Jedes Kind ist ein Traum Gottes. Über Würde, Nächstenliebe und die Freundschaft mit Christus

10. Juni 2026 in Aktuelles


Leo XIV.: Fragen aus dem Leben - Antworten hinein ins Leben. Berufung, Vergebung, Leiden, Familie und die christliche Verantwortung für die Schwächsten. Die christliche Hoffnung wird im Dienst an den Bedürftigen sichtbar. Von Armin Schwibach


Barcelona (kath.net/as) Bei der Begegnung mit den Vertretern der diözesanen Wohltätigkeits- und Sozialeinrichtungen in der Kirche Sant Augustí in Barcelona dankte Papst Leo XIV. zunächst dem Erzbischof, den Verantwortlichen der Sozialpastoral sowie den Mitarbeitern der kirchlichen Hilfswerke für ihren Dienst. Zugleich griff er Fragen auf, die ihm zuvor gestellt worden waren, und verband persönliche Erinnerungen mit einer Auslegung zentraler Themen des christlichen Lebens.

Auf die Frage nach seiner Beziehung zum Sport bekannte der Papst, dass er selbst Tennis spiele und diesen Sport liebe. Zugleich habe er während seiner Jahre als Bischof in Peru die Entwicklung lokaler Fußballvereine verfolgt und als Papst zahlreiche Sportgruppen empfangen. Sport helfe dem Menschen, körperlich und geistig zu wachsen. Mit Blick auf die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft erinnerte Leo XIV. daran, dass Fußball eine Wahrheit über das menschliche Leben sichtbar mache: „Das Leben ist kein Wettlauf, um sich allein zu profilieren, sondern ein Weg, den wir gemeinsam gehen lernen“. Deshalb gelte auch: „Wer den Ball nicht passen kann, hat das Spiel noch nicht verstanden, auch wenn er Talent hat. Und wer nicht mit anderen und für andere leben kann, hat das Leben noch nicht verstanden“.

Auf die Frage nach seiner Berufung antwortete der Papst, dass er als Kind niemals daran gedacht habe, Papst zu werden. Schon früh habe er jedoch den Wunsch verspürt, sein Leben Gott zu schenken. Damals habe er noch nicht gewusst, auf welchem Weg ihn der Herr führen würde. Später habe er erkannt, dass Christus ihn zum Priestertum berief und dieser Weg durch den Orden des heiligen Augustinus führte. Dabei weitete Leo XIV. den Blick über seine eigene Geschichte hinaus und erklärte: „Jedes Kind ist ein Traum Gottes“. Gott wolle das Glück jedes Menschen und wünsche sich, dass der Mensch ein Herz bewahre, das vertrauen könne und von Güte erfüllt sei. Deshalb sei die entscheidende Frage nicht zuerst die Wahl eines Berufes, sondern die Freundschaft mit Christus: „Es ist wichtiger, sich zu fragen, ob man ein Freund Jesu sein möchte, als sich zu fragen, ob man Priester, Arzt, Lehrer, Familienvater oder etwas anderes werden will“. Gerade diese Freundschaft schenke Freude und Freiheit und ermögliche es, die eigene Berufung zu erkennen.

Mit besonderer Aufmerksamkeit ging Leo XIV. auf die Frage nach dem Leid ein. Er räumte ein, dass es nicht leicht sei zu verstehen, warum manchen Menschen schwere Dinge widerfahren und anderen nicht. Die Antwort finde ihren Ausgangspunkt im Leben Jesu. Christus habe Gutes getan und Menschen geheilt, sei aber dennoch gekreuzigt worden. Die Geschichte Jesu habe jedoch nicht mit dem Kreuz geendet. Der Herr sei auferstanden und habe das Böse und den Tod besiegt. Deshalb lasse Gott keines seiner Kinder im Stich. Leo XIV. ermutigte zu Vertrauen und Zuversicht, weil Christus den Menschen begleite und Kraft schenke, die schwierigen Augenblicke des Lebens zu bestehen.

Ausführlich sprach der Papst dann über die Bedeutung der Großeltern. Sie nähmen im Leben vieler Familien einen unverzichtbaren Platz ein. Oft kümmerten sie sich um die Enkelkinder, während die Eltern arbeiteten, und vermittelten ihnen durch ihre Zuneigung die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Niemand dürfe ältere Menschen allein lassen. Die Antwort auf ihre Hingabe könne nur Liebe sein. Leo XIV. erinnerte daran, dass die jüngeren Generationen ihre Großeltern begleiten und pflegen sollten, so wie diese einst für sie gesorgt hätten. Einsamkeit und Verlassenheit dürften niemals zur Normalität im Alter werden. Wer selbst keine Einsamkeit wünsche, dürfe sie auch anderen nicht zumuten.

