25 Dezember 2010, 12:00
Homo mirabiliter formatus
 
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Kardinal Joachim Meisner in Predigt zum Christtag: Weihnachten bedeutet: Gott selbst geht in unser Fleisch und Blut ein.

Köln (kath.net)
Kath.Net dokumentiert die Predigt von Kardinal Joachim Meisner zum ersten Weihnachtstag im Hohen Dom zu Köln:

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Der Weihnachtsbericht ist eine Neuauflage des Schöpfungsberichtes, aber eine verbesserte Neuauflage. In der ersten Auflage des Schöpfungsberichtes heißt es: „Die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ (Gen 1,2). In der Neuauflage des Schöpfungsberichtes steht geschrieben: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14).

Schließlich sagt der erste Schöpfungsbericht weiter: „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich“ (Gen 1,26). Im Schöpfungsbericht der heiligen Weihnacht wird Gott selber Mensch, sodass der Apostel Paulus bekennt: Erschienen ist die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters (vgl. Tit 3,4). Am Anfang schwebte der Geist Gottes über den Wassern, in der Heiligen Nacht ist das Wort Gottes Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wohnt unter uns bis heute.

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Weihnachten bedeutet: Gott selbst geht in unser Fleisch und Blut ein. Christus, das menschgewordene Wort Gottes, überwindet die Distanz zwischen Gott und Mensch, zwischen oben und unten, zwischen Licht und Finsternis. Der Gott als „Überbau“ wird durch die Geburt Christi zum Gott des „Unterbaus“. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes der einschneidendste Vorgang der Weltgeschichte.

2. Gott schneidet sich dabei selbst ins eigene Fleisch, so wird man sagen dürfen. Das zeigen die Krippe und das Kreuz. Gott nimmt unsere arme Welt an, wie sie nun einmal ist. Sie ist eng, begrenzt, hart und aus-geliefert wie eine Futterkrippe. Und sie kann dann tödlich sein wie der Kreuzesgalgen. Im Grunde genommen ist die Krippe das Kreuz in den Dimensionen des Kindes. Aber seitdem Gott nicht mehr über den Wassern schwebt, sondern mitten unter uns lebt, ist diese Welt in ihrer Gefährdung von seinem göttlichen Erbarmen gehalten, ist sie in ihrer Heillosigkeit von seinem Heil umfangen.

Darum haben Himmel und Erde Grund, sich zu freuen. Weihnachten bedeutet nicht nur Heil für den Menschen, sondern bedeutet auch Heil für die ge-samte Schöpfung, für alle Wirklichkeit.

Gott schwebt nicht mehr über der Welt, sondern er lebt in ihr und durchweht sie mit seiner Gegenwart. Unsere Erde ist Weihnachten zum Tempel seiner Anwesenheit geworden.

3. Dort, wo man Gottes Geist aus dieser Welt herausbringt, wo man ihn gleichsam wieder ausbürgert, indem man die Kreuze aus den Gerichtssälen trägt oder indem man wie in England Weihnachten nicht mehr „Weihnachten“ nennen darf, dort gerät die Welt wieder in den vorweihnachtlichen Unheilszustand, sie wird wüst und wirr wie am Anfang. Dafür sind wir ja hier alle Zeugen. Die Welt ist dann nicht mehr Schöpfung von Gottes Gnaden, sondern sie wird zur Ruine von Menschengnaden.

Dort, wo der Mensch Gott sein will, kann Gott nicht mehr Gott sein, dort wird er gleichsam enteignet. Der Mensch eignet sich dann die Welt selbst an. Dabei rutscht sie ihm gleichsam wieder aus den Händen, hinein in den Zustand der Finsternis und Wirrnis am Schöpfungsmorgen.

Alle gesellschaftlich relevanten Fragen sind letztlich theologische Fragen. Friede und Gerechtigkeit sind zum Beispiel Konsequenzen unseres Gottesglaubens: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,11f).

Weihnachten gibt den Menschen die große Möglichkeit und Chance, die Vollmacht zu empfangen, Gott in seiner Welt Gott sein zu lassen, damit die Welt Gottes Eigentum und damit ein bewohnbares Haus des Menschen bleibe.

4. Im Buche Genesis heißt es weiter: „Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht … Es wurde Abend“ (Gen 1,3f). Weihnachten leuchtet das Licht in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erkannt (vgl. Joh 1,5).

