04 September 2010, 13:05
Psychologie der Beichte
 
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Das Sakrament der Versöhnung ist übler Nachrede ausgesetzt - bis hin zur "ekklesiogenen Neurose". Warum das falsch ist und der Mensch Schuld los wird, indem er sie annimmt, erklärt eine kleine Seelenkunde von Raphael Bonelli / Die Tagespost.

Wien (kath.net/DT) In der klassischen Psychotherapie sind Schuldgefühle von vielen Schulen mit Pathologie gleichgesetzt worden. Und das ändert sich leider nur sehr langsam, wenn auch moderne Psychotherapeuten hier wesentlich mehr Offenheit erkennen lassen.

Selbstverständlich gibt es psychopathologische Phänomene, etwa im Laufe einer Depression, eines Wahns, einer Neurose oder einer selbstunsicheren Persönlichkeit, im Rahmen derer sich Patienten dann zu Unrecht schuldig fühlen. Aber das sind krankhafte Ausnahmen.

Normalerweise hat man Schuldgefühle, weil man eben schlichtweg schuldig geworden ist. Man hat sich für das Schlechte entschieden, obwohl man das Gute hätte tun können. Die persönliche Schuld ist kein Gefühl - sie hat nur häufig ein Gefühl zur Folge, wenn das Gewissen noch intakt ist. Die Einsicht in die eigenen Fehler ist ein Erkenntnisakt mit emotionaler Begleitmusik.

Sie setzt eine Grundbereitschaft zur Selbsterkenntnis voraus, die man Demut nennt. Dem Psychotherapeuten steht zwar das Urteil zwischen Gut und Böse nicht zu, weil er keine richterliche, sondern eine therapeutische Funktion hat - aber das bedeutet nicht, dass im menschlichen Leben keine moralische Dimension existiert.

Diese beiden Spielarten von Schuldgefühlen könnten in der medizinischen Terminologie als physiologisch und pathologisch beschrieben werden. Der Ausdruck „physiologisch“ wird in der Medizin oft im Sinne von beim gesunden Menschen auftretend, normal, nicht krankhaft verwendet; „pathologisch“ heißt unzweckmäßig, dysfunktionell, unphysiologisch, krankhaft.

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Wie beim Schmerz gut erkennbar ist, hat die Physiologie den Sinn, auf etwas aufmerksam zu machen, was dem Körper nicht gut tut. Dieses Warnsignal macht damit bewusste Heilungsprozesse überhaupt erst möglich. Der pathologische Schmerz hingegen ist sinnlos, sozusagen ein „Fehlalarm“ des Körpers.

Schuldgefühl ist analog dazu ein Schmerzempfinden der Seele, das Schaden anzeigt. Dieses Bild aus der Medizin veranschaulicht aber auch, dass die prinzipielle Unfähigkeit, Schmerz zu empfinden, ein lebensgefährliches Defizit ist. Und tatsächlich: generell fehlende Schuldgefühle machen den Menschen zum Ungeheuer, wie die Geschichte eindrucksvoll bewiesen hat.

In der Theologie wiederum sind die Begriffe „rechtes“ und „irriges Gewissen“ artverwandt. Gesunde Schuldgefühle werden für religiöse Menschen durch die Beichte behandelt, indem hier die zugrundeliegende Schuld ursächlich angegangen wird; pathologische Schuldgefühle durch die Psychiatrie bzw. Psychotherapie, da hier die von der Emotion angezeigte Schuld nicht vorliegt.

Es ist ein Manko der alten Psychotherapie, dass sie vielerorts “physiologische“ Schuldgefühle psychologisiert (d.h. pathologisiert), und so den Weg zu einer Bekehrung und damit Besserung verstellt hat. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Psychotherapeuten hat aufgrund ihres Weltbildes gar keinen Platz für so etwas wie reale Schuld.

Wenn der Mensch materiell determiniert ist - wie etwa Sigmund Freud meint - dann gibt es logischerweise weder Freiheit noch Verantwortung. Mit diesem Reduktionismus wird der Täter zum Opfer umgedeutet und wälzt so seine Schuld auf psychologische Umstände („ich konnte nicht anders“) oder gar auf andere Personen (klassischerweise die „Erziehungsfehler“ der Eltern) ab.

