26 Mai 2010, 08:38
Priesterliche Gratwanderungen
 
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Seelsorge kann zu Loyalitätskonflikten führen - Die Aussagen im Credo über die eine Kirche bieten Hilfe zur Reflexion - Von Klaus Berger / Die Tagespost

Würzburg (kath.net/Tagespost)
Im „Priesterjahr“ ist es wohl einmal nötig, zu bedenken: Es gibt das, was man seelsorgerlichen Erfolg nennt, und es gibt andererseits etwas, das damit oft genug im Streit liegt: die Bewahrung der Substanz und der Identität. Jeden Tag muss ein Priester oft genug zwischen beidem entscheiden, und zwar auf verschiedenen Ebenen: Da tritt ein Abtprimas unter Schlagerstars auf, aber die klösterliche Klausur, die auch für den Abt gilt, leidet empfindlich darunter. Dass ein Abt schöne, bewegende Lieder singt, ist nicht etwa schlecht, sondern bedeutet vielen Menschen etwas; Musik ist eine Himmelstochter. Doch den Sinn der Klausur verstehen viele nicht mehr.

Oder so: Die Arbeiterpriester waren nach dem Zweiten Weltkrieg ein Experiment. Priester waren unter gewöhnlichen Arbeitern den Tag über tätig. Das war gut, weil sie den Menschen nahe waren. Aber für die priesterlichen Aufgaben blieben oft nur Minuten.

Und das Umgekehrte: Menschen leben ihren Glauben aus vollem Herzen und untadelig. Aber weder die Nachbarn noch die Kinder nehmen etwas davon an. Der Glaube wirkt nicht zündend, sondern treibt in das Ghetto. Die Kinder sagen den Eltern dann bisweilen, sie seien eben von gestern oder von vorgestern. Oder es geschieht, was wir jedes Jahr erleben. Ein traditionsreicher Orden mit großen Zielen und großen Verdiensten, ein Orden, der viele große Heilige hervorgebracht hat, geht sang- und klanglos einfach ein. Denn sein Feuer konnte nicht weitergegeben werden. Schwestern aus Indien sind oft der einzige Trost. Auch in meiner Straße leben solche, und jedermann ist dankbar dafür. Aber was ist mit unseren eigenen Kindern? Oder wieder umgekehrt: Die Piusbrüder haben volle Kirchen und volle Beichtstühle, also seelsorgerlichen Erfolg. Aber wie zum unheiligen Ausgleich zerstören sie die Einheit der Kirche, wenn sie gegenüber dem Papst offen ungehorsam sind.

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In allen Beispielen geht es um die Frage nach dem Verhältnis von Erfolg oder Misserfolg einerseits und der Bewahrung der Identität, des Charakters und der Eigenart einer Tradition andererseits. Priester legten seit 50 Jahren die priesterliche Kleidung ab, um den Menschen nahe zu sein, und viele Menschen haben es auch so empfunden. Aber damit verschwand ein Stück Zeugnis für das Evangelium aus unseren Straßen. Mäusegrau und unauffällig kann die Botschaft nicht sein.

Menschen wollen Priester, die ihnen nahe sind

Es war lange Zeit üblich, das, was ich hier "Erfolg" genannt habe, misstrauisch zu betrachten oder schlecht zu reden. Der Priester, der den Menschen nahe sein wollte, galt als einer, der sich anbiedert. Aber mittlerweile hat die Abstimmung der Menschen mit den Füßen ergeben, dass diese weite Öffnung für den seelsorgerlichen "Erfolg" für viele Menschen in der Mitte und am Rande der Kirche ein Zeichen ist, auf das sie nicht verzichten können. Die Menschen meinen es wirklich ernst mit ihren Forderungen, die Kirche sollte moderner werden. Und wenn sie das nicht wird oder werden kann, bleiben sie weg. Es ist wie ein Teufelskreis: Die Menschen fordern oder erwarten ein Aufgeben alter Bastionen oder Positionen, und wenn sich ihre Forderung nicht erfüllt, bleiben sie weg. Und wenn die Wünsche erfüllt werden, bleiben sie dann bald noch viel schneller weg, weil jeder Wunschzettel im Prinzip endlos ist.

Damit ich dieses keinen Tag übersehe, habe ich in mein griechisches Neues Testament, also mein Haupt-Arbeitsbuch, den Zeitungs-Leserbrief einer katholischen Frau gelegt, die beklagt, in ihrer eigenen Kirche fühle sie sich nicht wohl und nicht angenommen, weil die katholische Kirche den Frauen die Menschenrechte verweigere; sie meinte die Priesterweihe. Ein theologisches Problem ist das jedenfalls für mich nicht, aber ein seelsorgerliches ist es für die Kirche. Denn diese Frau fühlt sich wirklich alleingelassen, und sehr viele verlassen deshalb die Kirche. Als Theologe bin ich empört über solche Dummheit. Aber für diese Frau ist es ihr Leben. Als Theologe sage ich aus der Erfahrung von 2000 Jahren Kirchengeschichte: Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, wird bald als Witwer dastehen. Aber was heißt "bald"? Unser Leben ist kurz, und diese Frau kann nicht warten bis zum Ende aller zeitgenössischen Irrtümer. Sie läuft weg aus gefühlter Vernachlässigung und Missachtung. Wir sagen immer, das Aufgeben von Identität halte nicht auf Dauer. Aber wo es geschieht, brummt der Erfolg. Wir sagen: Das ist nur für eine Zeit. Aber die Menschen sterben darüber.

