24 Januar 2009, 11:35
‚Der Glaube reißt den Menschen über sich selbst hinaus’
 
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Predigt von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner zum Gedenkgottesdienst für Pater Werenfried van Straaten im Kölner Dom am Samstag.

Köln (www.kath.net/PEK)
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Zur eisernen Ration geistlichen Lebens gehörte für unseren Pater Werenfried van Straaten der tägliche Rosenkranz. Der Rosenkranz umfasst die ganze Glaubenslehre, aber auch die christliche Lebenslehre. Letztere zeigt sich in den ersten drei kleinen Perlen, an denen wir um Glaube, Hoffnung und Liebe bitten.

Pater Werenfried ist nur zu verstehen und zu definieren als Mann des Glaubens, als eine Gestalt der Hoffnung und als Abenteurer der Liebe.

1. Pater Werenfried als Mann des Glaubens

Schon in seiner äußeren Gestalt glich Pater Werenfried einem Propheten, der mit der Wucht seines Glaubens buchstäblich Berge versetzt hat. Was anderen unmöglich erschien, wurde für ihn eine selbstverständliche Möglichkeit. Er rechnete in seinem Leben nicht nur mit dem, was man sehen und anfassen kann, sondern mehr noch mit dem, was nicht zu sehen und nicht anzufassen ist, nämlich mit dem lebendigen Gott selbst.

Seiner Wirklichkeit wurde er inne, indem er ihn im Leben und Leiden der Kirche erkannte und ihm in vielfältigster Weise diente. Von hierher kam sein berühmter Satz: „Gott ist viel besser, als wir denken“, und er fügte hinzu: „Ebenfalls auch die Menschen, die ja bekanntlich seine Abbilder sind“. Der Motor, der Pater Werenfried lebenslang zugunsten der Menschen in Bewegung hielt, war sein tiefer Glaube an die lebendige Gegenwart Gottes in seinem Leben und im Dasein der Menschen.

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Der Glaube reißt den Menschen über sich selbst hinaus, gleichsam vertikal in die Nähe Gottes, sodass er mit Gott zu tun bekommt. Dabei erfährt er Gott als den, der immer zu den Menschen unterwegs ist, sodass sich die Begegnung mit Gott in der Sendung zu den Menschen vollendet. „Der Mensch erhält mit Gott zu tun, indem er mit den Menschen zu tun erhält“, sagt Papst Benedikt XVI. Weil der Glaube den Menschen mit Gott verbindet, verbindet er auch die Menschen miteinander. Das zeigt uns das Lebenszeugnis von Pater Werenfried.

Wer die vielen Jahrgänge seines „Echos der Liebe“ liest, wird darüber nicht mehr in seinem Leben belehrt werden müssen. Der heilige Augustinus sagt uns ausdrücklich: „Immer und überall sollt ihr bedenken, dass man Gott und den Nächsten lieben soll: Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit dem ganzen Denken, den Nächsten wie sich selbst“. In der Reihe des Doppelgebotes steht aber an erster Stelle die Liebe zu Gott. In der Ordnung des Handelns kommt aber die Nächstenliebe zuerst. Denn – so wiederum Augustinus –: „Der dir die Liebe in diesen zwei Geboten vorschreibt, wird dir nicht zuerst die Nächstenliebe ans Herz legen und dann erst die Gottesliebe, sondern die Gottesliebe zuerst und dann die Nächstenliebe“. Letztere aber – wie oben gesagt – in der Ordnung des Handelns zuerst. Diese lebendige Liebe zu Gott, die wir Glauben nennen, war die innere Energie, die das Denken, Sprechen, Beten und Handeln von Pater Werenfried van Straaten bewegt hat.

