26 März 2009, 12:35
Das Elend der deutschen Kirche und ihrer Theologie
 
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Durchaus weniger Geld für die Kirche würde durchaus zu mehr Glaubwürdigkeit der Kirche führen. - Ein kath.net-Kommentar von Prof. Dr. Hubert Windisch / Universität Freiburg

München (kath.net)
Die Erregung, die ganz Deutschland im Zusammenhang mit der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Pius-Bruderschaft durch Papst Benedikt XVI. erfaßt hatte, war groß. Dennoch bleibt die Frage, wieso die Falschmeldung „Papst rehabilitiert Holocaustleugner“ eine derartige Welle der Empörung erzeugen konnte, an deren Spitze die ignorante Einmischung der Bundeskanzlerin stand.

Berechtigte kritische Rückfragen an den Vatikan in der Causa „Williamson“ wurden nicht mehr auf dem Boden sachlicher Auseinandersetzung behandelt, sondern durch eine Anti-Papst-Hysterie ersetzt, die nicht mehr rational zu erklären war.

Zeigt sich in dem ganzen Vorgang vielleicht ein pathologischer Zustand des deutschen Katholizismus, und zwar in dreifacher Hinsicht: psychologisch, theologisch, strukturell?

In psychologischer Hinsicht konnte die mediale Falschmeldung nur greifen, weil sie ein Bedürfnis bediente. In vielen kirchlichen bzw. theologischen Äußerungen läßt der jeweilige Text auf der pragmatischen Sprachebene fast immer Emotionen und Interessen erkennen, die vermutlich lange im Unterbewußten gehalten oder verdeckt gezügelt waren, jetzt aber ausgelebt werden konnten und offen zutage traten.

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Jetzt konnte man lautstark am Image des Papstes kratzen, ein weltweit angesehener Kirchenmann zu sein, der die Jugend fasziniert und bei seinen Reisen gut ankommt, der sich in verschiedensten Situationen als gebildeter Gesprächspartner zeigt und herausragende kirchenpolitische Zeichen gesetzt hat.

Jetzt konnten die immer selben alternden Theologen und auch Politiker zeigen, wie sehr sie in ihrer eigenen Lebensgeschichte gefangen und erstarrt sind und deshalb auf neue Herausforderungen überdogmatisch mit immer denselben Hinweisen auf gewisse Einsichten aus einem oft sehr überschaubaren persönlichem Lebensabschnitt reagieren.

Das „Ich habe recht“ wurde dabei oftmals kaschiert durch die in der Öffentlichkeit nicht leicht überprüfbare Berufung auf das II. Vatikanische Konzil, die allerdings oftmals nur in einer Teilakzeptanz seiner Texte besteht, was man freilich anderen gerne zum Vorwurf macht.

In der Verbindung von Rechthaberei und Zwiespältigkeit entsteht bei nicht wenigen Theologen diese eigenartige geduckte Kirchlichkeit, die, aggressiv aufgeladen und, was den Lebensunterhalt betrifft, staatlich gut abgesichert, in besseren Zeiten ein freundliches Gesicht zeigt, sich aber bei nächster Gelegenheit gegen den eigenen Dienstherrn entlädt.

Keine Firma, die etwas auf sich hält, würde sich einen solchen Zustand erlauben, wollte sie nicht untergehen. Die Bischöfe im deutschen Sprachraum haben dieses Phänomen schon seit längerem nicht mehr im Griff.

In theologischer Hinsicht wird die erwähnte Pathologie zweifach greifbar: Da geht es zunächst um die grundsätzliche Hermeneutik des II. Vatikanischen Konzils.

Nicht wenige deutsche Theologen vertreten eine Hermeneutik des Bruchs, so als ob es die 1962 Jahre Kirchengeschichte vor dem II. Vatikanischen Konzil nicht oder kaum gegeben hätte, was sich auch darin zeigt, daß sie fast ausschließlich, wenn auch oftmals selektiv, aus dem Konzil zitieren.

Eine solche Einstellung ist weder kirchengeschichtlich gerechtfertigt noch für systematisches theologisches Denken zulässig. Eine solche Theologie ist defekt.

Wenn Papst Benedikt dagegen unbeirrt für eine Hermeneutik der Kontinuität eintritt, würde eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit seinem Ansatz zwangsläufig zum Überdenken eigener Positionen und zur Änderung so mancher pastoraler Praktiken führen müssen. Damit kommt ein schmerzlicher zweiter Gesichtspunkt in den Blick.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß in den letzten Jahrzehnten in der Kirche in Deutschland eine eher naive als kritische Weltzuwendung vorherrschte. Vor allem Pastoraltheologen und –strategen konzentrierten sich vornehmlich auf den ersten Satz der ersten Nummer der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des II. Vatikanischen Konzils, ohne sich vom Grundduktus des gesamten Dokuments ergreifen und führen zu lassen, der eindeutig darin besteht, alle Lebensbereiche des Menschen in der Welt von heute in eine heilsame Begegnung mit dem Evangelium, letztlich mit Jesus Christus selbst zu bringen.

