01 März 2011, 11:41
'Religionsfreiheit ist die Akzeptanz anderer'
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Religionsfreiheit'
Ein Interview zum Thema Dialog der Religionen. Von Rudolf Preyer / Missio - Päpstliche Missionswerke

Jakarta (kath.net/missio)
Der Sozialphilosoph Pater Franz Magnis-Suseno SJ ist im interreligiösen Dialog Indonesiens eine „Institution der Versöhnung“ – gerade indem er auf theologische Differenzen hinweist. Die Menschenrechte leitet er von Gott ab und Religionsfreiheit bedeutet für ihn, dass weder der Staat noch die Menschen verbieten dürfen, Gott gehorsam zu sein .


Herr Professor Magnis-Suseno: Was bedeutet für Sie der Begriff „Religionsfreiheit“?

Unter Religionsfreiheit verstehe ich, dass niemandem in seinem Gewissen, in der Wahl und der Ausübung seiner Religion Zwang angetan werden darf. Diese Bestimmung ist sowohl in „Dignitatis Humanae“, einer Erklärung des Zweiten Vatikanums, und im Paragraph 18 der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen niedergelegt.

Kann die Religion Frieden geben?

Wie wollen Sie den Frieden unter den Religionen verwirklichen, wenn Sie als Vorbedingung das, was das Innerste der Religion ist, weg lassen müssten? Wenn Sie Frieden wollen, müssen Sie erstmal die Religionen in ihrer Identität sich akzeptieren lassen. Der Kern der Religionsfreiheit ist, dass Menschen nicht das Recht haben, jemand davon abzuhalten, Gott gehorsam zu sein. Jemand hat eine Religion und weil er gehorsam ist, weiß er sich absolut verpflichtet, Gott zu folgen: Da darf weder der Staat noch eine menschliche Gruppe „dagegen arbeiten“. Das ist die Idee der Menschenrechte.

Werbung
KiB Kirche in Not


Wie hängen Religionsfreiheit und Menschenrechte zusammen?

Die Muslime Indonesiens verstehen „Menschenrechte“ wie „Demokratie“ und überhaupt das moderne Staatswesen einfach als Folge der Modernisierung durch die westliche Welt. Zwar hat Indonesien bereits im Jahr 1950 in seine damalige vorläufige Verfassung einen fast vollständigen Katalog der Menschenrechte aufgenommen, dennoch leiste ich hier ein wenig „Schützenhilfe“. Menschenrechte wollen ja die Menschenwürde sichern. Eigentlich kann man die Menschenwürde schwer ohne den Glauben an Gott rechtfertigen! Für uns Katholiken ist der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen und die Menschenrechte buchstabieren das sozusagen in sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontexten aus. Wir leiten diesen Souveränitätsanspruch von Gott ab.

Wie steht es um die Religionsfreiheit in Indonesien?

95 Prozent der Christen in Indonesien können ihre Religion völlig frei ausüben. Die katholische Kirche hat hier etwa 7,5 Millionen Mitglieder. Religionswechsel, auch vom Islam zum Christentum, sind im Prinzip unproblematisch und finden auch tatsächlich statt. Aber es wird zunehmend schwieriger, Kirchen zu bauen. Es gibt muslimische konservative Gruppierungen, die systematisch versuchen, Gottesdienste in nicht genehmigten Räumlichkeiten – notfalls mit Gewaltandrohung – zu unterbinden. Der Staat traut sich leider nicht, sein Gewaltmonopol energisch auszuüben. Dennoch sind mit Geduld und unermüdlicher Kommunikation die meisten Probleme zu überwinden.

Gibt es in Indonesien innerhalb des Islam Richtungsdispute?

Praktisch „ungeschützt“ sind islamische Splittergruppen wie die Achmadiyah. Während selbst muslimische Hardliner das prinzipielle Existenz- und Gottesdienstrecht der Christen nicht abstreiten, akzeptieren auch moderate Mainstream-Muslime islamische Sekten nicht. Von der Achmadiyah fordern sie, sich als eigene, also nicht-islamische, Religion zu erklären – dann würde man sie in Ruhe lassen. Dieses Ansinnen lehnen die islamischen Sekten kategorisch ab.

Sind Menschenrechte in der indonesischen Verfassung fixiert?

Die Minderheiten fordern diese natürlich vehement ein. Da inzwischen von der größtenteils von Muslimen besetzten Verfassungsgebenden Versammlung Religionsfreiheit sehr ausführlich – ähnlich dem § 18 der UN-Menschenrechtserklärung - in die Verfassung aufgenommen worden ist, ist die rechtliche Situation nicht schlecht. Liberale Muslime wie Mainstream-Intellektuelle berufen sich auch auf die Menschenrechte und die Religionsfreiheit. Hauptbezugspunkt sind aber nach wie vor die „Pancasila“, das sind die fünf Prinzipien der indonesischen Staatsphilosophie, die jede Diskriminierung auf Grund der Religion ausschließen.

