30 Mai 2005, 12:47
Weißes Licht, naher Gott
 
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200.000 Gläubige, ein Helikopter aus Rom und das Abendmahl an der Küste der Adria: Die erste Papst-Reise hat Benedikt XVI. nach Bari geführt. Von WELT-Korrespondent Paul Badde.

Bari (www.kath.net / welt) Der Papst kam nach Bari. Seine erste Reise war ein ökumenisches Unternehmen. Am besten lässt sich ihm darum vielleicht in einem kleinen Umweg hierhin folgen, durch das Reich der orthodoxen Welt – und durch prominente Zeugen. „Nach dem Abendbrot zeigte mir Ljuba die mystischen Schätze der Einsiedelei“, lesen wir etwa bei Wolfgang Büscher auf einem Höhepunkt seiner abenteuerlichen Reise von Berlin nach Moskau: über das legendäre Ikonen-Wunder von Boris-Gleb.

„Wir gingen zur alten Kirche. Die Ikone über dem Eingang sah aus, als sei ein Restaurator, nachdem er halbe Arbeit geleistet hatte, mit dem Vorschuss durchgebrannt. Das Gesicht war hell und frisch, der Rest alt und dunkel, und so ging es drinnen weiter. Alle Ikonen waren in Arbeit, oder sollte ich sagen, sie waren in Veränderung begriffen, halb leuchteten sie, halb dunkelte der Schlaf der Jahrhunderte auf ihnen nach. An einer rann Mirra herab, der mystische Saft, so reichlich, als ob sie schmelzen wolle. Es sei die, mit der das Ikonenwunder begonnen habe, sagte Ljuba. ‚Habt ihr bei euch im Westen so etwas auch?’ ,Protestanten nicht. Aber die Katholiken haben blutende Marienstatuen und Heilige.’“

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Hier bedarf der Bericht Wolfgang Büschers freilich einer Ergänzung. Denn der russische Begriff „Mirra“ stammt vom kleinasiatischen „Myra“, dem heutigen Demre in der Türkei, der Heimat des heiligen Nikolaus. Da ist zuerst beobachtet worden, dass unbelebte Materie eine Flüssigkeit absonderte, von der keiner zu sagen wusste, woher sie kommt. Das waren die Gebeine des Heiligen, die permanent eine Substanz ausschwitzten, die der Bischof des Ortes einmal im Jahr auffing und – homöopathisch verdünnt – als „Manna“ gegen alle möglichen Leiden an die Gläubigen weitergab.

Das klingt unglaublich. Doch seit apulische Seefahrer die Gebeine im Jahr 1087 in Myra raubten und nach Bari brachten, lässt sich dasselbe Phänomen dort Jahr für Jahr in der Nikolaus-Basilika beobachten. An jedem 8. Mai öffnet der Abt des Klosters vom heiligen Nikolaus einen Verschluss aus Bergkristall in dem hermetisch verriegelten und versiegelten Steinsarkophag des Heiligen und saugt mit einem 80 cm langen Rohr „Myron“ aus dem Grab, etwa acht Liter pro Jahr: eine klare Substanz, die den Knochen wie einer Quelle entspringt. Wissenschaftlich gibt es dafür keine Erklärung.

Man weiß nicht, wie sich in einem vollkommen trockenen Raum Flüssigkeit bilden kann. Obwohl es auch „Manna“ genannt wird wie die Speise, mit der Gott die Juden einmal in der Wüste genährt hat, besteht es nach neueren Analysen vor allem aus Wasser. Der heilige Nikolaus ist der Patron Russlands, wo ihm unzählige Kirchen geweiht sind. In Europa war Nikolaus lange Zeit der bekannteste Heilige überhaupt. Er ist „der Heilige der Völker“. Bari liegt aber auch geografisch auf der Schnittlinie zwischen Ost und West und der lateinischen und orthodoxen Welt. Kreuzfahrer schifften sich hier ins Heilige Land ein und bis jetzt erinnert die Architektur der Stadt daran: als ein geheimnisvolles Jerusalem zur See.

Am Sonntag aber war Bari der erste Ort, den Papst Benedikt XVI. – der nun auch das Pallium wieder so trägt wie der heilige Nikolaus auf einer Ikone in Basilika aus der Zeit vor der Kirchenspaltung – außerhalb Roms besuchte. Er kam jetzt jedoch nicht des Myron-Wunders wegen, sondern zum Abschluss des Eucharistischen Kongresses, um an das viel größere christliche Urwunder der Fleischwerdung Gottes zu erinnern. Höhere Gewalten hatten es Gästen von außerhalb nicht leicht gemacht, dabei sein zu können.

Die Fluglotsen streikten wieder einmal, auf der Bahnlinie Rom-Neapel-Bari war eine Weltkriegsbombe gefunden worden, die Verzögerungen von Stunden nötig machte. Dennoch waren es nur wenige, die sich davon schrecken ließen. Und viele tausende Jugendliche Apuliens, Kalabriens oder Siziliens hätte wohl auch ein Seebeben in der Straße von Messina nicht davon abhalten können, den ersten deutschen Papst seit 500 Jahren in ihrer Heimat zu erleben.

