25 Juli 2009, 10:15
Mehr als ein Hohelied der Wirtschaft – eine Enzyklika des Lebens!
 
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Fortschritt ist unsere Berufung, der Markt ist weder schlecht noch gut und die Globalisierung hilft den Menschen aus der Armut. Ein differenzierter Blick auf die neue Enzyklika "Caritas in Veritate" von Christof T. Zellenberg

Wien (kath.net)
Lange wurde sie erwartet. Zuletzt wurde sie von der globalen Wirtschaftskrise überrollt und musste ergänzt werden. Und heute streiten einige Experten darüber, ob sie begeistert oder verärgert sein sollten und der größere Teil, weil sie das Dokument entweder alle nicht wirklich lesen oder es nicht verstehen, schweigt einfach dazu. Die Rede ist von der neuen Sozialenzyklika des Heiligen Vaters, Papst Benedikt XVI, Caritas in Veritate - Liebe in Wahrheit.

Schon Papst Leo XIII sprach in der ersten jemals seitens der katholischen Kirche veröffentlichten Sozialenzyklika, Rerum Novarum, von der "strengen Verpflichtung des Menschen, immer nach der Wahrheit zu suchen und, einmal gefunden, immer daran festzuhalten." Alle Päpste seither haben auf die Freiheit des Menschen, als großes Geschenk Gottes an seine Kinder hingewiesen.

Gott hat den Menschen aus Liebe und freier Entscheidung, ebenfalls frei geschaffen. Er wünscht sich von uns nichts anderes, als durch uns geliebt zu werden und lieben kann man nur aus einer freien Entscheidung heraus, niemals aber unter Zwang. Außerdem entspricht der Mensch als, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, diesem auch in seiner Freiheit.

Papst Benedikt XVI beruft sich auf die Enzyklika Populorum progressio, seines großen Vorgängers Paul VI, wenn er sagt: „Nur wenn sie frei ist, kann die Entwicklung ganz menschlich sein; nur in Verhältnissen von verantwortlicher Freiheit kann sie in angemessener Weise wachsen.“(17) Paul VI meinte dazu dass „jeder seines Glückes Schmied, seines Versagens Ursache (ist), wie immer auch die Einflüsse sind, die auf ihn wirken.(17)

Benedikt XVI unterstreicht hier, dass „die ganzheitliche menschliche Entwicklung die verantwortliche Freiheit der Person und der Völker voraussetzt: keine Struktur kann diese Entwicklung garantieren, wenn sie die menschliche Verantwortung beiseite lässt oder sich über sie stellt.“ (17) Der Papst greift hier einen Gedanken seiner Enzyklika Spe Salvi auf, wo er sagt: „Gäbe es Strukturen, die unwiderruflich eine bestimmte – gute – Weltverfassung herstellen, so wäre die Freiheit des Menschen negiert, und darum wären dies letztlich auch keine guten Strukturen.“(Spe Salvi; 24b)

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Papst Benedikt XVI verbindet nun diese großen Themen der Liebe, der Freiheit und der Wahrheit. „Die Treue zum Menschen erfordert die Treue zur Wahrheit, die allein Garant der Freiheit (vgl. Joh 8, 32) und der Möglichkeit einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung ist“ (9) und weiter spricht er davon, „Ohne Wahrheit gleitet die Liebe in Sentimentalität ab.“(3) Damit hat er schon zu Beginn seiner Enzyklika deren großen Leitgedanken, die Ganzheitlichkeit, angesprochen.

Der Mensch muss in der Wahrheit bleiben und diese muss sich auf alle Lebensbereiche erstrecken. Er wird argumentieren, dass der Mensch nicht konsistent ist, wenn er die Umwelt schützt aber das menschliche Leben durch Abtreibung oder Euthanasie vernichtet, nein er geht sogar weiter und spricht davon „Die Beschädigung der Natur hängt nämlich eng mit der Kultur zusammen, die das menschliche Zusammenleben gestaltet.

