12 November 2006, 07:22
'Unsere Kirchen befinden sich auf dem Weg zur Einheit'
 
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"Wir müssen pragmatisch sein und anerkennen, dass es wahrscheinlich noch Jahrzehnte, ja vielleicht sogar Jahrhunderte dauern wird, bis es zur Wiederherstellung der Einheit kommt" - Interview mit dem russisch-orthodoxen Bischof Hilarion Alfeyev

Wien (kath.net/Zenit.org) Aus Anlass des Türkei-Besuchs von Papst Benedikt XVI. Ende November befragte ZENIT den russisch-orthodoxen Bischof Hilarion Alfeyev von Wien und Österreich zu den möglichen Fortschritten im katholisch-orthodoxen Dialog und zu den großen gemeinsamen Herausforderungen.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. wird in die Türkei reisen, um die Bande zwischen Rom und Konstantinopel zu stärken. Welche Bedeutung hat diese Reise für den orthodox-katholischen Dialog?

Bischof Alfeyev: Wir erhoffen uns, dass dieser Besuch die Beziehungen zwischen den Kirchen von Rom und Konstantinopel weiter verbessern wird. Diese beiden Kirchen haben im Jahr 1054 die Gemeinschaft miteinander gebrochen, was sie in besonderer Weise dafür verantwortlich macht, die Einheit wiederherzustellen. Hinsichtlich möglicher Auswirkungen dieser Begegnung auf die orthodox-katholischen Beziehungen als Ganzes sollten wir nicht vergessen, dass sich die orthodoxe Kirche ihrer Struktur nach wesentlich von der römisch-katholischen Kirche unterscheidet.

Die orthodoxe Kirche kennt keinen Primat. Sie besteht aus 15 autekephalen Kirchen, denen jeweils ein eigener Patriarch, Erzbischof oder Metropolit vorsteht. In dieser Familie der orthodoxen Kirchen ist der Patriarch von Konstantinopel der „primus inter pares“ („Erste unter Gleichen“), aber seine Vorrangstellung zeichnet sich durch eine Ehrenstellung aus, nicht durch oberste Gerichtsbarkeit, da er über keine kirchliche Autorität über die anderen Kirchen verfügt. Wenn er also weltweit als das „Oberhaupt“ der orthodoxen Kirche dargestellt wird, dann ist das irreführend. Und ebenso irreführend ist es, wenn sein Treffen mit dem Papst von Rom als Begegnung der Oberhäupter der orthodoxen und der katholischen Kirchen gesehen wird.

Historisch gesehen, war es bis zum Schisma im Jahr 1054 der Bischof von Rom, der unter den Hirten der christlichen Kirchen den Primat innehatte. Die Kanons der orientalischen Kirchen, besonders der berühmte 28. Kanon des Konzils von Chalcedon, schreiben dem Patriarchen von Konstantinopel den zweiten, nicht den ersten Platz zu.

Zudem war das Motiv, aufgrund dessen dem Patriarch von Konstantinopel der zweite Platz eingeräumt wurde, rein politischer Natur: Als Konstantinopel zum „zweiten Rom“ erklärt wurde, zur Hauptstadt des römisch-byzantischen Reiches, hielt man es für angebracht, dass der Bischof von Konstantinopel nach dem Bischof von Rom den zweiten Rang innehaben sollte.

Nach dem Bruch der Gemeinschaft zwischen Rom und Konstantinopel wurde der Primat in der orientalisch-orthodoxen Familie auf den „Zweiten in der Reihe“ verlagert, das heißt auf den Patriarchen von Konstantinopel. Deshalb war es ein historischer Zufall, der ihn für den orientalischen Teil der christlichen Welt zum „primus inter pares“ machte.

