
25. September 2026 in Weltkirche
„Die Preisgabe der Herde kann schon lange vor einer sichtbaren Flucht beginnen – dann nämlich, wenn Bequemlichkeit, Angst oder eigene Interessen schwerer wiegen als das Wohl der Gläubigen. Der Mietling kalkuliert …“
Vatikan (kath.net/pl) kath.net dokumentiert das Schreiben des Hl. Vaters Leo XIV. an die Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik anlässlich des dreihundertsten Jahrestages der Heiligsprechung des hl. Toribio de Mogrovejo in voller Länge in eigener Übersetzung:
Liebe Brüder im Bischofsamt:
Auf die Bitte der peruanischen Bischofskonferenz hin und anlässlich des dreihundertsten Jahrestages der Heiligsprechung des heiligen Toribio de Mogrovejo – des Schutzpatrons der Bischöfe Lateinamerikas – grüße ich euch herzlich im Herrn und danke euch für den Dienst, den ihr täglich leistet. Wenn ich diese Worte an euch richte, erfüllt mich erneut Dankbarkeit für das Privileg, das Bischofsamt in Peru ausgeübt zu haben. Dort lernte ich aus nächster Nähe den Glauben eines Volkes kennen, von dem ich viel empfing, und verstand besser, was es bedeutet, Hirte zu sein. Diese Erfahrung brachte mir den heiligen Toribio besonders nahe; auch er war aus der Ferne in ein Land gekommen, das ihm durch die pastorale Liebe zur Heimat wurde.
Meine Vorgänger haben sich eingehend mit der Gestalt des „herausragenden Metropoliten von Lima“ [1] befasst und dabei an seinen Eifer bei der Evangelisierung [2], sein Bemühen um den Aufbau und die Erneuerung des kirchlichen Lebens [3] sowie seine Nähe zu den Ärmsten und Verwundbarsten [4] erinnert. Ohne nun auf seine Biografie einzugehen, möchte ich sein Wirken im Licht eines Zeichens betrachten, das uns auf den eigentlichen Ursprung unserer Sendung verweist: den Empfang des Bischofs in seiner Kathedrale. [5] Ein ähnlicher Ritus ist für den Pastoralbesuch in einer Gemeinde vorgesehen [6] – als wollte die Kirche den Bischof immer wieder auf die Bedeutung jenes ersten Einzugs hinweisen. Was die Liturgie in wenigen Gesten zum Ausdruck bringt, das hat der „Apostel der Anden“ im Laufe seiner Jahre als Hirte gelebt. Die beste Art, sein Andenken zu ehren, besteht darin, uns von der Weise, wie er das uns ebenfalls anvertraute Amt gelebt hat, ansprechen zu lassen und ihm nachzueifern.
Der Ritus beginnt am Portal der Kathedrale. Dort wird der neue Bischof von der Kirche empfangen, zu der er gesandt wurde. Er kommt in eine Gemeinschaft, die ihm vorausgegangen ist, die einen Glaubensweg zurückgelegt hat und in der der Heilige Geist bereits am Wirken war. Indem er jene Schwelle überschreitet, tritt er in eine Geschichte ein, die nicht mit ihm beginnt, und wird durch seinen Dienst an ein konkretes Volk gebunden. Der heilige Erzbischof kam in ein Land, von dessen Völkern und Kulturen er kaum etwas wusste. Um es zu hüten, musste er in jene Realität eintauchen; deshalb bereiste er es. Seine Pastoralbesuche und sein Bemühen, das Evangelium in den Landessprachen zu verkünden, vertieften die Bindung an jenes Land und seine Menschen. Es gibt Gegebenheiten in einer Diözese, die nur selten bis an den Schreibtisch des Bischofs gelangen. Sorgen wir also dafür, dass der Pastoralbesuch seine ganze Kraft behält: Gehen wir persönlich auf unsere Gemeinschaften zu, hören wir auf unsere Herde und suchen wir jene auf, die nur selten Gelegenheit haben, dem Bischof zu begegnen. Der Dienst eines Nachfolgers der Apostel verlangt, mit dem Herzen im Himmel und mit den Füßen auf dem Weg zu leben.
