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Warum Pädophilie nichts mit dem Zölibat zu tun hat

12. März 2010 in Aktuelles, 7 Lesermeinungen
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Psychiater Peter Hofmann und Weihbischof Andreas Laun diskutierten vor zweieinhalb Jahren über "Kirche und Pädophilie". Ihre Thesen könnten in der derzeitigen innerkirchlichen Debatte helfen.


Graz (www.kath.net)
Vor knapp zweieinhalb Jahren diskutierten Psychiater Peter Hofmann und Weihbischof Andreas Laun beim Kongress „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ in Graz über ein Thema, das in diesen Tagen brandaktuell ist: Kirche und Pädophilie. Ihre Thesen könnten hilfreich für die aktuelle Debatte sein. Wir dokumentieren den KATH.NET-Bericht vom 15. Oktober 2007 von Petra Knapp-Biermeier.

Kirche und Pädophilie

Es lässt sich nicht einfach wegtherapieren, und auch die Diagnostik ist meist erst dann möglich, wenn etwas passiert ist. Die Pädophilie ist ein besonders heikles Kapitel der menschlichen Psyche, wurde beim interdisziplinären Kongress Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie klar, der vom 11. bis 13. Oktober in Graz stattfand.

Über das Thema „Kirche und Pädophilie“ diskutierten am Freitagnachmittag der stellvertretende Klinikvorstand der Grazer Universitätsklinik für Psychiatrie, Peter Hofmann, und der Salzburger Weihbischof Andreas Laun.

„Pädophilie ist eine Krankheit“, stellte Hofmann klar. Es bedeute „eine sexuelle Ausrichtung auf Kinder unter einer bestimmten Altersgrenze“. Jedoch: „Es steht nirgendwo auf der Stirn: Achtung, ich bin Pädophiler!“, beschrieb der Psychiater die Grundproblematik.

Das macht es auch der Kirche schwer, ergänzt Bischof Laun. Pädophilie sei „ein menschlich sehr leidvolles Thema“, bei dem die Kirche auf das Urteil der Fachleute angewiesen sei. Früher habe man zu wenig gewusst, wie unheilbar die Pädophilie sei. Es gab eine „große Ahnungslosigkeit und ein Nichtwissen“ darüber.

Prävention – „Wer ist pädophil?“


Die Prävention sei schwierig, erklärt der Weihbischof: „Wenn wir heute zehn oder 20 junge Leute im Priesterseminar haben und der Regens soll sagen, ob da einer mit pädophilen Neigungen ist – das kann er nicht, denn der Betreffende würde es vermutlich nicht gleich sagen.“

Und wenn er es sagt, „würde man sicherlich von einer Priesterweihe Abstand nehmen“, betont Laun. Die Frage stelle sich, ob man Menschen zum Psychiater schicken könne mit der Frage „Wer von ihnen ist pädophil?“ Psychiater Hofmann darauf: „Nein, das geht nicht.“

Auf den Vorschlag der Abschaffung des Zölibats als Prävention kontert Laun: „Die Abschaffung des Zölibats hätte damit absolut nichts zu tun. Pädophile kommen aus allen möglichen Reihen und allen möglichen sexuellen Orientierungen. Man könnte fast sagen: Ja, wenn’s nur so leicht wäre!“

Von kirchlicher Seite müsse genau beobachtet werden, ob jemand einen gesunden Umgang mit seiner Sexualität habe. Die Kirche müsse „mit erhöhter Aufmerksamkeit“ auf dieses Problem achten.

Ist Pädophilie heilbar?

Ist Pädophilie heilbar? „Pädophilie lässt sich nicht wegtherapieren“, stellt Hofmann klar. Sie begleite in der Regel den Menschen ein ganzes Leben lang. Therapeutisch könne man jedoch die Auswirkungen der Pädophilie einschränken.

Entdeckt werden pädophile Täter – meist Männer – oft erst, wenn schon etwas passiert ist. Vielen von ihnen ist nicht klar, dass sie Grenzen überschreiten. „Sie haben kein Problem mit ihrer Veranlagung“, erklärt Hofmann.

