31 März 2010, 21:36
'Wenn die Opfer sprechen, spricht Gott zu uns'
 
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Kath.net dokumentiert den Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn beim Klage- und Bußgottesdienst im Wiener Stephansdom vom 31. März 2010 - UPDATE: Jetzt auch Schuldbekenntnis von Kardinal Schönborn im Wortlaut

Wien (kath.net/PEW/red)
„Wenn die Opfer sprechen, spricht Gott zu uns“, sagte Kardinal Christoph Schönborn in seiner Predigt beim Klage- und Bußgottesdienst über den Missbrauchs-Skandal im Wiener Stephansdom. Die Predigt des Kardinals bei dem Gottesdienst, an dem rund 3.000 Gläubige teilnahmen, hatte folgenden Wortlaut:

In dieser Stunde sind Predigtworte daneben. Sie können nicht nur peinlich wirken, sondern auch verletzend. Schweigen wäre angebracht. Nicht das Schweigen, das nur zu oft vorgekommen ist: das Schweigen des Vertuschens, des Mundtot-machen, das Schweigen des Nicht-Sprechen-Können. Es müsste das Schweigen der Freunde Hiobs sein, die vor dem Leid ihres Freundes verstummen und nur schweigend bei ihm saßen.

Danke, dass Sie das Schweigen gebrochen haben. Danke, dass Opfer begonnen haben, sich zu sprechen zu trauen. Es braucht oft lange, aus der Schweigespirale auszubrechen. Es ist vieles aufgebrochen. Es wird weniger weggeschaut. Aber es bleibt noch viel zu tun.

Ich gestehe, in diesen Tagen habe ich oft ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Warum wird vor allem die Kirche an den Pranger gestellt? Gibt es nicht auch anderswo Missbrauch? Wird dort nicht auch nachgefragt? Aufgearbeitet? Und dann bin ich leicht versucht zu sagen: Ja, die Medien mögen halt die Kirche nicht! Vielleicht gibt es sogar eine Verschwörung gegen die Kirche?

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Aber dann spüre ich in meinem Herzen, nein das ist es nicht. Selbst wenn das so wäre, der Spiegel, der uns vorgehalten wird, er zeigt uns etwas, das Missbrauch in der Kirche besonders schwer macht: Er schändet den heiligen Namen Gottes. Er verstellt oft für ein ganzes Leben den Zugang zu dem Gott, der mit uns ist und der uns befreit. Missbrauch im sexuellen oder durch Gewalt oder durch beides, wenn sie durch Geistliche, Priester, Ordensleute geschehen, können zur "Gottesvergiftung“ werden. Die Personen, die die Nähe und den Namen Gottes nahe bringen sollen, werden zu Zerstörern der Gottesbeziehung. Das ist es, was den Missbrauch in der Kirche noch einmal schlimmer macht, und deshalb ist das Wort „heiligen Zornes“, das Jesus gesagt hat, so schrecklich ernst: "Wer diesen Kleinen ein Skandalon, ein Ärgernis gibt, dem wäre es besser, man hinge ihm einen Mühlstein um den Hals, um ihn ins Meer zu versenken“.

Ärgernis den „Kleinen“, den Abhängigen, den Wehrlosen, den Kindern und Jugendlichen: das trifft Gottes Zorn und Weh.

Es geht in der Lesung aus dem Buch Exodus um die Gottesbegegnung. Es ist nicht die Begegnung mit einer anonymen Macht, mit einer irgendwie gearteten Energie, sondern mit einem Ich: „Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Ich bin der Gott deines Vaters.“ Er ist der Gott, der Mose beim Namen ruft, der uns, der jeden beim Namen ruft: Er kennt ihn. Er kennt mich. Er ruft ihn. Er ruft mich. Er ist mein Gott und dein Gott.

Und er zeigt wie er ist. Er ist nicht der Gott, der wegschaut und weghört: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid“. Ein Gott, der hinschaut und hinhört, und den das Leid nicht kalt lässt.

Wie schrecklich ist es, wenn der Zugang zu diesem Gott durch Menschen der Kirche verstellt wird. Wenn der Name dieses lebendigen Gottes vergiftet wird. Und dann Menschen erfahren müssen: ihr Leid wird ignoriert, ihr Elend nicht gesehen, ihre laute Klage nicht gehört!

Mose hätte diesem Gott nicht begegnen können, wenn er seinerzeit in Ägypten weggeschaut hätte, als einer seiner Volksgenossen, einer der Hebräer von einem Sklaventreiber misshandelt wurde. Mose hat den Preis dafür bezahlt, nicht weggeschaut zu haben.

„Und jetzt geh“, Aufforderung Gottes an Mose, „führe mein Volk aus dem Sklavenhaus! Führe sie in die Freiheit, in das Land, das von Milch und Honig fließt“. Mose kann diesen Dienst nur tun, wenn er „das Leid kennt“, wenn er es Gott nachmacht, der von sich sagt: „Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen“. Vom hohen Ross herunter kann Mose seinem Volk nicht die Befreiung Gottes bringen.

Ist es nicht die Tragik dessen, was wir jetzt erleben, dass ein Evangelium der Befreiung zu einer Missbotschaft des Missbrauchs geworden ist. Dazu muss die Kirche umkehren, wir alle. Solange die Kirche nicht hinschaut und hinhört, wird sie den befreienden, rettenden Gott nur verstellen, die frohe Botschaft von der Befreiung aus dem Sklavenhaus nicht nur nicht verkünden, sondern die Sklaverei noch schlimmer machen.