Wie stehen indonesische Muslime zum Thema Religionsfreiheit?

Würde man deren Ansichten in eine theologische Sprache übersetzen, wären für sie die Menschenrechte Befehle im Gesetz Gottes, wie Menschen Menschen behandeln müssen und nicht behandeln dürfen. Wenn ich diese theologische Differenz zwischen dem Christentum und dem Islam zu erklären versuche, hat damit eine kleine radikale Muslim-Gruppe Probleme.

In welchem Zusammenhang stehen Religionsfreiheit und Religionswechsel?

Kehren wir zum katholischen Standpunkt zurück: Religionsfreiheit beinhaltet selbstverständlich die „Freiheit zum Religionswechsel“. Die Mehrheit meiner muslimischen Gesprächspartner sieht das so: Jeder ist frei, die Religion zu wählen, in die er geboren wurde, nicht aber, sie zu wechseln. In Indonesien besteht offiziell die Möglichkeit zur freien Religionswahl. Religion darf aber nicht wie ein Angebot in einem Supermarkt verstanden werden, wo man sich nach Lust und Laune raus holt, was einem gerade gefällt.

Gibt es Konversionsverbote?

Die Ethnie auf der Hauptinsel, die Javaner, haben durchgesetzt, dass es in Indonesien nie zu einem Konversionverbot gekommen ist. Ich vermute, dass einige tausend Babies jedes Jahr katholisch getauft werden, weil ihre eigentlich muslimischen Eltern das ausdrücklich wünschen. Umgekehrt verlieren wir leider sehr viele Katholiken durch Mischehen.

Wie gestaltet sich das Zusammenleben von Christen und Muslimen?

Ein friedliches Nebeneinander findet ja seit eh und je statt. Vor allem in mehrheitlich muslimischen Gegenden wie Sumatra, Java, Lombok und großen Teilen Sulawesis lebt, wohnt und arbeitet man zusammen. Intensivere Kommunikation besteht zwischen den religiösen Führern, unter Intellektuellen und den NGOs.

Sie sprechen sich gegen einen „beliebigen Pluralismus“ aus?

Religionstheologisch muss man im Pluralismus auch die soziale Komponente berücksichtigen. Die Akzeptanz Anderer als Anderer bedeutet überhaupt nicht, dass man nicht an seine eigene Religion glauben kann. Auf vielen Konferenzen und im Dialog sage ich zu Muslimen: Wir haben viel gemeinsam. Aber es gibt auch Punkte, da haben wir eben gar nichts gemeinsam.

Zum Beispiel?

Die Muslime können unsere Auffassung von Jesus nicht teilen: Für uns ist Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und Mohammed ist nicht unser Prophet und der Koran ist nicht unsere Heilige Schrift. Wenn ich diesen theologischen Standpunkt vertrete, werde ich von vielen - anfänglich düpierten - Muslimen gefragt: „Und das müssen wir akzeptieren?“ Ich lenke dann für gewöhnlich mit der Gegenfrage ein, ob wir das nicht Gott überlassen wollen. Zumeist erhalte ich dafür eine hohe Zustimmung: „Ja, das soll Gott bestimmen!“

Der Link zu www.missio.at

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung auf ein Konto in Ö, D oder der CH oder via Kreditkarte/Paypal!










Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben


 
App play store iTunes app store Jetzt kostenlos herunterladen! mehr Infos Instagram
meist kommentierte Artikel

Einen andern Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist: Jesus (74)

Deutschland: Zahl der Kirchenaustritte steigt um 29 Prozent (49)

Möchte Bischof Kräutler eine "amazonisch-katholische" Sekte? (44)

„Seenotrettung im Mittelmeer: nicht Seenotrettung, sondern Migration“ (44)

Ex-Chefredakteur des ‚Catholic Herald’: Amazonien-Synode absagen (38)

Rackete: "Asyl kennt keine Grenze!" (35)

P. Martin SJ: Papst hat viele ‚pro-LGBT’ Kardinäle, Bischöfe ernannt (34)

„Wer meint, dass die DBK einen Sonderweg gehen müsse, der irrt“ (33)

Wahrheitssuche in der Kirchenkrise (32)

Thema "Messstipendien" im Pfarrblatt (27)

Klimahysterie pur - Keine Kinder mehr! (24)

„Wie sagt man nochmal ‚römische Zentralisierung‘ auf theologisch?“ (19)

„Warum man den Islam nicht kritisieren darf, es aber durchaus sollte…“ (18)

Ökumenische Eucharistiefeier – ein Gedanke von epochaler Dummheit (17)

"Wir wollen unschuldig sein" (17)