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‚Glaubst du an das Reich Gottes, dann musst du unruhig werden!’

16. Jänner 2010 in Deutschland, 1 Lesermeinung
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Predigt von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner zum 7. Todestag von Pater Werenfried van Straaten im Kölner Dom am Samstag.


Köln (www.kath.net/ pek)
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Alles in unserer Welt ist dem Verschleiß, der Abnutzung, dem Verbrauch und dem Altwerden unterworfen. Der Heilige Geist aber ist die große Erneuerungsbewegung Gottes in einer immer älter werdenden Welt. Darum betet die Kirche: „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern“ (vgl. Ps 104,30). Indem der Heilige Geist Menschen erfüllt, sodass sie Begeisterte, vom Geist Erfüllte werden, erneuert er das Angesicht unserer Erde. Nach den furchtbaren Jahren des Zweiten Weltkrieges war die Welt tief von Erschöpfungs-, Ermüdungs- und Alterserscheinungen geprägt. Vertreibung, Hunger, Ausweglosigkeit und Heimatlosigkeit hatten die Menschen nach innen hin gelähmt und in eine tiefe Depression fallen lassen. In diese Situation hinein erweckt der Geist Gottes den Prämonstratensermönch Werenfried van Straaten. Über ihn gießt er seinen Geist aus, sodass er in der trauernden und gelähmten Nachkriegsgesellschaft einen neuen Frühling erweckt.

Das Charisma von Pater Werenfried van Straaten ist heute mehr denn je gefragt. Denn auch unsere Welt und die Gemeinschaft der Menschen brauchen Erneuerung an Haupt und Gliedern. Erneuerung bedeutet: Renovatio. Und das bedeutet nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Rückkehr zu den Ursprüngen, Rückkehr zur verlorenen ersten Liebe. Dazu kann eigentlich nur der Heilige Geist bewegen. Oder besser gesagt: der Heilige Geist in heiligmäßigen Menschen. Deshalb ist in den Augen Gottes nicht der so genannte Durchschnittschrist der Normalfall, sondern der Begeisterte, der vom Geist Erfüllte. Pater Werenfried van Straaten ist uns heute noch, sieben Jahre nach seinem Tod, in der Gemeinschaft der Kirche gegenwärtig als Mönch, als Prophet und als Priester.

1. Pater Werenfried als Mönch
Der Mönch ist nicht fremdgesteuert von irgendwelchen materiellen oder vordergründigen Interessen. Die schillernd schimmernden Bilder der Zeit gehen an ihm vorüber, ohne ihn auf zweitrangige Ziele hin zu orientieren.

Der Mönch ist nicht fremdgesteuert, sondern eigengesteuert. Er lebt sein Leben nicht über andere oder neben anderen, sondern für andere, indem er versucht, es mit Gott zu führen, ja, indem er sich der Führung Gottes völlig überlässt. Deshalb ist sein Lebensstil von den so genannten drei Evangelischen Räten – Gehorsam, Ehelosigkeit und Armut – geprägt. Im Gehorsam wird das Lassen und Lösen eingeübt. Das gelassene Lassen-Können, macht den Menschen wirklich frei von sich selbst für die Pläne und Absichten Gottes.

So ist es gerade der Ordensgehorsam, der Hände und Herz von Pater Werenfried frei gemacht hat für das Werk Gottes, das heute noch in seinem Erbe an uns, genannt „Kirche in Not“, weiterlebt.


In der Ehelosigkeit werden Kräfte freigelegt, um eine geistliche Partnerschaft mit Gott konkret einzuspielen. Sie macht deutlich, dass Gott wirklich allein genügen und den Menschen faszinieren kann. Darum hat Pater Werenfried sein Werk immer am Herzen Gottes festgemacht. Er hat es deshalb auch im Herzen der Kirche verankert, indem er es dem Heiligen Vater direkt im Heiligen Stuhl in die Hände gelegt hat. „Kirche in Not“ wird nur „Kirche in Not“ bleiben, wenn es in dieser vitalen Realität im Herzen der Kirche verankert bleibt, und zwar nicht nur theoretisch, sondern ganz realistisch.

