16 Juli 2010, 13:22
Warum Dr. Prantl (k)ein 'Hau den Lukas' der Journalisten ist
 
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Ein Kommentar zur "Laudatio" von Dr. Heribert Prantl (Süddeutschen) anlässlich der Verleihung des Kritik-Preises der Journalistenvereinigung "Netzwerk Recherche e.V." an die katholische Kirche - Ein Kath.Net-Kommentar von Dr. Veit Neumann

Regensburg (kath.net
Oftmals in der Geschichte schießen Kritiker der Kirche über ihr Ziel hinaus, zumal nicht selten in dem Falle, dass sie in Kindheit und Jugend durch die Kirche geprägt wurden. Und im Widerspruch zur Lehre des von ganz unterschiedlichen Seiten bekämpften Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) verlieren sie sich in Maßlosigkeit, was die Schärfe ihrer Angriffe betrifft. Religion betrifft das Wesen, das Innerste des Menschen, im guten wie im unguten. Das Konzil aber sagt: „Die Laien sollen das, was die geweihten Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer und Leiter in der Kirche festsetzen, in christlichem Gehorsam bereitwillig aufnehmen nach dem Beispiel Christi. Sie sollen auch nicht unterlassen, ihre Vorgesetzten Gott zu empfehlen, die ja wachen, um Rechenschaft für unsere Seelen zu geben, damit sie das mit Freude tun können und nicht mit Seufzen“ (Lumen Gentium 37). Und nicht mit Seufzen! Statt dessen aber trüben immer wieder Affekte den Blick mancher Kritiker, bis die Perspektive durch und durch ideologisch ist. Der Franzose Ernest Renan (1823-1892), einst auf dem Weg zum katholischen Priestertum, ist ein instruktives, aber trauriges Beispiel dafür.

Die Beschreibung scheint in mancherlei Hinsicht auch zuzutreffen im Falle von Dr. Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik der „Süddeutschen Zeitung“, der am vergangenen Wochenende in Hamburg eine „Laudatio“ anlässlich der Verleihung des Kritik-Preises der Journalistenvereinigung „Netzwerk Recherche e.V.“ gehalten hat, wobei es angemessener wäre von einer „Contemptio“ zu sprechen, einer „Opprobratio“ oder gleich einer „Contumelia“ – einer Schmährede. Prantl nennt Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller von Regensburg ein „Fiasko“. Seine Person vergleicht er mit der Bedeutung der gescheiterten Wiederaufbereitungsanlage in der Oberpfalz für die Christlich-Soziale Union (CSU). Punkt 1 im Medienkodex des Netzwerks Recherche, bei dem Dr. Prantl sprach, hebt im übrigen immerhin hervor, „Journalisten achten Menschenwürde und Persönlichkeitsrechte“.

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Allerdings offenbart schon die Tatsache, wie Prantl mit der Kritik des Bischofs am Missbrauch der Pressefreiheit durch Journalisten umgeht, eine umfassende Ideologisierung: der „Laudator“ unterstellt dem Bischof in diesem Zusammenhang eine „Verfluchung“. Von journalistischer Ausgewogenheit und Objektivität kann auch in seinen weiteren Ausführungen kaum die Rede sein. In der Contemptio geht es nicht um sachliche Auseinandersetzung, sondern um eine Abrechnung immer wieder mit bwz. gegen den Regensburger Bischof, gegen dessen Person sich die Kritik vor allem richtet. Der „Laudator“ erklärt, er „widme“ diese Auszeichnung „pars pro toto“ Bischof Dr. Müller, „dem Bischof meiner Heimatdiözese“, wobei Verwirrung herrscht in der Frage, an wen sich die Auszeichnung nun in Wirklichkeit richtet: Denn Prof. Dr. Thomas Leif, Vorsitzender von „Netzwerk Recherche“, erklärte in einer eigenen Pressemitteilung, die „Verschlossene Auster 2010“ gehe an die Deutsche Bischofskonferenz (DBK). Im folgenden Satz teilte er sodann mit, die „Auszeichnung“ richte sich 2010 an die „Katholische Kirche“.