In biblischer Sprache formuliert: Dort, wo nach unserem Eindruck der Baum gut ist - wie fromme Eltern, ein eindrucksvoller Orden -, sind die Früchte oft lächerlich. Der Baum stirbt. Und es liegt nicht an ihm, er ist überfordert. Der gute Baum kann nicht gleichzeitig im Saft der Tradition stehen und sich voll und ganz liebevoll auf die Jugend von morgen und ihre Bedürfnisse und Wünsche konzentrieren. Aber tut er es nicht, bedient er nicht, dann bleibt die Jugend gnadenlos zuhause.

Wegen der Bedeutung der Sexualität für uns Menschen ist der Zölibat katholischer Weltpriester für unglaublich viele Menschen ein Problem, die ihn doch gar nicht halten wollen oder müssen. Man sagt: Die Kirche solle sich nicht auf die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen einlassen. Gäbe es eine Volksabstimmung über das sechste Gebot, dieses Gebot würde fallen - unter dem großen Beifall der Medien. Der Erfolg wäre wie bei einer Anti-Steuer-Partei. Und es gilt: Wer die Menschen durch Fremdheit abschreckt, begibt sich der Chance, dass das Evangelium sie überhaupt noch je erreicht.

Gibt es Regeln für die Gratwanderung? Wo soll man nachgeben, wo derselbe bleiben? Die Kommunikations-Wissenschaft kennt für das Übersetzen, also die Weitergabe von Zeichen an andere, drei Loyalitäten: Gegenüber den Autoren der Ausgangstexte (hier: Bibel und kirchliche Tradition), gegenüber den Adressaten der Übersetzung (hier: gegenwärtige Menschen) und gegenüber dem Auftraggeber (hier: Bischof und Weltkirche). Der Weg zwischen diesen Loyalitäten ist eine Gratwanderung. Es ist nicht von vornherein klar, nur der Tradition oder nur den Wünschen der Jugend oder nur dem zu folgen, was „von oben verordnet“ ist. So wird man unterscheiden müssen zwischen dem, was das Glauben erleichtert (etwa eine gute Erklärung) und dem, was ihn einebnet, zwischen bloßer Laxheit und dem, was überflüssige Lasten sind, die man den Menschen nicht zusätzlich aufbürden sollte (Klärung im Beichtstuhl), zwischen dem, was nur Show ist und andererseits mütterlichen Zügen der Kirche. Vor 50 Jahren und zum Teil bis heute meinen Priester freilich oft, Menschen seien schon gewonnen, wenn ein Priester erkennen lässt, dass er auch nur ein Mensch ist. Was sicher überhaupt nicht reicht.

Kriterien für die Gratwanderung gibt das Credo selbst in den Aussagen über die Kirche, die die eine sein soll und heilig, katholisch und apostolisch. Es gibt nur eine Kirche und nicht mehrere; Christus hat keinen Harem, sondern eine Braut. Katholisch ist die Kirche, das heißt: Keine Neuerung darf die Einheit stören; die sichtbare Einheit ist das höchste Gut. Apostolisch heißt sie, weil frühere Generationen und besonders die der Apostel sich in ihr wiedererkennen können müssten. Das auch im christlichen Alltag wichtigste Kriterium ist die Heiligkeit. Das heißt: Hier bestimmt Gott, und die Menschen sind durch heilige Scheu gehindert, einzugreifen. Unser Wunsch zu manipulieren und zu verändern wird hier radikal gebremst. Heiligkeit heißt: Zieh die Schuhe aus, hier ist dein Wunsch, alles zu machen, zuende. Der Verlust der Heiligkeit auch in der liturgischen Erfahrung wird von vielen Menschen mit Recht als die bitterste und schmerzlichste Veränderung der letzten 50 Jahre gesehen. Der aus meiner Sicht bislang steilste Fall, der alle Kriterien verletzt: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken wollte ein gutes Werk tun. Und was ist edler als Versöhnung mit dem jüdischen Volk? So beschloss man, die Juden vom Glauben an Jesus Christus zu dispensieren.

Erfolg nur in Verbindung mit Papst und Weltkirche

Aber gilt nicht Jesu Wort, dass gute Früchte von guten Bäumen kommen? Dass also, wenn einer Erfolg hat und viele kommen, wenn die Kirchen voll sind, etwas auch eine gute Sache sein muss? Aber was ist eine gute Frucht? Was heißt Erfolg in der Kirche? - Mediziner sagen: Wenn einer im Ganzen und auf Dauer gesund ist, dann sei er nicht krank. Auf die Kirche übertragen: Wer in Verbindung mit Papst und Weltkirche, wer nicht spalterisch, sondern integrierend (Mt 12, 30), wer nicht privatgläubig, sondern katholisch (Was immer und überall geglaubt werden konnte) denkt und handelt, spricht und liebt, der ist glaubwürdig. Die bloßen Zahlen machen leider noch keinen wirklichen Erfolg. Nicht zu vergessen: Nach Paulus und Jesus ist es die größte Sünde, durch sein Verhalten andere zum Kirchenaustritt förmlich zu treiben. Das nennt man Ärgernis geben.

Jenseits der Loyalitätskonflikte, in denen ein Priester steht, brauchen die Menschen indes eigentlich sehr viel Liebe wie ein Fass ohne Boden. Sie haben das Gefühl, dass „die Kirche“ sie nicht genug liebt. Die Kirche soll ersetzen, was die Familien nicht mehr leisten. Kein Priester kann das alleine schaffen. Aus meiner Sicht ist Papst Benedikt vor allem in diesem Punkt höchst glaubwürdig. Nicht umsonst fragt Jesus dreimal: Simon Petrus, liebst du mich? Genau wegen dieser Liebe ist der Zölibat ausgesprochen aktuell. Denn da möchte je und je einer die Liebe Jesu ungeteilt weitergeben.

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