2. Pater Werenfried als Gestalt der Hoffnung

Die Hoffnung ist eigentlich nur die Kehrseite des Glaubens. Alle, die Pater Werenfried kannten, waren manchmal ratlos oder verwundert, wenn sie seine Vorhaben, seine Versprechungen und seine Pläne zur Kenntnis zu nehmen hatten, aber gleichsam die Deckung all dessen fehlte. Um es in der Sprache der Banker zu sagen: Er stellt Blankoschecks aus, die nicht durch die aktuellen Kontostände gedeckt waren. Sie waren aber gedeckt durch die Kraft seiner Hoffnung, die wusste, dass Gott immer das gibt, was zur Linderung der Not anderer nötig war. Sein ganzes Lebenswerk war eigentlich nur die Konsequenz seiner Hoffnung. Ohne regelmäßige und gesetzlich verbürgte finanzielle Zuwendungen übernahm er Aufgaben und Verpflichtungen, die sich über lange Zeiträume erstreckten. Wir dachten immer, hier werden Versprechungen gemacht, die man wahrscheinlich gar nicht halten kann.

Pater Werenfried vermittelte immer das Bewusstsein und die Überzeugung, dass er das, was er verspricht, auch einlöst. Woher wusste er das? Woher nahm er diese Sicherheit? – Aus seiner großen Hoffnung, und zwar aus der Hoffnung, dass Gott die nicht ins Leere greifen lässt, die sich mit ihren Händen nach seinen Reichtümern zugunsten der anderen ausstrecken. Bei der wunderbaren Brotvermehrung hieß es, dass am Ende die übrig gebliebenen Brote in zwölf Körben eingesammelt werden mussten. Diese zwölf vollen Brotkörbe stellen den nie aufzubrauchenden Überfluss Gottes in seiner Kirche dar. Sie sind uns nicht nur gegeben, um die Fülle Gottes bei uns zu bewundern, sondern um sie unter denen zu verteilen, die in Not sind.

Und das geschieht immer im Vorgriff. Ich habe das Brot noch nicht in der Hand. Es steht erst in den vollen Körben vor mir, aber ich verspreche schon den anderen davon. Das ist die Hoffnung, mehr einzukaufen, als ich Geld in der Tasche habe, im Hinblick darauf, dass Gott in seiner Güte und seinem Erbarmen den Fehlbetrag übernehmen wird. Hier war Pater Werenfried wirklich ein Meister der Hoffnung. So gesehen konnte man eigentlich sagen: Er war immer in guter Hoffnung. Und darum fühlten sich die Menschen zu ihm hingezogen, weil er Mut, Zuversicht und Vertrauen vermittelte, das er auch nie enttäuschte. Pater Werenfried war ein Mensch, so arm und so reich wie wir alle, aber seine Hoffnungskraft hob ihn aus den normalen Handlungsmaximen eines Durchschnittsmenschen heraus und versetzte ihn in die Dimensionen der Großzügigkeit und Hochherzigkeit Gottes. Und diese Kraft, die aus einem kleinen Menschenherzen einen Vulkan des Vertrauens und des Glaubens macht, nennen wir Hoffnung.

Was Paulus im 2. Korintherbrief schreibt: „Spes nostra firma est pro vobis“ – „Unsere Hoffnung für euch steht fest“, das ist auch der Wahlspruch des Kölner Erzbischofs, das hätte aber mit viel mehr Berechtigung der Wahrspruch von Pater Werenfried sein können: „Spes nostra firma est pro vobis“. Zumindest kann ich heute im Hinblick auf sein Werk sagen: „Eure Firma, Kirche in Not, ist meine Hoffnung!“.

3. Pater Werenfried als Abenteurer der Liebe

Gott selbst ist Liebe. Er ist deshalb ein einziges Wesen, aber in drei Personen. Er ist nicht Einsamkeit, sondern Gemeinschaft. Und mit ihrem Ewigkeitsanspruch – die Liebe hört nimmer auf – greift die Liebe über unsere menschlichen Grenzen hinaus und verbindet uns mit Gott, der unsere Bestimmung ist. Weil wir nach Gottes Bild geschaffen sind, sind wir liebesfähig, können Gott in der Liebe finden und verwirklichen uns in der Liebe, da wir ja Abbilder Gottes sind. Der uns oft so fern erscheinende Gott hat durch seinen Mensch gewordenen Sohn ein menschliches Antlitz angenommen und – so werden wir sagen dürfen – auch ein menschliches Herz. Gott ist nicht nur eine uranfängliche kosmische Kraft, die alles ins Dasein gerufen hat.

