
9. Juli 2026 in Kommentar
Modest Fashion, religiöse Identität und die Frage nach den Zeichen des Glaubens. Ein Essay von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Eichstätt (kath.net) I. Einleitung: Ein unerwartetes Signal der Gegenwart
Manchmal offenbaren scheinbar nebensächliche gesellschaftliche Debatten tiefere geistige Strömungen einer Epoche. Dies gilt auch für die jüngste Diskussion (Bayerische Rundfunk, 2. Juni 2026) um die sogenannte „Modest Fashion“, jene Form der Kleidung, die bewusst auf stärkere Bedeckung des Körpers setzt und vielfach religiös, kulturell oder ethisch begründet wird. Was zunächst wie eine Modeerscheinung erscheint, berührt bei näherem Hinsehen grundlegende Fragen nach Identität, Menschenbild, Religiosität und öffentlicher Sichtbarkeit des Glaubens.¹
Bemerkenswert ist dabei ein Paradox, das weit über die Modewelt hinausweist. Während in vielen Teilen der Welt religiöse Menschen ihre Zugehörigkeit wieder sichtbar ausdrücken – durch Hijab, Kippa, Turban, Kreuz oder andere religiöse Zeichen –, hat sich ein erheblicher Teil des westlichen Christentums seit den 1960er Jahren zunehmend von seinen traditionellen sichtbaren Kennzeichen verabschiedet. Priester erscheinen vielfach nicht mehr als Priester, Ordensfrauen verzichten auf Schleier und Ordenskleid, Ordensmänner auf Habit oder Talar. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Sehnsucht nach Identität wächst, scheint die Kirche vielerorts ihre eigenen Identitätszeichen zurückgenommen zu haben.
Die Frage, die sich daraus ergibt, ist keineswegs nostalgischer Natur. Es geht nicht um eine Rückkehr zu vergangenen Formen um ihrer selbst willen. Vielmehr stellt sich die grundsätzliche Frage, ob der christliche Glaube überhaupt ohne sichtbare Zeichen bestehen kann. Das Christentum ist schließlich keine rein geistige Idee, sondern eine Inkarnationsreligion. Gott ist in Christus sichtbar geworden. Die Sakramente wirken durch sichtbare Zeichen. Die Kirche selbst versteht sich als sichtbares Sakrament des Heils. Daraus ergibt sich notwendig die Frage nach der Bedeutung religiöser Zeichen im öffentlichen Raum und um das Zeugnis ihrer Botschaft.
II. „Modest Fashion“ – Mode oder kulturelles Symptom?
Die Entwicklung der sogenannten „Modest Fashion“ gehört zu den bemerkenswertesten kultursoziologischen Phänomenen der letzten anderthalb Jahrzehnte. Ursprünglich vor allem mit muslimischen Milieus verbunden, hat sich der Begriff inzwischen deutlich erweitert. Gemeint ist Kleidung, die bewusst auf eine stärkere Bedeckung des Körpers setzt: lange Kleider, weite Schnitte, hochgeschlossene Oberteile, lange Ärmel und häufig, wenn auch nicht notwendig, Kopfbedeckungen.²
Dabei wäre es verkürzt, diesen Trend ausschließlich religiös zu deuten. Viele Frauen, die sich für solche Kleidung entscheiden, tun dies nicht primär aus Glaubensgründen. Sie empfinden die allgegenwärtige Sexualisierung des Körpers als Belastung und suchen nach einer Form der Kleidung, die weniger Aufmerksamkeit auf Äußerlichkeiten lenkt. Andere verstehen ihre Kleidung als Ausdruck persönlicher Freiheit gegenüber den Erwartungen der Modeindustrie. Wieder andere sehen darin bewusst eine kulturelle oder religiöse Selbstverortung.
Gerade hierin liegt die eigentliche Bedeutung des Phänomens. Die moderne Gesellschaft hatte lange Zeit angenommen, Individualität verwirkliche sich vor allem durch die Auflösung traditioneller Bindungen und Gepflogenheiten. Heute zeigt sich zunehmend das Gegenteil. Viele Menschen suchen gerade durch sichtbare Zeichen nach Zugehörigkeit, Orientierung und Verankerung. Kleidung wird dadurch zu einer Form der Selbstvergewisserung.
