so lieblos zugeht und in der es immer brutaler und liebloser und egoistischer wird, da wird ein jeder zutiefst geliebt. Hier kann man abladen, was unseren Schultern zu tragen nicht gelingt: Christus trägt stets den größeren Teil unseres Kreuzes und seiner Last… Hierher kann man die Menschen im Herzen mitbringen, die so dringend des Trostes, der Hilfe, aber auch der Freude bedürfen. Hier kann man auch all seinen Dank vorbringen, denn dieser wird gern vergessen; wir sind Weltmeister im Bitten und stehen beim Danken leider meist im Abseits.

Vor dem Allerheiligsten Altarsakrament wird es mir nie zu lang. Schön ist auch die Stille, die einen beim Anblick der Monstranz durchdringt, die wohltuend ist. Genug Gründe sind es jedenfalls, die für die Eucharistische Anbetung sprechen und von elementarer Bedeutung sind. Es ist doch Christus Selbst, der anwesend und gegenwärtig ist. -

Kath.net: Sie, die gebildete Akademikerin, beten den schlichten Rosenkranz. Warum?

Christa Wiesenberg: Da die Geheimnisse des Rosenkranzes die ganze Menschheits- und Gottesgeschichte unseres Herrn und der Heiligen Familie (Maria und Joseph und das Jesuskind) in einzigartig brillanter Weise aufzeigen, sind sie von großer Bedeutung, jedenfalls mache ich diese Erfahrung damit.

Der Rosenkranz ist eine Art von Meditation, eine Betrachtungsweise. Der heilige Pater Pio von Pietrelcina bezeichnete den Rosenkranz als seine „Waffe“. Und damit hat er nicht unrecht. Der Rosenkranz ist mit der Steinschleuder des kleinen David vergleichbar, der damit den riesigen Goliath besiegte.

So sehe ich es, wenn ich mir die Geschichte von Fatima vor Augen halte. Dort hat die Gottesmutter die drei Hirtenkinder Lucia, Francesco und Jacinta gebeten, den Rosenkranz täglich zu beten, unter anderem auch, damit ihr Land vor dem Krieg verschont bleibe. Die Kinder erfüllten der Gottesmutter den Wunsch, und tatsächlich blieb Portugal vom Zweiten Weltkrieg verschont.

Was liegt denn in dem Wunsche der Gottesmutter Maria, wenn sie uns bittet, den Rosenkranz zu beten? Vielleicht doch auch, die Heilsgeschichte immer wieder erneut für sich zu entdecken und zu erschließen, wozu die Geheimnisse des Rosenkranzgebetes bestens geeignet sind.

Ich trage stets einen Rosenkranz bei mir. Während einer meiner früheren Visiten in der Klinik spielte ich einmal damit mit den Fingern, niemand wusste zunächst, was das kleine Perlenkränzchen in meiner Hand bedeutete. Das Rosenkränzlein zerriss plötzlich, zehn Perlen hüpften im Krankenzimmer umher und kullerten in alle Richtungen. Es war wohl eher ein Reflex, dass ich mich bückte, um nach den Perlen zu suchen. Auf die Frage meiner Stationsschwester, wonach ich suchte, antwortete ich, dass mir mein Rosenkranz soeben entzwei gegangen sei. Nun krabbelte auch sie mit unter den Betten herum, am Ende blieb eine Perle unauffindbar. Nach der Visite kam meine Stationsschwester ins Arztzimmer zu mir und fragte ganz schüchtern: „Was ist denn ein Rosenkranz?“ Ich wusste, dass sie nicht gläubig und selbst erklärte Atheistin sei, doch fragte sie mich ja so direkt, da blieb ich ihr die Antwort nicht schuldig. Eine der zehn Perlen blieb wie gesagt unauffindbar – zwei Tage später brachte sie mir die Stationsschwester mit den Worten: „Schaun´s, was ich gefunden habe. Wo doch der Rosenkranz für sie wirklich wichtig ist.“ Diese Feststellung war vollkommen richtig…

Kath.net: Sind die Zeiten des Gebets für Sie streng getrennt von den Zeiten der Arbeit bzw. der Freizeit? Oder gibt es da Übergänge?

