24 Dezember 2010, 10:39
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KATH.NET-Exklusiv-Interview mit Kardinal Walter Brandmüller über die Grundlagen der abendländischen Kultur, Liturgie und Vernunft und Glaube. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net)
Kath.net: Was hat sich mit der Kardinalsernennung jetzt für Sie geändert?

Kardinal Brandmüller: Nun ja, durch die Kardinalsernennung hat sich die Farbe des Talars geändert und ich stehe außerdem vor dem Problem, über 600 Glückwunschreiben zu beantworten, wobei jeder Einzelne einen persönlichen Dank verdient hätte, was aber physisch unmöglich ist. Und deshalb werde ich wohl bitten müssen, dass man mit mir Nachsicht übt. Es freut mich umso mehr, dass ich die Seiten von kath.net dazu benutzen darf, allen, die mir ihre Zuneigung gezeigt haben, meine Wertschätzung und auch Überraschung ob der vielen Glückwünsche zum Ausdruck zu bringen.

Kath.net: „Ad fontes!“ Während Ihrer Zeit als Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften haben Sie sich auch für die Verbreitung und Vertiefung der lateinischen Sprache und – damit verbunden – der humanistischen Kultur eingesetzt. Worin liegen für Sie die Hauptgefahren, die der fortschreitende Rückgang der Kenntnis der klassischen Sprachen mit sich bringt?

Kardinal Brandmüller: Eine der schlimmsten Folgen, die der mittlerweile glücklicherweise gestoppte Rückgang des Interesses an den klassischen Sprachen mit sich brachte, besteht darin, dass die Sprachkultur insgesamt verfallen ist. Denn eigentlich lernt man richtig Deutsch zu denken, zu sprechen und zu schreiben erst dann, wenn man die lateinische Grammatik in sich aufgenommen hat. Der Verfall der deutschen Sprache, den wir ohne Zweifel seit einigen Jahrzehnten erleben, ist allzu offenkundig. Davon abgesehen ist der Wissenschaftsbetrieb in den Geisteswissenschaften durch die mangelnde Kenntnis des Lateinischen und des Griechischen ernsthaft gefährdet, dies aus dem einfachen Grund, weil die heutigen, des Lateins und des Griechischen unkundigen Generationen von Studenten und Wissenschaftlern einfach nicht mehr in der Lage sind, auf die Originalquellen des abendländischen Denkens, der abendländischen Geschichte zurückzugreifen; sie sind vielmehr auf Übersetzungen angewiesen, die ihrerseits häufig problematisch und zum Teil sogar falsch sind. Was wird also dann eigentlich aus dem wirklichen wissenschaftlichen Anspruch, den Dingen auf den Grund zu gehen, wenn man das notwendige Rüstzeug hierzu nicht mehr besitzt?

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Kath.net: Stichwort „Hermeneutik der Kontinuität“: Sie gehören zu den großen international anerkannten Spezialisten für Konziliengeschichte. Am 22. Dezember jährte sich zum sechsten Mal der Tag der denkwürdigen Ansprache Papst Benedikts XVI. an die Römische Kurie, in der er die Wichtigkeit einer „Hermeneutik der Kontinuität“ gegenüber der von Beschwörern eines angeblichen „Geistes des Konzils“ vorgetragenen „Hermeneutik des Bruches“ betonte. Der Papst sagte unter anderem: „Das Zweite Vatikanische Konzil hat durch die Neubestimmung des Verhältnisses zwischen dem Glauben der Kirche und bestimmten Grundelementen des modernen Denkens einige in der Vergangenheit gefällte Entscheidungen neu überdacht oder auch korrigiert, aber trotz dieser scheinbaren Diskontinuität hat sie ihre wahre Natur und ihre Identität bewahrt und vertieft. Die Kirche war und ist vor und nach dem Konzil dieselbe eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die sich auf dem Weg durch die Zeiten befindet“.

Wie würden Sie kurz das Wort von der „Hermeneutik der Reform“ definieren? Bezieht es sich in der Tat „nur“ auf die Zeit und Art der Interpretation der Schriften, die das Konzil hervorgebracht hat, oder ist eine „Hermeneutik der Reform“ auch in Bezug auf das „Ereignis Konzil“ notwendig?


Kardinal Brandmüller: Das Stichwort der „Hermeneutik der Kontinuität“ wird heute zumeist im Hinblick auf die Interpretation des II. Vatikanischen Konzils genannt. Es weist aber auf ein Grundproblem der Theologie, der Geisteswissenschaften und der Kirche überhaupt hin. Und: diese Frage schließt sich natürlich unmittelbar an die vorhergehende Problematik der Bedeutung der klassischen Sprachen an. Ohne deren Kenntnis ist eine sogenannte Hermeneutik der Kontinuität gar nicht möglich.

