
24. März 2026 in Kommentar
„Der Eindruck drängt sich auf, dass der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich mit den Fantasien deutsch-synodaler Meinungsmacher, ob Kleriker oder Weltchristen, zu sympathisieren scheint.“ Kommentar von Dr. Thorsten Paprotny
Hannover (kath.net) Kardinal Jean-Claude Hollerich stellt mitten in der Fastenzeit Gedankenspiele an, die manchen relativistisch gesinnten Kulturchristen in der westlichen Welt von heute erfreuen mögen, auch wenn sie den säkularen Fortschrittsgläubigen gewiss nicht weit genug gehen werden. Der ORF (https://religion.orf.at/stories/3234715/) zitierte den meinungsfreudigen Hollerich: „Ich kann mir auf Dauer nicht vorstellen, wie eine Kirche bestehen kann, wenn die Hälfte des Volkes Gottes leidet, weil sie keinen Zugang zum geweihten Dienst hat.“
Der Luxemburger Erzbischof und Generalrelator der Weltsynode von 2023/24 hat sich damit nicht explizit von „Ordinatio sacerdotalis“ distanziert, sondern nur eine persönliche Meinung kundgetan, die vielerorts geäußert wird, außerhalb der Kirche und in der Kirche selbst, natürlich dort prononcierter, schärfer und entschlossener. Diese Meinung darf als solche in Deutschland und anderswo frei geäußert und auch wertgeschätzt werden, ebenso bedarf jeder von uns – und das wird Kardinal Hollerich wissen – auch der Korrektur durch die Lehre der Kirche, die nicht eine beliebige Meinung unter vielen darstellt, sondern verbindlich gültig ist. Wenn wir aber das Interview genau lesen: Stellte der Kardinal infrage, das ausschließlich Männern vorbehaltene Priesteramt nun auch für Frauen zu öffnen? Man muss bei der Deutung des Interviews behutsam vorgehen. Er spricht vom „geweihten Dienst“, nicht vom Priesteramt. Dennoch bleibt mindestens ein zwiespältiger Eindruck – denn zum „geweihten Dienst“ oder geweihten Leben gehören auch Ordensfrauen, die ihrer Berufung folgen –, wenn vom Leid der „Hälfte des Volkes Gottes“ deswegen gesprochen wird. Anscheinend leidet fast niemand etwa an seinen Sünden, aber mindestens jede und jeder Zweite an verpflichtenden Weisungen, die auf dem Evangelium und der Lehre der Kirche fußen.
Der heilige Johannes Paul II. schrieb mitnichten etwas Sensationelles oder gar Neues, als er die auf dem Evangelium fußende Lehre der Kirche aller Zeiten und aller Orte am 22. Mai 1994 in Abschnitt 4 bekräftigte: „Obwohl die Lehre über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe sowohl von der beständigen und umfassenden Überlieferung der Kirche bewahrt als auch vom Lehramt in den Dokumenten der jüngeren Vergangenheit mit Beständigkeit gelehrt worden ist, hält man sie in unserer Zeit dennoch verschiedenenorts für diskutierbar, oder man schreibt der Entscheidung der Kirche, Frauen nicht zu dieser Weihe zuzulassen, lediglich eine disziplinäre Bedeutung zu. Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“
Papst Johannes Paul II. bekräftigte diese Endgültigkeit nicht durch die Äußerung einer persönlichen Meinung, sondern in seinem Amt als Stellvertreter Christi, der die bleibenden Diskurse und Diskussionen – die damals wie heute als diskrimierend aufgefasst werden – sehr wohl wahrnahm, aber gewiss beendet wissen wollte, nicht zuletzt, damit der Auftrag Christi in den Mittelpunkt rückte und die Zentralität der Evangelisierung erkannt würde. In Abschnitt 3 heißt es: „Im übrigen zeigt die Tatsache, daß Maria, die Mutter Gottes und Mutter der Kirche, nicht den eigentlichen Sendungsauftrag der Apostel und auch nicht das Amtspriestertum erhalten hat, mit aller Klarheit, daß die Nichtzulassung der Frau zur Priesterweihe keine Minderung ihrer Würde und keine Diskriminierung ihr gegenüber bedeuten kann, sondern die treue Beachtung eines Ratschlusses, der der Weisheit des Herrn des Universums zuzuschreiben ist.“
