„Wir führen Einzelgespräche mit Muslimen im persönlichen Kontakt“

3. Februar 2026 in Interview


Isabelle Didelin/Verein „Mission Ismérie“: „Wir beobachten, dass immer mehr Muslime, denen wir begegnen, von Christen Antworten auf ihre aufrichtigen Fragen zu Grundsatzthemen erwarten“. kath.net-Interview von Lothar C. Rilinger


Paris-Hannover (kath.net) „Unabhängig vom Kontext unserer Begegnungen mit Muslimen verläuft der erste Kontakt in der Regel sehr unkompliziert. Tatsächlich sind diese Menschen meist erfreut, berührt und sogar neugierig, andere Gläubige kennenzulernen. Viele Muslime teilen ein tiefes Gefühl der Transzendenz und des Heiligen, was den ersten Kontakt erleichtert.“ Das berichtete Isabelle Didelin vom Verein „Mission Ismérie“ im KATH.NET-Interview mit Lothar C. Rilinger. Das Interview führt in die Arbeit der „Mission Ismérie“ ein, einer eigenständigen katholischen Laieninitiative, die sich der Verkündigung des christlichen Glaubens an Muslime und deren Begleitung auf dem Weg ins Christentum widmet.

Lothar C. Rilinger: Sie gehören der Mission Ismérie an. Welche Funktion haben Sie in dieser Organisation?

Isabelle Didelin: Ich leite das „Angelus-Netzwerk“, das Netzwerk der ehrenamtlichen Helfer von Mission Ismérie vor Ort. Derzeit haben wir rund 500 Ehrenamtliche an etwa 30 Standorten, hauptsächlich in Frankreich, im Einsatz. Jede dieser Standorte setzt das Projekt „Mission Ismérie“ (Verkündigung Christi an alle, insbesondere Muslime; Willkommenheißen und Begleiten von Muslimen und Konvertiten aus dem Islam in ihren Reflexionsphasen sowie Förderung ihrer Integration in die Kirche) innerhalb einer Pfarrei um. 

Dabei dient jede Station der Ortskirche in kindlicher Verbundenheit und in Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen Verantwortlichen und Handlungsträgern (Katechese- und Katechumenatsdienste, Missionszentren, Vereinigungen innerhalb des Evangelisierungsnetzwerks usw.).

Rilinger: Fällt es Ihnen schwer, mit Muslimen zu sprechen, die Sie nicht kennen?

Didelin: Unabhängig vom Kontext unserer Begegnungen mit Muslimen (Alltagsereignisse, bei organisierten Evangelisierungsveranstaltungen, über die sozialen Netzwerke unserer Publikation „La Rencontre“) verläuft der erste Kontakt in der Regel sehr unkompliziert. 

Tatsächlich sind diese Menschen meist erfreut, berührt und sogar neugierig, andere Gläubige kennenzulernen. Viele Muslime teilen ein tiefes Gefühl der Transzendenz und des Heiligen, was den ersten Kontakt erleichtert. 

Wir beobachten, dass immer mehr Muslime, denen wir begegnen (persönlich oder in den sozialen Netzwerken), von Christen Antworten auf ihre aufrichtigen Fragen zu Grundsatzthemen erwarten, wie etwa zum Leben nach dem Tod, zur Vergebung der Sünden, zum Leben Christi, zur Dreifaltigkeit, zu ihrem Verhältnis zum religiösen Gesetz sowie zur brüderlichen Begleitung sowie zur Hilfe bei der Suche nach Christus und dem Erlernen des christlichen Lebens. 

Für die meisten Muslime, denen wir begegnen, ist es völlig selbstverständlich und normal, wenn sich Menschen als katholisch vorstellen, ihren Glauben ohne Zögern oder Scham bekennen, wenn sie einen Dialog beginnen und ihnen Christus in Liebe, aber ohne Relativismus verkünden – als Katholiken, die fest in ihrem Glauben stehen. Daher ist der erste Kontakt in den allermeisten Fällen sehr unkompliziert.