Aus christlicher Perspektive ist diese Entwicklung zunächst wertneutral zu betrachten. Weder jede Form stärker bedeckender Kleidung noch jede Form freizügiger Kleidung ist automatisch moralisch zu bewerten. Entscheidend bleibt die Würde des Menschen. Dennoch zeigt die Debatte, dass Fragen von Schamhaftigkeit, Bescheidenheit und öffentlicher Selbstdarstellung keineswegs verschwunden sind. Die christliche Tradition hat diese Fragen seit Jahrhunderten reflektiert und dabei stets versucht, zwei Extreme zu vermeiden: auf der einen Seite die Verachtung des Leibes, auf der anderen seine Reduktion auf bloße Äußerlichkeit.³
III. Die Wiederkehr sichtbarer religiöser Identität
Die Diskussion um „Modest Fashion“ verweist auf eine noch umfassendere Entwicklung: die Rückkehr sichtbarer religiöser Identität in vielen Teilen der Welt.
Über Jahrzehnte gingen zahlreiche Soziologen davon aus, dass die Moderne notwendig zu einer Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Raum führen werde. Diese Prognose hat sich nur teilweise erfüllt. Zwar hat die Bindung an traditionelle Kirchen in vielen westlichen Ländern abgenommen, gleichzeitig ist jedoch eine neue Form religiöser Sichtbarkeit entstanden.⁴
Menschen wollen wieder erkennbar machen, wozu sie gehören und was sie vertreten (vgl. Trend zur Tätowierung). Die Frage nach Identität hat im 21. Jahrhundert eine neue Bedeutung gewonnen. In einer globalisierten Welt, in der vieles austauschbar erscheint, wächst die Sehnsucht nach Orientierungspunkten. Religion bietet vielen Menschen einen solchen Orientierungspunkt.
Dabei geht es nicht allein um Glaubensinhalte. Es geht ebenso um Symbole, Rituale, Feste und sichtbare Zeichen. Der Mensch ist nicht nur ein denkendes, sondern auch ein symbolisches Wesen. Er lebt von Bildern, Gesten und Zeichen. Religionen haben dies stets gewusst. Die moderne Gesellschaft hat diesen Zusammenhang lange unterschätzt.
Gerade deshalb überrascht die gegenwärtige Entwicklung nicht. Wo Menschen ihre religiöse Identität neu entdecken, entsteht fast zwangsläufig auch das Bedürfnis, diese Identität sichtbar auszudrücken.
IV. Das christliche Paradox
Vor diesem Hintergrund erscheint die Entwicklung innerhalb vieler christlicher Gemeinschaften besonders bemerkenswert. Während andere religiöse Traditionen und Weltanschauungen ihre Sichtbarkeit stärken, hat ein Teil des westlichen Christentums seine äußeren Zeichen reduziert. Besonders deutlich zeigt sich dies im Bereich des Ordenslebens und des Priestertums.
Dabei ist festzuhalten, dass das Zweite Vatikanische Konzil keineswegs die Abschaffung kirchlicher Kleidung gefordert hat. Im Gegenteil. Das Konzilsdekret Perfectae caritatis bezeichnet das Ordensgewand ausdrücklich als sichtbares Zeichen der Weihe an Gott und fordert lediglich eine angemessene Erneuerung entsprechend den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten.⁵ Auch das geltende Kirchenrecht hält ausdrücklich fest, dass Ordensleute das Ordensgewand ihres Ordens bzw. Instituts tragen sollen.⁶
Ähnliches gilt für den Klerus. Das Kirchenrecht verpflichtet Geistliche zum Tragen einer ihrem Stand entsprechenden geistlichen Kleidung.⁷ Diese Vorschrift entspringt nicht einem Standesdenken, sondern dem Verständnis, dass das priesterliche Amt eine öffentliche Dimension besitzt.
Dennoch hat sich in vielen Ländern Europas eine andere Praxis entwickelt. Priester erscheinen vielfach in ziviler Kleidung, Ordensleute verzichten auf Habit und Schleier. Manche beweisen bei ihrer Wahl einer Zivilkleidung oft leider wenig Stil und Geschmack. Die ursprüngliche Absicht war häufig sicherlich gutgemeinter pastoraler Natur. Man wollte näher bei den Menschen sein, Barrieren abbauen und auf äußere Distanz verzichten.
