28 Februar 2010, 16:40
Was wir brauchen, ist nicht weniger katholische Moral, sondern mehr
 
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KLARTEXT: Die Kirche im Kontext des Missbrauchs wegen ihrer Sexualmoral anzuklagen ist, als ob man die Feuerwehr abschaffen wollte, weil eines ihrer Mitglieder Feuer gelegt hat - Von Bischof Andreas Laun

Salzburg (kath.net)
Die katholische Kirche steht, zumindest in Europa und den USA, wie unter Schock angesichts der fast täglichen Meldungen über Kindes-Missbrauch durch Priester und andere Mitarbeiter der Kirche. Dazu kommt die Behauptung, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen wolle die Kirche nur „vertuschen“. Von Seiten der Kirche überbietet man sich geradezu im Ausdrücken des Entsetzens über das, was geschehen ist, und wahr ist ja auch:

Es ist entsetzlich, was geschehen ist, sowohl durch Missbrauch als auch durch Vertuschen. Papst Benedikt XVI. selbst setzt sich im besonders schlimmen Fall von Irland mit den Bischöfen zum Krisen-Management zusammen. Und kaum jemand getraut sich, die Kirche irgendwie zu „verteidigen“, um nicht in den Verdacht zu kommen, er wolle das, was geschehen ist, verteidigen – verteidigen, was nicht zu verteidigen ist. Das kann und darf man auch wirklich nicht, aber eine tiefere Analyse des Problems ist etwas anderes als Vertuschen.

In diesem Sinn: Nicht wenige von denen, die die Kirche an den Pranger stellen, sind Heuchler. Denn erstens kosten sie es spürbar aus, die Kirche anklagen zu können. Von den Opfern ist dabei jedoch kaum die Rede: nicht davon, wie man ihnen wirklich helfen kann und wie gute Prävention funktionieren könnte. Auffallend ist auch, dass praktisch allein von katholischen Tätern gesprochen wird, nicht von solchen aus anderen Religionsgemeinschaften und auch nicht von jenen, die sich aus allen anderen Schichten der Gesellschaft rekrutieren.

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Man tut so, als wüsste man nicht, dass es sexuellen Missbrauch nicht nur zu allen Zeiten der Geschichte, sondern auch bei allen Völkern quer durch alle Schichten der Gesellschaft gegeben hatte und gibt. Daher die Frage: Warum sind nur die katholischen Täter interessant? Was ist mit den anderen und vor allem: Was ist mit allen anderen Opfern anderer als katholischer Täter? Verdienen diese weniger oder gar kein Mitleid?

Vor Jahren entdeckte die Polizei drei Täter, die sich Kinder-Pornografie aus dem Internet herunter geladen hatten: Einer davon war ein Priester, einer war Richter, der Dritte Angestellter einer Behörde. In den Zeitungen genannt wurde nur der Priester. Warum wohl? Nur ausnahmsweise liest man Meldungen wie etwa diejenige: In den USA missbrauchte ein Kinderarzt mehr als 100 Kinder und bannte seine Taten auf Video.

Vor allem gilt es, eine „Strategie“ anzusprechen, die besonders deutlich macht, wie sehr bestimmte Leute in erster Linie am Beschmutzen der Kirche interessiert sind und nicht an der schlimmen Sache selbst, womit sie die Opfer im Stich lassen: In einer prominenten Zeitung Österreichs heißt es in diesen Tagen auf der ersten Seite: „Denkt doch einmal über die Sexualmoral nach!“ Dies als Denkanstoß, meint der Autor: Das „Riesenproblem der Kirche“ sei die „Unterdrückung der Triebe“ in der katholischen Kirche.

Und wie hieße dann die Lösung? Die Freigabe aller Triebe? „Hätte die sexuelle Revolution die Kirche erreicht, gäbe es dort vielleicht nicht so viele in ihrer natürlichen Sexualität gestörte Menschen, die vertrauensvolle Kinder als Ventil ihrer Triebe missbrauchen.“ Weiter gibt sich der Autor „erschüttert, mit welcher Hartnäckigkeit sich die Männer in Rom der Einsicht verweigern, dass Sexualität ein Konzept der Schöpfung und deshalb positiv ist“. Über das Leid, das dadurch entstehe, sollte der Vatikan, meint der Verfasser, endlich nachdenken.

Nun, es tut weh zu sehen, wie wenig der Autor am Problem selbst interessiert zu sein scheint. Weiß er wirklich so wenig über die Lehre der Kirche, hat er sich nicht die Mühe genommen, sie kennen zu lernen? Und die locker empfohlene „sexuelle Revolution“ – wie sieht denn deren „Moral“ aus? Im so genannten Sexkoffer, der heute noch in vielen Schulen Österreichs als Grundlage der „Sexualerziehung“ herumliegt, gibt es nur drei klar erkennbare „Normen der ,Sexualmoral‘“: Kein ungewolltes Kind, keine sexuell übertragbare Krankheit zuziehen, keine sexuelle Straftaten. Aus, das ist alles, alles andere ist offenbar in Ordnung, erlaubt und vielleicht sogar empfehlenswert – wohl als „Triebventil“, zur Sättigung der „natürlichen Triebe“, über deren Beherrschung man nicht reden muss: „Eh klar“ oder unnötig? Oder genügt dazu die genannte Angst-Motivation: kein ungewolltes Kind, Strafe, Krankheit? Ist das die Grundlage einer wunderbaren „Moral“ als Frucht der „sexuellen Revolution“? Wie unwirksam eine rein mit Angst begründete Moral ist, sollte eigentlich bekannt sein.