Dr. Prantls Vortrag selbst in die Gattung Polemik einzuordnen wäre verfehlt. Echte Polemik zumal in Sachen Kirche erfordert Mut zum Außenseitertum. Hier allerdings wird vom Vertreter eines medialen Meinungsführers der Mainstream bedient, und das in Anwesenheit mehrerer hundert Journalisten. Einmal mehr wird deutlich: Gradlinigkeit und Eigenstand (eines Bischofs) gegenüber der veröffentlichten Meinung haben Konsequenzen - der Text erinnert an eine öffentliche Hinrichtung, Schmach und Schande. Ist es die Aufgabe eines Journalisten, einen Bischof zum „Fiasko“ zu machen?

Bei der Beantwortung dieser Frage kann Polemiker Georges Bernanos mit einem der zentralsten Sätze seines gesamten Werkes weiterhelfen: „La colère des imbéciles remplit le monde ...“ (was hier nicht übersetzt werden soll. Auf alle Fälle erinnert es an den Beginn von Psalm 2).

Zurecht unterstreicht Dr. Prantl die Bedeutung der Pressefreiheit. Sollte dieses hohe und oft gefährdete Gut allerdings nicht durch rechtsstaatliche Prinzipien gestützt werden? Der „Laudator“ wendet sich dagegen, dass sich das Bistum Regensburg rechtsstaatlicher Mittel bedient und gegen erwiesenermaßen falsche Tatsachenbehauptungen zur Wehr setzt. Das Erwirken einer Unterlassungserklärung gegen ein Online-Portal qualifiziert Dr. Prantl, selbst Jurist, mit der Behauptung ab, das Bistum wolle „Kritiker zum Schweigen bringen“. Ist es nicht bare Selbstverständlichkeit, glatte Lügen im öffentlichen Raum zurückweisen zu dürfen?

Einem Journalisten, der wie Dr. Prantl die katholische Kirche unter dem Gesichtspunkt der Macht betrachtet, darf die berechtigte, aber tabuisierte Frage nach der Kontrolle der Journalisten ihrerseits gestellt werden, zumal das „Netzwerk Recherche“, bei dem er die „Contemptio“ hielt, die Problematik der Ökonomisierung der Medien durchaus erkannt hat. Bedauerlicherweise lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass manche Medien in der Bundesrepublik Deutschland als eine Art Staat im Staate handeln. Wer gezielt Meinungsklima herstellt, Gepflogenheiten öffentlicher „Verfahren“ festlegt und sie dann initiiert, das Maß der Ahndung und Ächtung durch die öffentliche Meinung bestimmt und schließlich auch noch Sanktionen an den „Betroffenen“ medial ausführt oder wenigstens hingebungsvoll begleitet, der gerät ins Zwielicht, das zu unterminieren, was er zu verteidigen vorgibt: die Gewaltenteilung. Sind Opfer der medialen Maschinerie in Deutschland, die es sicher gibt und die sogar der ansonsten biedere Reinhard Mey besingt („Hast du noch nicht gesehen, was in der Zeitung steht?“), allein bedauerliche Betriebsunfälle? Oder sind Journalisten einschlägiger Medien Götter an der Tastatur? Fragen über Fragen ...

Nun ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf das „Netzwerk Recherche“, das ja die „Auszeichnung“ verleiht, von einigem Interesse. Bei der Vorstellung seines neuen „Medienkodex“, der in Absetzung vom „Pressekodex“ ein neues journalistisches Leitbild etablieren möchte, spricht man sich sehr vielsagend gegen die „komplizierte juristische Fremdkontrolle der Presse“ aus. Was setzt das „Netzwerk“ an seine Stelle? „Wir vertrauen auf eine sinnvolle, ethisch fundierte Selbstkontrolle der Journalisten“, heißt es. Auf welchen Werten dies beruhen soll, bleibt, wie viele andere Fragen auch, neuerlich offen.