Christa Wiesenberg: Nein, da gibt es keine streng getrennten Zeiten. Oft ist es auch ein Stoßgebet, das mir während der Arbeit entfährt. Und da ich Christus immer bei mir weiß, auch Seine heiligste Mutter, die gewiss in der Nähe ihres Sohnes (und umgekehrt) zu finden ist, gibt es immer einen Gedanken, der zum Gebet wird, was Umstehende gar nicht bemerken, was aber doch so wichtig ist. Und es tut niemandem weh, denk ich mal…

Kath.net: Darf ich Sie fragen: Beichten Sie? Möchten Sie uns von Ihren Erfahrungen mit diesem Sakrament erzählen?

Christa Wiesenberg: Das Beichtsakrament wird auch als das Sakrament der Versöhnung bezeichnet. Es ist unverzichtbar, und das bemerkt man eigentlich schon bei einem flüchtigen „Blick in den Spiegel“, wenn man aufrichtig vor sich selbst ist. Ich betreibe spätestens vor dem Einschlafen eine Gewissenserforschung, dabei ist es verblüffend, wo und wie ich in meinem Verhalten, meinen Gedanken, meinen individuellen Trägheiten und Unterlassungen oder auch bei meinen unbedachten Äußerungen anderen gegenüber gefehlt habe.

Wir sind nun einmal unvollkommene, sündenbeladene und sündenbereite Menschenkinder. Es wäre verwegen und unaufrichtig zu sagen, dass man frei von Schuld und Sünde sei. Davon habe ich jedenfalls genug an mir zu entdecken, es fällt mir immer wieder auf, ich fürchte, es wird anderen nicht viel anders ergehen. Durch „Schönreden“ und „Entschuldigungen-vorbringen“ – selbst wenn sie noch so nachvollziehbar und glaubhaft sind – kann man sich nicht reinwaschen. Auch die Seele braucht eine Form der Hygiene. Die Zähne putzen wir uns ja auch regelmäßig, wir waschen uns die Hände und duschen am Morgen oder nach der Arbeit. Wir ordnen oder stylen unser Haar und machen uns irgendwie schön für unsere Umgebung und auch unseres eigenen Wohlbefindens wegen.

Pater Pio brachte es bezüglich der Beichte einmal auf diesen Vergleich: „Wenn wir in den Urlaub fahren, können wir Fenster und Türen noch so gut verschließen. Bei unserer Rückkehr werden wir bemerken, dass sich auf den Möbeln und im Raum überall Staub angesammelt hat. Durch die Lossprechung bei der heiligen Beichte wird dieser Staub ganz einfach weggewischt“. Diesen Vergleich finde ich sehr schön. Auch sollten wir daran denken, dass wir durch unsere Versäumnisse und Nachlässigkeiten das Band, das uns mit Gott verbindet, selbst immer mehr Stück für Stück durchtrennen. Es ist Christus selbst, der dieses Band in seinem Stellvertreter, dem Priester, wieder zusammenfügt.

Ich bin überzeugt davon, dass das Beichtsakrament, wie jedes Sakrament, eine entsprechende Wirkung, eine Heilswirkung hat. Wenn ich kann, gehe ich regelmäßig wöchentlich, spätestens nach zwei Wochen zur Beichte. Danach habe ich ein befreiendes inneres Gefühl, das man nur kennenlernen und erfahren kann, wenn man es selbst damit einmal versucht. Beschreiben lässt sich das schlecht.

Ich hatte in früheren Jahren eine Phase, wo ich es damit nicht so genau genommen hatte. Und ich dachte mir nicht einmal etwas Schlimmes dabei. Bis ich bei meinem damaligen Padre Spirituale, einem Benediktinerpater, eine Beichtgelegenheit wahrnahm. Es war umwerfend, was sich danach im Innern meines Herzens und auch in meinen Gedanken abspielte. Ich hatte nach dieser „späten Beichte“ noch gute 60 km mit dem Auto zurückzulegen. Und ich weiß noch, wie mir Tränen der Freude immer wieder aufschossen, ich fühlte mich wie von einem Felsbrocken befreit, dessen Druck ich zuvor gar nicht gespürt und wahrgenommen hatte. Das war eine sehr interessante und nachhaltige Erfahrung, die ich da machen durfte…

Kath.net: Haben Sie einen Lieblingsbibelvers?

