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Ich habe nie einen Hehl aus meinem Glauben gemacht

22. Dezember 2010 in Interview, 7 Lesermeinungen
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Der ‚Spiegel’-Journalist Matthias Matussek ist deklariert katholisch. Aufsehen erregte seine Titelgeschichte in diesem Jahr über die Sünde. Ein Interview der evangelischen Nachrichtenagentur idea von Karsten Huhn.


Berlin (kath.net/idea) idea: Herr Matussek, was ist in Sie gefahren? Jetzt halten Sie schon Predigten über den Satan – und das im „Spiegel“, dem Zentralorgan der Gotteszweifler!

Matussek: Diese Titelgeschichte war ein Auftrag der Chefredaktion! Ich hoffe, dass ich in dem Artikel klargemacht habe, dass ich nicht von einer erhöhten Warte auf das sündige Treiben der Moderne schaue. Wenn ich über Sünde schreibe, dann schreibe ich nicht über einen fernen Kontinent. Ich bin damit – Gott sei es geklagt – sehr vertraut.

Wie kommt die Chefredaktion des „Spiegel“ dazu, eine Titelgeschichte über die Sünde in Auftrag zu geben?

Das habe ich mich auch gefragt! Der Titel war jedenfalls einer der bestverkauften des Jahres 2010. Auch „Spiegel“-Leser sind offensichtlich auf religiöse Themen ansprechbar. Sonst kommt Religion bei uns ja meist nur als Gegenstand von Enthüllungen vor …

… Journalisten pinkeln eben gerne mal gegen den Dom …

… und „Spiegel“-Redakteure pinkeln im Zweifelsfall zweimal dagegen. Der „Spiegel“ ist seit seiner Gründung durch Rudolf Augstein kirchenkritisch.

Allerdings war ich überrascht, wie sehr die Redaktion am langsamen Sterben von Papst Johannes Paul II. Anteil nahm. Auch später, als Joseph Ratzinger zum „Wir sind Papst“ gewählt wurde, galt Katholischsein plötzlich gar nicht mehr als so uncool.

In einem in dieser Zeit entstandenen Artikel schreiben Sie allerdings: „Die Welt ist nach dem Fall des gottlosen Kommunismus nicht zum Heil erwacht, sondern ziemlich geschlossen zum gottlosen Kapitalismus übergelaufen. Die Moderne – ein fast übermächtiger Feind für Glauben und Heil.“

So hat es Johannes Paul II. damals empfunden und so empfinde ich es auch. Es gibt heute einen neuen Totalitarismus, den der Konsumgesellschaft.

Über das Böse, die Sünde, wird kaum noch öffentlich gesprochen – so die Erkenntnis Ihrer „Spiegel“-Geschichte. Sie schreiben weiter: „Sünde ist Vertrauensbruch. Gott versteht in diesem Punkt keinen Spaß.“

Wir leben in einer Zeit der Auflösung moralischer Kategorien. Fast jede Art von Fehltritt trifft auf grenzenloses Verständnis. Aber wir müssen uns klarmachen, dass Sünde mehr ist als ein Nasch-Verstoß gegen ein Diätgebot. Wenn wir lügen oder fremdgehen, versündigen wir uns nicht nur an uns selbst oder an unseren Mitmenschen, sondern auch an unserem Schöpfer, der uns ja anders gemeint hat.

Sie klingen wie ein Evangelist!

Ach ja? Das ist ja schrecklich!

Es kommt drauf an, welches Bild Sie von einem Evangelisten haben. Papst Benedikt XVI. versteht sich vermutlich auch als Evangelist, also als Verkündiger der frohen Botschaft.

Wenn es darum geht, über den christlichen Glauben zu sprechen, ist der Papst tatsächlich der führende Kopf. In Europa fällt es vielen äußerst schwer, über den Glauben zu reden – in anderen Kulturkreisen ist das überhaupt kein Problem.

Über den Glauben zu reden, ist ebenso intim wie über Sex.

Es fehlt uns die Sprache dafür, es klingt so uncool. Wenn ich über das Wort „Evangelist“ erschrecke, hat das auch damit zu tun, dass ich mit meinen Ansichten um Gottes willen niemandem zu nahe treten will.


Aber genau das tun Sie, wenn Sie vom Glauben sprechen!

Wie soll ich anders über meinen Glauben reden als persönlich beteiligt? Wie anders kann ich schildern, was zum Beispiel während einer Messe passiert. Die Messe ist für mich die Stunde der Woche, in der der Alltagslärm draußen bleibt.