Wenn in der Gesellschaft die »Humanökologie« respektiert wird, profitiert davon auch die Umweltökologie. Wie die menschlichen Tugenden miteinander verbunden sind, so dass die Schwächung einer Tugend auch die anderen gefährdet, so stützt sich das ökologische System auf die Einhaltung eines Planes, der sowohl das gesunde Zusammenleben in der Gesellschaft wie das gute Verhältnis zur Natur betrifft. …

Das entscheidende Problem ist das moralische Verhalten der Gesellschaft. Wenn das Recht auf Leben und auf einen natürlichen Tod nicht respektiert wird, wenn Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt des Menschen auf künstlichem Weg erfolgen, wenn Embryonen für die Forschung geopfert werden, verschwindet schließlich der Begriff Humanökologie und mit ihm der Begriff der Umweltökologie aus dem allgemeinen Bewusstsein.

Es ist ein Widerspruch, von den neuen Generationen die Achtung der natürlichen Umwelt zu verlangen, wenn Erziehung und Gesetze ihnen nicht helfen, sich selbst zu achten. Das Buch der Natur ist eines und unteilbar sowohl bezüglich der Umwelt wie des Lebens und der Bereiche Sexualität, Ehe, Familie, soziale Beziehungen, kurz der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen.

Unsere Pflichten gegenüber der Umwelt verbinden sich mit den Pflichten, die wir gegenüber dem Menschen an sich und in Beziehung zu den anderen haben. Man kann nicht die einen Pflichten fordern und die anderen unterdrücken. Das ist ein schwerwiegender Widerspruch der heutigen Mentalität und Praxis, der den Menschen demütigt, die Umwelt erschüttert und die Gesellschaft beschädigt.“(51)

Hierzu wird der Papst noch konkreter und entwickelt damit Caritas in Veritate zu einer wahren Lebensenzyklika. „Aber zuerst müssen wir das menschliche Leben von Anbeginn bis zu seinem natürlichen Ende schützen und bewahren. Die Offenheit für das Leben steht im Zentrum der wahren Entwicklung“(28), sagt der Papst. Besonders „in den wirtschaftlich mehr entwickelten Ländern sind die lebensfeindlichen Gesetzgebungen sehr verbreitet … sie tragen dazu bei, eine geburtenfeindliche Mentalität zu lancieren, die man häufig auch auf andere Staaten zu übertragen sucht. …

Außerdem besteht der begründete Verdacht, dass gelegentlich die Entwicklungshilfe selbst an bestimmte Formen der Gesundheitspolitik geknüpft wird, die de facto die Auferlegung starker Geburtenkontrollen einschließen. Besorgniserregend sind ferner Gesetzgebungen, welche die Euthanasie vorsehen.“(28)

„Zur verbreiteten tragischen Plage der Abtreibung könnte in Zukunft – aber insgeheim bereits jetzt schon in nuce vorhanden – eine systematische eugenische Geburtenplanung hinzukommen. Auf der entgegengesetzten Seite wird einer mens euthanasica der Weg bereitet, einem nicht weniger mißbräuchlichen Ausdruck der Herrschaft über das Leben, das unter bestimmten Bedingungen als nicht mehr lebenswert betrachtet wird….

Es verwundert einen die willkürliche Selektivität all dessen, was heute als achtenswert vorgeschlagen wird. Während viele gleich bereit sind, sich über Nebensächlichkeiten zu entrüsten, scheinen sie unerhörte Ungerechtigkeiten zu tolerieren. Während die Armen der Welt noch immer an die Türen der Üppigkeit klopfen, läuft die reiche Welt Gefahr, wegen eines Gewissens, das bereits unfähig ist, das Menschliche zu erkennen, jene Schläge an ihre Tür nicht mehr zu hören.