Christa Wiesenberg: Ich mag 1Joh4,16b ganz besonders sehr: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ Hier muss man nichts hinzufügen, es ist Wesentliches schon in diesem Satz gesagt. Danach versuche ich zumindest mein Leben auszurichten. Das gelingt leider nicht immer – genauer gesagt, es gelingt leider nur viel zu wenig, aber daran richte ich mich in meinem Denken und Handeln aus.

Kath.net: Wer ist Ihr Lieblingsheiliger?

Christa Wiesenberg: Jetzt komme ich schon fast in Verlegenheit. Der Heilige Franz von Assisi, den würde ich an erster Stelle nennen wollen, er hatte es mir schon als Kind angetan. Die Armut freiwillig zu wählen, dadurch frei für sich selbst und für andere da zu sein, das hatte mich sehr frühzeitig beschäftigt.

Mein erster „Lieblingsheiliger“ aber, da erinnere ich mich noch recht genau zurück, ist der Heilige Stephanus gewesen. Ich fand es damals so ergreifend, dass er wie Jesus den Himmlischen Vater noch im Sterben um Verzeihung für seine Mörder bat. Meine Großmutter berichtete mir von ihm, da war ich knapp sechs Jahre alt. Ich wählte den Namen „Stephanus“ neben dem der Patronin der Musiker, die hl. Cäcilia, als meine Firmnamen. Damals ging das noch. Ich hatte es sogar geschafft, dass man diese beiden Firmnamen auch in meinen damaligen „Personalausweis der DDR“ hinter meinem Rufnamen eintrug.

Nun ja, auch der Heilige Don Bosco faszinierte mich schon frühzeitig, sein Ausspruch vor allem: „Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen“ – so habe ich es mir gemerkt.

Die kleine Therese vom Kinde Jesu ist mir gleichfalls ans Herz gewachsen, ebenso die große Therese von Avila, die es so schlicht auf den Punkt brachte:„Gott allein genügt“. Und der heilige Bruder Klaus und sein Gebet, das ich keinen Tag auslasse: „Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.“

Kath.net: Bald wird Johannes Paul II. seliggesprochen. Schätzen Sie ihn?

Christa Wiesenberg: Johannes Paul II. hatte für mich schon in früherer Zeit und als Bischof von Krakau große Bedeutung. Wir in der damaligen DDR verfolgten sehr rege alles, was sich um ihn tat. Als er zum Papst erwählt wurde, stand ich erstmals am Petersplatz unter den vielen Menschen, erinnere mich an das Verwirrspiel von dem weißen, dann wieder schwarzen, dann wieder weißen Rauch und werde nie vergessen, wie ich es kaum fassen konnte, als ich den Namen Karol Wojtyła aus dem Lautsprecher vernahm. Ich war zutiefst erfreut. Mich verbindet sehr, sehr viel mit ihm…

Kath.net: Papst Benedikt und seine deutschsprachigen Katholiken: Das ist nicht immer ein leichtes Thema. Wie stehen Sie selbst zum aktuellen Papst?

Christa Wiesenberg: Auch mit Papst Benedikt XVI. verbindet mich persönlich viel. Ich hatte ihn als Kardinal Ratzinger seinerzeit in Regensburg bei den Besuchen meines Sohnes im Internat der Domspatzen kennengelernt. Es gab dann über lange Zeit hinweg noch ganz persönliche Kontakte, die mir ausgesprochen wertvoll sind, auch die gemeinsame Korrespondenz betreffend, die es über ein paar Jahre hinweg gab.

Schon in den früheren Jahren verstand ich es einfach nicht, wenn man ihn als den „Panzerkardinal“ mit billigen Argumenten oder auch gar keinen Argumenten medial herabwürdigte und auch beschimpfte. Es fällt ja nicht schwer, vor allem auch zwischen den Zeilen zu lesen, um gezielte Absichten zu erkennen. Jetzt, da er zum Kirchenoberhaupt bestimmt wurde – und dabei spielt immerhin der Heilige Geist die ausschlaggebende Rolle! – ist das nicht besser geworden. Wie denn auch? Je verworrener die Zeiten sind und noch werden, umso dreister werden auch die Angriffe von Seiten jener, die klare Aussagen scheuen und fürchten, schon gar, wenn sie in der Wahrheit sind und an dem eigenen Hochmut empfindlich kratzen.

