16 März 2010, 10:28
Die Missbrauchsdebatte dreht sich im Kreis
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Missbrauch'
In der Debatte um Fälle von Kindesmissbrauch in der Kirche tauchen immer wieder die selben – oft unberechtigten – Argumente auf. Den meisten Medien fehlt es an der notwendigen Differenzierung. Ein Gastkommentar von Leopold Gumppenberg.

Linz (kath.net)
Ja ich habe es gestern Abend wieder getan! Obwohl ich mir das eigentlich unter keinen Umständen mehr antun wollte! Beim abendlichen Durchschalten durch das Fernsehprogramm mit einem Freund bin ich wieder auf eine Talkshow zum Thema Kindesmissbrauch und die Schuld der Katholischen Kirche gestoßen (wahrscheinlich die zehnte in den vergangenen zwei Wochen). Leider bin ich wieder hängengeblieben, mit dem Resultat, dass ich danach einen Blutdruck von 180 hatte und sehr lange gebraucht habe um in Ruhe einschlafen zu können!

Warum regt mich das Ganze so auf? Weil sich die Diskussion, die seit Wochen in den Medien geführt wird, im Kreis dreht und ein Durchbrechen dieses Kreises nicht absehbar ist! Der Grund hierfür ist fehlende Differenzierung! Dabei muss man der Ernsthaftigkeit des Themas Kindesmissbrauch gerecht werden und schuldet es sowohl den Opfern, als auch denen, die mit diesen Vorwürfen konfrontiert werden, eine differenzierte Diskussion darüber zu führen!

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Da werden zum Beispiel nicht die verschieden Formen von Missbrauch unterschieden, sondern alles auf die gleiche Stufe gestellt. Jedoch ist es in meinen Augen ein eklatanter Unterschied, ob ein Kind geschlagen wurde, ob es sexuell missbraucht worden ist, oder gar vergewaltigt wurde! Das natürlich alles nicht geduldet werden darf und schlimm ist, steht hierbei außer Frage! Nicht umsonst unterscheidet auch unser deutsches Strafrecht sehr genau bei den verschiedenen Straftatbeständen in Vergehen und Verbrechen und differenziert, welcher Tatbestand mit welcher Strafe geahndet wird!

Des Weiteren kommt es zu keiner Unterscheidung, was die Zeit angeht, in denen es zu solchem Missbrauch gekommen ist. Wenn man sich nicht weiter mit dem Thema auseinander setzt und nur flüchtig die Schlagzeilen der gängigen Zeitungen liest, bekommt man leicht den Eindruck, wir reden ausschließlich über die letzten Jahre. Dem ist jedoch nicht so! Wir reden von einem Zeitraum von fast 60 Jahren. Es ist einfach Fakt, dass in den 50er, 60er und auch noch den 70er Jahren die Erziehungsmethoden andere waren, als sie es heute sind! Es war damals einfach Usus, in der Kindeserziehung auch zu zuschlagen. Über Sinn und Unsinn einer solchen Erziehungsform lässt sich natürlich streiten und sicherlich war die damals geführte Erziehung in dieser Form nicht ideal.

Ein sehr wichtiger Punkt ist weiterhin die fehlende Differenzierung im Umgang mit Zahlen. Man muss nur den Fernseher anschalten und hört von neuen Missbrauchsopfern hier und von neuen Missbrauchsopfern dort. Je nachdem was für Quellen man vorliegen hat, pendelt aktuell die Zahl von Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen zwischen 150 und 350 … in den letzten 60 Jahren!

Dabei muss man auch noch, wie oben kurz angedeutet, unterscheiden zwischen Missbrauch im Sinne von Züchtigung, welcher aber wie schon festgestellt in einer gewissen Zeit normal und von der Gesellschaft toleriert war, und sexuellem Missbrauch. Dies relativiert diese Zahlen noch weiter. Und in einem ganz anderem Licht erscheinen diese Zahlen, wenn man die Zahl von zur Zeit jährlich etwa 15.000 zur Anzeige gebrachten Fälle von sexuellem Missbrauch daneben stellt, welche nicht in katholischen Einrichtungen hervorgegangen sind, sondern zu 80 % in der Familie passiert sind und die restlichen 20 % in öffentlichen Schulen, Kindergärten oder Sportvereinen zugetragen haben.

Das sind alles Institutionen, in denen sich der Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern nicht vermeiden lässt. Laut Spiegel sind seit 1995 in der oben genannten Zeitspanne 94 innerkirchliche Täter bekannt geworden. Und diese stehen gegenüber den 210.000 nur seit 1995 zur Anzeige gebrachten Fällen von sexuellem Missbrauch in Deutschland! Dies zeigt mehr als deutlich, und Experten bestätigen dies auch, dass es eher selten zu sexuellem Missbrauch in Institutionen der Katholischen Kirche kommt, im Vergleich zu anderen Einrichtungen unserer Gesellschaft!