Gott enthüllt dem Menschen den Menschen; die Vernunft und der Glaube arbeiten zusammen, ihm das Gute zu zeigen, wenn er es nur sehen wollte; das Naturrecht, in dem die schöpferische Vernunft aufscheint, zeigt die Größe des Menschen auf, aber auch sein Elend, wenn er den Ruf der moralischen Wahrheit nicht annimmt.“(75)

Der Papst unterstreicht auch den wichtigen und heute oft vergessenen Zusammenhang von Recht und Pflicht in dem er sagt, dass „die Rechte Pflichten voraussetzen, ohne die sie zur Willkür werden… Die Pflichten stärken demnach die Rechte und bieten deren Verteidigung und Förderung als eine Aufgabe im Dienst des Guten an.“

Aber an dieser Stelle greift der Papst den heute leider vorherrschenden Gedanken des Rechtspositivismus an, wenn er sagt, „wenn hingegen die Rechte des Menschen ihr Fundament allein in den Beschlüssen einer Bürgerversammlung finden, können sie jederzeit geändert werden, und daher läßt die Pflicht, sie zu achten und einzuhalten, im allgemeinen Bewußtsein nach….“(43)

An diesem Punkt unterstreicht der Papst implizit eine der Hauptlehren der katholischen Soziallehre, nämlich das Prinzip der Subsidiarität, das sich im Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe manifestiert. „Solche Hilfe wird geboten, wenn die Person und die sozialen Subjekte es nicht aus eigener Kraft schaffen, und schließt immer emanzipatorische Zielsetzungen ein, da sie die Freiheit und die Partizipation, insofern sie Übernahme von Verantwortung ist, fördert.

Die Subsidiarität achtet die Würde der Person, in der sie ein Subjekt sieht, das immer imstande ist, anderen etwas zu geben. Indem sie in der Gegenseitigkeit die innerste Verfassung des Menschen anerkennt, ist die Subsidiarität das wirksamste Gegenmittel zu jeder Form eines bevormundenden Sozialsystems.“(57)

Zur Subsidiarität präzisiert er dann, „das Prinzip der Subsidiarität muß in enger Verbindung mit dem Prinzip der Solidarität gewahrt werden und umgekehrt. Denn wenn die Subsidiarität ohne die Solidarität in einen sozialen Partikularismus abrutscht, so ist ebenfalls wahr, daß die Solidarität ohne die Subsidiarität in ein Sozialsystem abrutscht, das den Bedürftigen erniedrigt.“ (58)

Benedikt XVI unterstreicht den Zusammenhang von Rechten und Pflichten sowie das Prinzip der Subsidiarität noch einmal, mit Blick auf die Entwicklungsländer, „diese fordern nämlich, dass die internationale Gemeinschaft es als eine Pflicht übernimmt, ihnen zu helfen, »Baumeister ihres Schicksals« zu sein, das heißt ihrerseits Pflichten zu übernehmen. Das Teilen der wechselseitigen Pflichten mobilisiert viel stärker als die bloße Beanspruchung von Rechten. (43)

Wo der Heilige Vater das alte Prinzip der Subsidiarität unterstreicht, spricht er von der „vorrangigen Zuständigkeit der Familien gegenüber dem Staat und seinen restriktiven politischen Maßnahmen…. Daher wird es zu einer sozialen und sogar ökonomischen Notwendigkeit, den jungen Generationen wieder die Schönheit der Familie und der Ehe vor Augen zu stellen sowie die Übereinstimmung dieser Einrichtungen mit den tiefsten Bedürfnissen des Herzens und der Würde des Menschen.

In dieser Hinsicht sind die Staaten dazu aufgerufen, politische Maßnahmen zu treffen, die die zentrale Stellung und die Unversehrtheit der auf die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gegründeten Familie, der Grund- und Lebenszelle der Gesellschaft, dadurch fördern, indem sie sich auch um deren wirtschaftliche und finanzielle Probleme in Achtung vor ihrem auf Beziehung beruhenden Wesen kümmern.“(44)

Auch mit Blick auf die Wirtschaft und das Streben des Menschen nach Wachstum, Entwicklung und Fortschritt lesen wir in Caritas in Veritate Erstaunliches. Heute ist oft, besonders auch in katholischen Kreisen, eine Kritik an diesem Fortschrittsgedanken zu hörenden. Sollen wir wirklich immer weiter nach vorne streben, sollen wir wirklich auf Wachstum und Entwicklung setzen oder damit zufrieden sein was wir haben?