Nein, er ist mehr, er ist Liebe, die den Menschen geschaffen hat und sich zu ihm hinunterbeugt. Das war für Pater Werenfried keine Theorie, sondern das war sein Lebenselement. In ihr, in der Liebe Gottes, lebte er, bewegte er sich und war er zu Hause.

Der heilige Augustinus schreibt in einer Überlegung zur Liebe: „Es wird dir gesagt: Du sollst Gott lieben. Wenn du mir erwiderst: Zeig mir, den ich lieben soll! Was soll ich anders antworten, als was Johannes schreibt: ‚Niemand hat Gott je gesehen’. Damit du aber nicht glaubst, es sei dir völlig unmöglich, Gott zu sehen, sagt er: ‚Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott’. Liebe also den Nächsten, blick in dein Herz, um zu erkennen, warum du den Nächsten liebst, dort wirst du Gott schauen auf deine Weise! Fangt also an, den Nächsten zu lieben: ‚Teile an die Hungrigen dein Brot aus! Nimm die Obdachlosen in dein Haus auf! Wenn du einen Nackten siehst, bekleide ihn! Verachte nicht den Hausgenossen deiner Verwandtschaft!’. Was wirst du erreichen, wenn du das tust? – Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte. Dein Licht ist dein Gott, dein Morgenlicht. Dann, nach der Nacht der Welt, wird er dir aufstrahlen, der keinen Aufgang kennt und keinen Untergang: Er bleibt alle Zeit“ (Augustinus über das Doppelgebot der Liebe).

Man möchte meinen, dass Pater Werenfried van Straaten beim hl. Augustinus in die Schule gegangen ist, denn Nächstenliebe war für ihn nichts anderes als eine Weise der Gottesliebe in den Dimensionen dieser Welt. Darum ist sein Werk auch nie in Gefahr gewesen, ein Weltverbesserungsinstitut zu werden. Dass die Welt durch sein Tun und sein Werk besser geworden ist, soll damit gar nicht in Abrede gestellt werden, aber seine Absicht war, den überaus liebenswürdigen Gott in seinen Geschöpfen, in seinen Kindern, zu lieben und ihm damit zu dienen. Hier zählt auch nicht ein eventuelles Gegenargument, dass dann die Menschen eigentlich nur Mittel zum Zweck gewesen seien, also Möglichkeiten, den sonst unerreichbaren Gott zu lieben. Das wäre weit gefehlt!

Der Andere, der Nächste neben mir, ist nicht Gott, aber er ist Gottes Abbild. Ich berühre letztlich Gott, wenn ich mit den Menschen in Berührung komme. Diese Wirklichkeit löste alle Kräfte der Phantasie und der Tatkraft bei Pater Werenfried aus, sodass er wirklich zu einem Abenteurer der Liebe wurde. Er fand immer wieder neue Wege und Möglichkeiten, denen zu helfen, die ihn brauchten.

Es sei gestattet, nochmals den heiligen Augustinus zu zitieren: „Indem du den Nächsten liebst und für deinen Nächsten sorgst, machst du dich auf den Weg. Wohin geht dein Weg? Wenn nicht zu Gott, dem Herrn, zu ihm, den wir von ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit dem ganzen Denken lieben sollen? Wir sind zwar noch nicht beim Herrn angelangt, aber wir haben den Nächsten bei uns. Trage den, mit dem du gehst, um zu dem zu gelangen, bei dem du ewig bleiben möchtest“ (Augustinus: Das Doppelgebot der Liebe).

Liebe Schwestern, liebe Brüder, die beste Einweisung in die Praxis des Lebenswerkes von Pater Werenfried schenkt uns der Rosenkranz gleich am Anfang mit den drei kleinen Perlen, wenn wir sprechen: „Der den Glauben in uns vermehre, die Hoffnung in uns stärke und die Liebe in uns entzünde“. Das bringt uns ganz auf die Spur von Pater Werenfried und damit ganz in die Nähe Gottes und macht uns zu wahren Nothelfern für alle, die uns brauchen. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

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