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Ich glaube, dass es neben den Kontakten mit dem Patriarchat von Konstantinopel für die römisch-katholische Kirche ebenso wichtig ist, mit anderen orthodoxen Kirchen bilaterale Beziehungen zu entwickeln, vor allem mit der russisch-orthodoxen Kirche. Letztere ist als zweitgrößte christliche Kirche der Welt – ihre Mitgliederzahl umfasst weltweit ungefähr 160 Millionen Gläubige – sehr darauf aus, solche Beziehungen zu entfalten, vor allem im Bereich des gemeinsamen christlichen Glaubenszeugnisses gegenüber einer säkularisierten Gesellschaft.

ZENIT: Denken Sie, dass die Türkeireise in Bezug auf die Gespräche zwischen der christlichen und der moslemischen Welt neue Horizonte eröffnen wird?

Bischof Alfeyev: Der Dialog zwischen Christen und Moslems ist notwendig und zeitgemäß. Es ist recht bedauerlich, dass einige Versuche hochrangiger christlicher Würdenträger, diesen Dialog anzuregen, von bestimmten Vertretern der moslemischen Welt falsch interpretiert worden sind.

Die jüngste Kontroverse um die akademische Vorlesung von Papst Benedikt XVI. in Regensburg ist ein anschauliches Beispiel solcher Fehlinterpretationen. Die aggressive Reaktion seitens etlicher moslemischer Politiker und zahlreicher „gewöhnlicher“ Anhänger des Islam ist von einigen Beobachtern als allzu übertrieben bewertet worden.

Einige Analytiker haben die Frage gestellt, ob wir uns nicht auf eine weltweite Diktatur der moslemischen Ideologie hinbewegen, wenn jeder kritischen Bemerkung über den Islam – selbst im Rahmen einer Universitätsvorlesung – brutal und aggressiv gegenübergetreten wird, während die Kritik anderer Religionen, besonders des Christentums, erlaubt und geradezu gefördert wird.

Ich sollte hier vielleicht noch hinzufügen, dass mehrere Theologen der russisch-orthodoxen Kirche – selbst jene, die normalerweise die römisch-katholische Kirche kritisieren – ihrer Unterstützung für Papst Benedikt XVI. Ausdruck verliehen haben, als die Kontroverse um seine Regensburger Vorlesung ausbrach. Sie waren der Meinung, dass das, was er gesagt hat, wichtig war, obwohl es wahrlich nicht den modernen ungeschriebenen Normen politischer Korrektheit entsprach.

ZENIT: Der Papst hat auf den Titel „Patriarch des Abendlandes“ verzichtet. Was für eine Bedeutung hat diese Geste gerade im Hinblick auf die Ökumene?

Bischof Alfeyev: Nun, ich war der erste orthodoxe Hierarch, der diese Geste kommentiert hat. Einige Wochen später erschienen auch öffentliche Kommentare der Heiligen Synode des Patriarchats von Konstantinopel.

In meinen Anmerkungen habe ich erklärt, dass die Ablegung des Titels „Patriarch des Abendlandes“ von den Orthodoxen wahrscheinlich als eine Bestätigung des Anspruchs auf universale kirchliche Rechtshoheit wahrgenommen werde, die sich in den anderen Titeln des Papsts widerspiegelt.

Unter den vielen Bezeichnungen des Papstes ist „Bischof von Rom“ für die orthodoxen Kirchen die akzeptabelste, da sie auf die Aufgabe des Papstes als Diözesanbischof der Stadt Rom verweist.

Ein Titel wie „Erzbischof und Metropolit der Kirchenprovinz Rom“ zeigt, dass die Rechtshoheit des Papsts sich nicht nur auf die Stadt Rom beschränkt, sondern auch die Provinz beinhaltet. „Primas von Italien“ deutet an, dass der Bischof von Rom unter den Bischöfen Italiens „Erster unter Gleichen“ ist, oder – in orthodoxen Begriffen ausgedrückt – Primas einer Ortskirche. Diesem Verständnis zufolge würde – für den Fall der Wiederherstellung der eucharistischen Gemeinschaft zwischen Ost und West – keiner dieser drei Titel für die Orthodoxen ein Problem aufwerfen.