Noch an der Türschwelle empfängt der Bischof ein Kruzifix und küsst es. Die Kirche stellt ihm jenen vor Augen, der die Seinen bis zur Vollendung geliebt hat. Diese Geste birgt das Versprechen der Hingabe in sich. Sein Dienst mag ihn auf Wege führen, die er nicht vorhergesehen hat, und ihm Opfer abverlangen, die er sich vielleicht nie hätte träumen lassen. Das Kreuz erinnert ihn daran, dass er bei der Herde bleiben muss, wenn schwere Stunden anbrechen, und dass der Schutz der Schafe für den Hirten selbst einen Preis haben kann. Toribio setzte jenen Kuss auf das leidende Fleisch des Herrn in seinen Reisen und Mühen fort, indem er die Indigenen verteidigte, Missstände korrigierte und den Armen und Leidenden nahe blieb. Liebe Brüder, wir müssen immer wieder in die Schule des Kreuzes zurückkehren. Die Preisgabe der Herde kann schon lange vor einer sichtbaren Flucht beginnen – dann nämlich, wenn Bequemlichkeit, Angst oder eigene Interessen schwerer wiegen als das Wohl der Gläubigen. Der Mietling kalkuliert, was er verlieren könnte; der Hirte weiß, dass er etwas von sich selbst hingeben muss, um treu zu bleiben (vgl. Joh 10,12-13). Danach empfängt der Bischof das Weihwasser, besprengt sich selbst und die Anwesenden. Diese Geste verweist ihn auf den gemeinsamen Ursprung der Taufe zurück. Bevor er Hirte ist, ist er Jünger; bevor er dem Volk Gottes vorsteht, zählt er sich selbst zu den Getauften, die in Christus zu Kindern Gottes geworden sind. Die Heiligkeit des Hirten darf nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden (vgl. 1 Tim 4,16). Der heilige Toribio konnte ein kirchliches Leben einfordern, das dem Evangelium treuer ist, weil er selbst damit begann, sich an diesem Maßstab messen zu lassen. Wer den Auftrag zur Heiligung empfangen hat, bedarf selbst weiterhin der Heiligung; wer die Barmherzigkeit verkündet, lebt auch selbst von ihr. Achten wir also auf unser Innenleben und bewahren wir uns das Bewusstsein, dass wir Jünger sind, die der Umkehr bedürfen.
Der Ritus führt den Bischof sodann vor das Tabernakel, wo er niederkniet und anbetet. Bevor er seinen Dienst antritt, verweilt er in Stille vor dem Allerheiligsten. Die Bischöfe vergehen; Christus bleibt (vgl. Hebr 13,8). Die Hirten wechseln, neue Erfordernisse treten auf und Projekte folgen aufeinander, doch die Kirche lebt vom Herrn. Deshalb möchte ich Sie einladen, die eucharistische Anbetung zu einer pastoralen Priorität zu machen. Die Liebe des heiligen Toribio zur Eucharistie zeigte sich in seinem Bemühen, alle Menschen zu Jesus zu führen. Schenken wir unseren Gläubigen Zeit und Raum, um vor Ihm zu verweilen, und ermutigen wir zu längerer Anbetung. Ich bin überzeugt: Die heilige Gegenwart des Herrn – in Treue angenommen und angebetet – trägt uns dort, wo unsere eigenen Kräfte nicht ausreichen, und eröffnet Wege, die keine Planung vorhersehen könnte. Seine Liebe ist es, die unsere Diözesen verwandeln wird.
Nachdem er die liturgischen Gewänder angelegt hat, tritt der Bischof an den Altar und küsst ihn. Es ist derselbe Herr, vor dem er soeben gekniet hat; nun wird er als derjenige betrachtet, der seine Kirche um sich versammelt und sie zu einem einzigen Leib macht (vgl. 1 Kor 10,17). Der heilige Bischof diente einer riesigen und vielfältigen Kirche und bemühte sich, sie geeint zu halten. Auch uns obliegt es, darauf zu achten, dass die Vielfalt unserer Diözesen in Christus ihre Einheit findet. Der Altar erinnert uns daran, dass die Gemeinschaft zum eigentlichen Herzen unserer Sendung gehört.