Das II. Vatikanische Konzil teilt mit vielen anderen Konzilien der Kirchengeschichte das Schicksal, dass seine Verwirklichung Jahrzehnte in Anspruch nimmt. Das war so beim ersten Konzil der Geschichte überhaupt, dem Konzil von Nizäa, nur dass es nicht nur Jahrzehnte, sondern ein gutes Jahrhundert gedauert hat, bis über seine Interpretation und über die Durchsetzung seiner Lehre entschieden war. Das Konzil von Trient, das zweifellos zu den bedeutendsten Konzilien überhaupt zählt, hat sich, was seine Lehren und seine Gesetzgebung betrifft, in vollem Umfang erst ein knappes Jahrhundert nach seinem Abschluss voll durchgesetzt. Und nun befinden wir uns bezüglich des II. Vaticanum in einer insofern entscheidenden Phase, als sich die ersten Turbulenzen, wie sie nach Konzilien allgemein aufzutreten pflegen, langsam beruhigen und eine sachliche Betrachtungsweise Platz greift. Ein interessantes Beispiel hierfür ist das soeben in Rom zu Ende gegangene zweitägige Symposion über das II. Vatikanische Konzil, wobei vor allem die Frage im Vordergrund steht, was denn der Anspruch des Konzils, ein „pastorales“ Konzil zu sein, im einzelnen zu bedeuten habe.

Auf jeden Fall ist klar, dass kein Konzil einen erratischen Block in der Landschaft der Geschichte darstellt, sondern dass jedes Konzil im Strom der Gesamtüberlieferung der Kirche steht, in welchem es eine besondere Phase darstellt. Darum kann und darf es keinesfalls losgelöst von diesem Strom der Tradition interpretiert werden. Den besten Beweis hierfür liefert ein Blick in die Fußnoten der Ausgabe der Konzilstexte, in denen ständig Bezug auf frühere Konzilsentscheidungen und frühere päpstliche Lehräußerungen genommen wird. Das heißt, dass der hier nun vorliegende Konzilstext nur in deren Licht zu verstehen ist


Kath.net: Sie haben jüngst ein Buch veröffentlicht, in dem Sie sich in einem umfangreichen Dialog mit der heute akuten Problematik eines Atheismus auseinandersetzen und dabei erörtern, dass „Un-Vernunft“ auf der Seite der sich selbst mächtig behauptenden Atheisten zu suchen ist.

Worin liegen für Sie die Grundschwierigkeiten des mühsamen Streitgesprächs zwischen moderner Vernunft und christlichem Glauben? Wie verstehen Sie die Rede Benedikts XVI. von der „erweiterten Vernunft“ als Grundbedingung für einen Dialog mit der säkularen und auch szientistisch orientierten Welt?



Kardinal Brandmüller: Es ist ja so, dass zu diesem Thema „vernünftig glauben“ – wobei ich auf mein Gesprächsbuch mit Ingo Langner anspiele – das Wesentliche und Grundlegende längst von Benedikt XVI. gesagt worden ist. Unser Buch stellt einen bescheidenen Versuch dar, in die vom Papst geschlagene Kerbe zu hauen und dessen Gedanken und Ansätze ein wenig zu verbreiten, sofern sie es überhaupt nötig haben. Unser „idealer“ Adressat war der sogenannte moderne Intellektuelle, der sehr häufig von dem Gegenstand „katholischer Glaube“, „katholische Kirche“ sehr wenig weiß und sich dennoch autorisiert fühlt, darüber definitive Urteile abzugeben. Diesen „idealen“ Gesprächspartner wollten wir anreden und seine Sicherheit etwas erschüttern.

Was den Begriff einer „erweiterten Vernunft“ betrifft: Hierzu ist zu bemerken, dass Vernunft sich der Erkenntnis öffnen muss, dass sie selbst Grenzen hat, dass es also Bereiche gibt, die sich ihrem unmittelbaren Zugriff entziehen. Indem sich die Vernunft dieser Erkenntnis öffnet, ist sie imstande, auf die Offenbarung Gottes zu hören. Geschieht dies, dann öffnen sich dem Erkenntnisstreben bisher ungeahnte Dimensionen. Aufgabe der „katholischen Vernunft“ ist es, durch einen intensiven Dialog mit einer Moderne, die sich nun auch gern als Postmoderne versteht und mit diesem Begriff eine nicht mehr zu verbergende Orientierungslosigkeit offenbart, den Menschen den Blick auf die Transzendenz zu eröffnen. Denn: Wahrheit „gibt es“! Der modernen Vernunft muss geholfen werden, ihre Fähigkeit, die innere Beziehung zwischen Erkennen und Sein, die Intelligibilität des Seins, zu erfassen. Das führt zur Erkenntnis Gottes und seiner Offenbarung in Jesus Christus.

Kath.net: Heute ist der 24. Dezember. In der Nacht feiert die Christenheit das Kommen des Erlösers in diese Welt, das Geheimnis der Fleischwerdung des ewigen Logos. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu vergöttlichen, wie dies die Väter mit dem Wort der „theiosis“ zum Ausdruck brachten, damit dieser ihn loben und preisen kann und sein wahres Antlitz zu erkennen vermag.