Zu unterscheiden wäre übrigens auch Triebverzicht und Triebunterdrückung. Sie sind nicht identisch. Zu fragen wäre zudem: Was sollte die Kirche im Sinn der sexuellen Revolution „ändern“? Das Nein zum Ehebruch, das Nein zur homosexuellen Praxis, das Nein zu einem Sexualleben mit wechselnden Partnern, das Nein zur Pornografie? Und weiter: Könnte die Kirche die „Moral ändern“, wenn sie im Sinn des oben zitierten Autors „nachgedacht“ hat? Glaubt irgendjemand ernstlich, dass es dann auf der Welt weniger sexuellen Missbrauch gäbe?

Um es klar zu sagen: Die Kirche lehrt die Gebote Gottes, sie hat keine Kompetenz, diese zu verändern, weil es Seine Gebote sind, nicht ihre. Und wenn jemand meint, sie hätte diese Gebote, die letztlich im Herzen jedes Menschen zu lesen sind, falsch interpretiert, dann müsste der Betreffende zeigen, dass er die kirchliche Lehre wirklich kennt, alles andere ist nicht seriös.

Daher: Natürlich hat der Augsburger Bischof Mixa recht, wenn er zu bedenken gibt, dass die seit der sexuellen Revolution übersexualisierte Gesellschaft das Übel des sexuellen Missbrauchs nicht nur nicht eindämmt, sondern sogar fördert, und zwar auch in der Kirche, weil sie auch in die Kirche eingedrungen ist und Christen infiziert hat.

Was wir brauchen, ist nicht weniger katholische Sexualmoral, sondern mehr: einerseits in Form ihrer besseren Vermittlung, andererseits im Nachdenken darüber, wie man denen, die in Kindern ein Sexualobjekt sehen, hilft, diese ihre Antriebe zu beherrschen, wie man ihre abwegige Neigung frühzeitig erkennen und sie darum von Berufen fernhalten kann, die eine „Gelegenheit“ böten: Um die Kinder vor ihnen zu schützen und die potenziellen Täter vor sich selbst.

Die Kirche im Kontext des Missbrauchs wegen ihrer Lehre anzuklagen ist, als ob man die Feuerwehr als solche pauschal anklagen und abschaffen wollte, weil eines ihrer Mitglieder Feuer gelegt hat (was bekanntlich schon vorgekommen ist) oder andere Feuerwehrleute trotz Alarm nicht ausrücken wollten. Nein, was wir brauchen, ist eine umfassende Analyse des Problems, in der gefragt werden muss nach den Ursachen, nach gefährdeten Tätergruppen, nach gefährlichen Ideologien, nach Möglichkeiten der Prävention, nach Hilfe für die Opfer und auch danach, wie mit den Tätern zu verfahren ist.

Die einseitige Beschimpfung der Kirche wird keinem Kind helfen, zumal die katholische Kirche derzeit wie kaum eine andere Institution oder Religion darum bemüht ist, sich dem Problem zu stellen: mit tiefer Scham über das, was manche ihrer Mitglieder getan oder geduldet haben, aber auch mit einem starken, problemorientierten Willen, für eine bessere Zukunft zu sorgen. Wer nur von Katholiken redet und nur auf sie die Aufmerksamkeit lenkt, der lenkt von den vielen anderen Tätern und Täter-Milieus ab, er dient dem Vertuschen und Verdrängen, das ja eine allgemein menschliche Versuchung ist, und bedient die Kirchenfeinde.

Das ist auch eine „Haltet den Dieb“-Strategie. Da niemand, keine Religion, kein Staat und keine andere menschliche Einrichtung dies verhindern kann, dass es Menschen mit pädophilen Neigungen gibt und geben wird, auch nicht, dass manche von ihnen ihrem Trieb nachgeben und sich an Kindern vergreifen, muss das Ziel aller Menschen klaren Wissens und guten Willens sein, das Übel, wie andere Sünden und Verbrechen auch, durch Prävention, Abschreckung, Strafe und moralische Unterweisung so klein wie möglich zu halten. Das ist weniger, als wir alle uns wünschen, aber es ist das, was möglich ist, und das, was wir vor Gott und unserem Gewissen verpflichtet sind zu tun. Mit der Hilfe Gottes, entsprechend Seinem Gebot.

KLARTEXT von Bischof Andreas Laun erscheint jede Woche exklusiv auf kath.net und kathTube.com. Dieser Artikel ist auch in der "Tagespost" erschienen



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