08 Januar 2010, 09:10
Schönborn: 'Ich möchte unbedingt wieder nach Medjugorje!'
 
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Wiener Kardinal gegenüber "Tagespost": Um zu bezweifeln, dass in Medjugorje Gnadenströme fließen, muss man die Augen verschließen. Für mich ist das eine Evidenz, an der die Kirche sicher nicht vorbeigehen kann. - Von Stephan Baier / Die Tagespost

Medjugorje (kath.net/DieTagespost)
DT: Eminenz, warum haben Sie den Jahreswechsel in Medjugorje verbracht?

Schönborn: Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Kardinal als Pilger nach Medjugorje geht. Mir war das nicht so bewusst, aber ich habe es im Nachhinein festgestellt. Ich habe gehört, dass mehrere Kardinäle und Bischöfe dort waren, aber meist in einer sehr privaten Form. Auch meine Wallfahrt war ganz persönlich: eine Bitt- und Dankwallfahrt an einen Ort, von dem ich in 28 Jahren sehr viele beeindruckende Früchte gesehen habe. Deshalb war es mir wichtig, persönlich zu diesem Ort, der mittlerweile einer der größten Wallfahrtsorte der Welt ist, zu reisen. Der erste große Gebetskreis in Wien hat sich Anfang der 80er Jahre bei den Dominikanern versammelt. Uns Dominikanern fiel auf, dass die Kirche immer voll war, dass diese Gebetsabende auch den ganzen Sommer über stattfanden, dass sehr viele junge Menschen kamen und mit einer beeindruckenden Ausdauer beteten. Als ich Bischof wurde, habe ich festgestellt, wie viele unserer jüngeren Priester stark beeinflusst sind von Medjugorje, wie sehr dieses Phänomen auf ihrem persönlichen Weg zum Priestertum eine Rolle gespielt hat. Ein drittes Phänomen sind die Bekehrungen. Es gibt neben dem Taizé-Treffen kein Jugendtreffen, das so viele junge Menschen versammelt wie das Jugendfestival in Medjugorje. Dazu kommt die weltweite Bedeutung des Phänomens.

Auffallend ist in Medjugorje auch die Kultur des Beichtens.

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Schönborn: Ich habe selbst zweieinhalb Stunden Beichte gehört. Viele, die 20 oder 30 Jahre nicht bei der Beichte waren, haben sie dort wiederentdeckt. Diese Wiederentdeckung des Bußsakraments geht durch alle Schichten. Wenn man das alles zusammennimmt, stellt sich die Frage: Wie sieht der Baum aus, der solche Früchte trägt? Es gibt eine theologische Grammatik der Marienerscheinungen. Die Mutter Gottes hat offensichtlich ein „Pastoralkonzept“.

Marienerscheinungen sind ein universales Phänomen. Es gibt fast kein Land, in dem es nicht Manifestationen gibt, die für dieses Land und darüber hinaus prägend sind. Ohne einem definitiven kirchlichen Urteil vorzugreifen, stelle ich fest, dass die seit 1981 in Medjugorje bezeugten Phänomene eine starke Ähnlichkeit mit anderen Marienerscheinungen haben. Die Frage, warum die Phänomene so lange andauern, ist ein anderes Problem. In dieser äußerst armen, kargen Gegend, die aber von einer tiefen, authentisch katholischen Religiosität geprägt ist, sind Kinder mit diesen Erscheinungen in Berührung gekommen und haben sie bezeugt. Da ist ein Grundzug, der sich durch viele Marienerscheinungen zieht: Auch in Lourdes war es ein 14-jähriges Mädchen, an einem unmöglichen Ort. Maria erscheint fast nirgendwo Bischöfen, aber fast immer richten sich ihre Botschaften auch an die Priester und Bischöfe.

DT: Was meinen Sie mit „Grammatik“ der Marienerscheinungen?

Schönborn: Marienerscheinungen haben eine eigene Sprache: Sie richten sich an die Kleinen, weltlich gesehen Unbedeutenden. Es sind immer einfache, nie komplizierte Botschaften, aber sie treffen den Kern des Evangeliums und der christlichen Botschaft. Darin hat man ein Unterscheidungskriterium: Alle außergewöhnlichen Botschaften sind von vornherein verdächtig. Dass bereits am zweiten Tag der Erscheinungen das Wort „Friede“ zentral wurde und Maria in Medjugorje als „Königin des Friedens“ verehrt wird, ist eindrucksvoll. Zehn Jahre später bricht der erste Balkankrieg aus. Die Grundbotschaft ist das Gebet, und warum sollte die Mutter Gottes uns nicht immer wieder an diese Botschaft erinnern? Zur Grammatik der Mutter Gottes gehört für mich auch das Anreden als „Meine Kinder“, ohne Unterscheidung von hoch oder niedrig, alt oder jung.