Sie ist wie ein Himmel mit wechselnden Wolkenformationen – der sich manchmal plötzlich verdüstert. Ich bin nicht ständig in einem wundervollen, innigen Kontakt mit Gott, sondern diese Begegnungen sind momentweise.

Sie merken: Darüber zu reden, fällt mir schwer. Ich will jedenfalls nicht wie ein salbungsvoller Fernsehprediger klingen.

Welcher Ton ist angemessen, um von Gott zu erzählen?

Von Gott sollte man möglichst einfach, ironiefrei, vielleicht auch naiv sprechen. Die Zuhörer sollten ein Schwingen mitbekommen, es sollte ihnen eine zusätzliche Dimension eröffnet werden.

Beten ist für mich ein romantischer Vorgang, den Novalis so definiert hat: „Ich gebe dem Gemeinen einen höheren Sinn, dem Endlichen einen unendlichen Schein.“

Ihre sanften Töne erstaunen! Sonst greifen Sie gerne mal zur Polemik, etwa wenn es gegen die evangelische Kirche geht. Was nervt Sie an den Protestanten?

Der Protestantismus hat die christliche Botschaft teilweise so weit heruntergeregelt, dass sie kaum noch zu hören ist. Er ist zu bloßer Lebenshilfe übergegangen, als hätte er Angst, die Menschen noch zu fordern.

Ich finde, der Glaube muss auch eine Herausforderung sein. Man darf die Menschen nicht immer nur dort abholen, wo sie sind, sondern muss ihnen auch mal zurufen: „Setzt euch in Bewegung!“

Was mich außerdem stört, ist der kleinbürgerliche Kult um Margot Käßmanns Scheidung, Alkoholfahrt und ihren Rücktritt. Sie wird ja fast wie eine Heilige verehrt!

Gilt das nicht erst recht für die Verehrung des Papstes durch seine katholischen Anhänger?

Der Papst steht wegen seines Glaubens im Kreuzfeuer. Käßmann dagegen hat Kultstatus wegen ihrer Verfehlungen.

Angesichts der zahlreichen Fälle von sexueller Gewalt gleicht Ihr Bekenntnis zu „Rom“ einem Himmelfahrtskommando.

Ich mag es eben nicht, mich wegzuducken! Natürlich gab es in der Geschichte der Kirche viele Verirrungen. Die Missbrauchsfälle sind ein Vulkanausbruch an Schmutz, der die Kirche verfinstert habe, so der Papst. Er hat die Reue um den Missbrauch in die Karfreitagsbitten aufgenommen, also in das Zentrum der Liturgie.

Aber auch das ist wahr: Nur 0,1% der Missbrauchsfälle ereigneten sich in den Reihen der katholischen Kirche, 99,9% außerhalb. Die Medien tun aber so, als sei es umgekehrt.

„Die Kirchen? Leer. Der Glaube? Verschüttet. Die Heiden? Auf dem Vormarsch“, schrieben Sie 1999 in einer Reportage. An diesem Befund hat sich seither nichts geändert.

Das hatte ich in einem Artikel über Bischof Dyba geschrieben – die Welt, wie er sie sieht. Das ist die Perspektive der bedrängten katholischen Kirche. Dazugekommen ist heute ein noch stärker werdender Islam.

Aber vielleicht hilft dies auch: Viele merken jetzt, dass Glaube mehr ist als nur ein zusätzlicher Abzug auf der Lohnsteuerkarte. Die Kirche wandelt sich von der Volks- zur Entscheidungskirche: Da kann jeder frei entscheiden, ob er Christ sein will oder nicht.

Sie haben mit Ihrem Glauben an Gott weite Teile der Naturwissenschaften gegen sich. Z.B. schreibt der Physiker Stephen Hawking: „Spontane Schöpfung ist der Grund dafür, dass es etwas gibt und nicht nichts.“ Dazu sei ein Gott nicht nötig.

Spontane Schöpfung aus dem Nichts? Das kann ich mir noch weniger vorstellen als eine Schöpfung durch Gott. Mein begrenzter Intellekt sagt mir: Aus Nichts kann nichts werden – es braucht schon einen Verursacher, der außerhalb von Zeit und Raum steht.

Ein ähnliches Problem sehe ich in der Biologie: Wie kann aus anorganischen Stoffen etwas Organisches werden? Und wie entsteht aus Nicht-Bewusstsein Bewusstsein?

Auch da habe ich eine ganz romantische Vorstellung: Ich glaube an den göttlichen Funken in uns allen. Das unterscheidet uns von Tieren: die glauben nicht.

Sie kommen aus einem katholischen Elternhaus und haben sich dann zum Kommunismus bekehrt. Warum?

