09 Februar 2011, 07:25
1989 – 2011: Von der ‚Kölner Erklärung’ zum Memorandum ‚Kirche 2011’
 
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Schales Bier in alten Schläuchen. ‚Reform’, ‚Dialog’ und die Nabelschau der ewig Gestrigen. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Wir schreiben das Jahr 1989. Es ist Mai. Michail Gorbatschow ist noch Generalsekretär der KPdSU, die Ereignisse des Mauerfalls und der Auflösung des Ostblocks sind zwar nicht mehr fern, aber doch noch weit weg. Es handelt sich um die letzten Monate einer Welt, die es bald so nicht mehr geben wird, während über das „Neue“ zwar viel theoretisiert worden war, jedoch die Wirklichkeit überwältigender als alles vorher Vorgestellte sein wird. Seit fast elf Jahren sitzt ein Pole auf dem Stuhl des heiligen Petrus. Johannes Paul II. ist dabei, der Kirche ein neues Antlitz zu verleihen. Der Pontifex aus der Ferne ist noch nicht der Papst, dem die Welt zu Füßen liegt, jener Papst der 90er Jahre, der auch durch sein „Evangelium des Leidens“ zu einer Ikone der Heiligkeit und des allumfassenden moralischen Autorität geworden ist.

Das Internet gibt es noch nicht, jedenfalls nicht für Otto-Normal-Katholik. Was der Papst sagt und tut, weiß das Christenvolk begrenzt aus dem Fernsehen (aber auch das Satellitenfernsehen kämpft noch um seine Zulassung und Verbreitung). Ansonsten muss er in Spezialbuchhandlungen gehen oder bei der Deutschen Bischofskonferenz kostenlos die „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls“ per Post bestellen und dann warten, bis die Hefte ankommen. Natürlich gibt es die katholische Zeitung „Die Tagespost“ und auch die deutsche Wochenausgabe des „L’Osservatore Romano“, aber nur ein relativ kleiner Kreis bedient sich dieser Medien, um wirklich „was aus Rom“ zu wissen. Kein „Download“ durch einen Mausklick, kein Live-Streaming der Generalaudienzen oder des Angelus, kein „www.vativan.va“, wo man von Leo XIII. bis zum glücklich regierenden Pontifex alles finden kann (heute auch die „Acta Apostolicae Sedis“ und vieles mehr: den Katechismus, den Codex des Kanonischen Rechts, die Heilige Schrift, die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils..., und das alles in mehreren Sprachen).

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In jener fernen Zeit sahen sich über 220 katholischen Theologieprofessoren genötigt, eine Stellungnahme „Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“ abzugeben. Diese ist unter dem Namen „Kölner Erklärung“ bekannt. „Wir dürfen nicht schweigen“ war das Motto. Kritikpunkt war die „Ausdehnung der päpstlichen Unfehlbarkeit auf umstrittene moralische Fragen“: „Wir werden Zeugen des theologisch höchst fragwürdigen Versuchs, neben der jurisdiktionellen die lehramtliche Kompetenz des Papstes in unzulässiger Weise geltend zu machen und zu überziehen“, hieß es, und natürlich ging es gegen die Worte Papst Johannes Pauls II. zu Sexualethik und Familie. Auch die Arroganz der Römischen Kurie war Thema, die beschuldigt wurde, „Bischofssitze in der ganzen Welt unter Missachtung der Vorschläge der Ortskirchen und unter Vernachlässigung ihrer gewachsenen Rechte einseitig zu besetzen“. Einen weiteren Punkt bildete die Sorge darum, „dass auf der ganzen Welt „qualifizierten Theologen und Theologinnen die kirchliche Lehrerlaubnis in vielen Fällen verweigert“ werden . Dies sei „ein bedeutender und gefährlicher Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre und in die dialogische Struktur der theologischen Erkenntnis, die das Zweite Vatikanische Konzil an vielen Stellen betont hat“. Dagegen werde die Erteilung der kirchlichen Lehrerlaubnis als „Instrument der Disziplinierung“ missbraucht.

2011 wird das theologische Establishment von weiteren Problemen umgetrieben, die mit ähnlich prophetischem Anspruch vorgebracht werden, nur dass dessen Vertreter alt geworden sind. Eine weitere Neuigkeit des „Memorandums“ besteht darin, dass die unterzeichnende Theologenzunft ohne Umschweife zu erkennen gibt, dass Kirche für sie kein Zeichen des Widerspruchs gegenüber der vorherrschenden Meinung des Säkulums ist, sondern von der säkularisierten und vom ethischen Relativismus geprägten Gesellschaft Strukturen zu übernehmen hat, um so „reformiert“, das heißt eine neue, eine andere Kirche zu werden, die blind dem Wind des Zeitgeistes folgt, um sich dann von diesem treiben zu lassen.