Jedoch kreisen die Diskussionen nur um die Einzelfälle in diesen Bereichen und von den 15.000 anderen Fällen jedes Jahr sprechen die wenigsten! Meist wird dies damit begründet, dass die Opfer ein besonders nahes Verhältnis zu den Tätern gehabt haben und die Täter ihre Vertrauensrolle schamlos ausgenutzt haben, wodurch ein solcher Fall noch mal immens schwerer wirkt. Aber niemand kann mir erzählen, dass hier eine engere Verbindung und ein engeres Vertrauen geherrscht haben soll als es innerhalb von Familien vorkommt, wie z.B. zwischen Vater und Kind.

Das wohl schwerwiegendste Fehlen einer Differenzierung in der aktuellen Diskussion findet sich aber beim Thema Täter. Es wird nicht von den Einzeltätern gesprochen, sondern fast ausschließlich vom Klerus an sich, bzw. der Katholischen Kirche. Es wird von DEN Priestern, Patres, Kaplänen etc. gesprochen. In Deutschland gibt es zur Zeit 15.759 Priester.

Sie alle für das Verhalten von ein paar Einzelpersonen verantwortlich zu machen, ist nicht nur unfassbar unfair den über 15.000 Priestern gegenüber, die eine tolle Seelsorge machen und sich für ihre Gemeinde aufopfern, sondern auch unseriös. Aber auch in diesem Zusammenhang einfach von der Katholischen Kirche zu sprechen zeigt unfassbare Unkenntnis der Materie. Jeder, der nicht einmal weiß, was die heilige Institution der Katholischen Kirche eigentlich ist, aber versucht ihr die alleinige Schuld an Kindesmissbrauch in unserer Gesellschaft zu geben, darf nicht ernst genommen werden. Es muss gesagt werden, dass es sich hierbei ausschließlich um Einzeltäter handelt und ein Pauschalisieren auf Grund der Schwere der Vorwürfe nicht geduldet werden kann.

In diesem Zusammenhang kommt es dann in jeder Diskussion zur Frage der Gründe, warum es bei Priestern zu solchem Missbrauch kommen kann. Als einziger Grund wird in diesem Zusammenhang der Zölibat genannt. Dieses „perverse Delikt des Mittelalters“ wird als Grund allen Übels dargestellt. Nun gab es vor 70 Jahren in Deutschland schon mal jemand, der so polemisiert hat. Es war Joseph Goebbels, der vor 40.000 fanatischen Nazis in seiner Sportpalastrede genau das geschrieen hat: „Der Zölibat ist die Wurzel allen Übels!“

In unserer heutigen Gesellschaft muss alles toleriert werden. Jeder muss seine Sexualität voll ausleben dürfen, sei es mit gleichgeschlechtlichen Partnern, mit täglich wechselnden Partnern oder, wie es die Grünen ja mal wollten, sogar mit Kindern. Und dann wird eine Person, die sich vollkommen bewusst gegen eine solche Sexualisierung entscheidet als pervers und krank abgestempelt.

Leider muss man den Eindruck bekommen, dass in unsrer heutigen Gesellschaft einiges verkehrt läuft! Auch wenn es bei ein paar zölibatär lebenden Priestern trauriger weise zu unfassbaren Verfehlungen gekommen ist, was ist das im Vergleich zu den 15.000 Fällen jedes Jahr, die von Personen ausgeübt wurden, die nicht zölibatär leben und mit ihrer Sexualität machen dürfen was sie wollen. Es ist Fakt, dass zölibatär lebende Priester keine höhere Veranlagung zur Pädophilie haben und es gibt erst recht keinen Anhaltspunkt, dass es hier mehr sexuell missbrauchende Täter gibt, als in der sonstigen Gesellschaft.

Zum Schluss ist mir wichtig eines festzustellen: Dies soll keinen Versuch darstellen die Täter (kommen sie aus dem Klerus oder einer anderen Institution) zu entschuldigen. Jeder, der sich schadhaft an einem Kind vergeht lädt große Schuld auf sich und muss sich vor dem Staat und vor unserem Herrgott verantworten.

Ich will durch meine Ausführungen aufzeigen, wie wichtig es ist, bei einem so ernsten Thema sinnvoll zu diskutieren und wir wirklich produktiv schauen, was wir in unserer gesamten Gesellschaft verändern müssen, dass es nicht mehr zu so furchtbaren Übergriffen kommt. Und dies erreichen wir nicht, indem wir den schwarzen Peter an das „dankbarste“ Opfer verteilen und damit das gesamte Ausmaß aus dem Blick verlieren.







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