Allein 1.100 Journalisten aus aller Welt waren gekommen, um davon zu berichten. 20.000 Freiwillige ordneten in einem logistischen Meisterwerk die Menschenströme. Der Petersplatz fasst nicht die Hälfte der Pilger, die hier zusammenkamen. Weißes Licht wölbte sich über den Hafenbezirk und reflektierte in den weißen Kappen, die an alle Besucher ausgegeben wurden. Wind blähte unzählige Fahnen über der Menge wie Segel.

Schiffe überragten die Köpfe und Kappen im Hintergrund mit ihren Silhouetten. Jubel brandete zum Himmel hoch, als der Helikopter aus Rom mit einer Ehrenrunde über die Menge einschwebte. Mehr als die Hälfte der Pilger hatte hier schon mit einer Nachtwache gewartet. Alle wollten Benedikt XVI. nah sein, als er mit heruntergelassenen Fenstern im Papamobil zum Altar rollte.

Sein Stichwort hingegen war eine andere „Nähe“, die er hier wieder verkünden wollte. Er wollte im „glücklichen Bari“ noch einmal Fronleichnam feiern, wie schon am letzten Donnerstag in Rom, als er „die eucharistische Gegenwart Gottes im verwandelten Brot“ durch alle Leiden und Krankheiten und Schwächen der Großstadt hindurch trug, an der der Rom leidet wie jede Großstadt.

Jetzt wollte er diesen „nahen Gott“ in Bari erheben – nicht als Symbol, sondern als den „Gott, der sich uns in die Hände gibt“, in einem Fest des Glaubens. Die erste Lesung erinnerte an das „Manna“, mit dem Gott sein Volk in der Wüste ernährte. Das Evangelium rief danach auf italienisch und griechisch noch einmal die moderne Kritik der Pharisäer gegen die Eucharistie wach: „Wie kann er uns nur sein Fleisch zu essen geben?“

Die Stimme des griechischen Diakons erinnerte daran, dass auch die Muezzine der Muslime sich einer christlichen Erinnerung verdanken: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herab gestiegen ist“. Noch mehr aber wurde hier heute die Seepredigt des neuen Papstes erwartet, in der er alle Christen daran erinnerte, dass die Eucharistie „das Herz des Sonntags ist, aus der der Kirche immer neu geboren wird“. Auch darum „können wir ohne den Sonntag nicht leben“, zitierte er das Motto des Tages.

Es stammt aus dem Jahr 304, aus der letzten Christenverfolgung der Römer unter Kaiser Diokletian, bevor dessen Nachfolger Konstantin kurz danach vor der Überlegenheit der kleinen christlichen Minderheit kapitulierte. Unter Androhung der Todesstrafe hatte Diokletian noch einmal Versammlungen der Christen am Sonntag verboten. Dennoch hatten sich in Abitene im heutigen Tunesien 49 Christen am Sonntag wieder versammelt, um Eucharistie zu feiern. Sie wurden verhaftet, verhört und gefoltert. Warum hatten sie das nur gemacht, fragte sie entgeistert der Prokonsul. „Ohne Sonntag können wir nicht leben“, antwortete ihm ein gewisser Emerito, bevor alle 49 hingerichtet wurden.

“Der Sonntag ist keine Last auf unseren Schultern“, rief heute jedoch Benedikt XVI. keinem Kaiser oder Prokonsul mehr zu, sondern dem Diktat einer konsumistischen Welt. „Er ist uns ein Bedürfnis und eine Freude“. Um den „nahen Gott“ zu treffen, müssten wir uns jedoch auch „untereinander treffen“. Die Eucharistie sei deshalb ein Zeichen der Einheit in einer leider zerrissenen Christenheit. „Alle Kraft“ müsse die Christenheit darum der Wiedererlangung jener Einheit zuwenden, nach der es „Christus im Abendmahlssaal so brennend verlangt“ habe – mit jener eigenen inneren Bekehrung, die „Voraussetzung für jeden Fortschritt auf dem Weg der Ökumene“ sei.

Es ist ein fast noch größeres Wunder als das fließende Myron aus den Gebeinen des Nikolaus in der Krypta von Bari. Am Anfang des neuen Jahrtausends haben Johannes Paul II. und Benedikt XVI. die Eucharistie in die Nachrichten gebracht. Aus Deutschland sind dennoch nicht viele Pilger in nach Bari gekommen. Doch Peter Seewald aus München, der mit Kardinal Ratzinger bewegende Bücher über das „Salz der Erde“ und „Gott und die Welt“ geschrieben hat, steht schwitzend in der Menge. „Der Zauber ist wieder in die Welt zurückgekommen“, strahlt er an diesem Morgen vor dem Meer: „Ist es nicht unglaublich? Die Kirche swingt wieder!“

Foto: SIR

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