23 Juli 2009, 11:02
Weltoffen oder provinziell?
 
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Anmerkungen zu den aktuellen Turbulenzen in der Diözese Linz - Von Dr. Christian Spaemann /Die Tagespost

München (kath.net/DT)
Die deutsche Jugendzeitschrift „Bravo“ lebt von der Frühsexualisierung in den westlichen Gesellschaften. Jetzt stellte sie eine Studie zu „Liebe!Körper!Sexualität!“ vor – als säkulares Medium kann sie dies tun, auch wenn man es als Christ nicht gutheißen muss. Kritisch wird es allerdings, wenn kirchliche Medien wie jetzt in der Diözese Linz einen ähnlichen Weg einschlagen.

In der oberösterreichischen Diözese Linz ist vor wenigen Tagen der Chef der Medienabteilung entlassen worden – anscheinend wegen einer CD für Jugendliche, die wenig mit dem kirchlichen Auftrag zu tun hat.

Die einen sprechen nun von Denunziation, die anderen von längst überfälligen Kurskorrekturen in der österreichischen Kirche. Dass hinter dem Vorgang tiefere gesellschaftliche Verwerfungen sichtbar werden, wird bei aller Aufgeregtheit vergessen. Es geht um ein Menschenbild, das den Menschen nicht zum bloßen Konsumgut degradiert. Es geht um christliches Profil.


Hintergrund für die Absetzung des Pressesprechers und Leiters des Kommunikationsbüros der oberösterreichischen Diözese Linz, Ferdinand Kaineder, durch Bischof Ludwig Schwarz und die damit verbundenen heftigen Reaktionen in Europas Kulturhauptstadt war unter anderem offenbar seine Verantwortung für ein Jugend-Multimedialexikon „Raum für mein Leben“, das an 15 000 Jugendliche in der Diözese Linz verschickt wurde.

Es lohnt sich deshalb, sich über den Inhalt dieser CD eingehend kundig zu machen. In Bezug auf den christlichen Glauben erwartet den Mediennutzer dabei ein völlig unverbindliches weltanschauliches Allerlei, das in jeder Illustrierten zu lesen ist. Im Bereich Partnerschaft und Sexualität auf der CD gerät der Hörer und Seher ebenfalls in ein Allerlei, die das in unserer Gesellschaft Übliche zum Thema widerspiegelt, ganz zu schweigen von dem, wohin die Verlinkungen mit anderen Medien im Internet führen.

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Die tieferen Zusammenhänge zwischen christlichem Glauben und Sexualität, die Zusammenhänge zwischen Sexualität und dem Leben insgesamt, der Bezug zu Ehe und Familie fehlen völlig – und das auf einer von Kirchensteuern finanzierten CD.

Stattdessen ist ein banales Video über „das erste Mal“ produziert, wie es in jedem Fernsehsender zu finden ist. Es ist schlechterdings nicht erkennbar, was die katholische Kirche in Oberösterreich mit dieser CD den jungen Menschen sagen will.

„Gemeinsamer Nenner des staatlich-industriellen Jugendaufklärungskomplexes ist eine Sexualität, die als Konsumgut gesehen wird“
Das alles aber hat grundsätzlichere Dimensionen. Was die Kommunikation der Erwachsenen mit der Jugend zum Thema Partnerschaft und Sexualität anbelangt, so zeichnen sich in unserer Gesellschaft zwei Grundströmungen ab. Es gibt einen Mainstream. Dieser wird vor allem durch die Wirtschaft definiert, bei der es bekanntlich mehr um Gewinnmaximierung als um Wertevermittlung geht. Die Gewinnmaximierung lässt sich am besten über die Betonung der eher triebhaften Instinkte des Menschen erzielen. So gibt es beispielsweise unter den Illustrierten, die mittlerweile Zielgruppen und Themen von der Krabbelstufe bis zu den Hochaltrigen im Auge haben, einige, die eher für den Leserkreis der Vor- und Frühpubertät bestimmt scheinen und in denen darauf geachtet wird, dass die ersten kreisenden Hormone und die zartesten Ansätze sexueller Empfindungen bei den Jugendlichen rechtzeitig thematisch besetzt und durch sexualisierte Inhalte wirtschaftlich genutzt werden.