Erstaunen lässt die Ansammlung von „Forderungen“ oder „Reformvorschlägen“ vor allem durch die bedrückende Kurzsichtigkeit, die in diesen zutage tritt. Dazu kommt, dass an und für sich eine theologische Fakultät – trotz allen Nachwuchsmangels bei den Priesterberufen – in erster Linie die Ausbildungsstätte von Seminaristen ist. Darin nämlich liegt ihr Sinn und Hauptzweck. So stellt sich die Frage: Wie können es die Bischöfe verantworten, dass die wenigen verbliebenen Schafe diskussionslos und folgenlos räubernden Lehrern ausgesetzt werden, die sich vor allem auch durch ein Konfliktpotential gegenüber der Lehre und der Überlieferung der Kirche auszeichnen?

Wie bereits in der Kölner Erklärung von 1989 wird auch im „Memorandum Kirche 2011“ die Abwesenheit Gottes sichtbar, eine Abwesenheit, die jener gleichkommt, welche die anthropologische und kulturelle Krise zum Ausdruck bringt, zu der der Laizismus in Europa geführt hat. Diese Abwesenheit des Grundes ist es, welche in Punkte wie Frauenordination, Abschaffung des Zölibats, Demokratisierung der Kirche als erwünschenswerte „Lösungen“ erscheinen lassen. Die „Attraktivität der Kirche“ wird zum Ziel, ohne dabei darauf zu achten, dass das, was anziehend ist, sich nur den schwankenden Moden der Zeiten unterwirft.

Es erstaunt die Selbstbezogenheit der vorgebrachten Thesen, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Moderne in ihrer erstickenden Luft nachgelaufen werden soll, ohne dabei sagen zu können, was das Ziel dieses Laufs ist. Und so bleibt alles im Rahmen einer Nabelschau. Es wird eine Interpretation der Wirklichkeit vorgelegt, die nicht über den beschränkten Horizont einer reinen und verfälschenden Sachbestandsbeschreibung hinauskommt. Dass dies von „Intellektuellen“, von „Wissenschaftern“, von „Theologen“ geleistet wird, wirft kein gutes Licht auf die Disziplin und deren Vertreter.

1989 – 2011: Die zu Unrecht „Reformdiskussion“ und „Dialog“ genannte Debatte ist nicht in der Lage, sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass die vorgeschlagenen Diskussionsgegenstände in unzähligen Beiträgen und auf höchster Ebene behandelt wurden: angefangen beim II. Vatikanischen Konzil über die Synoden der letzten 40 Jahre bis hin zum Lehramt der Päpste. Alle Instanzen haben sich unmissverständlich geäußert und dazu eingeladen, auf einer festen Grundlage, welche die der Kirche und ihrer Überlieferung ist, weiterzuarbeiten. Dieses Weiterarbeiten kann sicher nicht bedeutet, getragen von einer öffentlichen und veröffentlichten Meinung in das Horn der „Reform“ zu blasen (die keine ist).

„Dialog“ dürfte wohl bald als das Unwort 2011 erkannt werden, und über einen „strukturierten Dialog“ werden die späteren Generationen wohl noch lange lachen. In einem demokratischen Entscheidungsprozess mögen die verschiedenen „Dialogbeiträge“ als solche möglich und gerechtfertigt sein. Die Kirche ist jedoch keine Demokratie. Jeder kirchliche Dialog kann sich nicht der Tatsache entziehen, dass er ein Dialog auf der Grundlage der Wahrheit und im Bemühen um sie ist.

Das „Memorandum 2011“ zeigt vor allem eines: eine Reduzierung des anzustrebenden Wahren auf das Ergebnis eines (dialektischen) Prozesses. Insofern ist es bar jeglicher Kirchlichkeit, oder besser: jeglicher katholischen Kirchlichkeit und lähmend für die Zukunft.

„Wer den heutigen Katholizismus nicht mag, sollte austreten und Protestant oder Atheist werden, statt ihn durch alberne Reformen zu verderben“, meinte schon der Philosoph Paul Feyerabend im Jahr 1976, denn: „Das Prinzip von heute kann die Idiotie von morgen sein und der Mythos von vorgestern die ‚Grundlage allen Denkens’ von übermorgen“.

Die Zukunft der Kirche kann nicht von jenen bestimmt werden, die sich nur auf den Augenblick beziehen und den vermeintlich „bequemsten“ Weg im Blick habe, der sich direkt aus einem „Jetzt“ ergibt. Die Zukunft der Kirche gestaltet sich durch die Menschen, die tief im Boden des Christentums verwurzelt sind und aus diesem den Lebenssaft für ihren Glauben schöpfen. Alles andere ist Papier und Nebel und im Dienst der Selbstdarstellung des Zeitgeistes: das letzte, was die Kirche braucht.


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