Nach mehreren Jahrzehnten stellt sich jedoch die Frage, ob diese Erwartung tatsächlich erfüllt wurde. Die Unsichtbarkeit geistlicher Berufungen hat vielerorts nicht zu größerer Nähe geführt, sondern eher dazu beigetragen, dass Ordensleben und Priestertum aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwanden.
V. Warum Priester als Priester erkennbar sein sollten
Besonders deutlich zeigt sich diese Problematik beim priesterlichen Gewand. Der Priester ist nicht nur ein religiöser Funktionsträger unter vielen anderen. Durch die Weihe wird er öffentlich in den Dienst Christi und der Kirche gestellt. Sein Amt besitzt eine sakramentale und damit notwendigerweise auch eine sichtbare Dimension.⁸
Historisch war die Priesterkleidung niemals in erster Linie Ausdruck von Macht oder gesellschaftlichem Rang. Sie sollte vielmehr die besondere Verfügbarkeit des Priesters für Gott und die Menschen sichtbar machen. Wer einen Priester erkennt, weiß, an wen er sich wenden kann.
Zahlreiche Seelsorger berichten bis heute, dass sie gerade aufgrund ihrer Erkennbarkeit angesprochen werden. Menschen bitten um ein Gespräch, um einen Rat, um ein Gebet oder um den priesterlichen Segen. Nicht selten ergeben sich solche Begegnungen völlig unerwartet – im Zug, auf der Straße, im Krankenhaus oder auf Reisen.
Die Sichtbarkeit des Priesters besitzt daher nicht nur symbolische, sondern auch pastorale Bedeutung. Sie macht deutlich, dass Kirche nicht nur eine Institution ist, sondern in konkreten Menschen Gestalt gewinnt. Der heilige Johannes Chrysostomus (+ 407) erinnert in seiner berühmten Schrift über das Priestertum daran, dass der Priester in besonderer Weise Christus repräsentiert.⁹ Diese Repräsentation erschöpft sich nicht im liturgischen Raum, sondern sollte sich auch im öffentlichen Leben fortsetzen.
Gerade in einer Gesellschaft, die religiöse Orientierung zunehmend vermisst, könnte die sichtbare Präsenz von Priestern wieder zu einem wichtigen geistlichen Zeugnis werden. Nicht triumphalistisch, nicht klerikal, nicht abgrenzend, sondern schlicht als Erinnerung daran, dass Gott auch heute Menschen in seinen Dienst ruft.
VI. Habit und Schleier in der Tradition der Mönchsväter
Die Frage nach der geistlichen Kleidung beginnt nicht erst im Mittelalter. Bereits die frühchristlichen Mönche verstanden ihr Gewand als sichtbaren Ausdruck einer inneren Lebensentscheidung.
Der heilige Pachomius (+346), der Begründer des gemeinschaftlichen Mönchtums in Ägypten, legte für seine Klöster eine einheitliche und schlichte Kleidung fest. Sie sollte Armut, Einfachheit und die Zugehörigkeit zur geistlichen Gemeinschaft sichtbar machen.¹⁰ Der Mönch sollte nicht durch besondere Eleganz oder Individualität auffallen, sondern durch die Ausrichtung seines Lebens auf Gott.
Noch ausführlicher behandelt Johannes Cassian (+435) die Kleidung der Mönche in seinen Institutiones. Für ihn ist das Gewand keineswegs nebensächlich. Es soll den Mönch täglich an seine Berufung erinnern. Die Einfachheit der Kleidung bewahrt vor Eitelkeit, die Einheitlichkeit vor Selbstdarstellung. Das Gewand wird so zu einer Form geistlicher Pädagogik.¹¹
Ähnlich argumentiert Basilius der Große (+379). Er fordert eine Kleidung, die weder Luxus noch Nachlässigkeit ausdrückt. Der Christ soll nicht durch Äußerlichkeiten beeindrucken wollen, aber ebenso wenig den Eindruck erwecken, das Äußere sei bedeutungslos. Die sichtbare Gestalt des Menschen soll vielmehr die innere Ordnung seines Lebens widerspiegeln.¹²
Besonders eindrucksvoll formuliert dies der heilige Benedikt (+547). Das berühmte 55. Kapitel der Benediktsregel über die Kleidung der Mönche wirkt auf den ersten Blick erstaunlich nüchtern. Doch gerade diese Nüchternheit ist Ausdruck einer tiefen Spiritualität. Benedikt vermeidet jede Form religiöser Selbstdarstellung. Der Habit soll weder Prunk noch Armut inszenieren, sondern Schlichtheit, Würde und Beständigkeit verkörpern: „Über die Farbe oder den groben Stoff… sollen sich die Brüder keine Sorgen machen; man nehme das, was in der betreffenden Gegend zu finden oder was billiger zu beschaffen ist“.¹³
Der Habit wird damit zu einer Predigt ohne Worte. Er sagt: Dieses Leben gehört nicht mehr ausschließlich dem eigenen Ich. Es steht im Dienst Gottes.
