
21. Mai 2026 in Kommentar
„… Beim ungeborenen Menschen genügt dagegen oft bereits die Aussicht auf ein schwieriges Leben, um überhaupt über sein Weiterleben neu zu verhandeln.“ Diakon Ulrich Franzke schreibt offenen Brief an Landes-Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD)
Essen-Schwerin (kath.net/uf) Diakon Ulrich Franzke hat im Zusammenhang mit den Rettungsaktionen für einen gestrandeten Wal einen offenen Brief an den Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Till Backhaus (SPD), geschrieben:
Offener Brief an Till Backhaus
Sehr geehrter Herr Dr. Backhaus,
ich habe als langjähriger Leser der Neuen Zürcher Zeitung Ihre Worte zum Tod des Buckelwals „Timmy“ gelesen. Sie sagten, es sei „absolut menschlich, auch die geringste Chance zu nutzen, wenn es um ein Leben geht“. Und weiter: Dies unterscheide Menschen von „seelenlosen Computern, die Entscheidungen aufgrund von Wahrscheinlichkeitsrechnungen treffen“.
Ich gebe zu: Dieser Satz hat mich berührt. Wirklich.
Denn in einer Zeit, in der vieles nur noch unter Kategorien von Effizienz, Nutzen und Funktionalität betrachtet wird, klingt darin etwas auf, das größer ist als Statistik und Technik: die Ahnung, dass Leben einen Eigenwert besitzt. Nicht nur dann, wenn Rettung wahrscheinlich erscheint. Sondern einfach deshalb, weil es Leben ist.
Ein gestrandeter Wal erhält plötzlich einen Schutzraum moralischer Aufmerksamkeit. Boote fahren hinaus. Experten beraten. Medien berichten. Politiker kämpfen. Und Sie nennen das eine „verdammte Pflicht und Schuldigkeit“.
Das ist bemerkenswert.
Und genau deshalb schreibe ich Ihnen.
Denn dieselbe politische Partei, der Sie seit Jahrzehnten angehören, setzt sich zugleich für eine weitere Liberalisierung der Abtreibung ein. Zugleich wird in unserer Gesellschaft immer offener über assistierten Suizid, organisierte Sterbehilfe und das „selbstbestimmte Lebensende“ diskutiert. Immer häufiger taucht dabei eine Sprache auf, in der menschliches Leben zumindest indirekt unter Bedingungen gestellt wird: Belastung, Lebensqualität, Autonomie, Zumutbarkeit.
Verstehen Sie, weshalb mich das nachdenklich macht? Verstehen Sie den Widerspruch, der sich hier auftut? Bitte verstehen Sie: Mir geht es dabei ausdrücklich nicht darum, Tierleid gegen menschliches Leben auszuspielen.
Beim Wal scheint schon die geringste Chance moralisch verpflichtend zu sein. Beim ungeborenen Menschen genügt dagegen oft bereits die Aussicht auf ein schwieriges Leben, um überhaupt über sein Weiterleben neu zu verhandeln.
Beim Wal empört uns die Kälte bloßer Zweckrationalität. Beim Menschen erscheinen ähnliche Kategorien plötzlich vielen als Ausdruck von Aufklärung und Selbstbestimmung.
Der Wal soll nicht sterben, solange noch Hoffnung besteht. Aber beim ungeborenen Kind reicht mitunter schon die Befürchtung von Leid, Überforderung oder Belastung aus, damit sein Lebensrecht zumindest relativierbar erscheint.
Und auch bei alten, kranken oder verzweifelten Menschen verändert sich die Sprache unserer Gesellschaft spürbar. Es geht immer öfter um Fragen von Lebensqualität, Selbstbestimmung und Zumutbarkeit. Vielleicht geschieht genau dort etwas Entscheidendes: Der Mensch erscheint nicht mehr nur als Träger einer unverfügbaren Würde, sondern zunehmend auch als Gegenstand von Abwägungen.
Es beginnt selten brutal. Es beginnt sprachlich.
Sie haben recht: Menschlichkeit zeigt sich darin, die geringste Chance zu nutzen, wenn es um Leben geht.
Aber müsste diese Haltung dann nicht erst recht für den Menschen gelten? Für das ungeborene Kind. Für den dementen alten Menschen. Für den Menschen, der keinen Lebensmut mehr hat. Für den Schwerkranken, der gerade niemanden mehr hat, der ihm sagt: „Du bist trotzdem gewollt.“
Vielleicht zeigt sich Humanität gerade darin, dass wir jene verteidigen, die nichts zurückgeben können. Nicht einmal Zustimmung. Nicht einmal Aufmerksamkeit.
Deshalb meine ehrliche Einladung an Sie: Kommen Sie doch einmal zum Marsch für das Leben nach Köln. Nicht als Parteivertreter. Nicht für Kameras. Sondern einfach als Mensch, der öffentlich gesagt hat, dass selbst die geringste Chance auf Leben verteidigt werden müsse.
Mich würde interessieren, wie Sie persönlich diesen Spannungsbogen sehen: zwischen einer Sprache radikaler Empathie gegenüber einem gestrandeten Tier und einer politischen Kultur, die beim menschlichen Leben oft deutlich nüchterner, funktionaler und utilitaristischer argumentiert.
Wo genau verläuft für Sie die Grenze zwischen Mitgefühl, Selbstbestimmung und der Unverfügbarkeit menschlichen Lebens?
Mit freundlichen Grüßen
Diakon Ulrich Franzke
Laudetur Jesus Christus!
Foto: Ostsee (c) pixabay/DBU DirektesSehen
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