Hand in Hand mit dieser Frühsexualisierungsindustrie arbeiten staatliche und staatlich unterstützte Institutionen, die über allerlei mehr oder weniger anregende Internetseiten und Folder präsent sind. Gemeinsamer Nenner dieses staatlich-industriellen Jugendaufklärungskomplexes ist eine Auffassung von Sexualität, bei der diese als ein aus den Zusammenhängen des Lebens gerissenes Konsumgut gesehen wird. Leitlinie ist der Hedonismus nach dem Motto „Tue, was was Dir Spaß macht“. Liebe firmiert unter Momentangefühlen.

Die maßgebliche Aufklärungsbroschüre des österreichischen Bundesministeriums für Gesundheit trug über Jahre den Titel „Ich bin scharf auf dich“. Ehe, Familie und Verantwortung für die Zukunft geraten hier völlig aus dem Blickfeld. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass Schwangerschaft mehr oder weniger als Unfall unter der Rubrik „Panik“ dargestellt wird und es keine Internetseiten dieser Art gibt, die nicht mit Abtreibungsorganisationen verlinkt sind.

Die besagte Jugend-CD der Diözese Linz fügt sich hier nahtlos ein. Sie wendet sich zwar an ältere Jugendliche, muss aber im Zusammenhang mit der oben beschriebenen Frühsexualisierung als deren Fortsetzung gesehen werden.

Gegenüber diesem gesellschaftlichen Mainstream gibt es so etwas wie ein Rinnsal humaner abendländischer Kultur und Anthropologie. Nach dieser Auffassung ist der Mensch ein geistiges Wesen, ausgespannt zwischen Vergangenheit und Zukunft, das fähig ist, sich selbst zu überschreiten und für das eigene und das Leben anderer Verantwortung zu übernehmen. Die eigene Zukunft wird als eine Herausforderung gesehen, durch deren Annahme ein sinnerfülltes und damit geglücktes Leben verwirklicht werden kann. Zu diesen Herausforderungen gehört als eine wesentliche Möglichkeit die Beziehung zu einem Partner.

Das „Ja“ zu einem anderen bedeutet für den Menschen als geistiges Wesen die Bejahung von dessen Vergangenheit und Zukunft und ist so wesentlich auf jene Verbindlichkeit bezogen, die man herkömmlicherweise Ehe nennt. Sexualität ist demnach integraler Bestandteil eines dem Wesen des Menschen entsprechenden geglückten Lebens im Sinne der aristotelischen Eudaimonia, also des Glücks. Zu diesem gehört auch die Gründung einer Familie und, damit verbunden, die positive Einstellung zur Fruchtbarkeit, Kinderwunsch und die Sehnsucht, den Kindern einen optimalen Lebensraum zu ermöglichen. Dieses Verständnis von menschlichem Glück ist anspruchsvoll und schließt die Erfahrung von Scheitern und Leid mit ein. Es geht kurz gesagt um die Integration der Sexualität in die Gesamtpersönlichkeit als eine wesentliche Entwicklungsaufgabe im Jugendalter und wichtige Basis für späteres gesundes Mann- und Frausein.

Das Interessante an dieser Konzeption ist nun, dass sie, trotz Dauerberieselung mit anderen Vorstellungen, den Sehnsüchten der Jugendlichen entspricht. Sieht man sich die einschlägigen Studien hierzu an, dann wünschen sich diese jungen Menschen eine intakte Herkunftsfamilie und hoffen selber, eine geglückte Familie gründen und leben zu können. Aber diese Auffassung von menschlichem Glück befriedigt nicht nur die Sehnsucht der Jugendlichen, sondern dient auch dem Gemeinwohl und seiner Zukunft. Die seelische Gesundheit und Identitätsbildung eines Menschen ist, wie ich das täglich in meiner Arbeit als Psychiater und Psychotherapeut beobachten kann, wesentlich davon bestimmt, welche Erfahrungen der Mensch selbst mit Vater und Mutter gemacht hat. Diese Erfahrungen wiederum sind unter anderem eine wesentliche Voraussetzung dafür, ob es den Betreffenden selber gelingt, eine stabile Beziehung einzugehen und Kindern ein stabiles und für deren Zukunft gedeihliches Zuhause zu ermöglichen. Die Dualität der Geschlechter und die Sexualität sind Grundlagen unserer Evolution. Die kulturelle Ausgestaltung der Geschlechtlichkeit im Rahmen von Ehe und Familie bilden die Grundlage für die Zukunft einer Gesellschaft. Insofern würde es der Vernunft entsprechen, wenn sich die Gesellschaft dieser Lebensform als Leitbild mehr zuwenden würde.