Das Haupthindernis auf dem Weg zur kirchlichen Einheit zwischen dem Osten und dem Westen besteht nach Meinung vieler orthodoxer Theologen in der Lehre von der universalen Rechtshoheit des Bischofs von Rom. In diesen Rahmen – der von einem orthodoxen Gesichtspunkt aus unannehmbar und sogar skandalös ist – fallen eben diejenigen Titel, die noch auf der Liste verbleiben, wie beispielsweise „Stellvertreter Jesus Christ“, „Nachfolger des Apostelfürsten“, „Oberster Pontifex der Weltkirche”.

Nach orthodoxer Lehre besitzt Christus keinen „Stellvertreter“, der die universale Kirche in seinem Namen regieren würde.

Der Titel „Nachfolger des Apostelfürsten“ bezieht sich auf die römisch-katholische Lehre der Vorrangstellung Petri, die an den Bischof von Rom übertragen wurde und ihm die Leitung der Weltkirche zusicherte. Diese Lehre wird seit der byzantinischen Ära in der polemischen orthodoxen Literatur kritisiert.

Der Titel „Oberster Pontifex“ – „Pontifex Maximus“ – gehörte ursprünglich den heidnischen Kaisern des antiken Roms. Als sich Kaiser Konstantin zum Christentum bekehrte, behielt er ihn bei.

In Bezug auf den Papst von Rom ist „Oberster Pontifex der Weltkirche“ eine Bezeichnung, die auf die universale Rechtshoheit hindeutet – ein Autoritätsniveau, das von den orthodoxen Kirchen nicht anerkannt wird. Eben dieser Titel hätte als erster abgeschafft werden müssen, wäre jener Schritt vom Streben nach „ökumenischem Fortschritt“ und von der Sehnsucht nach Verbesserung der katholisch-orthodoxen Beziehungen motiviert gewesen.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. strebt eine „vollkommene und sichtbare Einheit“ aller Christen an, eine Einheit, die der Mensch zwar nicht „schaffen“, die er aber doch durch seine eigene Bekehrung, konkrete Gesten und einen offenen Dialog über grundlegende Themen vertiefen kann. Auf der Basis welcher Themen können die Orthodoxie und Rom ihre Bande stärken und wie könnte die konkrete Umsetzung aussehen?

Bischof Alfeyev: Zunächst einmal glaube ich, dass es notwendig ist, unterschiedliche Ebenen der Zusammenarbeit zu ermitteln und dann auf jeder dieser Ebenen auf ein besseres Verständnis hinzuarbeiten.

Eine Ebene bilden die theologischen Gespräche, die von der gemeinsamen katholisch-orthodoxen Kommission geführt werden. Diese Gespräche konzentrieren sich auf die dogmatischen und ekklesiologischen Verschiedenheiten der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche.

Auf dieser Ebene kann ich viele Jahre mühevoller und schwieriger Arbeiten vorhersagen, besonders wenn es um das Thema des Primats geht. Es werden Komplikationen nicht nur aufgrund des sehr unterschiedlichen Primatverständnisses in den katholischen und den orthodoxen Traditionen auftreten, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass es unter den Orthodoxen selbst kein einmütiges Primatsverständnis gibt.

Dieser Umstand wurde während der jüngsten Sitzung der Kommission in Belgrad augenscheinlich. Und die internen Unstimmigkeiten in der Familie der orthodoxen Kirchen bezüglich dieses Sachverhalts werden sich in Zukunft noch heftiger und markanter offenbaren. Deshalb liegt noch ein langer und dorniger Weg vor uns.

Es gibt aber noch eine andere Ebene, auf die wir unser Augenmerk richten sollten – und hier meine ich nicht so sehr das, was uns trennt, sondern was uns vereint. Es geht dabei um die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der christlichen Sendung.