„Der Regensburger Bischof hat den Journalisten, die über die Regensburger Domspatzen recherchierten, öffentlich ,kriminelle Energie´ bescheinigt“, kritisiert der Laudator. Wer allerdings einmal Zeuge des Eindringens von Fotografen auf der Suche nach „optimalen Bildern“, womöglich noch im Schlafbereich der Domspatzen, geworden ist, wird die Kritik des „Laudators“ unter Umständen anders sehen.

Was Dr. Prantl außerdem nicht gefällt, ist folgende Aussage des Bischofs über Journalisten: „Gegen die Kirche wird gezischt, als ob man gerade in einem Gänsestall die Gänse aufgeweckt hätte´“ – im übrigen gar kein schlechtes Bild, zumal eines, das die vermeintliche Erhabenheit journalistischer Kommunikation einmal in die Wirklichkeit zurückholt („erdet“) und gängige Kommunikationspraxis recht anschaulich vor Augen führt. Die Journalisten-Community als schnatternder Gänsestall – ridentem dicere verum quid vetat? (Was kann den Lachenden daran hindern, die Wahrheit zu sagen?) Das fragte schon Horaz in seinen Satiren.

Allerdings grenzt so ein eindrückliches Bild an Majestätsbeleidigung, und so etwas können deutsche Meinungsfürsten nicht mögen wollen. Wer denkt da nicht an den mit mancher Erfahrung ausgestatteten Publizisten Peter Seewald, der erst im vergangenen März schrieb: „Wehe, jemand hebt schüchtern die Hand, ob denn wirklich auch alles so stimme, wie es berichtet wird, dann kommt die gewaltige Dampfwalze journalistischer Selbstgerechtigkeit. Das Imperium schlägt zurück, der Einwender wird platt gemacht. Schuldig des Vergehens der ,Medienschelte´. Denn so schlagkräftig die Damen und Herren von der Presse gerne austeilen, so mimosenhaft sind sie, wenn es darum geht, auch selbst einmal Kritik einzustecken. Was für eine Gelegenheit, mit Krokodilstränen in den Augen aufzuschreien: Vertuschung, Ablenkung, üble Verteidigungslinie.“

Prantl, weiter im Text: „Es wird bei dieser Medienschelte, bei dieser Verfluchung so getan, als seien die Skandale nicht in der Kirche entstanden, sondern ihr von außen angetan worden.“ Das nun ist Bischof Gerhard Ludwig Müller wahrlich nicht zuzuschreiben, der immer wieder seine große Bestürzung darüber ausgedrückt hat und ausdrückt, dass sich Missbrauch in der Kirche vollzieht. „Viel zu lange hat sich die Kirche selbst beweihräuchert, hat ihrem Nimbus das Wohl der Menschen untergeordnet und sich für sakrosankt erklärt, hat Gehorsam befohlen und Gefolgschaft reklamiert, hat vertuscht, was nicht zum Bild von ihr passte.“ Seltsamer Kontrast, wenn man die Selbstaussagen der Kirche zugrundelegt: „Da wir aber in vielem alle fehlen (vgl. Jak 3,2), bedürfen wir auch ständig der Barmherzigkeit Gottes und müssen täglich beten: Und vergib uns unsere Schuld“ (Lumen Gentium 40).

Ebenfalls seltsamer Kontrast zu Bischof Gerhard Ludwig Müllers Predigten, in denen er nicht müde wird, dogmatisch völlig zutreffend auf die Kirche als Kirche der Heiligen und der Sünder hinzuweisen. Entspricht es allerdings journalistischer Sorgfaltspflicht und der geforderten Objektivität, einzelne Aussagen des Bischofs aus dem Gesamtzusammenhang herauszunehmen und derart isoliert in alle möglichen Argumentationszusammenhänge hinein zu ent- bzw. verfremden?

Bei allem Verständnis für Zuspitzung und Pointe: Sollten manche Journalisten ihr Verkleistern und Verschieben von Zitaten, wie sie eben in die Dramaturgie eines Artikels passen, nicht lieber durch einen geschärften Blick für die Zusammenhänge ersetzen? Vielleicht hätte man kurzfristig weniger Effekt, aber mittel- und langfristig bedeutete dies ein Mehr an Gehalt.

