23 Dezember 2010, 08:10
Wie Weihnachten heute in vielen Zeitungen 'verkauft' wird …
 
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Wer hat die Deutungshoheit über das Weihnachtsfest? – Weihnachten in den Pressedarstellungen ab 1950 – Rückkehr der Religion oder nur Kitsch, Kulinarisches, Skurriles? - Eine Analyse des Journalisten Edgar S. Hasse aus Hamburg

Hamburg (kath.net) Je mehr es weihnachtet, umso stärker wächst auf den Weihnachtsmärkten und dem Markt der öffentlichen Meinung der Kampf um die Deutungshoheit über das Christfest. Wenn Weihnachtsmänner-Figuren mit ihren elektromobilen Hüften in den Buden lauthals „Halleluja“ kreischen, beanspruchen die Schausteller das Fest für Kitsch, Kommerz und banales Brauchtum.

Wenn die Illustrierte „Stern“ eine opulente Bildstrecke über die grassierende Kommerzialisierung unkritisch publiziert, stimmt sie ein in den kollektiven Tanz um das Fest der Geschenke. Und wenn der Bundespräsident, wie vormals Horst Köhler, sich im Fernsehen in seiner Weihnachtsansprache an die „lieben Landsleute“ wendet, beschwört er die christliche Tradition, die in der Geburt Jesu ihre Wurzel hat. Dazu dudelt im Radio in Endlosschleifen „Rudolf the Red Nose Reindeer“.

Die Massenmedien deuten längst – neben den Kirchen und Freikirchen im Lande – auf eigene Weise jenes historische Ereignis vor 2.000 Jahren, an dem Jesus Christus, von einer Jungfrau geboren, als Erlöser auf die Welt kam. Auf die religionsgeschichtliche Einzigartigkeit eines in Windeln gewickelten und von einer Jungfrau geborenen Erlöserkindes (als Zeichen der Neuschöpfung) hat der evangelische Theologieprofessor Peter Stuhlmacher immer wieder hingewiesen.

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Der christliche Kern des Festes erodiert in der journalistischen Wahrnehmung.

Neben den elektronischen Medien sind es auf dem deutschen Medienmarkt vor allem die säkularen Zeitungen und Zeitschriften, die pünktlich zum Fest ihre Storys unters Volk bringen. Im zeitungsgeschichtlichen Längsschnitt von 50 Jahren (1955 bis 2005) mit bemerkenswerten Ergebnissen, die Christen und Kirchen zum Nachdenken herausfordern sollten: Der christliche Kern des Festes erodiert in der journalistischen Wahrnehmung.

Kirchliche Akteure wie Pastoren und Bischöfe kommen in spezifisch weihnachtlichen Themen der Weihnachtsausgaben der großen Tageszeitungen wie „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Bild“ im Vergleich der Nachkriegszeit mit der Gegenwart um die Hälfte weniger vor. Dass Gott an Weihnachten Mensch wurde – dieses Wunder und Geheimnis wird in den Printmedien immer weniger kommuniziert.

An Weihnachten haben die Printmedien die Wahl: Entweder sie ignorieren das Fest, die „Stimmungsreligion“ der „Weihnachtschristen“ und hieven andere religiöse Themen wie den Islam, die Entstehung der jüdischen Religion oder den Mitgliederverlust der beiden Volkskirchen auf ihre journalistische Agenda.

Im „Spiegel“ nicht einmal 1% speziell zu Weihnachten

Gut ein Drittel der jemals im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ an Weihnachten publizierten Titelgeschichten vermitteln so religiöse und kirchliche Themen, aber sie verschweigen mit dieser Alternativ-Publizistik das „Fest aller Feste“. Nicht mal 1% der Themen in der mehr als 60-jährigen „Spiegel“-Geschichte setzt sich explizit mit Weihnachten auseinander. Und dann meist nur, wenn es etwas Skurriles gibt: Wie die Frage des Redakteurs an einen Tannenbaumexperten in einer Meldung: „Was machen Ihre Forschungszweige?“.

Was die großen Tageszeitungen bringen

Oder die Medien nähern sich explizit dem Thema Weihnachten an, indem sie im Vorfeld des Festes über die Inszenierung in den Familien, die Kommerzialisierung und die Gestaltung der Heiligabend-Gottesdienste in den Kirchen berichten.

Da werden – vor allem in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ – Berichte über die Weihnachtsbotschaften des Papstes und der evangelischen Landesbischöfe veröffentlicht. Da platziert die „Süddeutsche Zeitung“ bevorzugt Meldungen über Weihnachtsansprachen der Bundespräsidenten an prominenter Stelle im Blatt. Da verkündet die „Bild“-Zeitung: „Heute nur gute Nachrichten“ und druckt in der Ausgabe vom 24.12.1993 auf der Titelseite unter der Schlagzeile „Die Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen“ die ersten Verse aus dem Lukasevangelium, Kapitel 2, in der Übersetzung Martin Luthers ab.

Oder da räumt der Chefredakteur der „Berliner Morgenpost“ für die Weihnachtsausgabe am 24.12.2006 seinen Platz, um die redaktionelle Führung für einen Tag lang dem damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber zu überlassen. Huber – der diese Ausgabe konzipiert hatte – platzierte prompt ebenfalls die Weihnachtsgeschichte als die „wichtigste Nachricht des Tages“ großflächig auf Seite 1.