„Sie sagen oft: Die oder der wollte das ja!“ Pädophile neigen zur Bagatellisierung und sagen: „Ich bin kein Pädophiler – ich liebe Buben!“

Der Psychiater plädiert für eine Hormontherapie – die von anderen wiederum abgelehnt wird – sowie für eine zusätzliche Psychotherapie, die den Tätern klar macht, dass sie mit ihren Handlungen anderen Probleme bereiten. „Die Rückfallwahrscheinlichkeit ist deutlich geringer, wenn man eine Therapie macht“, ist seine Erfahrung.

„Freiheitsgrade“

Wie bei anderen Störungen gebe es auch bei der Pädophilie „Freiheitsgrade“, erklärt der Psychiater auf Anfrage von KATH.NET. „Es ist eine Frage des freien Willens. Entweder den haben wir oder den haben wir nicht. Ich bin der Meinung: Den haben wir. Deswegen haben wir auch Freiheitsgrade“, erläutert Hofmann.

„Es gibt Pädophile, die aufgrund ihrer freien Entscheidung gut sublimieren; sie versuchen, mit einer altersadäquaten Sexualität das Auslangen zu finden. Sie haben vielleicht im Hinterkopf noch diese Ideen, aber sie können damit umgehen.“

Mit sexuellen Impulsen umgehen lernen

Das Erlernen eines guten Umgangs mit sexuellen Impulsen sollte Ziel jeder kirchlichen Arbeit in diesem Bereich sein, wünscht sich auch der Salzburger Weihbischof. Der pädophil veranlagte Mensch müsse lernen, „damit zu leben, es als Kreuz zu tragen, damit ein Heiliger zu werden“.

Laun: „Möglicherweise werden wir im Himmel heiligen Menschen begegnen, die ein Leben lang unter pädophilen Neigungen gelitten haben, es aber niemals ausgelebt haben. Dann kann ich nur sagen: Ich verneige mich vor so einem Menschen, der das zusammenbringt.“

Nicht alle „schwerstens traumatisiert“

Psychiater Hofmann nimmt auch Stellung zur Debatte um die Opfer. Heute gebe es in der öffentlichen Meinung die Tendenz zu meinen, alle Opfer von Pädophilen seien „schwerstens traumatisiert“. Hofmann: „Das ist nicht der Fall.“ Pädophile Handlungen bleiben – so seine Erfahrung – oft auf Ebene der Berührung.

Untersuchungen zeigen außerdem: Die Hälfte der betroffenen Kinder kann mit pädophilen Übergriffen gut umgehen. Sie ordnen sie in ihre Biographie ein und bekommen keine posttraumatische Belastungsstörung.

Der Salzburger Weihbischof unterstreicht, die Kirche tue alles, um Opfern von Pädophilen zu helfen und habe aufgrund einiger Vorfälle im kirchlichen Bereich eigene Richtlinien erlassen. Die Kirche müsse „Spielregeln einführen“, „selbstkritisch bleiben“ und mit Fachleuten zusammenarbeiten, um das Bestmögliche zu erreichen.

Gesamtsexualisierte Gesellschaft

Laun ortet eine problematische Haltung der Gesellschaft, die keinen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität vermittle: „Einschränkung oder gar eine Art von sexueller Enthaltsamkeit wird eigentlich nirgends gelehrt“, kritisierte er.

Besonders kritisch zeigt sich Laun in diesem Zusammenhang gegenüber Bestrebungen von pädophilen Gruppen, die um politische Anerkennung kämpfen. Sie argumentieren damit, dass auch Kinder das Recht auf Sexualität haben.

„Für Menschen, denen ständig gesagt wird, dass sie sexuell frei sind, ist es nicht so einfach, dass man sagt: Ich bin der einzige, der nicht darf.“ Es sei zu fragen, „ob nicht die Pädophilie durch das gesamtsexualisierte Klima begünstigt wird, einen Nährboden findet“.


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