Breiten Raum nahm die Frage der Vergebung ein. Der Papst verwies auf die Antwort Jesu an Petrus, man solle nicht siebenmal, sondern „bis zu siebzigmal siebenmal“ vergeben. Zugleich präzisierte er die Bedeutung dieses Gebotes. Vergebung bedeute nicht, das Böse zu rechtfertigen oder weiteres Unrecht zuzulassen. Ebenso wenig verlange sie, alles zu vergessen. Vielmehr gehe es darum, dem Hass keinen Platz im eigenen Herzen zu überlassen. Christus rufe zur Vergebung auf, weil nur so Frieden entstehen und innere Wunden heilen könnten. Wer vergebe, folge dem Beispiel Jesu selbst, der auch seinen Henkern vergeben habe. Die Bereitschaft zur Vergebung bilde zugleich die Voraussetzung dafür, die Vergebung Gottes zu empfangen.

Im zweiten Teil seiner Ansprache wandte sich Leo XIV. unmittelbar an die Mitarbeiter der kirchlichen Wohlfahrts- und Sozialeinrichtungen. Die Kirche des heiligen Augustinus erinnere daran, dass das Christsein zuerst Geschenk und Gnade sei. Auf Christus gegründet und vom Heiligen Geist getragen, erkenne der Gläubige, dass jede aufrichtige Mitarbeit am Wohl des Nächsten vom Vater gesegnet werde. Als Glieder des mystischen Leibes Christi seien die Christen mit dem Schicksal der Menschen verbunden, die Gott liebe und zum Leben mit ihm berufe. Der Papst betonte, dass die Berufung des Christen nicht nur in Freundlichkeit oder Güte bestehe. Der Christ müsse mitfühlend sein, uneigennützig lieben und das Wohl anderer suchen. In jedem leidenden Menschen begegne ihm Christus selbst. Dort sei der Herr gegenwärtig als derjenige, der bitte und empfange, aufgenommen oder zurückgewiesen, geliebt oder verachtet werde. Von dieser Grundlage her beschrieb Leo XIV. den Auftrag jeder kirchlichen Gemeinschaft. Die vom Heiligen Geist geführte Kirche sei gerufen, sich der Wunden und Nöte der Schwächsten anzunehmen, ihr Leid zu lindern und ihre Armut zu bekämpfen. Dabei folge sie dem Beispiel Jesu Christi, der „aus Liebe zu uns, obwohl er reich war, arm wurde“, damit die Menschen durch seine Gnade reich würden. Der Herr selbst fordere die Gläubigen auf, ihn in den Bedürftigen zu erkennen und ihnen beizustehen.

Mit Blick auf die Gegenwart bemerkte der Papst, dass der Sinn für die heilige Würde des Menschen verloren zu gehen scheine. Gerade deshalb komme dem Dienst der kirchlichen Hilfswerke besondere Bedeutung zu. Christen seien berufen, die Liebe Gottes zu jedem Menschen in den konkreten Umständen der Geschichte sichtbar zu machen. Leo XIV. erinnerte an die Schöpfungserzählung: „Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“ Daraus erwachse die unveräußerliche Würde jedes Menschen. Diese Würde hänge weder von Fähigkeiten noch von Besitz oder gesellschaftlicher Stellung ab. Sie gründe vielmehr in der Gabe Gottes und in seiner Liebe, die jedem Menschen vorausgehe. Der Herr lade die Menschen deshalb ein, in jeder Frau eine Schwester und in jedem Mann einen Bruder zu erkennen. Als Kinder desselben Vaters seien alle Menschen auf Gemeinschaft hin geschaffen. Diese Berufung zur Beziehung mit Gott, den Mitmenschen und der Schöpfung finde einen besonderen Ausdruck in den Werken der Nächstenliebe und Fürsorge. Die Kirche stelle dabei den Menschen in die Mitte ihres Handelns, weil die Liebe das grundlegende soziale Gebot sei.

Abschließend ermutigte Leo XIV. die Mitarbeiter der diözesanen Einrichtungen, ihren Dienst gemeinsam mit ihren Hirten fortzuführen. Sie sollten Zeugnis für das Evangelium ablegen und die Schönheit des christlichen Lebens sichtbar machen. Besonders den Menschen in Situationen von Armut, Krankheit, Ausgrenzung und Not gelte ihre Aufmerksamkeit. Diese Menschen benötigten nicht nur materielle Hilfe und menschliche Unterstützung, sondern vor allem Gott selbst: seine Freundschaft, seinen Segen, sein Wort und die Sakramente. Der Papst rief dazu auf, glaubwürdige Zeugen der christlichen Hoffnung zu sein und den Bedürftigen Wege des Glaubens, des Wachstums und der Reifung zu eröffnen.

 


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