Auch der Kommunismus hatte ja etwas Katholisches: Er war für mich eine Art Weltkirche, er steht auf der Seite der Schwachen, zumindest der Theorie nach, und er hat ein Erlösungsziel – die Befreiung vom Kapitalismus. Man kann ja die Bergpredigt durchaus als Anleitung zum Kommunismus lesen.

Leider wird der Kommunismus barbarisch, wenn es an seine Umsetzung geht. Er leistete sich erstaunlich viel Denkverbote und knüppelt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Ich selbst bin „wegen kleingläubiger Verirrung“ aus der marxistisch-leninistischen Schülergruppe der KPD-ML ausgeschlossen worden.

„Eine gottlose Gesellschaft, das heißt eine Gesellschaft ohne jede Orientierung, eine Gesellschaft des reinen Pragmatismus, wo man heute das denkt und morgen jenes denkt und überhaupt keine moralisch einigermaßen verbindlichen Maßstäbe mehr hätte“ – das sagt ausgerechnet der Sozialist Gregor Gysi.

Gysi ist ein spezieller Fall! Er sieht Religion wie ein Sozialingenieur: Wir brauchen ein Pumpwerk für Moral, ein bisschen ethische Wärme für die Gesellschaft. Gysi hat ein rein funktionales Verhältnis zur Religion.

Die Kirche ist aber nicht in erster Linie ein Wertelieferant, sondern eine Gemeinschaft von Gläubigen. Wir glauben, dass Gott durch seinen Sohn Christus in die Geschichte eingegangen ist.

Und das glauben Sie wirklich?

Ja, ich glaube, das ist das A und O. Mit historischer Bibelkritik komme ich da nicht weit. Christus lässt sich nur aus den Evangelien verstehen: Seine Geburt – und später seine Auferstehung – ist das zentrale Wunder, der entscheidende Eingriff Gottes in die Weltgeschichte.

Sicher habe ich manchmal Glaubenszweifel, aber da halte ich es mit dem Philosophen Søren Kierkegaard (1813-1855): Aus dem Zweifel hilft nur der Sprung zu Gott.

Nur: Wie springt man zu Gott?

Als Katholik sage ich: durch Gebet, Messe und Feier der Eucharistie. Allerdings lässt sich die Begegnung mit Gott auch dadurch nicht automatisch erzeugen – sie bleibt Gnade, also ein Geschenk.

Die meisten Journalisten halten Frömmigkeit für eine intellektuelle Verirrung.

Viele Journalisten pflegen den Aberglauben, dass sie voraussetzungslos, wie mit einer gelöschten Festplatte durch die Welt gehen könnten. Das ist aber Bullshit! Jeder von uns hat Vorurteile, Prägungen, Erfahrungen, die er mit sich trägt und mit denen er die Welt interpretiert.

Am ehrlichsten finde ich es daher, dem Leser zu sagen, aus welcher Richtung man schaut. Journalisten sollten nicht so tun, als ob sie objektiv wären – sie können fair sein, aber sie sind dabei immer subjektiv. Und wer nicht an Gott glaubt, glaubt eben an etwas anderes.

Woran glaubt ein Atheist?

Daran, dass er recht hat. Viele Atheisten halten den Glauben an Gott für eine Krankheit.
Ein spirituelles Hungergefühl

Inzwischen nimmt die Zahl der Menschen zu, die nicht einmal mehr Atheisten sind. Sie sind weder für noch gegen Gott, sondern in der Gottesfrage völlig Unbeteiligte.

Ich glaube, jeder von uns hat ein spirituelles Hungergefühl. Der britische Schriftsteller Julian Barnes schreibt: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“ Jeder spürt doch diese Nervosität, diese eingebaute Unruhe. Und jeder sucht!

Von Axel Hacke (Süddeutsche Zeitung) und Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo stammt zum Beispiel der Bestseller „Wofür stehst Du?“. Ich habe nach 200 Seiten allerdings nicht kapiert, wofür die beiden Autoren stehen. An einer Stelle schreiben sie: Wir verzichten auf Eindeutigkeit, wir stehen für Ambivalenz.

Das reicht Ihnen nicht?

Nein! Bei vielen Menschen habe ich das Gefühl, dass sie auf einer religiös ungesättigten Suche sind. Sie laufen durch die Straßen, sind wütend auf die Regierung oder auf die Atomkraft. Die Leute sind einfach nicht glücklich, ihre religiöse Energie flottiert, sie suchen.