Ja, ich bin hier ziemlich scharf in meinen Formulierungen, doch nützt es nicht viel, durch unangebrachte Kompromisse „lieb Kind“ zu spielen, weil man selbst fürchtet, angegriffen zu werden. Dazu habe ich in meinem Leben schon zu viel erlebt, um mich einschüchtern zu lassen und Dinge so zu sehen, wie sie allgemein bequemer erscheinen.

Ich bin um unseren Papst Benedikt XVI. dem Himmel unendlich dankbar und ihm selbst ebenso, weil er den Mut hat, die Dinge anzutippen, die notwendig sind und von denen wir uns in unserer Gesellschaft doch schon seit langem verabschiedet haben. Wer sieht denn Christus ganz schlicht und einfach wirklich im Zentrum seines persönlichen Lebens, so, wie es uns durch Benedikt XVI. immer wieder nahegebracht wird? Wer hat denn heutzutage in unserer Gesellschaft noch den Mut, moralische Werte aufzugreifen, auf sie zu verweisen und zu ihnen wieder hinzuführen? Kein Politiker hat dazu Mut genug, es hat auch kein Politiker den Schneid, sich durch eindeutige und klare Vorgaben unbeliebt zu machen. Das gehört aber mit dazu! Die Wahrheit ist nun mal nicht immer bequem, aber wir alle möchten es so bequem wie nur irgend möglich haben.

Ich bete sehr viel für unseren Heiligen Vater, dass Gott ihm die Kraft schenken möge, seinen unbeirrten Weg mit Seiner, Gottes Hilfe fortzusetzen und dass er uns noch lange erhalten bleiben kann. Der Heilige Vater setzt auf unser Gebet für ihn und sein wirklich nicht leichtes Amt, das weiß ich von ihm ganz persönlich. Es ist das mindeste, zu dem jeder, der guten Willens ist, selbst mit beitragen kann.

Kath.net: Die Lehre der Kirche bezüglich Empfängnisregelung wird gern als vorgestrig dargestellt. In den öffentlichen Medien wird nicht immer der Versuchung widerstanden, Katholiken, welche sich an die katholische Lehre halten, als ungebildet und naiv darzustellen. Wie schätzen Sie als Ärztin die katholische Lehre ein? Wenn Sie jemand nach der Pille fragt, was empfehlen Sie?

Christa Wiesenberg: Die Lehre der Kirche hat bezüglich der Empfängnisregelung – wohlbemerkt! – deutliche, klare und verwirklichbare Konzepte, die sie uns allen anbietet. Doch die meisten von uns kennen diese nicht einmal und tuten vorschnell in das Horn, das uns oft auf recht unverschämte Weise vorgehalten wird. Das ist ja nichts Neues.

Es ist schon bemerkenswert, dass man nahezu über alles öffentlich reden kann, nur nicht über „vernünftige“ Empfängnisregelung und Abtreibung. Da schlagen einem rasch tsunamiartige Wogen entgegen und man wird ratzeputz schnell in die Ablage der ewig Gestrigen oder auch Vorgestrigen gesteckt. Der Teufel fühlt sich hierbei offensichtlich sehr empfindlich auf den Schwanz getreten, sonst würde er nicht so aufbegehren, …aber bekanntlich bellen getroffene Hunde.

Für mich als Ärztin ist die katholische Lehre bindend, weil sie ebenso kompatibel (also miteinander vereinbar) ist mit den bisher wissenschaftlichen, ethischen und moralischen Erkenntnissen schlechthin. Wer sich damit einmal näher auseinandersetzt wird bemerken, dass die Kirche auch hier eine ausgesprochen moderne Position bezieht! Ich habe die Pille bisher weder empfohlen noch verordnet, ich werde dies auch nicht tun.

