22 März 2009, 09:00
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Christenverfolgung im Irak: Wie sieben Kinder ihre Eltern verloren.

Essen (www.kath.net/idea)
Am 19. März sind die ersten Flüchtlinge aus dem Irak in Deutschland eingetroffen. Laut einem Beschluss der Europäischen Union sollen insgesamt 10.000 Personen in der EU Zuflucht finden, die in ihrer Heimat verfolgt werden. Deutschland nimmt davon 2.500 Menschen auf, von denen die meisten Christen sind. Der heute 16-Jährige Naseem Jalal Shaaya hat bereits letztes Jahr die Flucht nach Deutschland geschafft. Seine Mutter war im Irak wegen ihres christlichen Glaubens erschossen worden, der Vater lange Zeit verschollen. Tobias-Benjamin Ottmar hat Naseem in Essen getroffen.

Die traurige Geschichte von Naseem beginnt am 12. Juli 2007 in dem kleinen Dorf Samarah, südlich von Bagdad. Dort lebt er mit seinen Eltern und den sechs jüngeren Geschwistern. Sie sind die einzige christliche Familie in dem Ort. Weil das Geld, das sein Vater verdient, nicht reicht, muss Naseem schon mit 14 Jahren arbeiten gehen. Auch an jenem 12. Juli ist er auf der Arbeit, als er plötzlich von einer Nachbarin einen aufgeregten Anruf bekommt. „Da sind vermummte Männer bei euch zu Hause“, sagt sie. Er solle schnell heimkommen.

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Als er zu Hause eintrifft, findet er ein Bild des Grauens vor: Seine Mutter liegt tot im Vorgarten. Fünf Geschwister von ihm (5 Monate sowie 2, 5, 6 und 7 Jahre) – die den Mord mitverfolgt haben – stehen und kauern daneben, weinen um ihre Mutter. Die Hände der Kleinen sind blutverschmiert. Die vermummten Männer – vermutlich islamische Fundamentalisten – haben Amira Jalal Shaaya erschossen, weil sie Christin war. Sie wurde nur 34 Jahre alt. Der Vater der Familie ist verschwunden. Ob verschleppt oder geflüchtet – niemand weiß es zu diesem Zeitpunkt!

Sie planten schon die Flucht …

Mehrere tausend Kilometer nordwestlich lebt die Mutter des Opfers: in Essen. Bereits seit Mitte der 90er Jahre wohnt Fiktoria Hanah mit ihrem Mann in Deutschland. Als sie den Anruf bekommt, dass die Tochter tot ist, ist sie natürlich geschockt. Noch eine Woche zuvor hatten sie miteinander telefoniert. Ihre Tochter berichtete, dass sie gezwungen würden, zum Islam zu konvertieren. Die Mutter riet ihr, alles Hab und Gut zu verkaufen und wegzuziehen. Doch die Täter waren schneller. „Tagelang habe ich geweint und gebetet“, sagt die Frau heute. Am liebsten wäre sie sofort in den Irak geflogen. Doch das wäre zu gefährlich gewesen.

Der Weg bis nach Deutschland

Der 14-Jährige Naseem und seine Geschwister sind plötzlich auf sich alleine gestellt. Er besorgt einen einfachen Holzsarg für seine Mutter. Mit den Geschwistern im Schlepptau fahren sie mit einem Bus einen Tag nach dem Mord in das nordirakische Teskof zu Verwandten. Dort wird die Mutter begraben. Doch die sieben Waisenkinder wollen nicht dort bleiben, sondern nach Deutschland – zu den Großeltern. Die christliche Gemeinde in dem Ort organisiert einen Fahrer, der sie nach Syrien bringt. Das Ziel: Damaskus. Dort wendet sich Naseem an die deutsche Botschaft, die die Familie bei den Ausreisebemühungen nach Deutschland unterstützt. Am 25. März 2008 können die Kinder schließlich in die Bundesrepublik einreisen.

Für Christen ist es schlechter geworden

Naseem ist froh, den Irak hinter sich gelassen zu haben. Die Lage für die Christen habe sich in dem Land nur verschlechtert. An einen regelmäßigen Schulbesuch sei für ihn und seine Geschwister nicht zu denken gewesen – zu gefährlich. „Es gab keine Freiheit“, sagt Naseem. Ihren Glauben konnten sie nur im Privaten leben, denn eine Kirche gibt es in seinem Heimatort Samarah nicht. Nur zweimal im Jahr besuchten sie den Gottesdienst. „An Weihnachten und Ostern sind wir drei Stunden nach Teskof gefahren, um dort mit anderen Christen Gottesdienst zu feiern.“ In Essen kann er nun regelmäßig die Gottesdienste der chaldäisch-christlichen Gemeinde besuchen.

Alpträume belasten die Kinder

Die Vergangenheit lässt die Kinder nicht los. Oft werden sie von Alpträumen gepackt. Die Großeltern sind häufig mit den sieben Enkelkindern überfordert. Ohne die Unterstützung von außen käme die Familie nicht zurecht. Jeden Tag besucht eine Mitarbeiterin des Jugendamts die Kinder, von denen die älteren inzwischen zur Schule gehen. Sie hilft bei den Hausaufgaben und lernt mit ihnen Deutsch. „Die Sprache bereitet noch große Probleme“, sagt sie. Zehn Stunden in der Woche kümmert sie sich um die Familie.

Egal, wie sich die Lage im Irak weiter entwickelt: Naseem will auf keinen Fall zurück. Stattdessen will er sich hier eine eigene Existenz aufbauen. Doch zunächst braucht der inzwischen 16-Jährige, der zurzeit die 7. Klasse der Hauptschule besucht, einen Schulabschluss oder eine Ausbildung. „KFZ-Mechaniker, das wäre etwas für mich“, sagt er.

Überraschung: Der Vater lebt!

Auch wenn die sieben Waisen ihre Großeltern als „Mama und Papa“ bezeichnen, spüren sie den Verlust. Doch vor wenigen Wochen kam die freudige Nachricht: Ihr Vater lebt. Ein Mitarbeiter der katholischen Sozialarbeit der Caritas in Essen, Shairzid Thomas, der schon mehrmals in seine alte Heimat Irak gereist ist, um sich dort um Flüchtlinge zu kümmern und Kontakte zu knüpfen, hat ihn bei seiner letzten Reise Anfang Februar gefunden. Der 38-Jährige hatte sich an verschiedenen Orten vor den islamistischen Freischärlern versteckt gehalten, die seine Frau vor den Augen der eigenen Kinder erschossen hatten. Das Wohnhaus der Familie wurde inzwischen völlig zerstört, berichtet Thomas. Der Vater habe nur dank der Hilfe von Freunden, Verwandten und anderen Christen überleben können.

Im April das Wiedersehen?

„Meine Gebete wurden erhört“, sagt Naseem. Als er in Damaskus war – in der Erwartung ein Visum für Deutschland zu erhalten –, sei er jeden Tag in der Kirche gewesen, habe zu den am Kreuz hängenden Jesus aufgesehen und eine innere Gewissheit gespürt, dass er seinen Vater wiedersehen wird. Nun könnte sich diese Hoffnung bald bewahrheiten. Die Caritas bemüht sich derzeit intensiv um eine Familienzusammenführung. „Die Kleinen fragen jeden Tag, wenn sie von der Schule nach Hause kommen, wann denn ihr Vater nach Hause komme“, sagt die Großmutter. Bislang muss sie sie immer vertrösten. Vielleicht ist es im April soweit. Dann will Caritasmitarbeiter Thomas noch einmal in den Irak, um sich vor Ort für eine Ausreise des Vaters einzusetzen.

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