In Ihrer Titelgeschichte über die Sünde schrieben Sie: „Mit der Menschwerdung Gottes in Jesus ändert sich die Lage.“

Jetzt steht das Weihnachtsfest vor der Tür, überall hängen Adventssterne herum – und jeder Zweite weiß nicht, was wir da eigentlich feiern und warum wir Geschenke kaufen.

Dabei feiern wir eine ungeheuerliche Revolution: dass Gott durch Jesus auf die Welt gekommen ist – arm, klein, bedürftig, hilflos. Gott wird Mensch – er ist nicht mehr der Ferne, sondern mitten unter uns. Das verändert alles!

Und solche Aussagen stehen neuerdings im „Spiegel“! Was würde Rudolf Augstein dazu sagen?

Vermutlich, was er immer sagte: 1. hat es Jesus nie gegeben und 2. hat Jesus ganz andere Sachen gesagt.

Wer sich als Christ bekennt, brauche „den Mut, sich öffentlich zum Idioten zu machen“, schreiben Sie. Fragen sich Ihre Kollegen jetzt, ob Sie ein frommer Spinner geworden sind?

Ich habe eigentlich nie einen Hehl aus meinem Glauben gemacht. Es gibt aber auch Kollegen, die das spannend finden, so monolithisch ist der „Spiegel“ nun auch wieder nicht.

Als ich auf „Spiegel online“ begründete, warum ich NICHT aus der Kirche austrete, haben mich einige Kollegen angerufen uns gesagt: Recht hast Du!

Aber grundsätzlich ist das journalistische Gewerbe kirchenfeindlich. Es wagen sich nur wenige an die letzten Wahrheiten heran.

Vielen Dank für das Gespräch!


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Lesermeinungen

 M.Schn-Fl 23. Dezember 2010 
 

Bitte an die kath.net - Redaktion!

Ist es nicht möglich den Spiegel-Artikel über die Sünde noch mal hier zu verlinken?


0
 
 Herbert Klupp 22. Dezember 2010 
 

Mattussek und der SPIEGEL - das paßt nicht

Ein wunderbares Interview, ein lesenswerter Artikel, vor allem ein erfrischender mutmachender katholischer Matthias Mattussek !

Man muß aber auch sehen, daß er aus Sicht des SPIEGEL nur ein Feigenblatt, ein Alibi (seht wie tolerant wir sind) ist - vielleicht sogar nur eine Art \"Glaubens-Kasper\" oder \"Christen-Narr\" !

Der SPIEGEL ist geistig gesehen ein bitterböses Pflaster ! Mir fällt da im NT nur die Klage des Paulus ein - über den \"Schmied\" der ihm SEHR geschadet hat ! Der SPIEGEL ist auch so ein Schmied (des Atheismus).


1
 
 Stephaninus 22. Dezember 2010 
 

dankbar

Ich bin dankbar um diese Stimme. Hat jemand die Koordinaten von Herrn Matussek?? Betreffend idea teile ich die Ansicht von Gandalf vollauf.


2
 
 Gandalf 22. Dezember 2010 

@antony

Bei idea - kath.net hat diese abonniert - findet man oft bessere christliche Artikel als in so mancher offiz. katholischer Kirchenzeitung...


3
 
 kreuz 22. Dezember 2010 

wenn alle dt. Bischöfe...

...so denken würden wie in diesem Punkt M.Matussek, dann wäre es gut.

\"Wenn es darum geht, über den christlichen Glauben zu sprechen, ist der Papst tatsächlich der führende Kopf. \"

gesegnete Weihnacht Herr Matussek!


4
 
 antony 22. Dezember 2010 

Fantastisch!

Und dieser Artikel, der immerhin ursprünglich von der evangelikalen Nachrichtenagentur idea stammt, ist ein weiterer Belegdafür, wie sympathisch das Sprachrohr der deutschen Evangelikalen in den letzten Jahren die katholische Kirche darstellt.


3
 
 Felizitas Küble 22. Dezember 2010 
 

Matussek ist der beste Spiegel-Mann, aber....

Auch diese Antworten von Matussek zeigen wieder einmal, daß er von der ganzen Spiegel-Redaktion dem Christentum am nächsten steht und sogar den Mut besitzt,
zum katholischen Glauben zu stehen.

Doch in einem Punkt hat Matussek mich enttäuscht - und vermutlich auch andere, die ihn ansonsten schätzen:
In der Anne-Will-Sendung über Homosexualität hat er sich
durchaus unkatholisch geäußert.
Aus Ängstlichkeit, sonst zum Außenseiter zu geraten?
Diese Furcht kennt Matussek sonst nicht.
Offenbar fehlt ihm bei diesem Thema einfach die inhaltliche Orientierung.
Schade.


3
 

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