Benedikt XVI spricht hier sogar von unserer göttlichen Berufung. „Die Berufung zum Fortschritt drängt die Menschen, mehr zu handeln, mehr zu erkennen, mehr zu besitzen, um mehr zu sein.“ (18) In diesem Zusammenhang spricht der Papst auch davon, dass „die Globalisierung a priori weder gut noch schlecht (ist). Sie wird das sein, was die Menschen aus ihr machen. Blinder Widerstand wäre eine falsche Haltung, ein Vorurteil, das schließlich dazu führen würde, einen Prozess zu verkennen, der auch viele positive Seiten hat, und so Gefahr zu laufen, eine große Chance zu verpassen, an den vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten teilzuhaben, die dieser bietet.“(42)

Der Papst unterstreicht hierzu auch, die Globalisierung „war der Hauptantrieb für das Heraustreten ganzer Regionen aus der Unterentwicklung und stellt an sich eine große Chance dar.“ (33)

Was sagt Benedikt XVI aber nun zur Wirtschaft und zur Funktion des Marktes innerhalb einer freien Marktwirtschaft? „Die Kirche vertritt seit jeher, dass die Wirtschaftstätigkeit nicht als antisozial angesehen werden darf. Der Markt ist an sich nicht ein Ort der Unterdrückung des Armen durch den Reichen… Die Gesellschaft muss sich nicht vor dem Markt schützen… Es ist sicher richtig, dass der Markt eine negative Ausrichtung haben kann, nicht weil dies seinem Wesen entspräche, sondern weil eine gewisse Ideologie ihm diese Ausrichtung geben kann.“(36) Der Papst erinnert uns weiters daran, dass „jede wirtschaftliche Entscheidung eine moralische Konsequenz“ hat.(37)

In einem Rückgriff auf die Enzyklika Centesimus annus, seines Vorgängers Papst Johannes Paul II, spricht Benedikt XVI von der Entwicklung eines dreigeteilten Systems bestehend aus „dem Markt, dem Staat und der Zivilgesellschaft.“(38) „Die exklusive Kombination Markt-Staat zersetzt den Gemeinschaftssinn. Die Formen solidarischen Wirtschaftslebens hingegen, die ihren fruchtbarsten Boden im Bereich der Zivilgesellschaft finden, ohne sich auf diese zu beschränken, schaffen Solidarität.“(39)

Jede menschliche Entscheidung, jedes Verhalten, impliziert auch die Frage nach der moralisch richtigen Entscheidung. Und diese kann nur in der Projektion auf Gott hin wirklich verstanden werden. Und an dieser Stelle spricht der Papst über das Naturrecht, wenn er sagt: „In allen Kulturen gibt es besondere und vielfältige ethische Übereinstimmungen, die Ausdruck derselben menschlichen, vom Schöpfer gewollten, Natur sind und die von der ethischen Weisheit der Menschheit Naturrecht genannt wird.

Ein solches universales Sittengesetz ist die feste Grundlage eines jeden kulturellen, religiösen und politischen Dialogs und erlaubt dem vielfältigen Pluralismus der verschiedenen Kulturen, sich nicht von der gemeinsamen Suche nach dem Wahren und Guten und nach Gott zu lösen. Die Zustimmung zu diesem in die Herzen eingeschriebenen Gesetz ist daher die Voraussetzung für jede konstruktive soziale Zusammenarbeit.“(59)

Der Papst warnt zum Abschluss und als große Zusammenfassung noch einmal ausdrücklich davor, zwar von Humanismus zu sprechen, aber dabei einen krankhaften Atheismus zu pflegen. „Der Humanismus, der Gott ausschließt, ist ein unmenschlicher Humanismus.“(78)

Caritas in veritate







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