In der Armut wird nicht die Art und Weise des Habens, sondern des Seins angedeutet. Nicht was der Mensch hat, ist für ihn wesentlich, sondern was er ist. So wird der Mönch zum Grenzgänger, indem er – wie Johannes der Täufer in der Wüste – an seine eigenen Grenzen stößt: „Er (der Herr) muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30). Es gibt für ihn keine Karriere, nicht im politischen oder kirchlichen Bereich, wohl aber im göttlichen Bereich. Sein Auftrag besteht darin, Zeichen zu setzen, denen widersprochen wird.

Er ist in Person ein Protest zu den Bestrebungen, sich um jeden Preis immer einer Strömung oder einer Bewegung anschließen zu müssen. Hier ist Pater Werenfried ein leuchtendes Zeichen gewesen und geblieben. Damit hat er vielen Menschen, auch gerade geistig-kirchlich heimatlos gewordenen, ein neues Zuhause geschenkt und sie in die apostolische Sendung mit hineingenommen. Und wehe, wenn sein Werk aus Gründen der Anpassung oder der politischen Korrektheit seinen Kurs in die andere Richtung ändert. Dann wird auch sein Werk untergehen, und dann sollte es auch untergehen! Dann ist es nicht mehr wert, dass es überlebt!

Wir leben heute in Kirche und Welt in einer Zeit des Umbruchs und der Ungewissheit, aber in Pater Werenfried ist damals und heute noch der lebendige Gott für viele Menschen berührbar geworden. Und damit gab er ihnen Orientierung, Hoffnung und Zukunft.

2. Pater Werenfried als Prophet

Ein prophetischer Mensch ist jemand, der in die Abgründe der Welt hinuntergestiegen ist und sich von Gott getroffen und betroffen weiß. Prophetisches Dasein ist nicht eingebunden in das Rollenspiel von Anpassung und Selbstentfaltung. Zunächst sagt der Prophet das im Schweigen aus, was unserer heutigen Zeit fehlt: Nicht Einkehr bei Gott, sondern Rückkehr zu Gott. Der Prophet rückt ganz in die Nähe des heiligen Narren, denn ein Narr ist jemand, der sich nicht anpasst. Er ist anders als die Übrigen. Narren dürfen das in Worte fassen, was sonst niemand zu sagen vermag. Sie können es, weil sie in einem von der Wurzel ihres Daseins her erfassten und erfahrenen Offensein den heiligen und lebendigen Gott bekunden.

Wie oft wurde Pater Werenfried für verrückt erklärt, als ein Narr, den man laufen lassen muss, weil er nicht zu bekehren sei. Gott sei Dank, dass er sich in dieser Weise nicht bekehren ließ! Das Geheimnis des Kreuzes leuchtete in seinem Leben auf. So zu leben und zu handeln, ist ein Ärgernis und eine Torheit in einer Welt, die in der Allmacht der Technik und in der Ohnmacht der Seele steht. Pater Werenfried war seinen Mitarbeitern in Kirche und Welt oft ein Ärgernis, indem er sein Dasein und sein Werk nicht in die Zwangsabläufe der Gesellschaft hineinbinden ließ, um zu produzieren oder um zu konzipieren.

Das Feld von Zwecken, Zielen, Nutzen und Profit waren ihm fremd. Die Anbetung Gottes und die Verehrung Gottes in den Bedrängten und Verfolgten und der Heroismus, ihnen zu helfen oder – wie er selbst sagte – die Tränen Gottes in ihnen zu trocknen. Das waren die Orientierungsleisten, um ihn gleichsam als Narr Jesu Christi vor Gott hinzustellen und ihn auch vor ihm bestehen zu lassen. So wurde er auch zum barmherzigen Samariter, der bei Armen stehen blieb und das Öl der Heilung in ihre Wunden träufelte. Pater Werenfried baute in seinem Werk Sanatorien Gottes in unsere Welt hinein.

3. Pater Werenfried als Priester

Priester sein, lateinisch „Pontifex“, bedeutet „Brückenbauer“ zu sein zwischen Gott und den Menschen, zwischen Himmel und Erde. Pater Werenfried rehabilitierte mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Bitten, Betteln und Einsammeln für andere, indem er zwar ihre Taschen leerer machte, aber ihre Herzen voller, weil – nach dem Worte Jesu – geben seliger als nehmen ist (vgl. Apg 20,35).