DT: Ein definitives Urteil der Kirche steht noch aus.

Schönborn: Die offizielle Position der Jugoslawischen Bischofskonferenz von 1991, die von der Glaubenskongregation mindestens zweimal bestätigt worden ist, ist für mich eine ideale Leitlinie, und es ist gut, sich daran zu halten. Über die Phänomene äußert sich das Lehramt der Kirche nicht in definitiver Weise: „Es steht nicht fest, dass die Phänomene übernatürlich sind.“ Diese gewählte Formulierung lässt offen: es kann übernatürlich sein oder auch nicht. Die Kirche geht hier bewusst vorsichtig vor, um Früchte nicht zu hindern, um aber auch Irrwege, die immer möglich sind, abzuwehren.

DT: Muss die Kirche zu einem definitiven Urteil kommen, sobald die Phänomene abgeschlossen sind?

Schönborn: Es gibt viele Marienerscheinungsorte, wo es sehr lange kein kirchliches Urteil gab, aber trotzdem Wallfahrten stattfanden. Deshalb sind der zweite und dritte Satz der Erklärung von 1991 so wichtig, nämlich dass offizielle Wallfahrten nach Medjugorje nicht möglich sind. Zugleich wurde aber betont, dass den vielen Pilgern geistliche Betreuung zuteil werden soll. Dazu gehört der Beichtdienst, denn Medjugorje ist mittlerweile einer der größten Beichtorte der Welt. Hier sehe ich als Diözesanbischof auch meine konkrete Verantwortung gegenüber den Menschen, die in Medjugorje geistliche Impulse suchen und bekommen. Medjugorje hat eine Eigendynamik entwickelt, die ihren Anfangsimpuls zweifellos von den Kindern erhalten hat, die die Botschaften der Mutter Gottes mitgeteilt haben. Inzwischen aber spielt dieses Phänomen eine untergeordnete Rolle. Was machen die tausenden Pilger, die heute nach Medjugorje kommen? Sie beten! Jeden Tag beten sie den gesamten Psalter, halten eucharistische Anbetung. Es gibt keinerlei touristische Attraktionen, aber die Pilger verbringen Stunden im Gebet, erklimmen unter Mühen und den Kreuzweg betend den Kreuzberg, und den Rosenkranz betend den Erscheinungsberg. Die Menschen haben eine unglaubliche Sehnsucht, wiederzukehren – wie bei Lourdes. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Nähe der Mutter Gottes den Menschen guttut. Da ist etwas Tröstendes, Helfendes, Stärkendes. Ich gestehe: Ich möchte unbedingt wieder nach Medjugorje! Ich kenne viele Menschen, denen es so geht. Es ist die Mutter Gottes doch die beste Führerin zu ihrem Sohn.

DT: Ist Medjugorje unabhängig von der Anerkennung der Erscheinungen jedenfalls ein Gnadenort?

Schönborn: Um zu bezweifeln, dass in Medjugorje Gnadenströme fließen, muss man die Augen verschließen. Für mich ist das eine Evidenz, an der die Kirche sicher nicht vorbeigehen kann. Es ist zu offensichtlich, dass sich hier Gnadenhaftes ereignet. Was den charismatischen Aspekt betrifft, die Einsprechungen und Worte, gebe ich zu bedenken, dass die heilige Schwester Faustyna über Jahre fast täglich Erscheinungen Jesu gehabt hat. Das wurde von Rom gründlich untersucht, zunächst sehr kritisch, aber die späteren Prüfungen haben die Hieb- und Stichfestigkeit der Erscheinungen gezeigt. Bei Einsprechungen und Visionen war die Kirche immer sehr zurückhaltend, und das ist auch gut so. Wichtig ist nur, dass die Früchte nicht behindert werden. Was mich besonders beeindruckt, ist die große Zahl von sozialen Werken, die aus dem Impuls von Medjugorje entstanden sind: Etwa die Gemeinschaft Cenacolo, die einen unglaublichen Erfolg bei Drogensüchtigen hat, die durch ein glaubensstarkes christliches Leben Heilung finden. Medjugorje ist zu einem Sprungbrett für Cenacolo geworden, denn über diesen Ort hat sich die Hoffnungsbotschaft in die ganze Welt verbreitet. Ein zweites Beispiel ist das Mütterdorf, das Pater Slavko zunächst für die vergewaltigten Frauen und Opfer der grausamen Kriege gegründet hat.