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum sich die Botschaft der Kirche in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vorrangig von der Welt her und nicht auf die Welt hin verstand.

So ist schleichend zwar, aber nachhaltig eine Kirche des Boulevards entstanden, eine Kirche im Defekt, wie Karl Barth einmal sagte, die sich schielend und stotternd in der Zeit bewegt und in der sich manchmal sogar Bischöfe zu Narren machen lassen.

Was dabei entsteht, ist eine Kirche, die die Menschen und insbesondere die gesellschaftlichen Institutionen zwar brauchen, aber so brauchen, daß man sie eigentlich nicht mehr braucht. Eine Kirche aber, die man braucht, um sie nicht zu brauchen, braucht man nicht.

Kirchliche Weltpräsenz sieht anders aus. Bei einer Diskussion von Ernst Bloch und Herbert Haag in Tübingen über den berühmten Abschied vom Teufel stand Bloch während der Debatte auf, ging zum Fenster, öffnete es, zeigte hinaus und sagte zu Haag: „Herr Kollege, die Welt ist nicht so, wie Sie sie gerne hätten.“

Die Pathologie des deutschen Katholizismus in theologischer Hinsicht besteht im Verlust des biblischen Realismus für die Welt von heute.

Eine wesentliche Wurzel für die psychologischen und theologischen Defekte ist in struktureller Hinsicht, und das mag zunächst weit hergeholt erscheinen, das Geld.

Die Kirche in Deutschland hat viel Geld. Hauptsächlich deswegen wird sie, obwohl prozentual gesehen eine Splittergruppe der Weltkirche, von den Glaubensbrüdern und –schwestern jenseits des deutschen Sprachraums auch geschätzt.

Daß die finanziellen Möglichkeiten der Kirche in Deutschland ein Segen sein können, sei unbestritten. Zu fragen ist jedoch, ob der finanzielle Gesichtspunkt, falls er dominant wird, nicht allmählich zu einer Verdunkelung der Glaubwürdigkeit der Kirche in der Gesellschaft von heute führen muß, und zwar wieder in einem zweifachen Sinn: Zum einen blockieren im jetzigen konkordatär abgesicherten Kirchensteuersystem die gesetzlich gut bezahlten Privilegien, die der Kirche vom Staat gewährt werden, die Freiheit der Kirche gegenüber dem Staat. Nicht selten erscheint die Kirche im tagespolitischen Disput im Wort gehemmt.

Vor allem aber kann die Kirche aufgrund des augenblicklichen Konkordats nur noch bedingt Sachwalterin der konkreten Erinnerung an die voraussetzungslosen Voraussetzungen jeder gesellschaftlichen Ordnung sein.

Im Gegenteil trägt unter dem Vorzeichen des Geldes eine einst zurecht angezielte Kooperation zwischen Staat und Kirche inzwischen immer mehr den Keim von Kumpanei in sich. Wenn Jesus in Mt 6,24 mahnt: „Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon“, bleibt der Kirche keine Wahl.

Biblisch betrachtet muß sie sich für den Vorbehalt gegenüber jeglicher staatlichen Ordnung entscheiden. Zum anderen wäre eine Änderung des Kirchensteuersystems nach italienischer Art ein wirklicher Zugewinn von Demokratie innerhalb der Kirche selbst. Die Gläubigen könnten endlich selbst entscheiden, wem sie ihr Kirchensteuergeld geben wollen.

Darüber hinaus bestünde in einem Kirchensteuersystem wie in Italien keine Möglichkeit mehr, des Geldes wegen aus der Kirche auszutreten bzw. austreten zu müssen. Durchaus weniger Geld für die Kirche würde durchaus zu mehr Glaubwürdigkeit der Kirche führen. Eine solche Konkordatsänderung würde z. B. auch das System der Theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten hinterfragen.

Ihr Platz an den Universitäten sollte zwar gesichert bleiben. Aber was könnte es bedeuten, im Jahr des Apostels Paulus, der ein großer Theologe war und Zeltmacher dazu, einmal darüber nachzudenken, die professorale Theologie zu entberuflichen? Wer würde wohl dann noch Theologieprofessor werden? Die damit gewonnene theologische Freiheit wäre sicher für viele neu und ungewohnt. Reizvoll wäre sie allemal.

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