Es ist eine schmerzliche Erfahrung für die Kirche. Aber was ist dieser Schmerz im Vergleich zum Schmerz der Opfer, den wir übersehen und überhört haben! Wenn jetzt die Opfer sprechen, dann spricht Gott zu uns, zu seiner Kirche, um sie aufzurütteln, zu reinigen; dann spricht durch die Opfer der Gott zu uns, der zu Mose gesagt hat: „Ich habe sorgsam auf euch geachtet und habe gesehen, was man euch angetan hat“.

Kath.Net dokumentiert auch den Text des Schuldbekenntnis von Kardinal Christoph Schönborn und der Pastoraltheologin Veronika Prüller-Jagenteufel:

Dreieiniger Gott, Du hast unsere Mütter und Väter aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt und sie die 10 Gebote eines guten Lebens gelehrt. Du bist in Jesus ChristusMensch geworden und hast uns gezeigt, dass die Liebe in allem die Grundregel ist. Du bist bei uns als Heiliger Geist, um uns zu führen.

Dennoch werden wir schuldig, vor Dir und an einander. Ungeheure Schuld ist in diesen Wochen offenbar geworden. Es ist Schuld Einzelner; es ist Schuld geronnen in Strukturen, Verhaltens- und Denkmustern; es ist Schuld aus unterlassener Hilfe und nicht gewagtem Widerspruch.

Die Verantwortung dafür trifft uns als Glieder der Kirche sehr unterschiedlich. Dennoch sind wir gemeinsam Dein Volk und stehen wir in einer gemeinsamen Verantwortung. So bekennen wir Dir und einander unsere Schuld: Wir bekennen, dass wir nicht Gott alleine gefolgt sind, sondern den Götzen unserer Bedürfnisse nach Herrschaft und Überlegenheit.

Zu viele von uns haben genau dazu andere und sogar Kinder missbraucht. Wir bekennen, den Namen Gottes, der Liebe heißt, verdunkelt und verraten zu haben. Einige von uns haben vom lieben Gott geredet und doch Schutzbefohlenen Böses angetan.

Wir bekennen, die Sakramente und andere Zeiten und Orte der besonderen Gottesbegegnung nicht heilig gehalten und nicht gut genug geschützt zu haben. Einige von uns haben sie als Gelegenheiten zum Übergriff benutzt.

Wir bekennen, dass wir die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern nicht aus unbedingtem Respekt vor den anderen gestaltet haben. Einige von uns haben das Vertrauen von Kindern ausgenützt und zerstört.

Wir bekennen, die Zerstörung von Leben und Lebensglück nicht wahrgenommen, nicht verstanden und verharmlost zu haben.

Einige von uns sind schuldig geworden am inneren Tod anderer Menschen.

Wir bekennen, dass wir die Leiblichkeit nicht wertgeschätzt haben und an der Aufgabe, Sexualität gut zu leben, gescheitert sind. Einige von uns haben sexuelle Gewalt angewendet.
Wir bekennen, dass wir die Jugend, die Schönheit, die Lebendigkeit anderer Menschen für uns haben wollten. Einige von uns haben Buben und Mädchen dadurch die Kindheit gestohlen und sie der Fähigkeit beraubt, gelingende Beziehungen zu leben.

Wir bekennen, dass wir die Wahrheit nicht erkennen wollten, dass wir vertuscht und ein falsches Zeugnis gegeben haben. Einige von uns konnten dadurch andere und sich selbst weiter belügen und ihre Verbrechen fortführen.

Wir bekennen, dass wir über andere verfügen und sie besitzen wollten. Einige von uns haben sich deshalb der Körper der Schwächsten bemächtigt.

Wir bekennen, begehrt zu haben nach Sicherheit, Ruhe, Macht und Ansehen. Einigen von uns war der Anschein der Makellosigkeit der Kirche wichtiger als alles andere.

Wir, Gottes Volk, seine Kirche, tragen miteinander an dieser Schuld. Wir bekennen diese Schuld den vielen, an denen wir als Kirche und einige von uns ganz konkret schuldig geworden sind.

Wir bekennen diese Schuld einander, denn die Kirche ist schuldig geworden an ihren Gliedern. Wir bekennen Dir Gott unsere Schuld. Wir sind bereit, unsere Verantwortung für Geschichte und Gegenwart anzunehmen, einzeln und gemeinsam; wir sind bereit, unsere Denk- und Handlungsmuster aus dem Geist Jesu zu erneuern und an der Heilung der Wunden mitzuwirken. Wir stellen uns als Kirche in das Gericht Christi.

Du, Christus, sagst, dass Du unsere Schuld auf Dich genommen hast. Doch heute bitten wir Dich: Lass sie uns noch ein wenig. Hilf uns, ihr nicht zu schnell auszuweichen, mach uns bereit, sie anzunehmen: jeder die eigene Schuld und wir gemeinsam die gemeinsame. Und dann gib uns Hoffnung im Gericht: Hoffnung auf die neue Freiheit aus der Wahrheit und auf die Vergebung, auf die wir kein Anrecht haben. Amen

Kath.Net-Exklusiv: Ein Missbrauchsopfer spricht

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