Anschließend begibt er sich zur Kathedra, und es werden das Apostolische Schreiben sowie die Bulle verlesen, mit denen der Papst ihn zum Hirten dieser Teilkirche ernannt hat. Der Bischof hat sich diese Sendung nicht selbst gegeben; er hat sie empfangen und übt sie in der Gemeinschaft der Kirche aus, vereint mit dem Nachfolger Petri und dem Bischofskollegium. Die Lehre, die er von der Kathedra aus verkündet, entspringt nicht einem eigenen Wort, das er durchsetzen müsste. Er hat den Glauben der Kirche empfangen und ist dazu berufen, das „kostbare Gut zu bewahren“, es zu vertiefen und den ihm anvertrauten Menschen verständlich zu machen (vgl. 2 Tim 1,13-14). Der heilige Toribio war sich dieser Verantwortung wohl bewusst. Die Umsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient, die Provinzialkonzilien, die Diözesansynoden und seine katechetische Arbeit zeugen von seinem Wunsch, den Glauben unverfälscht weiterzugeben und ihn den Menschen, die ihm anvertraut waren, zugänglich zu machen. In einer Zeit, in der so viele Stimmen Autorität über das Gewissen der Gläubigen beanspruchen, obliegt es dem Bischof, eine Lehre zu vermitteln, die klar und geduldig ist und in jener Gemeinschaft wurzelt, um seinem Volk zu helfen, die Stimme des einen Hirten zu erkennen.
Im Anschluss daran treten Klerus und Gläubige heran, um „Gehorsam und Ehrfurcht zu bekunden“ [7]. Die ihm entgegengebrachte Ehrfurcht wird für den Bischof zur Verantwortung, und der dargebrachte Gehorsam fordert von ihm väterliches Handeln. Dies zeigt sich besonders in seiner Beziehung zu den Priestern, die mit ihm auf einzigartige Weise im einen Priestertum und in der der Teilkirche anvertrauten Sendung verbunden sind. Toribio achtete auf ihre Ausbildung, stellte hohe Anforderungen bei der Zulassung zu den Weihen, besuchte seine Priester und wahrte die kirchliche Disziplin – im Bewusstsein, dass das Leben des Klerus auf das Leben des Volkes ausstrahlt. Liebe Mitbrüder, seien wir unseren Priestern nahe. Sorgen wir besonders für das Priesterseminar und die ersten Jahre des Dienstes, fördern wir eine echte Brüderlichkeit und achten wir darauf, dass kein Priester das Gefühl hat, sich nur dann an seinen Bischof wenden zu können, wenn es ein Problem zu lösen gilt. Bischöfliche Väterlichkeit zeigt sich oft darin, dass ein Priester weiß, dass er vertrauensvoll an die Tür des Bischofshauses klopfen kann.
Nach dem Evangelium richtet der Bischof zum ersten Mal das Wort an sein Volk. Bis dahin hat die Liturgie ihn in eine Haltung des Empfangens und Hörens versetzt und ihn zur Stille der Anbetung geführt. Erst danach spricht er. Diese einfache Abfolge birgt eine Lehre, die man sich stets vor Augen halten sollte. Inmitten der vielen Aufgaben, die unseren Alltag bestimmen, sind wir gesandt, die Frohe Botschaft zu verkünden. Wie die Apostel sind wir dazu berufen, „im Gebet und im Dienst am Wort“ zu verharren (Apg 6,4). Der heilige Toribio gestaltete sein Leben als eine fortwährende Verkündigung; seine Botschaft wirkte glaubwürdig, weil er zugelassen hatte, dass das Evangelium zuvor sein eigenes Dasein prägte. Keine noch so notwendige pastorale Dringlichkeit oder Aufgabe darf das Gebet – als Vorbereitung auf die Verkündigung – in den Hintergrund drängen. Nehmen wir uns stets die nötige Zeit, um auf das Wort zu hören und sorgfältig zu bedenken, wie wir es unserem Volk darbringen wollen.
Nach Abschluss der Riten des Empfangs und der Feier des Wortgottesdienstes ist der Augenblick gekommen, die Gaben darzubringen. In diesem Offertorium lässt sich bereits all das erahnen, was der Bischof Tag für Tag in die Hände des Herrn legen wird: seine Arbeit, die Projekte, die er in Angriff nimmt, die Entscheidungen, die er treffen muss, die ihm anvertrauten Menschen sowie seine Sorgen und Hoffnungen. Es wird Momente geben, in denen er den Weg klar vor Augen hat, und andere, in denen er seine eigene Kleinheit erfährt – all dies findet auf der Patene Platz. Dem Bischof obliegt es, sich in Treue hinzugeben; die Frucht gehört letztlich Gott (vgl. 1 Kor 3,6-7).