Doch so sehr die Zeitungen und Zeitschriften der Gegenwart sich meist um eine möglich christlich-traditionale Deutung des Christfestes bemühen, ist in der Gesamtbetrachtung von 50 Jahren ein deutlicher, ein eklatanter Säkularisierungsschub festzustellen. Von 1955 bis 2005 ging der Anteil der kirchlich, christlich und religiös geprägten Weihnachtsthemen um mehr als die Hälfte zurück.

„Publikumsbeschimpfung“ im Gottesdienst

In den 1970er und 1980er Jahren erreichte die Häufigkeit der christlichen Themen, die sich mit Weihnachten befassten, ihren Tiefpunkt – damals war übrigens das Unbehagen der Deutschen gegenüber dem Fest besonders groß und die „Weihnachtschristen“ (die also nur einmal im Jahr – an Heiligabend – zum Gottesdienst gehen) mussten sich dort eine „Publikumsbeschimpfung“ gefallen lassen. Seit den 1980er Jahren – und das ist die gute Nachricht – widmen die Printmedien jedoch dem christlichen Ursprung und der christlichen und religiösen Festkultur wieder eine stärkere Aufmerksamkeit. Religionssoziologisch kann dies mit dem neuen Interesse an Religion begründet werden; manche Forscher postulieren gar eine „Rückkehr der Religion“.

Im redaktionellen Alltag bedeutet dies: Gab es bis in die 80er Jahre hinein eine starke Konkurrenz zwischen einer ausschließlichen Deutung von Weihnachten als Familienfest oder als Fest der Geburt Jesu und damit einen deutlichen Kampf um den redaktionellen Platz, so finden seit dieser Zeit in zunehmendem Maße beide Deutungen in friedlicher Koexistenz ihren Eingang in die Medienwelt.

DDR: Der erste Mensch im All als Weihnachtsmann

Am stärksten dem kirchlich-traditionalen Weihnachtsbild verpflichtet sind die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Süddeutsche Zeitung“. Dieses Wahrnehmungsschema verfügt über die im Printmedienvergleich höchste Präsenz von kirchlichen Akteuren in den Zeitungsartikeln (Pastoren, Bischöfe, Papst) und zahlreiche Aussagen über die Menschwerdung Gottes. Die Bibel wird in rund 20% der weihnachtlich geprägten Beiträge erwähnt.

Zu DDR-Zeiten legten die beiden Qualitätszeitungen große Aufmerksamkeit auf die atheistische Deformation des Weihnachtsfestes im anderen Teil Deutschlands. In der Ausgabe vom 28.12.1959 berichtete die „SZ“ darüber, dass im Kontrast zum weihnachtlich hell erleuchteten West-Berliner Kurfürstendamm in Ost-Berlin die Weihnachtslosung „Sozialismus, das ist der Friede“ im Scheinwerferlicht zu sehen war.

Im Jahr des Mauerbaus reiste ein Reporter erneut nach Ost-Berlin und veröffentlichte dazu am 23.12.1961 seine Reportage mit dem Titel „Weihnacht unter roten und goldenen Sternen“. Darin hieß es u. a., dass sich im Ostteil der Stadt christliche Symbole nirgendwo fänden; stattdessen leuchte ein roter Stern über den hellen Buden. Zu sehen seien Bilder des jungen Jurij Gagarin, des ersten Menschen im All, der in der DDR-Propaganda den Weihnachtsmann ersetzen sollte.

Und nach Weihnachten wieder die Diättipps

Werden im Gesamtresultat von 50 Jahren alle untersuchten Zeitungen und Zeitschriften zusammengefasst, so bietet sich ein Bild, das Christen eher bedenklich stimmen sollte. Weihnachten in der Presse – das ist zum überwiegenden Teil eine Assemblage aus Genuss und Geschenken.

Kirchliche, christliche und religiöse Themen kommen gegenüber dem Konsum-, Bescher- und Kulinaria-Schema rund um die Hälfte weniger vor. Weihnachten ist daher nicht nur der Sieg von Brauchtum, Konsum und (nichtchristlicher) Familie über die Religion, sondern auch die festtypisch exzessive Einverleibung von Welt, Kosmos und religiösen Symbolen durch den menschlichen Bauch. Und spätestens nach dem Fest verordnen Illustrierte wie „Bild der Frau“ ihren Leserinnen höchst erfolgversprechende Diäten.

Auch wenn es in den vergangenen Jahrzehnten ein neues Interesse der Medien an der spezifisch christlichen Deutung von Weihnachten gibt – Christen sollten der frappierenden Kulinarisierung und Profanisierung ein kontinuierliches Bemühen um eine andere, den ursprünglichen Kern berührende Festkultur entgegensetzen. An der Zeit ist daher eine ökumenische Initiative für das Kirchenjahr, in der die Bedeutung der kirchlichen Feiertage – auch und gerade von Weihnachten – medial und personal einer säkularisierten und zunehmend unwissenden Gesellschaft vermittelt wird.

Der Autor, Edgar S. Hasse (Hamburg), ist Redakteur der WELT-Gruppe. Er schrieb eine theologische Dissertation über „Weihnachten in der Presse. Komparative Analysen der journalistischen Wahrnehmung des Christfestes anhand der ‚Weihnachtsausgaben’ ausgewählter Tageszeitungen und Zeitschriften (1955–2005)“.






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