
6. August 2026 in Aktuelles
„Hier wird die Mitte unseres Glaubens sichtbar. Christsein bedeutet nicht zuerst, religiöse Pflichten zu erfüllen, sondern auf Christus zu hören, ihm zu vertrauen und ihm nachzufolgen.“ Predigt von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Eichstätt (kath.net) „Aus der leuchtenden Wolke rief die Stimme des Vaters: ›Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.‹“ (vgl. Lk 9,35)
I. Ein Fenster zum Himmel
Liebe Schwestern und Brüder, es gibt Augenblicke, die nur kurz dauern und doch das ganze Leben prägen: die Geburt eines Kindes, ein Wort der Versöhnung nach langer Entfremdung, der Abschied von einem geliebten Menschen oder jene stillen Stunden des Gebets, in denen Gottes Nähe beinahe greifbar wird. Solche Erfahrungen vergehen, doch ihr Licht bleibt im Herzen. Es trägt durch dunkle Zeiten und schenkt Hoffnung.
Ein solcher Augenblick ist die Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor. Das griechische Evangelium nennt sie Metamórphosis, die lateinische Kirche Transfiguratio Domini. Beide Begriffe bezeichnen weit mehr als eine äußere Veränderung. Christus wird auf dem Tabor nicht zu etwas Neuem; vielmehr wird sichtbar, wer er von Ewigkeit her ist: der eingeborene Sohn des Vaters, „Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“. Nicht Christus verändert sich – die Augen der Jünger werden geöffnet. Seine menschliche Gestalt wird von der Herrlichkeit seiner Gottheit durchleuchtet.
Die Kirchenväter haben diesen Gedanken immer wieder hervorgehoben. Der heilige Maximus Confessor sagt, Christus habe auf dem Berg nichts empfangen, sondern seinen Jüngern für einen Augenblick jene Herrlichkeit gezeigt, die er seit Ewigkeit besitzt. Gregor Palamas spricht vom ungeschaffenen Licht, das nicht von außen auf Christus fällt, sondern aus seiner göttlichen Person hervorstrahlt.
So öffnet uns das Evangelium gleichsam ein Fenster zum Himmel. Für einen kurzen Augenblick fällt der Schleier weg. Die Jünger sehen Jesus tiefer: Sein Antlitz leuchtet wie die Sonne, seine Kleider werden strahlend weiß, Mose und Elija erscheinen an seiner Seite, und aus der lichten Wolke ertönt die Stimme des Vaters: „Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.“
Hier wird die Mitte unseres Glaubens sichtbar. Christsein bedeutet nicht zuerst, religiöse Pflichten zu erfüllen, sondern auf Christus zu hören, ihm zu vertrauen und ihm nachzufolgen. Alles andere wächst aus dieser lebendigen Beziehung.
Zugleich eröffnet der Tabor unsere eigene Zukunft. Die Verklärung Christi ist die Verheißung unserer Verwandlung. Darum feiert die Ostkirche dieses Fest nicht nur als Offenbarung der Herrlichkeit Jesu, sondern auch als Hinweis auf die Berufung des Menschen zur Theosis, zur Teilhabe am göttlichen Leben. Der Apostel Paulus greift denselben Gedanken auf: „Wir alle werden verwandelt (metamorphoumetha) in sein Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2 Kor 3,18). Der Tabor zeigt deshalb das Ziel unseres Lebens: Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern die Auferstehung. Nicht die Finsternis, sondern das Licht Gottes. Der Tabor ist Ostern mitten auf dem Weg nach Jerusalem.
II. Der Tabor – Berg der Offenbarung
Dass dieses Geheimnis auf einem Berg geschieht, ist kein Zufall. Berge sind in der Heiligen Schrift Orte der Gottesbegegnung. Auf Morija erfährt Abraham, dass Gott das Leben will. Auf dem Sinai empfängt Mose den Bund. Am Horeb begegnet Elija Gott im leisen Säuseln des Windes. Der Zion wird zum Zeichen seiner bleibenden Gegenwart.
In diese Heilsgeschichte tritt nun der Tabor. Alles, was Gott seinem Volk verheißen hat, erfüllt sich in Christus. Nicht mehr steinerne Gesetzestafeln stehen im Mittelpunkt, sondern das lebendige Wort Gottes selbst. In Jesus zeigt Gott sein menschliches Antlitz. Darum kann Christus sagen: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“
Seit den ersten Jahrhunderten verehrt die Kirche den Tabor als Berg der Verklärung. Ost und West feiern hier denselben Herrn und dieselbe Hoffnung. Auch die Wahl des Festtermins ist von tiefer geistlicher Weisheit geprägt. Das Festgeheimnis der Verklärung wird vierzig Tage vor Karfreitag, deshalb die Lesung dieses Evangeliums in der Fastenzeit, und vierzig Tage vor Kreuzerhöhung gefeiert. So fällt das Licht des Tabor bereits auf den Weg nach Golgotha. Christus offenbart seine Herrlichkeit, bevor seine Jünger Zeugen seines Leidens werden.