Dabei sind Zusammenhänge durchaus kein schmückendes Beiwerk, sondern von großer Tragweite, was auch für Dr. Prantls Hinweis gilt, Bischof Müller sehe „die Kirche einer Verfolgung ausgesetzt wie unter dem Nationalsozialismus“. Sollte hier nicht wenigstens einmal erwähnt werden, dass NPD-Flugblätter in der Oberpfalz kursieren, die Schmähschriften gegen das Oberhaupt des Bistums zum Inhalt haben? Dass in der Vergangenheit mehr als einmal bereits der Eindruck erweckt wurde, wer treu zur Kirche stehe, der stelle sich „bewusst in die Reihen der Kinderschänder der widernatürliche Unzucht treibenden über 1000 Patres verschiedener Orden (...)“, wie etwa aus Flugblättern zu erfahren war, die vor Fronleichnam 1937 verbreitet wurden? Dass Journalisten bei Wortgleich- oder Ähnlichkeiten heute hellhörig werden müssten, mögen sie nun nicht gerade in ihr Konzept oder gar Weltbild passen? Dass römische Theologie, um deren inneren Wert Bischof Gerhard Ludwig Müller durchaus weiß, ob ihrer rationalen Klarheit und Ausrichtung an der Tatsache des Naturrechts von vornherein jeden nationalsozialistischen Rassismus ausschließen musste?

Dass Nuntius Eugenio Pacelli, der spätere Pius XII., Kandidaten für das Bischofsamt im Deutschen Reich nicht zuletzt wegen ihrer Prägung durch eine solche römische Theologie favorisierte? Dass eine Überschrift wie „Der Papst schweigt“ eine leicht durchschaubare Instrumentalisierung historischer Zusammenhänge ist?

Der heilige Franz von Sales, den Dr. Heribert Prantl zurecht und erfreulicherweise als den Patron der Journalisten und der Gehörlosen vorstellt, er solle, so Prantl, gebeten werden, sich der katholischen Kirche anzunehmen. Das ist gute katholische Lehre, denn die Heiligen sorgen sich immer um die Kirche und treten gerne für die Gläubigen ein. Die Ankündigung, für jemanden beten (lassen) zu wollen, der Dinge anders sieht, kann allerdings gleichermaßen eine der subtilsten Unverfrorenheiten menschlicher Kommunikation überhaupt sein.

Das stellte bereits Manfred Lütz in seinem Bestseller „Der blockierte Riese“ (1999) fest. Wenn es in Zukunft wieder einmal um die Vergabe einer „verschlossenen Auster“ gehen sollte, wäre statt dessen zu überlegen, ob eine solche Vergabe nicht gleich unter der Patronage des heiligen Hypocritius stehen sollte ...

Wie aber soll es nun weitergehen? Dr. Prantls „Fiasko“-Aussage über Bischof Müller macht das immer nötige Gespräch miteinander wenn nicht gar unmöglich, so doch bedauerlicherweise sehr sehr schwer. Wir selbst sehen deshalb lieber einmal davon ab, Herrn Dr. Prantl mit dem wenig schmeichelhaften Epitheton eines „Hau den Lukas der Journalisten“ zu bezeichnen. Denn auch wenn Friedrich Nietzsche die Journalisten als die „papiernen Sklaven des Tages“ bezeichnet, hat Herr Dr. Prantl es doch eigentlich gar nicht nötig, sich derart aufzumanneln. Und ein Titel wie der „Hau den Lukas unter den Journalisten“ stünde denn wohl doch in einem zu großen Widerspruch zum Werbeslogan, der allmorgentlich im „Bayerischen Rundfunk“ zugunsten der „Süddeutschen Zeitung“ zu hören ist, mit geheimnisvoller Sphärenmusik im Hintergrund: „Seien Sie anspruchsvoll!“

Dr. Veit Neumann ist Mitarbeiter der Pressestelle des Bistums Regensburg

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