Wie würden Sie mit einem geistlichen Wort das Zusammengehen von menschlicher und göttlicher, kosmischer Liturgie beschreiben? Wie wichtig ist die Neubesinnung auf die Liturgie für die viel besprochene „Neuevangelisierung“ der Länder antiker Christianisierung?


Kardinal Brandmüller: Wenn von einem Zusammenspiel von „menschlicher“ und „kosmischer Liturgie“ die Rede sein soll, muss klar sein, dass im Zentrum der Liturgie immer Christus als der einzige Heiland und Erlöser steht. In der Feier der Liturgie vor dem Angesicht dessen, „der auf dem Thron sitzt, und des Lammes“, vereint sich die Kirche auf Erden mit den Scharen des Himmels. Gemeinsam rufen sie ihr nie endendes „Heilig, Heilig, Heilig“, stellvertretend für die ganze Schöpfung. In der Anbetung des Dreieinigen Gottes erfüllen Himmel und Erde den tiefsten Sinn ihres Daseins. Eben dies muss auch in der Art und Weise sichtbar werden, in der wir Liturgie feiern.

Es gibt jedoch auch eine Tendenz, die Liturgie zum reinen Instrument der Verkündigung zu machen. Das ist bereits in der Aufklärungsliturgik sehr deutlich. In einem deutschen Rituale um das Jahr 1810 wird gesagt, dass Gebete und Zeremonien den Sinn und Zweck hätten, vertiefte Religionskenntnisse zu vermitteln. Die Sinnentfremdung der Liturgie als Mittel der Katechese stellt eine große Gefahr dar, die sich von der Aufklärung bis in die Liturgiereform nach dem II. Vatikanischen Konzil hinein vollzieht. Sie hat zu der bekannten Geschwätzigkeit geführt, die in der Liturgie häufig praktiziert wird. Das ist eine Gefahr, die es zu vermeiden gilt.

Auf der anderen Seite wird man sagen können, dass Liturgie zunächst einmal eine Angelegenheit der gläubigen Gemeinde ist, weshalb in alten Zeiten die noch nicht Gläubigen oder noch nicht durch die Taufe in die Glaubensgemeinschaft der Kirche Aufgenommenen vom eigentlichen Geschehen der eucharistischen Feier ausgeschlossen blieben. Sie durften nur am Wortgottesdienst teilnehmen. Das heißt also, dass bei einer Evangelisierung oder Neuevangelisierung Wortverkündigung und Liturgie zwar zusammengehören, aber ein Unterschied zu machen ist zwischen der gläubigen Gemeinde und der noch zum Glauben zu Führenden. Indessen wird man sagen können, und das lehrt die Erfahrung, dass durch das Erleben der gefeierten Liturgie mancher Geist und manches Herz sich aufschließen und eine erste Ahnung des Übernatürlichen, des Göttlichen erfahren. Beide Elemente jetzt nun richtig gegeneinander abwägend miteinander zu verbinden, ist eine wichtige Aufgabe.

Kath.net: Sie sagen: „Das ewige Leben besteht in der totalen Vollendung des Menschen, in der Erfüllung seines genuinen Verlangens nach Wahrheit, nach Erkenntnis und nach Liebe in einer unvorstellbaren Intensität, in der beglückenden Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott und den Erlösten“.

„Seid nüchtern und wachet, euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“ (1 Petr 5,8): Was muss sich in der Katechese ändern, damit die „novissima“, das „eschaton“ des Daseins und das ewige Leben wieder zu einem Hauptthema der Verkündigung werden?


Was sich ändern muss? Man muss wieder über die „eschata“, über das ewige Leben reden! Das ist ganz einfach: die letzten Dinge müssen wieder zu einem Thema der Verkündigung gemacht werden. Es muss verkündet werden, dass das ewige Leben die faszinierende Zukunftsperspektive des Menschen ist und daher auch das endliche Leben bestimmt. Dass der Teufel durch Jesus Christus besiegt wird. Man darf dies nicht aus Feigheit und auch aus Glaubenslosigkeit unterschlagen.

Kath.net: Was wünscht ein Kardinal der Heiligen Römischen Kirche kath.net und seinen Lesern zum Fest der Geburt Christi?

Kardinal Brandmüller: Ich wünsche den geschätzten Lesern und allen Mitarbeitern von kath.net das, was ihnen (und damit sich selbst) jeder Pfarrer wünschen würde, nämlich dass sie andächtig und fromm und „frisch gebeichtet“ das heilige Weihnachtsfest feiern. Dazu ist es freilich nötig, dem Festtagsteufel die Tür zu versperren, der versucht, durch Geschäftigkeit und Hetze das Fest zu verderben. Friede und Freude kehren gerade da ein, wo der Mensch gewordene Gottessohn im Mittelpunkt steht: „Christus ist uns geboren. Kommt, wir beten ihn an!“.





Foto: Erzbistum Bamberg/Kirsten Oberhoff







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