Christus ist das unauslöschbare Licht Gottes, das seit Weihnachten die Welt erleuchtet. In ihm berührt Gott den Menschen, wie Christus bei der Heilung den Blindgeborenen, und öffnet ihm dabei die Augen, damit er sehend werde.

Es gibt Ideologien unter uns, die den Menschen gleichsam eine Binde um die Augen legen, sodass sie das Licht nicht mehr sehen können und auf die Blindenführung der Ideologen angewiesen sind.

Christus kommt in der Heiligen Nacht, um den Menschen von der Augenbinde zu befreien, da-mit er das Licht sieht. Das Auge soll doch das Einfallstor des Lichtes Christi in das Herz des Menschen sein. Die Hirten sehen das strahlende Licht auf den Fluren von Bethlehem, und ihr Herz wird davon bewegt zum Aufbruch nach dem Stall mit dem Kind und seiner Mutter.

Ihre Augen sehen das Heil in der Krippe, und ihr Herz wird erfüllt von der übergroßen Freude, wie das Evangelium sagt. Das Geheimnis der Heiligen Nacht wird zuerst nicht erkannt durch den denkenden Verstand, sondern zuerst durch das staunende Auge, durch das ergriffene Herz. Die Geheimnisse Gottes wollen zunächst erstaunt werden.

5. Der Lichttag des ersten Schöpfungstages wird abgelöst durch die Nacht, die uns in der Weihnacht ein Licht gebracht hat, das nicht mehr untergeht und die Nacht zum Tage macht. Darum dürfen wir Menschen als Kinder des Lichtes wandeln, in denen es keine Finsternis mehr gibt. Christus ist in seiner Person dieses Licht. „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich“ (Gen 1,26).

Am Schöpfungsmorgen wird der Mensch nach dem Bilde Gottes geformt. Die liturgische Sprache der Kirche sagt: „Homo mirabiliter formatus“, das heißt: „Der Mensch ist wunderbar erschaffen“. In der Sünde hat sich der Mensch selbst deformiert: „Homo horribiliter deformatus“.

In der Heiligen Nacht nimmt das Urbild Gott in Jesus Christus die Gestalt des Abbildes an. Gott wird Mensch. Das Urbild geht ein in das Abbild.

Die betende Kirche sagt darum voller Ergriffenheit und Freude: „Mirabilius reformatus“, das heißt, der Mensch wurde durch das Kommen Christi noch wunderbarer erneuert, als er erschaffen worden ist.

Das verändert unser Dasein. Gott selbst identifiziert sich mit uns, sodass er als der Menschensohn sagen kann: Wer mich sieht, sieht den Vater (vgl. Joh 14,9). Und der Mensch darf nun sagen: Wer mich sieht, sieht den Sohn. Deshalb dürfen wir feststellen: Wer es mit dem Menschen zu tun hat, hat es letztlich immer mit Gott zu tun.

Der Mensch ist Träger von Rechten, von so genannten Menschenrechten, die göttlichen Rang haben. Der Mensch ist der Weg Gottes durch die Geschichte, sagte uns Papst Johannes Paul II. Er geht von der Formie-rung über die Deformierung des Menschen zur Reformierung, indem Gott selber Mensch wird, damit der Mensch wie Gott werden kann. Der Mensch kann seit Weihnachten deshalb gar nicht mehr hoch genug von sich selber denken. Er kann auch gar nicht mehr ehrfurchtsvoll genug dem anderen Mitmenschen begegnen.

Das wird doch in diesen weihnachtlichen Tagen auch ein wenig Realität, indem wir uns besuchen und begrüßen, denn es darf kein Mensch allein gelassen werden. Weil Gott ja nicht allein ist, kann es auch der Mensch nicht sein.

Wir feiern Weihnachten die Geburt Christi, und wir feiern Weihnachten, damit unsere eigene Wertsteigerung bis in die Gottebenbildlichkeit hinein. Zu dieser Berufung und Begnadigung können wir Menschen uns nur beglückwünschen.

Dazu gibt es keine Parallele in der Welt und keinen Ersatz auf der Erde. Und so führt uns der Weg von Bethlehem als erneuerte Menschen in eine alt gewordene und gefährdete Welt zurück, um ihr zu verkünden: „Heute ist uns und euch in der Stadt Davids der Heiland geboren, Jesus Christus, unser Herr!“. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

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