17 Februar 2011, 12:00
Hier dokumentiert sich der groteske Aufstand theologischer Zwerge
 
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'Einige Bischöfe haben sich bereits mutig geäußert. Andere sind in Deckung gegangen' – Kath.net-Exklusivinterview mit dem Dominikanerpater Prof. Wolfgang Ockenfels, Ordinarius der Theologischen Fakultät Trier. Von Petra Lorleberg

Trier (kath.net/pl)
Kath.net: Herr Professor Ockenfels, Sie haben die „Petition Pro ecclesia“ unterzeichnet, nicht aber das Theologenmemorandum „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“. Warum?

Prof. Ockenfels: Das Memorandum ist nur noch peinlich. Dieses verschrobene Pathos, diese Ansammlung banaler Phrasen, diese maskenhaft erstarrte Protesthaltung, die schon in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts komisch wirkte. Darauf kann man eigentlich nur noch satirisch reagieren. Hier dokumentiert sich der groteske Aufstand theologischer Zwerge, die sich als Koryphäen aufspielen. Die frühere internationale Reputation deutscher Theologie ist dahin. Einige der besten römisch-katholischen Theologen finden man heute unter den nichttheologischen Laien, also Leuten wie Spaemann, Matussek, Lütz und Kissler. Mit denen fühle ich mich weit stärker verbunden als mit den verkrachten 68er Theologen und manchen windelweichen Bischöfen. Das gibt Anlaß, über Nutzen und Nachteil der heutigen Theologie für die Kirche neu nachzudenken.

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Kath.net: Die katholische Kirche im deutschsprachigen Raum ist, und da sind sich die beiden Unterschriftsaktionen wohl einig, zweifellos in der Krise. Wird jeweils nur eine andere Therapie verordnet oder unterscheidet sich bereits die Diagnose?

Ockenfels: Der Hund liegt natürlich schon in der Diagnose begraben. Das Memorandum ist nicht einmal in seiner Analyse zutreffend. Es schwimmt auf der Oberfläche allzu gewöhnlicher Vorurteile. Die Ursache der Krise, nämlich der massenhafte Glaubensabfall in den „westlichen“ Ländern, wird überhaupt nicht erörtert. Woher kommt die mangelnde Erlösungsbedürftigkeit? Und woher kommen die sexuellen Missbrauchsfälle in der Kirche? Sie derart hochzuspielen und sie mit dem Zölibat, mit einer „rigorosen“ Sexualmoral der Kirche in Zusammenhang zu bringen, zeugt von Ignoranz, und leider auch von Infamie. Das hat mit empirischer Analyse nichts zu tun. Die darauf aufbauende „Therapie“ verstärkt nur noch das Übel, das es zu beseitigen gilt.

Kath.net: Sind Ihrer Einschätzung nach die innerkatholischen Auseinandersetzungen im Tonfall schärfer geworden?

Ockenfels: Ich kann nur hoffen, dass man langsam Klartext zu reden lernt. Dieses psychologisierende Gesäusel, diese gestelzten Pathosformeln, diese dialektische Doppeldeutigkeit: Das alles ist inzwischen zu einem großen Ärgernis geworden, zu einem Problem kirchlicher Glaubwürdigkeit. Man weiß bei der Kirche in Deutschland kaum mehr, woran man ist. Wie in der Politik drückt man sich vor klaren Entscheidungen.

Kath.net: Woran könnte dies liegen?

Ockenfels: Wir werden sehen: In Zeiten der Krise sehnen sich viele nach Klarheit und Wahrheit. Das Verschwommene überzeugt nicht, sondern desorientiert und frustriert. Wir leben, auch gesellschaftlich und politisch, in Zeiten der Entscheidung: Entweder – oder? Man kann nicht gleichzeitig katholisch, protestantisch oder muslimisch sein.

Kath.net: Welche Reaktion würden Sie sich von den Bischöfen in Hinblick auf das Theologenmemorandum erhoffen?

Ockenfels: Sie sollen sich endlich einmal klar äußern. Und zwar gemeinsam, in Abgrenzung zu jenen Opportunisten, die sich immer noch Vorteile erhoffen, wenn sie sich anti-römisch positionieren. Einige Bischöfe haben sich bereits mutig geäußert. Andere sind in Deckung gegangen, vielleicht fürchten sie eine staatskirchenrechtliche Minimierung von Privilegien.

Kath.net: Und von den katholischen Laien?

Ockenfels: Die sind eine große Hoffnung. Heute sind es die katholisch gläubigen Laien, die die Kirche in Europa stützen, nicht etwa die Theologen an staatlichen Fakultäten. Viele Staatstheologen haben sich bequem in die beamtenrechtlichen Versorgungsansprüche eingenistet. Ihre Treuepflicht erfüllen sie eher dem Staat gegenüber als zugunsten der Kirche. Die gläubigen Laien sind der Kirche gegenüber oft wesentlich loyaler. Nicht selten sind sie auch theologisch kompetenter als die professionellen Theologen.

Kath.net: Apropos Laien: Glaubt man der Berichterstattung der öffentlichen Medien, so scheint es ausschließlich Laien zu geben, welche deutliche Veränderungen im Sinn des Theologenmemorandums fordern, dagegen seien die Bischöfe und die kirchliche Hierarchie die festbetonierten Bremser. Entspricht dies Ihren Einschätzungen des faktischen kirchlichen Lebens?

Ockenfels: Überhaupt nicht. Oft ist das Gegenteil der Fall. Einige Laien wollen sogar noch päpstlicher sein als der Papst. Unser guter alter Papst ist übrigens viel dynamischer und geistig lebhafter als unsere Repräsentanten des theologischen Fortschritts. Es soll auch Bischöfe geben, die in der Pose des Progressiven greisenhaft erstarrt sind und dringend der Führung bedürfen. Die wirkliche Avantgarde der Kirche sehe ich vor allem in ihren neuen geistlichen Bewegungen, in denen gläubige Laien den theologischen Ton angeben. Ich spreche hier nicht von jenen laienhaften Berufskatholiken, die sich in einem „Zentralkomitee“ mächtig aufplustern. Die bringen es fertig, die „evangelischen Räte“ Jesu, zu denen auch die Ehelosigkeit gehört, mit einer basisdemokratischen Räterepublik zu verwechseln.

Kath.net: Welche Entwicklungen erhoffen Sie für die katholische Kirche im deutschsprachigen Raum kurz- und mittelfristig?

Ockenfels: Wunderbar wäre es, wenn Papst Benedikt bei seinem Deutschlandbesuch den Kleinglauben aufrichten, den Glaubenshorizont erweitern und die lähmende Resignation überwinden könnte. Der Blick auf die Weltkirche befreit uns von Kleinkariertheit und Selbstbezogenheit. Wir leben in gefährlichen Zeiten, und die Bedrohungen wachsen weltweit. Es sind Zeiten der Prüfung und der Bewährung des Glaubens. Vielleicht ist es gerade diese Not, die uns wieder das Beten lehrt, und den Mut zum öffentlichen Bekenntnis herausfordert.

Kath.net: Herzlichen Dank für Ihre Stellungnahme!

Der Dominikanerpater Professor Wolfgang Ockenfels hat den Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft an der Theologischen Fakultät Trier inne. Ockenfels ist u.a. Chefredakteur der Zeitschrift „Die Neue Ordnung“, Consultor des „Päpstlichen Rates Justitia et Pax“ in Rom und Kuratoriumsmitglied des Forums Deutscher Katholiken.


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