Persönlich glaube ich, dass es noch recht verfrüht und unrealistisch ist, in absehbarer Zukunft eine Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zwischen Ost und West zu erwarten. Allerdings hindert uns Katholiken und Orthodoxe nichts daran, der modernen Welt gemeinsam Christus und sein Evangelium zu bezeugen. Mögen wir auch nicht verwaltungsmäßig oder kirchlich vereint sein, so müssen wir angesichts der gemeinsamen Herausforderungen – des militanten Säkularismus, Relativismus, Atheismus oder des militanten Islam – dennoch lernen, Partner und Verbündete zu sein.

Aus eben diesem Grund habe ich seit der Wahl von Papst Benedikt XVI. wiederholt dazu aufgerufen, die Beziehungen zwischen der katholischen und den orthodoxen Kirchen durch die Schaffung einer strategischen Allianz zur Verteidigung der christlichen Werte in Europa zu pflegen. Weder das Wort „strategisch“ noch das Wort „Allianz“ sind bislang akzeptiert worden, um eine solche Zusammenarbeit zu beschreiben.

Mir liegt es nicht so sehr an den Begriffen selbst, sondern an den zugrunde liegenden Bedeutungen. Ich habe das Wort „Allianz“ nicht im Sinn eines „Heiligen Bundes“ gebraucht, sondern eher so, wie es für den „Weltbund Reformierter Kirchen“ verwandt wird, das heißt als einen Begriff, der für Zusammenarbeit und Partnerschaft ohne vollständige verwaltungsmäßige und kirchliche Einheit steht.

Ich wollte auch kirchlich „belastete“ Ausdrücke wie „Einheit“ vermeiden, weil sie die Orthodoxen an das Konzil von Ferrara-Florenz erinnern würden und an andere ähnlich missglückte Versuche, die kirchliche Einheit ohne vollständige Übereinstimmung in der Lehre zu erlangen.

Wir brauchen jetzt weder eine kirchliche „Einheit“ noch einen hastigen Kompromiss im Bereich der Lehre, sondern vielmehr eine „strategische“ Zusammenarbeit im Sinn der Entwicklung einer gemeinsamen Strategie, um die Herausforderungen der Moderne anzugehen.

Was ist der Hintergrund meines Vorschlags? Unsere Kirchen befinden sich auf dem Weg zur Einheit, aber wir müssen hier pragmatisch sein und anerkennen, dass es wahrscheinlich noch Jahrzehnte, ja vielleicht sogar Jahrhunderte dauern wird, bis es zur Wiederherstellung der Einheit kommt.

In der Zwischenzeit müssen wir gegenüber der Welt dringend mit einer einzigen Stimme auftreten. Könnten wir nicht als eine einzige Kirche handeln, ohne eine einzige Kirche zu sein? Könnten wir in der säkularen Gesellschaft als ein geeinter Leib auftreten?

Ich glaube fest daran, dass es den beiden Kirchen möglich ist, mit einer Stimme zu sprechen; es kann eine gemeinsame katholisch-orthodoxe Antwort auf die Herausforderungen des Säkularismus, Liberalismus und Relativismus geben. Auch im Gespräch mit dem Islam können Katholiken und Orthodoxe gemeinsam handeln.

Ich sollte hinzufügen, dass jegliche Wiederannäherung von Katholiken und Orthodoxen keineswegs die existierenden Mechanismen der ökumenischen Zusammenarbeit unterminieren würde, die ja auch Anglikaner und Protestanten umfasst, den Weltkirchenrat und die Konferenz der Europäischen Kirchen. Allerdings nimmt die römisch-katholische Kirche im Kampf gegen Säkularismus, Liberalismus und Relativismus wie auch bei der Verteidigung der traditionalen christlichen Werte einen weitaus kompromissloseren Standpunkt ein als viele Protestanten. Auf diese Weise distanziert sie sich von jenen Protestanten, die eher mit den modernen Entwicklungen übereinstimmen.