Rilinger: Wie reagieren diese Muslime nach diesem ersten Kontakt? Sind sie verärgert, weil ein Christ mit ihnen sprechen möchte, oder schätzen sie die Gespräche über Christus, den Gründer einer Religion, an die sie nicht glauben?

Didelin: Wir führen Einzelgespräche mit Muslimen im persönlichen Kontakt. Wir führen keinen Dialog mit dem Islam als Gedankensystem, noch mit der gesamten Umma (der Gemeinschaft der Gläubigen). 

Noch einmal: Die meisten Kontakte sind herzlich, oft sogar offen und freundlich. Das bedeutet aber nicht, dass es keine heftigen Reaktionen gibt, wenn sensible Themen angesprochen werden: der Status der Offenbarung, die Göttlichkeit Christi, das Prophetentum Mohammeds und sein Verhalten als Vorbild für Muslime, die Frage der Gewalt und des offensiven Dschihads oder auch die Unmöglichkeit, den Islam zu verlassen, und die Strafen für Apostasie [Abfall vom Glauben]. 

Der Dialog mit Muslimen erfordert von Christen, dass sie wissen, wem sie ihr Vertrauen schenken, aber auch, dass sie Widerspruch auslösen, auf islamische Einwände eingehen oder die Wahrheit des christlichen Glaubens bekräftigen müssen. 

Was die Person Christi betrifft, so stellt die muslimische Tradition ´Issa**/Jesus als Propheten des Islam dar und erinnert uns ausschließlich an die Anbetung Allahs allein; die Evangelienberichte über Gleichnisse oder Begegnungen mit Christus fehlen.

Viele Muslime, insbesondere jene, die die Person ´Issa/Jesus aufrichtig verehren, sind in einer Begegnung von Mensch zu Mensch bereit, ein Evangelium mitzunehmen, um das Leben und die Lehren Christi kennenzulernen. Wir schlagen zunächst gemeinsam mit ihnen eine Bibel auf, lesen ihnen einige Passagen vor, beispielsweise aus der Verkündigungsgeschichte, der Episode mit der Ehebrecherin oder dem Prolog des Johannesevangeliums, und sprechen dann gemeinsam darüber. Am Ende des Gesprächs geben wir ihnen die Bibel mit. So bieten wir jedes Jahr mehrere tausend Bibeln Muslimen an, denen wir auf der Straße begegnen.

Rilinger: Versuchen Sie, mit Männern und Frauen gleichermaßen ins Gespräch zu kommen, oder haben Sie als Frau Angst, mit Männern zu sprechen?

Didelin: Mir persönlich fällt es nicht schwer, auf Menschen zuzugehen, egal ob Männer oder Frauen. Es steht ihnen ja frei, das Gespräch anzunehmen oder abzulehnen. Wir untersagen es uns nicht, jemanden anzusprechen. Wir gehen auf die Menschen zu, die uns die Vorsehung über den Weg schickt, und wir versuchen, dem Heiligen Geist so gut wie möglich zu folgen.

Rilinger: Muslimen ist es ja nicht erlaubt, ihre Religion zu wechseln. Sind sie trotzdem daran interessiert, ein paar Worte über das Christentum zu hören?

Didelin: Für viele Muslime, denen wir begegnen, ist die Angst vor Bestrafung tatsächlich ein starker Anreiz, im Islam zu verbleiben. Darüber hinaus prägt die Zugehörigkeit zur Umma viele Muslime, denen wir begegnen, tief. Sie sind der Ansicht, dass der Islam – unabhängig von ihrem Grad an Glauben, Praxis oder Religiosität – so grundlegend für ihre Identität ist, dass sie befürchten, ein existenzielles Risiko einzugehen, wenn sie ihn verlassen würden. 

Eine Konvertitin vom Islam sagte mir in einer Zeit der Zweifel und Selbstreflexion: „Wenn ich mich irre, wird Allah mir nicht verzeihen.“ Dies spiegelt das Risiko wider, das sie einging, und die Strafe, die ihr drohen könnte. Die Gespräche, die wir mit den Muslimen führen, denen wir begegnen, zielen darauf ab, sie zur Selbstreflexion anzuregen. Die Rolle der Missionare besteht darin, sie auf diesem Weg der Suche nach der Wahrheit und somit nach Christus zu begleiten. 