Die bedauerlichen Krankheitsfälle, die ich während meiner ärztlichen Tätigkeit zu Gesicht bekam und bei denen junge Mädchen und Frauen durch die Pille zu Schaden gekommen sind und schlimmstenfalls ihr Leben verloren haben, genügen mir. Ich hatte vor einigen Jahren diesbezüglich Verbindung zu einem namhaften Pharmakonzern aufgenommen, herausgekommen ist dabei nur ein flüchtiges Ausweichen der anderen Seite und ein Drohgebärden, das mehr als eindeutig war. Auch das war eine Erfahrung, die mich darin bestärkt, auf meinem Weg zu bleiben und auf die Lehre der Kirche zu schaun. Natürlich – und darauf verwies man seitens der Pharmakollegen mit nachhaltiger Vehemenz – liegt bei jedem Pillenprodukt eine „Packungsbeilage“, in der auf die Nebenwirkungen und Gefahren bei der Einnahme von Kontrazeptiva (also der Pille) hingewiesen wird.

Wer sich zur Einnahme der Pille entschließt, ist quasi selbst dumm genug, wenn er dann den Kürzeren zieht, …was allerdings statistisch gesehen bei der Vielzahl der Frauen, die sie einnehmen, kaum ins Gewicht fällt. So klang es im Grundtenor des Konzerns (bzw. seiner wissenschaftlichen Abteilung). Für mich bestens dazu geeignet, sie, die medikamentöse Kontrazeption, endgültig von (meinem) Tisch zu fegen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille.

Die andere betrifft unser seelisches Befinden, das nicht unerheblich in Mitleidenschaft durch die Pille gezogen wird. Denken wir an die moderne Lockerheit, die schon zur Untugend geworden ist. Die Tochter ist geschlechtsreif (weiß man da eigentlich, wovon man spricht?), hat inzwischen ihre regelmäßige Periode (darüber hat das Kind ja schließlich in der Schule genug erfahren, oder?), sie hat vermutlich einen Freund (wer mag das derzeit wohl sein?) und da wird sie den anderen Freundinnen und Freunden nicht nachstehen wollen (warum denn auch?). Ist ja alles halb so kompliziert, der Gynäkologe oder auch der Hausarzt wird ihr die Pille verschreiben. Und schon ist etwas Realität geworden, was wir willentlich ja eigentlich gar nicht wollten: wir überlassen jemanden sich selbst und lassen ihn somit im Regen stehen. Wer mit Jugendlich – jüngeren und älteren Alters – Kontakte pflegt, der könnte über den Katzenjammer, den es gerade durch die Pille unter ihnen gibt, ein dickes Buch schreiben… Mädchen und Buben sind davon nicht selten gleichermaßen betroffen (sie sind schließlich auch beide mit beteiligt…), sie reden darüber nicht gern und schon gar nicht gern daheim. Sehr oft wird ein anonymer Weg gesucht, …da schreien manchmal schon die Pflastersteine.

Ich spreche aus eigenen zahlreichen Erfahrungen und ich lasse mir diesbezüglich von niemandem den Mund verbieten. Wahrheiten sind nun mal, darauf nahm ich bereits Bezug, unbequem wenn sie an Punkte rühren, an die wir nicht gern rühren lassen WOLLEN. Es gibt natürliche Wege, eine Empfängnis nicht zustandekommen zu lassen und diese zu planen oder zu regeln, dazu kann man sich informieren.

Überhaupt wünschte ich mir, dass das Verhältnis zwischen Mann und Frau nicht an erster (und oftmals einziger) Stelle vom Sex bestimmt wird. Die Sexualität gehört dazu und ist an uns alle ein unsagbar großes Geschenk unseres Schöpfers. Wir müssen lernen, damit umzugehen, wie wir es ja auch lernen, mit Dingen umzugehen, die in ihrer Komplexität schwierig gestaltet sind (denken wir nur an das weite Feld der Informatik, den Umgang mit Computern, bei denen uns unsere Kinder meist sogar vieles voraus haben). Wenn es hier nicht bald eine Besinnung innerhalb der Gesellschaft und in unserer wundervollen Welt gibt, dann werden wir sehr große Probleme in Zukunft zu bewältigen haben.