VII. Der Schleier der Nonne: Zeichen der Weihe, nicht der Unterordnung
Besonders missverstanden wird heute häufig der Schleier der Ordensfrau. In vielen modernen Debatten wird jede Form weiblicher Kopfbedeckung unmittelbar mit Unterordnung, Fremdbestimmung oder patriarchalen Strukturen verbunden. Eine solche Deutung wird jedoch der christlichen Tradition nicht gerecht.
Seit der Alten Kirche galt der Schleier geweihter Jungfrauen als Ausdruck ihrer besonderen Christuszugehörigkeit. Ambrosius von Mailand beschreibt die Jungfrau als Braut Christi. Der Schleier verweist auf diese geistliche Vermählung.¹⁴
Der entscheidende Unterschied zu vielen modernen Deutungen liegt darin, dass der Schleier nicht primär vom Verhältnis der Frau zum Mann her verstanden wird, sondern vom Verhältnis der geweihten Frau zu Christus. Seine Symbolik ist christologisch, nicht gesellschaftlich begründet.
Bis heute bewahrt die Kirche diese Tradition in der Feier der Jungfrauenweihe. Dort wird der Schleier ausdrücklich als Zeichen der Weihe und der besonderen Bindung an Christus verstanden.¹⁵
Gerade in einer Kultur, die weibliche Identität häufig auf Attraktivität, Jugendlichkeit und äußere Wirkung reduziert, besitzt dieses Zeichen eine unerwartete Aktualität. Es erinnert daran, dass die Würde einer Frau tiefer reicht als ihre gesellschaftliche Wahrnehmung.
VIII. Das geistliche Gewand als tägliches Gedächtnis der Berufung
Die Wüstenväter verstanden das geistliche Gewand niemals bloß als Erkennungszeichen für andere Menschen. Seine erste Bedeutung lag vielmehr im geistlichen Leben des Trägers selbst. Dorotheos von Gaza (+um 580) beschreibt das christliche Leben als einen fortdauernden Weg der Umkehr und Wachsamkeit. Der Mensch bedarf ständiger Erinnerungen an seine Berufung.¹⁶ Zu diesen Erinnerungen gehört auch die Kleidung.
Das Gewand spricht einerseits zur Welt, vor allem aber zum Träger selbst. Der Habit erinnert den Mönch daran, dass er Christus nachfolgen will. Der Schleier erinnert die Ordensfrau an ihre Weihe. Die Priesterkleidung erinnert den Priester an seine sakramentale Sendung.
In diesem Sinn besitzt geistliche Kleidung eine ähnliche Funktion wie das Kreuz im Gebetsraum/Kirche oder die Ikone in der Klosterzelle. Sie ist ein sichtbares Gedächtnis einer unsichtbaren Wirklichkeit.
Johannes Cassian bezeichnet den Mönch als „Soldaten Christi“.¹⁷ Die Kleidung erinnert ihn täglich daran, wem er dient und welchem Ziel sein Leben verpflichtet ist.
IX. Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit
Natürlich wäre es naiv zu glauben, das Tragen geistlicher Kleidung löse die gegenwärtigen Herausforderungen der Kirche. Ein Habit macht keinen Heiligen. Ein Schleier macht keine Heilige. Eine Soutane macht keinen guten Priester. Die Geschichte kennt genügend Beispiele dafür, dass äußere Zeichen allein keine Garantie für innere Glaubwürdigkeit darstellen.