Der christliche Glaube ist in Europa eine der Quellen für diese Kultur. Da, wie Ernst Wolfgang Böckenförde gesagt hat, die pluralistische, liberale Gesellschaft von Voraussetzungen lebt, die sie nicht aus sich selber hervorbringt, müsste ein Christentum mit Profil durchaus im gesamtgesellschaftlichen Interesse liegen. Es sei angemerkt, dass Ehe und Familie in allen Hochkulturen und Religionen als grundlegend angesehen werden. Wenn man bedenkt, dass in den vergangenen 40 Jahren die Geburtenraten und die Eheschließungen zum Beispiel in Österreich um 40 Prozent zurückgegangen sind und sich zugleich die Ehescheidungen verdreifacht haben, dann stellt sich schon die Frage, inwieweit es sich die Europäer noch leisten können, nach und nach den Ast abzusägen, auf dem alle Europäer sitzen.

„Warum sollten Mitglieder der katholischen Kirche nicht das gleiche Recht haben, dass katholisch drin ist, wo katholisch draufsteht, wie McDonald-Besucher auf ihren Big Mac?“

Noch ein anderer Aspekt sei in diesem Zusammenhang erwähnt: Es gehört in einer demokratisch organisierten Gesellschaft zur Religionsfreiheit, dass die Kirchen die Definitionshoheit über sich haben, ohne selber wieder demokratisch organisiert zu sein. Dies ist historisch gesehen keine Selbstverständlichkeit. In der Debatte des Frankfurter Paulskirchenparlaments 1848/49 über die Religionsfreiheit war dies durchaus umstritten. Es zeigte sich damals bereits das totalitäre Potenzial des Liberalismus. Erst mit der Etablierung demokratischer Republiken in Österreich und dem Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg hat sich dies als Grundrecht durchgesetzt. Diese Freiheit der Glaubensgemeinschaften zu einem eigenen Profil ist mit einem Vegetarierverein vergleichbar, der das Recht hat, ein Mitglied vor die Tür zu setzen, welches Fleischwerbung betreibt.

Andernfalls wären die anderen Mitglieder in diesem Verein in ihrem Recht beeinträchtigt, dort das zu finden, weshalb sie ihm beigetreten sind. Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen scheint die Vorstellung, dass es sich, wie jetzt vielfach behauptet wird, um Denunziation handelt, wenn sich Mitglieder der katholischen Kirche bei den zuständigen Verantwortlichen wegen der besagten Jugend-CD in der Diözese Linz beschweren, genauso absurd, wie wenn man die Beschwerde von McDonald-Besuchern als Denunziation bezeichnen würde, die, was übrigens bereits vorgekommen sein soll, eine gebratene Maus anstelle eines Hamburgers vorgesetzt bekämen.

Warum sollten Mitglieder der katholischen Kirche nicht das gleiche Recht darauf haben, dass katholisch drin ist, wo katholisch draufsteht, wie McDonald-Besucher bei ihrem Big Mac?

Was also ist passiert? In einer pluralistischen, liberalen Gesellschaft wie der des österreichischen Bundeslandes Oberösterreich will eine Gruppe, sprich die katholische Kirche, in der Person ihres Chefs, sprich des Bischofs, durch eine Personalentscheidung ihr Profil im Bereich Glaubens- und Wertevermittlung schärfen und sich damit in einem ersten kleinen Schritt der Weltkirche und deren oftmals viel erfolgreicheren Entwicklungen in der Seelsorge annähern. Dabei kommt es in der Europäischen Kulturhauptstadt zu einem Aufschrei der Presse und einiger Teile des Bürgertums, und damit verbunden, zu einem Ruf nach Weltoffenheit der katholischen Kirche. Es stellt sich dabei allerdings die Frage, wer hier wie weltoffen ist.

Es hat eher den Anschein, als fühlten sich viele Menschen in Oberösterreich noch so homogen katholisch, dass ihnen die Differenz zwischen der säkularen und pluralistischen Gesellschaft, in der sie leben, einerseits und einer christlichen Glaubensgemeinschaft, der sie mehrheitlich angehören andererseits, noch nicht bewusst geworden ist. Sie wünschen sich sehnlich, den apostolischen Segen für den weltanschaulich-sittlichen Mainstream dieser Gesellschaft zu bekommen, damit die gute alte Einheit von Kirche und Staat gewahrt bleibt. Ob diese Verwirrung mehr mit Weltoffenheit oder mit Provinzialität zu tun hat?


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