Die Liturgie der Ostkirche bringt dies eindrucksvoll zum Ausdruck: „Verklärt warst Du auf dem Berge, Christus unser Gott. Deine Jünger schauten Deine Herrlichkeit, soweit sie sie fassen konnten. Als sie Dich später am Kreuze hängen sähen, sollten sie erkennen, dass Dein Leiden freiwillig war, und der Welt verkünden, dass Du wahrhaft der Abglanz des Vaters bist.“
Dieselben drei Jünger, die auf dem Tabor seine Herrlichkeit sehen, werden ihn später in Gethsemane begleiten. Das Licht des Tabor soll ihren Glauben tragen, wenn die Nacht des Ölbergs hereinbricht. Erst Ostern lässt sie erkennen, dass Kreuz und Herrlichkeit keine Gegensätze sind, sondern zwei Seiten desselben Heilsgeheimnisses.
III. Mose und Elija – Christus erfüllt Gesetz und Propheten
Mitten im Licht erscheinen Mose und Elija. Sie verkörpern Gesetz und Propheten, Verheißung und Erwartung Israels. Alles weist auf Christus hin und findet in ihm seine Erfüllung. Johannes Chrysostomos betont, dass Mose und Elija an der Seite Christi stehen, damit niemand ihn für einen bloßen Propheten halte. Leo der Große sieht darin die vollkommene Einheit von Gesetz, Propheten und Evangelium. Christus hebt das Alte nicht auf; er führt es zur Vollendung.
Auch die Ikonen der Verklärung verkünden diese Wahrheit. Christus steht im Mittelpunkt der leuchtenden Mandorla, Mose und Elija wenden sich ihm zu, während Petrus, Jakobus und Johannes überwältigt zu Boden sinken. Die göttliche Herrlichkeit sprengt menschliche Maßstäbe. Wer Gott begegnet, beginnt die Wirklichkeit mit neuen Augen zu sehen.
Gerade darin liegt die Botschaft des Tabor für unser Leben. Christus verändert nicht zuerst unsere äußeren Verhältnisse; er verwandelt unser Herz. Aus Angst wächst Vertrauen, aus Bitterkeit Vergebung, aus Hoffnungslosigkeit neue Zuversicht. Das Kreuz verliert seinen endgültigen Schrecken, weil es vom Licht der Auferstehung umfangen wird.
Darum ist die Verklärung Christi zugleich die Verheißung unserer eigenen Verwandlung. Gott will den Menschen nicht nur erlösen, sondern ihn an seinem göttlichen Leben teilhaben lassen. Nicht Vergänglichkeit ist seine letzte Bestimmung, sondern Herrlichkeit. Nicht der Tod, sondern das Leben. Nicht die Finsternis, sondern das Licht, das keinen Abend kennt.
IV. Die Wolke – Gottes Gegenwart im Geheimnis
Mitten in die strahlende Herrlichkeit tritt eine lichte Wolke. In der Heiligen Schrift ist sie niemals Zeichen der Abwesenheit Gottes, sondern seiner verborgenen Nähe. Sie begleitet Israel durch die Wüste, erfüllt das Offenbarungszelt und den Tempel, überschattet Maria bei der Menschwerdung – und umhüllt nun den Berg Tabor. Gregor von Nyssa erkennt darin den Schleier des göttlichen Geheimnisses. Gott macht sich nahe und bleibt doch immer größer als unser Begreifen. Jede echte Gotteserfahrung führt deshalb nicht zum Hochmut, sondern zur Anbetung.
Aus der Wolke ertönt die Stimme des Vaters: „Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.“ Nicht das Sehen, sondern das Hören trägt den Glauben. Außergewöhnliche Erfahrungen sind Geschenk, aber nicht Fundament unseres Lebens. Das Fundament ist Christus selbst, sein Wort und seine bleibende Gegenwart.
Gerade deshalb spricht das Evangelium auch in unsere Zeit. Jeder kennt die Wolken des Lebens: Krankheit, Einsamkeit, Trauer, zerbrochene Beziehungen, Kriege, Unsicherheit und die Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Das Evangelium beschönigt diese Wirklichkeit nicht. Es zeigt vielmehr den Sohn Gottes, der selbst den Weg durch die Dunkelheit gegangen ist. Auf den Tabor folgt Gethsemane, auf das Licht die Nacht, auf die Stimme des Vaters das Schweigen des Karfreitags. Darum gibt es keine Dunkelheit unseres Lebens, die Christus fremd wäre. Isaak der Syrer schreibt: „Wer Gott im Leid sucht, findet ihn oft näher als in den Tagen des Glücks.“ Seit Golgotha gibt es keinen Ort menschlichen Leidens mehr, an dem Christus nicht schon gegenwärtig wäre.