DT: Sie nannten die guten Früchte – Bekehrungen, Berufungen, Beichten – und die Inhalte, die dem Evangelium gemäß sind und der Doktrin nicht widersprechen. Was kann die Kirche noch prüfen?

Schönborn: Sicher ist ein wichtiges Element auch die persönliche Glaubwürdigkeit der Zeugen. Es kann durchaus auch ein Zeichen für unsere Zeit sein, dass die Seherkinder alle verheiratet sind und Familien haben. Ich meine, man sollte Medjugorje im Licht des Zweiten Vatikanum untersuchen: Der berühmte „sensus fidelium“, der nicht so sehr das Außergewöhnliche sucht, sondern die Stärkung im täglichen Glaubensleben. In der Botschaft von Medjugorje geht es immer um das ganz normale christliche Alltagsleben. Was lernt man von der Mutter Gottes? Den Glauben im Alltag! Für mich ist Medjugorje eine Schule des normalen christlichen Lebens.

DT: Sie unterscheiden zwischen dem Anfangsimpuls und den weiteren Phänomenen. Warum?

Schönborn: Der Anfangsimpuls hat das Phänomen in Bewegung gebracht. Dass die Botschaften weitergehen, spielt sicher für die Pilger, die mit Medjugorje verbunden bleiben, eine wichtige Rolle. Ohne den Anfangsimpuls gäbe es Medjugorje nicht. Ich möchte nicht über die Anerkennung spekulieren. Für mich als Bischof ist wichtig, dass in den Botschaften nichts ist, was dem Glauben widerspricht. Dass Maria sich in dieser Zeit als „Königin des Friedens“ manifestiert, das ist ihre Handschrift. Ebenso die Betonung der Bekehrung, weil es Frieden untereinander nur gibt, wenn es Frieden mit Gott gibt.

DT: Viele Menschen haben in und durch Medjugorje ihr Leben geändert. Gibt es etwas, was Sie nach diesem Besuch anders machen wollen?

Schönborn: Wenn es so wäre, würde ich es nicht sagen. Aber eines ist mir durch die Jahre der Verbundenheit mit Lourdes bewusst geworden: dass wir uns viel konkreter von der Mutter Gottes führen lassen sollen. Wie erreicht Maria die Herzen der Menschen? Wir leben in einem Land, in dem die Zahl der aus der Kirche Ausgetretenen die zweitgrößte „Religionsgemeinschaft“ bildet. Viele dieser Menschen haben aber eine Sehnsucht nach Gott. Wir sehen, was mit Menschen passiert, die nach Lourdes oder Medjugorje gehen: da werden Wunden geheilt und Herzen brechen auf. Wie macht Maria das in unserer Zeit? Für mich ist es immer deutlicher geworden, uns von der Pastoral Mariens inspirieren zu lassen. Die Botschaften beinhalten wenig moralische Appelle. Aber wenn die Herzen sich von Maria berühren lassen und sich Gott zuwenden, dann ordnen sich die Dinge, dann kommt das Ja zum Leben aus einer inneren Evidenz heraus. Ein zu Gott bekehrtes Herz findet den richtigen Weg auch in den moralischen Fragen.

DT: War Ihre Reise mit dem Heiligen Stuhl abgestimmt? Werden Sie dem Heiligen Stuhl über Ihre Eindrücke berichten?

Schönborn: Ich bin aus ganz persönlichen Gründen auf diese Wallfahrt gegangen. Ich verschweige meinen Mitbrüdern gegenüber nicht meine Einstellung zu Medjugorje, die sich vertieft hat. Mit vielen Bischöfen habe ich darüber gesprochen und werde das auch weiter tun. Das ist auch ein Teil der kirchlichen Meinungs- und Urteilsbildung. Für viele der Pilger, die jetzt über Silvester nach Medjugorje kamen, war es schon ein Trost, dass auch ein Kardinal da war.

Foto: (c) Oase des Friedens Wien

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