Dennoch wäre die gegenteilige Schlussfolgerung ebenso falsch. Aus dem möglichen Missbrauch eines Zeichens folgt nicht dessen Bedeutungslosigkeit.
Romano Guardini hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Mensch nicht nur durch Gedanken, sondern ebenso durch Zeichen, Gesten und Symbole lebt.¹⁸ Der christliche Glaube ist zutiefst leibhaftig. Er drückt sich in Sakramenten, Liturgien, Ikonen, Prozessionen und Segensgesten aus. Gerade deshalb sollte man die Bedeutung geistlicher Kleidung nicht vorschnell unterschätzen. Wo sie glaubwürdig getragen wird, kann sie zu einem stillen Zeugnis werden. Nicht als Zeichen von Überlegenheit, sondern als Zeichen einer Berufung, trotz aller menschlichen Unzulänglichkeiten.
Das eigentliche Problem unserer Zeit ist nicht die Sichtbarkeit religiöser Zeichen, sondern ihre Entleerung. Wo jedoch Gebet, Demut, Dienstbereitschaft und Nächstenliebe sichtbar werden, erhalten auch die äußeren Zeichen ihre ursprüngliche Kraft zurück.
X. Was die Kirche von der gegenwärtigen Entwicklung lernen könnte
Die Kirche muss keine Modetrends übernehmen. Sie sollte aber aufmerksam wahrnehmen, was kulturelle Entwicklungen über die Sehnsüchte der Menschen aussagen. Der Erfolg von „Modest Fashion“ zeigt, dass viele Menschen nach Identität, Zugehörigkeit und Orientierung suchen. Sie wollen sichtbar ausdrücken, was ihnen wichtig ist.²⁰ In diesem Zusammenhang könnte die Kirche sich selbst eine Frage stellen: Warum fällt es manchen Christen heute schwer, ihre eigene geistliche Identität sichtbar zu machen?
Über Jahrzehnte herrschte die Hoffnung vor, dass eine weitgehende Anpassung an die säkulare Umwelt die Kirche näher zu den Menschen bringen werde. Die Ergebnisse dieser Entwicklung entsprechen nicht den gesetzten Erwartungen, sie werden heute bereits zunehmend kritisch diskutiert. Die gegenwärtige Suche nach religiöser Identität legt nahe, dass Menschen nicht nur nach Anpassung suchen, sondern auch nach Klarheit, Profil und Orientierung.
Vielleicht liegt darin eine wichtige pastorale Erkenntnis. Die Kirche wird nicht dadurch glaubwürdig, dass sie ihre Identität verbirgt. Sie wird glaubwürdig, wenn sie diese Identität demütig, verständlich und menschenfreundlich zeigt und lebt.
XI. Schluss: Die Sprache der Zeichen neu entdecken
Die Debatte um „Modest Fashion“ berührt offensichtlich weit mehr als Fragen der Kleidung. Sie verweist auf die grundlegende Frage, wie Religion in einer modernen Gesellschaft sichtbar werden kann. Der Erfolg bedeckender Kleidung zeigt, dass die Sehnsucht nach Identität keineswegs verschwunden ist. Menschen möchten wissen, wer sie sind und wozu sie gehören.
Für Christen ergibt sich daraus eine nachdenkliche Anfrage. Während andere Gruppierungen und religiöse Gemeinschaften ihre Zeichen neu entdecken, haben viele Christen ihre eigenen Zeichen relativiert oder aufgegeben. Vielleicht ist es an der Zeit, neu über die Bedeutung von Habit, Schleier und Priesterkleidung in der Öffentlichkeit nachzudenken – nicht aus Nostalgie, sondern aus theologischer und pastoraler Verantwortung. Denn das Christentum ist keine unsichtbare Idee. Es ist die Religion der Menschwerdung Gottes.
Der Glaube will sichtbar werden. Und wir wissen alle: Der Habit macht keinen Mönch. Der Schleier macht keine Heilige. Die Soutane macht keinen guten Priester. Aber Zeichen sind nicht bedeutungslos. Eine Kirche, die ihre Zeichen verliert, verliert einen Teil ihrer Sprache und wird nicht mehr verstanden. Und manchmal spricht ein stilles Gewand von Gott überzeugender als viele Worte.
Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
Endnoten
¹ Vgl. Reina Lewis, Muslim Fashion. Contemporary Style Cultures, Durham/London 2015; Dies. (Hg.), Modest Fashion. Styling Bodies, Mediating Faith, London/New York 2013; Shelina Janmohamed, Generation M. Young Muslims Changing the World, London 2016.
² Katechismus der Katholischen Kirche, München u. a. 1993, Nr. 2521–2524.
³ Thomas von Aquin, Summa Theologiae II–II, qq. 160–170; vgl. Josef Pieper, Das Viergespann. Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß, München 1964.
⁴ Rémi Brague, Das Königreich des Menschen. Warum das Projekt der Moderne scheitert, Freiburg i. Br. 2018; José Casanova, Europas Angst vor der Religion, Berlin 2009.
⁵ Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Perfectae caritatis, Nr. 17, in: Karl Rahner/Herbert Vorgrimler (Hg.), Kleines Konzilskompendium, Freiburg i. Br. 2008.
⁶ Codex Iuris Canonici, can. 669 § 1; Klaus Lüdicke, Münsterischer Kommentar zum Codex Iuris Canonici, Essen.
⁷ Codex Iuris Canonici, can. 284; Partikularnormen der Deutschen Bischofskonferenz zu can. 284 CIC.
⁸ Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 2–3; Johannes Paul II., Pastores dabo vobis, Nr. 12–16.
⁹ Johannes Chrysostomus, De sacerdotio, III,4–6; deutsch: Über das Priestertum, Freiburg i. Br. 1992.
¹⁰ Pachomius, Regeln, in: Armand Veilleux (Hg.), Pachomian Koinonia, Bd. 2, Kalamazoo 1981.
¹¹ Johannes Cassian, De institutis coenobiorum, I,2–10; deutsch: Die Einrichtungen der Klöster, Münsterschwarzach 2016.
¹² Basilius der Große, Regulae fusius tractatae; Karl Suso Frank, Geschichte des christlichen Mönchtums, Darmstadt 1993.
¹³ Benedikt von Nursia, Regula Benedicti, Kap. 55, bes. 7; Georg Holzherr, Die Benediktsregel, Zürich/Düsseldorf 2007.
¹⁴ Ambrosius von Mailand, De virginibus, I,7–8.
¹⁵ Ordo Consecrationis Virginum / Die Feier der Jungfrauenweihe, Freiburg i. Br. 1994; Marianne Schlosser, „Alt, aber nicht veraltet. Die Jungfrauenweihe als Zeichen der Kirche“, in: Geist und Leben 86 (2013), 1–13.
¹⁶ Dorotheos von Gaza, Geistliche Unterweisungen, Münsterschwarzach 1997.
¹⁷ Johannes Cassian, De institutis coenobiorum, I,1.
¹⁸ Romano Guardini, Von heiligen Zeichen, Mainz 1922; Joseph Ratzinger, Der Geist der Liturgie, Freiburg i. Br. 2000.
¹⁹ Gisbert Greshake, Priester sein in dieser Zeit. Theologie – Pastorale Praxis – Spiritualität, Freiburg i. Br. 2000; Michael Schneider, Gott allein genügt, Köln 1997.
²⁰ Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a. M. 2009; Hans Joas, Glaube als Option, Freiburg i. Br. 2012; Detlef Pollack/Gergely Rosta, Religion in der Moderne, Frankfurt a. M./New York 2015.
Literaturverzeichnis
Brague, Rémi: Das Königreich des Menschen. Warum das Projekt der Moderne scheitert. Freiburg i. Br. 2018.
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Frank, Karl Suso: Geschichte des christlichen Mönchtums. Darmstadt 1993.
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Guardini, Romano: Von heiligen Zeichen. Mainz 1922.
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Joas, Hans: Glaube als Option. Freiburg i. Br. 2012.
Lewis, Reina: Muslim Fashion. Contemporary Style Cultures. Durham/London 2015.
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Pollack, Detlef / Rosta, Gergely: Religion in der Moderne. Frankfurt a. M./New York 2015.
Ratzinger, Joseph: Der Geist der Liturgie. Freiburg i. Br. 2000.
Taylor, Charles: Ein säkulares Zeitalter. Frankfurt a. M. 2009.
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