Mit der reflexartigen Fremdbeschuldigung entwickelt sich aber eine Dynamik der angeblichen eigenen Fehlerlosigkeit, die der Mensch nur mit mühsamer Anstrengung in kontinuierlichem Selbstbetrug durchhalten kann. In psychoanalytischer Terminologie nennt man diese Anstrengung „Verdrängung“. Die Opfermentalität führt zudem oftmals direkt in die Verbitterung: Täter sind immer nur die anderen, und „ich bin der Ärmste“.

Dieses Nicht-wahrhaben-wollen der eigenen Fehlerhaftigkeit ist neurotischer Perfektionismus; dieser verwechselt christliche Vollkommenheit mit Fehlerlosigkeit. Der perfektionistische Neurotiker glaubt, er dürfe sich keine Fehler erlauben. Er will sich folgerichtig auch nicht bessern (denn wie soll sich denn einer bessern, der keine Fehler hat?), er sucht nur Bestätigung, dass er ohnehin alles richtig macht. Damit ist für ihn aber jede Normgebung schon eine Infragestellung seiner selbst und wird letztlich als existentielle Bedrohung erlebt.

Das aufgeregte was-geht-den-Papst-an,-was-ich-im-Schlafzimmer-mache?-Phänomen ist hierfür ein beredtes Beispiel. Dadurch, dass der Neurotiker am eigenen Anspruch der Fehlerlosigkeit scheitern muss, bildet sich oftmals eine mangelhaft hinterfragte Aggression, die sich in diffuser Religionsfeindlichkeit und undifferenzierter Kirchenkritik entlädt.

Der kleinste Fehler eines Glaubensrepräsentanten wird hysterisch zum Skandal hochstilisiert, denn dieser steht für das eigene schlechte Gewissen, das durch unbewusste Minderwertigkeits- und Schuldkomplexe verstärkt wird.

Tatsächlich aber ist die Botschaft der Kirche hier eine psychodynamische Befreiung aus dieser Enge: „Jeder Mensch wird schuldig.“ Mit der kirchlichen Empfehlung der häufigen Beichte ist klargestellt, dass jeder Mensch Fehler macht, ja jeder sündigt. Es ist also normal und menschlich, Sünden zu begehen, und es gibt auch ein Mittel zur Reinigung: die Absolution nach der persönlichen Umkehr.

Neben der wichtigeren sakramentalen Dimension hat sie natürlich auch eine psychodynamische Ebene. Denn zur theologischen Bedeutung – der Vergebung der Schuld durch Gott – kommt die psychologische Wirkung: die Möglichkeit, das Drückende der Schuldgefühle abzuwerfen. Durch Integration in das Ich („auch das bin ich“) löst sich die Schuld mit Bekenntnis und Vergebungsbitte auf. Das ist eine erhebliche Erleichterung für den zwischen Selbstanspruch und (verdrängter) Realität zerrissenen Perfektionisten. Dass es so etwas wie Beichte gibt, macht es überhaupt erst möglich, dass sich der Mensch auf die - letztlich psychodynamisch riskante - Selbstreflexion, Reue und Umkehr einlassen kann.

Das Aussprechen der eigenen Schuld vor einem bevollmächtigten Dritten - ohne Beschönigen, Herumgerede und Fremdbeschuldigungen - ist deshalb aus gläubiger Sicht heilsrelevant und psychologisch gesehen heilsam. Das mutige „Ich habe gesündigt“ klärt die eigene Beurteilung der Tat, kann sich von ihr distanzieren und sie gleichzeitig unverdrängt, aber bewältigt stehen lassen.

Schuld wird man eben genau dadurch los, indem man sie annimmt. Indem man sich auf die Infragestellung seiner selbst einlässt, setzt man einen psychodynamisch heilsamen Prozess in Gang. Der Beichte folgt die Wiedergutmachung erkannter Schuld (Sühne), die wiederum zu einer vertieften Selbsterkenntnis und Reue führt.

Reue ist innere Umkehr und Neuorientierung. Dadurch entwickelt sich gegen die - letztlich unvernünftige - Sünde eine affektive Aversion, die mit größerer Leichtigkeit von der Sündenanhänglichkeit Abstand gewinnen lässt.

Man kann durchaus sagen, dass dieser Prozess die persönliche Freiheit vergrößert. Denn die Gewöhnung an die Sünde wirft den Schleier des Unbewussten über die eigene Schlechtigkeit: der lasterhafte Mensch wähnt sich fehlerfrei, der Heilige hat eine gesunde Sensibilität dafür entwickelt.