Die Feier selbst zeigt, wo diese Fruchtbarkeit ihren Ursprung hat. In der Heiligen Messe wird das eine Opfer Christi zur Erlösung der Welt sakramental vergegenwärtigt, während sein Volk in die Hingabe seines Herrn einbezogen wird. Aus diesem heiligen Opfer strömt die Gnade, von der die Kirche lebt und durch die Christus sie im Laufe der Geschichte immer wieder versammelt und heiligt. Der Bischof leiht – wie jeder Priester – Christus, dem ewigen Hohepriester, seine Stimme und seine Hände; durch seinen Dienst wirkt Christus selbst. Was er feiert, muss auch in seinem eigenen Leben Fortsetzung finden – in einer immer engeren Verbundenheit mit dem Opfer des Herrn –, bis sein ganzes Dasein in Christus zu einer Gabe an den Vater wird.
Die geistliche Landschaft der Kirche in Lateinamerika ist geprägt von Hirten, die diese Verbindung zwischen Altar und Leben sichtbar gemacht haben. Die Gestalt des heiligen Toribio steht daher nicht allein. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich in verschiedenen Regionen des Kontinents eine wahre Konstellation von Bischöfen herausgebildet, die von der Kirche als Heilige und Selige verehrt werden. Neben dem großen Erzbischof von Lima finden sich die Heiligen Antonio María Claret, Ezequiel Moreno, Rafael Guízar und Óscar Romero sowie die Seligen Juan de Palafox, Jacinto Vera, Mamerto Esquiú, Enrique Angelelli, Jesús Jaramillo und Eduardo Pironio – um nur einige der vielen bedeutenden Bischöfe zu nennen. Vertiefen wir uns in den Dienst und die Schriften dieser Hirten und machen wir sie in unseren Teilkirchen bekannt. Ihr Zeugnis kann uns helfen, die Sendung des Bischofs besser zu verstehen, und ist von besonderem Interesse für die Ausbildung von Seminaristen und Priestern. Ihre Leben zeigen, wie ein und dieselbe Sendung je nach Zeit und Umständen unterschiedliche Formen annehmen kann; sie bilden eine Schule der Hirten, die aus unserer kirchlichen Geschichte erwachsen ist. Heilige bringen weiterhin Heilige hervor (vgl. Hebr 13,7).
Vertrauen wir der heiligen Maria von Guadalupe unseren Wunsch an, die empfangene Sendung mit erneuerter Treue zu leben. Zu Beginn der Evangelisierung jenes geliebten Kontinents wollte sie, dass der heilige Juan Diego ihr Anliegen dem Bischof überbrachte und dass dieser unterscheidend annahm, was der Herr durch einen demütigen Boten bewirkte. Jene Begegnung bleibt für uns Hirten eine Einladung: auf das Wirken Gottes zu achten, das sich oft auf unerwarteten Wegen offenbart und sich jener bedient, von denen man es am wenigsten erwarten würde. Bitten wir auf die Fürsprache der Muttergottes um die Gnade, die uns anvertrauten Kirchen zu kennen, ihnen zu dienen und sie zu lieben, damit wir – wenn die Stunde kommt, dem Herrn Rechenschaft über unseren Dienst abzulegen – hören dürfen: „Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener […], geh hinein in die Freude deines Herrn“ (Mt 25,21).
In brüderlicher Verbundenheit segne ich euch von Herzen.
Vatikan, 8. September 2026, Fest der Geburt der seligen Jungfrau Maria.
LEO PP. XIV
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[1] Pius XII., Rundfunkbotschaft an den V. Interamerikanischen Kongress für katholisches Bildungswesen, 12. Januar 1954.
[2] Vgl. Hl. Johannes Paul II., Begegnung mit den Mitgliedern der Bischofskonferenz von Peru, 2. Februar 1985.
[3] Vgl. Benedikt XVI., Botschaft anlässlich des 400. Todestages des heiligen Turibius, 23. März 2006.
[4] Vgl. Franziskus, Begegnung mit den Bischöfen in Lima, 21. Januar 2018.
[5] Vgl. Cæremoniale Episcoporum, 1141–1144.
[6] Vgl. ebd., 1180.
[7] Ebd., 1143.
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