Die jüngste Liberalisierung von Glaubenslehre und Moral in vielen protestantischen Gemeinschaften wie auch in der anglikanischen Kirche macht die Zusammenarbeit zwischen ihnen und den traditionellen Kirchen, zu denen sowohl die römisch-katholische als auch die orthodoxe Kirche zählen, immer schwieriger.

Eine weitere Ebene des katholisch-orthodoxen Zusammenspiels könnte der kulturelle Austausch unter den Vertretern der beiden Kirchen sein. Viele bestehende Missverständnisse haben nämlich einen rein kulturellen Ursprung.

Eine bessere gegenseitige Kenntnis unseres kulturellen Erbes könnte zweifellos unsere Annäherung fördern. Ikonenausstellungen, Chorkonzerte, gemeinsame Literaturprojekte, verschiedene Tagungen über kulturelle Themen – das alles könnte uns helfen, unsere jahrhundertealten Vorurteile zu überwinden und die Traditionen des jeweils anderen besser zu verstehen.

ZENIT: In seinem an den Papst gerichteten Brief vom 22. Februar beschreibt der Patriarch von Moskau einige Herausforderungen der modernen Welt, die gemeinsam gelöst werden sollten. Er erwähnt dort auch seine tiefe Sehnsucht, die christlichen Werte wieder in der Gesellschaft zu verankern. Was kann gemeinsam zur Überwindung von Materialismus, Agnostizismus, Säkularismus und Relativismus unternommen werden?

Bischof Alfeyev: Diese Fragen wurden während der Konferenz „Europa eine Seele geben“ behandelt, die vom 3. bis zum 5. Mai 2006 in Wien stattfand. Die Tagung wurde vom Päpstlichen Rat für die Kultur und von der Abteilung für Auswärtige Beziehungen des Moskauer Patriarchats veranstaltet.

Ungefähr 50 Vertreter der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche versammelten sich, um über die Herausforderungen für das Christentums in Europa nachzudenken und Mittel und Wege zu finden, wie sie gemeinsam angegangen werden können.

Gerade Materialismus, Agnostizismus, Säkularismus und Relativismus, die alle auf einer liberalen humanistischen Ideologie basieren, stellen eine wirkliche Herausforderung für das Christentum dar. Und wir müssen eben dieser liberalen humanistischen Ideologie entgegentreten, wenn wir die traditionalen Werte für uns und unsere zukünftigen Generationen bewahren möchten.

Heutzutage zwingt sich die westliche liberale humanistische Ideologie, die auf der Bühne ihrer selbst geschaffenen Universalität steht, jenen Menschen regelrecht auf, die in anderen geistlichen und moralischen Traditionen aufgewachsen sind und die andere Wertsysteme haben. Diese Menschen sehen in der totalen Diktatur der westlichen Ideologie eine Bedrohung ihrer Identität.

Der auf der Hand liegende religionsfeindliche Charakter des modernen liberalen Humanismus löst seitens derer Nichtannahme und Ablehnung aus, deren Verhalten religiös motiviert ist und deren geistliches Leben auf religiöser Erfahrung gründet.

Es gibt mehrere Varianten, um auf die Herausforderungen des totalitären Liberalismus und militanten Säkularismus zu antworten. Die radikalste Antwort kommt von den islamischen Extremisten, die der westlichen „post-christlichen“ Zivilisation mit all ihren so genannten allgemeinen menschlichen Werten den Dschihad erklärt haben.

Das Phänomen des islamischen Terrors kann nicht umfassend verstanden werden, wenn man es nicht als Reaktion der zeitgenössischen islamischen Welt auf die Bemühungen des Westens begreift, seine Weltanschauung und Verhaltensnormen aufzuzwingen.

Solange der säkularisierte Westen ein weltweites Monopol der Weltanschauungen beansprucht und seine Maßstäbe als alternativlos und für alle Nationen verbindlich propagiert, wird das Terrorschwert des Damokles weiterhin über der gesamten westlichen Zivilisation schweben.