Die Beichte ist psychologisch gesehen die Möglichkeit, durch mutige Gewissenserforschung in die Abgründe des Halbbewussten und sogar Unbewussten herabzusteigen und schwelende innere Konflikte durch bewusstes pointiertes Aussprechen vor einem Vertreter Gottes zu neutralisieren.

Sigmund Freud hat scharfsinnig beschrieben, dass die neurotische Kränkung dort Platz greift, wo das idealisierte Selbst sich zu sehr vom realen Ich entfernt. Das heißt, je mehr sich jemand ein geschöntes Bild von sich selber zurechtlegt, umso eher ist er kränkbar, wenn er mit der Realität konfrontiert wird.

Durch das Sündenbekenntnis können so die schmerzhaft verdrängten Anteile des nicht-sein-können-weil-nicht-sein-dürfen der eignen Schuld wieder heilsam in das Bewusstsein integriert werden, wodurch auch der Neurotizismus einer Person reduziert wird, weil weniger Verdrängungsarbeit notwendig ist.

Hier ist auch der von manchen Laien gerne zitierte Begriff der sogenannten „ekklesiogenen Neurose“ zu erwähnen, mit dem 1955 der Gynäkologe Schaetzing fälschlicherweise psychiatrische Krankheiten mit der kirchlichen Verkündigung kausal verknüpft hat.

Dieses Konstrukt gilt in der modernen Psychiatrie als obsolet. Gerade eine klare sittliche Forderung in allen Bereichen des Lebens gibt den Menschen die Möglichkeit, ihre Verdrängungen aufzuweichen, die eigene Schuld einzugestehen und sich so von einer oft nur halbbewusst wahrgenommenen Last zu befreien.

Dass die Leidenschaft oftmals in eine andere Richtung - nämlich die der kurzfristigen Befriedigung - treibt, macht die Stimme der Kirche umso notwendiger, um im intrapsychischen Prozess die hinterfragende Vernunft und die Eigenreflexion zu stärken. Zu Recht haben die psychiatrischen Fachgesellschaften jedenfalls den Begriff der „ekklesiogenen Neurose“ niemals anerkannt.

Es neurotisiert nicht - wie jahrzehntelang eine psychologisierende Pastoral gepredigt hat - eine hohe moralische Forderung, sondern der Selbstanspruch auf Fehlerlosigkeit, der keine Fehlerdefinition mehr zulassen kann, weil das Heilmittel - die Beichte – im Alltagsleben praktisch abgeschafft oder persönlich aufgegeben wurde. Denn erst das Sakrament der Versöhnung macht die christliche Forderung lebbar.

Christliche Vollkommenheit setzt das eigene Sündenbekenntnis voraus. Die Abschaffung des Sündenbegriffs, um die neurotische Selbstgerechtigkeit zu befriedigen, ist mit einer anstrengenden Verdrängungsarbeit der eigenen Fehlerhaftigkeit verbunden, die sich in Aggressionsdurchbrüchen gegen kirchliche Normen Erleichterung schafft.

In diesem Zusammenhang ist auch der antiquierte Slogan aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ kritisch zu hinterfragen. Was wird hier genau als bedrohlich erlebt - und warum?

Ein Mensch, der regelmäßig beichtet, erreicht im Normalfall einen hohen Grad an Selbsterkenntnis, weil er die Fähigkeit entwickelt, seine Emotionen, Gefühle, Leidenschaften und Taten zu hinterfragen und mit seiner Vernunft zu beurteilen. Er hat sich die Kompetenz angeeignet, seine Reflexionsfähigkeit über sein momentanes Empfinden zu stellen.

Damit muss er auch die eigene Tat nicht mehr als schicksalshafte Begebenheit erleben, sondern kann sie einer rationalen Beurteilung unterziehen. Das führt zu einem gesunden Selbstbewusstsein, das im Bewusstsein der Gotteskindschaft wurzelt.

Daraus resultiert letztendlich die Haltung einer großen Dankbarkeit gegenüber einem gütigen Gott, der Sünde verzeiht. Solche Menschen können dann auch selber besser verzeihen und leben dadurch insgesamt froher.

Univ.-Doz. Dr. med. Dr. scient. Raphael M. Bonelli ist Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin (systemischer Psychotherapie) und Facharzt für Neurologie. Er ist auch Vortragender bei der Fachtagung „Psychotherapie & Beichte“ am 16.10.2010 im Stift Heiligenkreuz: www.rpp2010.org

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Foto: (c) privat







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