Die Wolke nimmt uns Gott nicht weg. Sie lädt uns ein, ihm auch dann zu vertrauen, wenn wir ihn nicht verstehen. Der Weg des Glaubens führt nicht an der Nacht vorbei, sondern durch sie hindurch. Die Herrlichkeit Christi hebt das Kreuz nicht auf, sondern schenkt ihm seinen Sinn. So wird der Weg der Nachfolge selbst zu einer Metamorphosis: Der Mensch wächst Schritt für Schritt in das hinein, wozu Gott ihn geschaffen hat – zur Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott und zum Licht der neuen Schöpfung.
V. Vom Tabor hinab – Der Glaube bewährt sich im Alltag
Liebe Schwestern und Brüder, nach dem überwältigenden Erlebnis auf dem Tabor geschieht etwas Überraschendes: Jesus bleibt nicht auf dem Berg. Petrus möchte den Augenblick festhalten: „Herr, es ist gut, dass wir hier sind.“ Wer könnte ihn nicht verstehen? Wer einmal etwas von Gottes Nähe erfahren hat, möchte diesen Frieden bewahren. Doch Christus lässt keine Hütten bauen. Er führt seine Jünger wieder hinab in den Alltag. Gerade darin liegt die Botschaft des Tabor. Er ist nicht das Ziel, sondern Wegzehrung. Christlicher Glaube besteht nicht darin, außergewöhnliche religiöse Erfahrungen zu sammeln, sondern Christus Tag für Tag nachzufolgen – mitten im gewöhnlichen Leben, mitten unter den Menschen.
Der heilige Johannes Chrysostomos bemerkt, dass Christus seine Jünger nicht auf dem Berg ließ, weil unten bereits der kranke Knabe auf Heilung wartete. Gottes Herrlichkeit führt niemals zur Flucht aus der Welt, sondern befähigt uns, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen und den Menschen in Liebe zu dienen. Das gilt bis heute. Auch wir steigen in jeder Eucharistie gleichsam auf den Berg Tabor. Christus spricht zu uns in seinem Wort, schenkt sich uns im heiligen Sakrament und lässt uns etwas von seiner Herrlichkeit erfahren. Doch am Ende der Feier heißt es: „Gehet hin in Frieden. - Es ist Sendung!“ Das ist kein Abschied, sondern Aussendung. Das Licht, das wir empfangen haben, sollen wir in unsere Familien, an unseren Arbeitsplatz, zu den Kranken, Einsamen, Trauernden und Suchenden tragen. Der Tabor setzt sich im Alltag fort.
VI. Die Verklärung – Unsere Berufung
Hier liegt die tiefste Botschaft dieses Festes: Die Verklärung Christi ist zugleich unsere Berufung. Der heilige Athanasius sagt: „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Anteil am göttlichen Leben erhält.“ Die Ostkirche nennt dieses Geheimnis Theosis, Vergöttlichung: Nicht der Mensch wird Gott, sondern Gottes Leben durchdringt ihn immer tiefer. Wie Eisen im Feuer glüht, ohne aufzuhören Eisen zu sein, so will Christus den Menschen mit seinem Licht erfüllen.
Darum schreibt der Apostel Paulus: „Wir alle werden verwandelt (metamorphoumetha) in sein Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2 Kor 3,18). Diese Verwandlung beginnt schon heute: in der Eucharistie, im Gebet, in der Vergebung, in der Liebe und im geduldig getragenen Leid. Dort wirkt Gott bereits an dem, was einst vollendet wird. Der heilige Symeon der Neue Theologe sagt: „Wer Christus liebt, trägt schon jetzt das Licht des kommenden Reiches in seinem Herzen.“ Darin liegt unsere Hoffnung: Der äußere Mensch vergeht, der innere wird Tag für Tag erneuert. Unsere Verklärung hat bereits begonnen.
VII. Das Licht, das keinen Abend kennt
Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir heute diese Kirche verlassen, bleiben und wahrscheinlich unsere Sorgen, Krankheiten und offenen Fragen. Aber, wir nehmen das Licht des Tabor und die Stimme des Vaters als Verheißung mit: „Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.“
Ob unser Weg morgen über den Tabor oder nach Golgotha führt, wissen wir nicht. Eines aber wissen wir: Christus ist auf beiden Bergen derselbe Herr. Deshalb wird unser Weg nicht in der Finsternis enden.
Die Ostkirche betet: „Dein Licht, o Christus, erweckt das Leben. Dich zu schauen heißt Auferstehung. Ob Krankheit oder Schmerz, Hunger oder Gefängnis mich bedrängen – wenn Dein Licht aufstrahlt, wird alles hell.“
Gehen wir darum mit neuer Hoffnung unseren Weg. Steigen wir mit Christus vom Tabor hinab und folgen wir dem Sohn, den uns der Vater offenbart hat. Dann mag unser Weg durch manche Nacht führen – sein Ziel ist das Hineingehen in das Licht, das keinen Abend kennt: Christus selbst, unsere Auferstehung und unser ewiges Leben. Amen.
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