Eine andere Variante der religiösen Antwort auf die Herausforderungen des Säkularismus ist der Versuch, die Religion samt ihrer Glaubens- und Morallehre den modernen liberalen Standards anzugleichen.

Einige protestantische Gemeinschaften haben diesen Weg bereits eingeschlagen und über mehrere Jahrzehnte hinweg liberale Maßstäbe in ihre Lehren und Kirchenpraxis einfließen lassen. Das Ergebnis dieses Prozesses ist die Aushöhlung des dogmatischen und moralischen Fundaments des Christentums: Priestern ist es erlaubt, gleichgeschlechtliche „Ehen“ zu rechtfertigen oder abzusegnen; Mitglieder des Klerus führen selbst solche Liebschaften; und Theologen schreiben die Bibel neu und erschaffen unzählige Versionen eines politisch korrekten Christentums, das auf liberale Werte ausgerichtet ist.

Schließlich besteht die dritte Variante der religiösen Antwort auf den Säkularismus im Versuch, in einen friedlichen, nicht-aggressiven Dialog mit ihm zu treten – mit dem Ziel, ein Gleichgewicht zwischen dem liberal-demokratischen Modell der westlichen Gesellschaftsstruktur und der religiösen Lebensweise zu finden. Dieser Weg ist von den christlichen Kirchen, die ihrer Tradition treu geblieben sind, das heißt der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen, eingeschlagen worden.

Heutzutage sind sowohl die römisch-katholische als auch die orthodoxen Kirchen fähig, auf hohem intellektuellen Niveau ein Gespräch mit der säkularisierten Gesellschaft zu führen. In den Soziallehren der beiden Kirchen sind die Streitfragen bezüglich des Dialogs mit dem säkularen Humanismus über Werte eingehend aus allen Blickwinkeln untersucht worden.

Die römisch-katholische Kirche hat sich mit diesen Problemen in vielen Dokumenten des kirchlichen Lehramts beschäftigt, von denen das neueste das Kompendium der Soziallehre der Kirche ist, das vom Päpstlichen Rat „Justitia et Pax“ erstellt und im Jahr 2004 veröffentlicht worden ist. In der orthodoxen Tradition nennt sich das bedeutendste Dokument dieser Art: „Grundlagen des Sozialen Konzepts der Russisch-Orthodoxen Kirche“, das im Jahr 2000 veröffentlicht wurde.

Beide Dokumente stellen die religiösen Werte über die Interessen des säkularen Lebens. Dem atheistischen Humanismus trotzend, unterstützen sie einen Humanismus, der von geistlichen Werten getragen ist. Damit ist ein Humanismus gemeint, „der den Standards des göttlichen Plans der Liebe in der Geschichte entspricht“; ein „ganzheitlicher Humanismus, der fähig ist, eine neue soziale, ökonomische und politische Ordnung zu schaffen, die auf der Würde und der Freiheit jeder menschlichen Person gründet und in Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität herbeigeführt wird“.

Ein Vergleich der beiden Dokumente fördert bemerkenswerte Ähnlichkeiten der Soziallehren der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirchen zutage. Wenn unser Verständnis der sozialen Angelegenheiten doch so ähnlich ist, warum können wir uns dann nicht zusammentun, um sie zu verteidigen?

Ich glaube, dass für alle Christen, die der traditionellen Linie folgen – namentlich für Katholiken und Orthodoxen – die Zeit gekommen ist, um eine gemeinsame Front zu formen, um Säkularismus und Relativismus entgegenzutreten, einen verantwortlichen Dialog mit dem Islam und allen bedeutenden Weltreligionen zu führen und die christlichen Werte gegen alle Herausforderungen der Moderne zu verteidigen. In 20, 30 oder 40 Jahren wird es dazu vielleicht schon zu spät sein.

KATHPEDIA: Orthodoxie

Foto: (c) Russisch-Orthodoxe Kirche

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