Trotz des weit verbreiteten Verbots, den Islam zu verlassen (oder vielleicht gerade deswegen), zeigen viele Muslime aus allen Gesellschaftsschichten (von strenggläubigen bis hin zu rein kulturell praktizierenden) und unabhängig von ihren Beweggründen (von denen, die uns ihrerseits zum Islam bekehren wollen, bis hin zu jenen, die den Islam verlassen wollen oder die zu ihm bereits eine gewisse Distanz aufgebaut haben) Interesse an Glaubensgesprächen. Sie zeigen echte Begeisterung für bestimmte Themen, insbesondere für eschatologische: Der Tag des Jüngsten Gerichts, die Person Christi, die Strafe im Grab***, die Endzeit und die messianische Hoffnung sind beliebte Themen in unseren Gesprächen und bestärken die Verkündigung Christi und die Erwartung seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. Wir stehen derzeit mit mehreren hundert Christen muslimischen Hintergrunds in Kontakt, die wir auf ihrem Weg begleiten.

Rilinger: Haben Sie den Eindruck, dass muslimische Organisationen mit Ihrem Handeln unzufrieden sind?

Didelin: Wir haben keine Anhaltspunkte, um diese Frage zu beantworten. Wir sind jedoch der Ansicht, dass wir den muslimischen Autoritäten nicht verheimlichen sollten, dass der Auftrag zur Evangelisierung zum eigentlichen Wesen des Christentums gehört.

Rilinger: Haben Sie schon einmal gehört, dass Muslime langfristig Frankreich und Europa erobern wollen würden?

Didelin: Ein Teil der Muslime in Frankreich wünscht sich, dass Frankreich und der Westen im Allgemeinen den Islam annehmen, und arbeitet auf dieses Ziel hin. Die Mittel, dieses Ziel zu erreichen, unterscheiden sich je nach den Strömungen, denen diese Menschen angehören. 

Die Antwort auf diese Frage verdient eine differenzierte und ausführliche Betrachtung. Es gibt bereits zahlreiche Studien und Arbeiten zu diesem Thema, daher werde ich nicht weiter darauf eingehen. Auf jeden Fall beschäftigt die Mission Ismérie sich ohnehin nicht mit diesem Thema, da wir uns weiterhin der Evangelisierung, der Aufnahme und der Begleitung widmen.

Link zur Website der Mission Ismérie: www.larencontre-ismerie.com

Anmerkungen der kath.net-Redaktion:
* Die Heilige Ismérie war der Überlieferung nach eine muslimische Prinzessin, die zum Christentum konvertierte.
** ´Isa/´Issa (die Schreibweisen können schwanken) ist der arabische Name für Jesus. Jesus wird unter dem Namen ʿĪsā ibn Maryam [Jesus Sohn Mariens] im Koran etwa 20 mal genannt. Im Koran wird Jesus als Prophet und als unmittelbares Wort Gottes angesehen. Arabischsprachige Christen nennen Jesu allerdings nicht ´Isa, sondern Yasūʿ.
*** Die „Strafe im Grab“: ein zentraler muslimischer Glaube an eine Zwischenphase (Barzakh) nach dem Tod bis zur persönlichen Auferstehung. Nach dem Tod wird der Mensch im Grab zu seinen Taten befragt, ebenso bekommt er Fragen zu Gott, Mohammed und der Religion gestellt. Dies gilt als erste Abrechnung vor dem Jüngsten Gericht. Bei nicht bestandener Prüfung drohen Pein und Schläge auf Gesicht und Rücken. Das Grab wird für Sünder zu einem Ort der Hölle. Auffallend ist, dass dieses Konzept nicht direkt im Koran erwähnt wird, obwohl es fest in der sunnitischen und schiitischen Lehre verankert ist.

Lothar Rilinger (siehe Link) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht i.R., stellvertretendes Mitglied des Niedersächsischen Staatsgerichtshofes a.D., und Autor mehrerer Bücher.

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