11 Juli 2008, 09:13
Die Anglikaner und die Ökumene
 
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Die lange in kirchlichen Debatten abgelehnte "Rückkehr-Ökumene" wird wieder aktuell - Von Hinrich E. Bues / Die Tagespost

London (kath.net/DT)
Die Vorgänge in der Anglikanischen Kirche wirken dramatisch. Die Weihe eines homosexuellen Bischofs, die Hochzeiten schwuler Priester und jetzt die Zulassung von anglikanischen Bischöfinnen sind deutliche Zeichen. Es ist in der Kirchengeschichte selten, dass eine 450 Jahre alte Kirchengemeinschaft scheinbar führungslos in eine Spaltung steuert. Seit der Jerusalemer Konferenz des konservativen Lagers vor zwei Wochen, die etwa die Hälfte der 75 Millionen Anglikaner weltweit repräsentierte, scheint der Bruch der Kirchengemeinschaft nun unabwendbar. Zudem sind Massenkonversionen in die Katholische Kirche angekündigt. Für all diese Vorgänge ist das Wort „historisch“ durchaus passend.

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Das gilt umso mehr, wenn man die Auswirkungen auf die Ökumene bedenkt. Erstens wird die lange in kirchlichen Debatten abgelehnte „Rückkehr-Ökumene“ wieder aktuell. Was sich in den 1990er Jahren abspielte, als 470 anglikanische Priester anlässlich der Frauenordination zumeist in die katholische Kirche konvertierten, wiederholt sich jetzt in weit stärkerem Ausmaß. Über tausend Priester und mehr als zehn Bischöfe, dazu Hunderttausende von Gläubigen sind offenbar bereit, in die katholische Kirche zurückzukehren, von der man sich vor 450 Jahren unter höchst zweifelhaften Umständen getrennt hatte.

Zweitens spaltet sich hier nicht nur eine regionale oder nationale Teilkirche sondern eine weltweite Kirchengemeinschaft unter dem Ehrenprimas, dem Erzbischof von Canterbury. Während solche Spaltungen unter Pfingstkirchen, Lutheranern, oder Methodisten schon als normal gelten können, ist dies bei den Anglikanern etwas Erstmaliges und Einzigartiges. Das dilettantisch wirkende Krisenmanagement des derzeitigen Erzbischofs Rowan Williams führte offenbar mit zu dieser Spaltung. Dessen liberale Grundorientierung vermag nicht mehr den großen konservativen Flügel der anglikanischen Kirchengemeinschaft einzubinden.

Für die englischen Anglikaner mag es fast wie ein Witz der Geschichte erscheinen, dass ausgerechnet die afrikanischen und asiatischen Anglikaner, die vor 100 oder 200 Jahren vom englischen Mutterland aus erfolgreich missioniert wurden, sich nun gegen den Erzbischof von Canterbury und den mit ihm verbundenen Liberalen stellen. Die Treue zum in der Bibel geoffenbarten Willen Gottes steht für das konservative Lager auf dem Spiel. Der ugandische Erzbischof Henry Luke Orombi betont, wie wichtig in Afrika die auch in Deutschland oft gescholtene christliche Sexualmoral ist. Eheliche Treue und sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe sind in Uganda ein Markenzeichen der Kirche aller Konfessionen. Beides hat in der Bevölkerung Ugandas zu einer relativ niedrigen AIDS-Rate geführt. Davon unbeeindruckt setzen liberale Anglikaner und auch Lutheraner ihre Kampagnen für eine liberale Sexualmoral fort. Im „alten Europa“ übt man sich ein in die Toleranz gegenüber Homosexuellen und fordert ihre Einsetzung in kirchliche Ämter. In der „Nordelbischen Evang.-Luth. Kirche“ steht am Wochenende erstmals ein homosexueller Bischofskandidat, der Hamburger Propst Horst Gorski zur Wahl. Nachdem eine Bischöfin schon seit Jahren in Hamburg residiert und immer wieder für starke Irritationen sorgt, will man nun bewusst die von der Bibel gezogenen Grenzen im Zeichen eigener Liberalität hinter sich lassen.

Selbst der sonst zurückhaltende und diplomatische Päpstliche Einheitsrat übte am Dienstag deutliche Kritik an der Haltung liberaler Anglikaner. Man verlasse mit der Zulassung von Bischöfinnen die apostolische Tradition. Man errichte ein „neues Hindernis für die Versöhnung“ zwischen anglikanischer und katholischer Kirche, hieß es.

Sucht man nach einer Einordnung dieser jüngsten Vorgänge in der Ökumene, so lässt sich mehreres festhalten. Das Feld der weltweiten Christenheit ordnet sich, anders als man noch vor 20 oder 30 Jahren dachte, neu. Herrschte nach dem Zweiten Vatikanum bei einigen katholischen Kreisen noch die Vorstellung, man müsse sich den liberalen Protestanten nur genügend anpassen, um die Kircheneinheit zu ermöglichen, so kann man von dieser Vorstellung nun eher Abschied nehmen. Die liberalen protestantischen Kirchengemeinschaften sind in einem desolaten Zustand und verlassen das einzige Fundament, das sie überhaupt besitzen, die Heilige Schrift.

Als Alternative rückt die sogenannte Bekenntnis-Ökumene zwischen evangelikalen, bibeltreuen Christen und Katholiken ins Blickfeld, wo man sich in zentralen ethischen Punkten und Glaubensfragen bereits einig ist. Die katholischen Positionen in Fragen der Abtreibung, Sexualmoral oder Stammzellforschung sind – im Gegensatz zum Wischi-Waschi evangelischer Verlautbarungen – seit langem für praktizierende evangelische Christen attraktiv. Hier sammelt sich eine neue Gemeinschaft von Christen, die Jesus Christus kennt, liebt und ihm nachfolgen will. Spaltungen, schreibt der Apostel Paulus an die zerstrittenen Korinther, müssen sein, damit die Bewährten offenbar werden. Genau dies kann das Erdbeben in der Anglikanischen Kirche von England auch bedeuten. Die Vorstellung, dass die Ökumene nach dem Vorbild der UNO funktionieren könnte, wird voraussichtlich weiter an Bedeutung verlieren. Eine Kirchengemeinschaft, wo der Papst nur als eine Art Ehrenvorsitzender und Moderator agieren könnte, wird man angesichts des Desasters des anglikanischen Ehrenprimas nicht mehr als eine ernsthafte Alternative betrachten können.

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