Kath.net: Meine letzte Frage an Sie: Abtreibung. Sie selbst sind keine Frauenärztin, aber das Leben hat ja erfahrungsgemäß oft genug Überraschungen für einen bereit. Ich möchte nach Ihrer ethischen Einstellung fragen: Könnten Sie sich vorstellen, an einer Abtreibung aktiv mitzuwirken?

Christa Wiesenberg: Keineswegs könnte ich aktiv an einer Abtreibung mitwirken. Meine Aufgabe als Arzt ist es, Leben zu retten, Krankheiten zu heilen, Schmerz und Leid zu lindern soweit mir die Möglichkeiten dazu gegeben sind und ich mich dafür einbringen kann. Ich kann nicht darüber hinaus Entscheidungen ÜBER das Leben treffen.

Welchen Weg sind wir denn alle bei unserem Werden im Mutterleib gegangen? Führen wir es uns doch selbst nochmal kurz vor Augen. Bereits am 23. Tag nach der Befruchtung ist das kardiovaskuläre System gebildet, im Ultraschall sieht man mühelos das Herz schlagen. Danach entwickelt sich unser Nervensystem, schon ab dem 36. Tag erfolgt eine Körperachsenbewegung, die die ersten Funktionen unseres Befindens ausdrückt. Da ist gerade mal ein Monat seit dem Zeitpunkt der Befruchtung vergangen. Unsere Gliedmaßen wachsen bis zum 44. Tag heran, sodass sie sich ab dem 50. Tag nach der Empfängnis gegenseitig zu berühren vermögen. [Diese Daten und Angaben sind einem Bericht von Prof. Dr. med. Josef Wisser, Klinik für Geburtshilfe des Uni-Spitals Zürich, entnommen.] Fünfzig Tage sind nicht einmal zwei Monate, Abtreibungen sind aber mit dem Segen staatlicher Gesetzgebungen bis zum Ende des dritten Schwangerschaftsmontats „erlaubt“. Das ist absurd!

Denn es wird wider besseren (wissenschaftlichen!) Wissens ein Menschenleben vernichtet, umgebracht, ermordet – man kann sich das passende Zustandspassiv dazu aussuchen… Und das hat mit der Lehre der Kirche noch nicht einmal etwas zu tun.

Wenn sich die Kirche und ihre Lehre hinter das zu schützende Leben stellt, dann ist es mehr als recht und billig, denn Christus hat den Tod bezwungen, damit jeder von uns MENSCHENKINDERN zum ewigen Leben finde! Man muss schon konsequent zuende denken, ehe man aufmüpft, weil man etwas nicht so wahrhaben will, wie es nun einmal ist.

In Millionenhöhe werden jährlich weltweit werdende Menschenkinder abgetrieben und somit getötet. So viele unschuldige Opfer kommen bei keinem Krieg zustande… Auf diese Weise steuern wir mehr und mehr einer Kultur des Todes entgegen und leisten es uns noch locker, wegzuhören, wenn unsere Kirchenoberhäupter, die Päpste, mahnend darauf aufmerksam machen. Gewiss, wir können tun und lassen was wir wollen…, wir sind freie Menschen, moderne Menschen, wir sind selbstverantwortlich und moralisch autark – doch: sind wir es wirklich? Wenn wir es wirklich wären, müsste es dann (noch) so viel Leid und so viel Armut und so viel Verlassenheit in unserer Welt geben?

Vielleicht lohnt es ja doch, einmal aus der Enge seiner Beschränktheit herauszutreten und um die Ecke herum zu unserem Nächsten zu blicken. Da sehen wir neben der verzweifelten jungen werdenden Mutter auch das ungeborene Kind, das nicht gefragt worden ist, ob es das Licht der Welt erblicken will, ehe es aus seiner schützenden Hülle im Mutterleib gerissen wird. Beide werden von uns doch allein gelassen, die werdende Mutter und das werdende Kind, denn „Abtreibung“ kann keine Lösung sein!

Kath.net: Liebe Frau Wiesenberg, ich danke Ihnen sehr herzlich für dieses Interview!


Zum Austausch mit Frau Wiesenberg im kath.net-Forum


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