Dazu diente sein Verkündigungsdienst, der im so genannten „Echo der Liebe“ hauptsächlich seinen Niederschlag gefunden hat. Aus dem gefeierten Kultus als Priester floss eine Art neue christliche Kultur, indem er durch sein Werk vielen begüterten und wenig begüterten Menschen half, durch seine Vermittlung anderen Gutes zu tun. Das hat das Antlitz der Kirche in unserem Land bis heute tief geprägt. Pater Werenfried ließ sich immer wieder von den zahlreichen Notsituationen der Welt beanspruchen und beschlagnahmen. So wuchs das Hilfswerk zunächst für die Kirche in Osteuropa dann später zu einer weltweiten Bewegung der Hilfe, die immer dort zur Stelle war, wo die Not am größten war.

Für Pater Werenfried war die Wendung des Herrengebetes: „Wie im Himmel, so auf Erden“ Lebensnorm und Orientierung. Er wusste sehr genau: Ist die Kirche aus dem öffentlichen Leben ausgeschieden und in ihr Heiligtum eingeschlossen, dann ist Gott an seinen Himmel gefesselt, dann beginnt der Mensch seinen Blick allein erdwärts zu richten und sich ausschließlich dem Kult der materiellen Interessen zu widmen. Dieses heute tragische Zusammentreffen von materiellem Reichtum und religiöser Armut in Westeuropa ruft nach einem Charisma, wie es dem Pater Werenfried gegeben war. Gerade in den ehemals sozialistischen Ländern, aber auch in nachsozialistischen Ländern, in denen man Gott gleichsam mit politischem Druck in den Himmel und die Kirche in die Sakristei eingeschlossen hatte, dort wurde das Wort Hölderlins Wirklichkeit: „Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte“.

Die Menschenrechte sind nicht verkäuflich! Indem Gott uns als seine Ebenbilder geschaffen hat, sind sie uns geschenkt. Sie sind nicht mit Gut und Geld aufzuwiegen! Wir müssen uns fragen: „Sind wir Deutschen dieses Geschenkes würdig, wenn bei all unseren Überlegungen nur noch Geld gezählt wird und die Kosten berechnet werden?“ Die Menschenrechte sind unteilbar. Sind sie uns wirklich lieb und teuer? Pater Werenfried van Straaten mit seinem Zeugnis „Geld im Millionenhut und Großzügigkeit im Herzen“ kann uns in dieser entscheidenden Stunde zu einer Zivilisation der Liebe verhelfen. Beten und arbeiten, sammeln und austeilen, ist der Lebensrhythmus eines Christen.

Die Füße fest auf dem Erdboden verankert, die Blicke orientiert an den Sternen des Himmels, das ist die Position von Pater Werenfried van Straaten. Erschöpft von diesem Dienst als Mönch, Prophet und Priester stirbt Pater Werenfried am 31. Januar 2003. Das Geheimnis dieses von leidenschaftlicher Liebe zu Gott und den Menschen verschlungenen Lebens war die Offenbarung der Menschheit Gottes in Jesus Christus. Dieser Gott und Bruder ergriff Pater Werenfried von Straatens Herz. Bei ihm hat sich das Wort des hl. Bernhard von Clairvaux verwirklicht: „Glaubst du an das Reich Gottes, dann musst du unruhig werden!“

Auch wenn wir nicht Mönche, Propheten und Priester sind, ist es uns doch aufgegeben, als Pilger in der Nachfolge von Pater Werenfried van Straaten in unserem schlichten Lebenszeugnis Gott für andere berührbar und begreifbar werden zu lassen, den Mut zum Anderssein aufzubringen und immer etwas in der Tasche zu behalten, um es anderen zu geben.

Der Heilige Geist ist die Erneuerungsbewegung Gottes in einer altgewordenen, egoistischen Welt. Darum bitten wir: „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen! Und du wirst das Angesicht der Erde erneuern“ – durch uns!
Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln


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