Eine Kirche zudem, die sich nicht ans Evangelium hält oder meint, das Evangelium zeitgeistlich verbessern zu dürfen, kann auch nicht gemäß dem Auftrag Christi evangelisieren. Das Priesteramt für Frauen ist damit dauerhaft ausgeschlossen. Kardinal Hollerich allerdings hat in dem Interview allein vom Weiheamt gesprochen. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. stellte 2019 in einem Grußwort zum 50-jährigen Bestehen der Internationalen Theologischen Kommission fest, dass die Glaubenskongregation unter seinem Vorsitz sich mit dem Frauendiakonat befasst und 2003 ein Dokument erstellt habe. Er schreibt dazu: „Das Dokument wurde mit großer Sorgfalt erstellt, kam aber in der Frage eines eventuellen Frauendiakonats nicht zu einem einmütigen Ergebnis. Man entschied daraufhin, die Frage den Patriarchen der Ostkirchen zu unterbreiten, von denen aber nur sehr wenige eine Antwort gaben. Es zeigte sich, dass die Frage als solche für die Tradition der Ostkirche schwer verständlich war. Darum schloss diese umfassende Studie mit der Feststellung, dass die rein geschichtliche Perspektive nicht zu einer definitiven Sicherheit führe. Letztlich musste die Frage lehrmäßig entschieden werden.“ Auf Italienisch lauteten seine Worte: „In ultima analisi, la questione doveva essere decisa sul piano dottrinale.“ Die lehrmäßige Entscheidung, ob ein Diakonat der Frau als Weiheamt möglich ist, steht auch 2026 noch aus.
Man muss also die Aussage des luxemburgischen Kardinals weder skandalisieren noch als Vision deuten. Es ist richtig, dass der Ausschluss von Frauen zum Weiheamt persönlich und weltlich als diskriminierend empfunden werden kann. Kardinal Hollerich hätte klarstellen können, dass diese persönlichen Gefühle zulässig sind, dass es aber objektiv auf Grundlage des Evangeliums falsch ist, dass eine Weisung des Herrn diskriminieren kann. Es ist ein unbestreitbares Versäumnis, dass der Kardinal darauf nicht hingewiesen hat. Der Eindruck drängt sich also auf, dass der Luxemburger Erzbischof mit den Fantasien deutsch-synodaler Meinungsmacher, ob Kleriker oder Weltchristen, zu sympathisieren scheint. Es wäre sachgerecht gewesen, an die verbindliche Gültigkeit von „Ordinatio sacerdotalis“ zu erinnern und die Luftschlösser aller Freunde des Frauenpriestertums abzuweisen. Die Chance dazu hat er leider vertan.
Zugleich darf daran erinnert werden, dass die lehrmäßige Entscheidung zum Diakonat der Frau – wie von Benedikt XVI. in einer Fußnote des damaligen Beitrags dargelegt – noch aussteht. Weder Johannes Paul II. noch alle seine Amtsnachfolger trafen eine solche verbindliche lehrmäßige Entscheidung. Das ist, und nichts anderes, ist der Stand der Dinge. Über das sogenannte „Frauenpriestertum“ indessen ist das letzte Wort gesprochen.
Von dem ehemaligen Generalrelator der Weltsynode darf berechtigterweise erwartet werden, dass er unverbrüchlich für die Lehre der Kirche einsteht, ob gelegen oder ungelegen.
Dr. Thorsten Paprotny (siehe Link) lehrte von 1998-2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Der Autor vieler Bücher publizierte bsp. den Band "Theologisch denken mit Benedikt XVI.".
Archivfoto Kardinal Hollerich (c) Erzdiözese Luxemburg
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