„Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“

14. Mai 2026 in Spirituelles


„Vielleicht sollten wir heute den Satz mit nach Hause nehmen: ‚Unsere Heimat ist im Himmel.‘ Das ist keine Weltflucht. Das ist Hoffnung.“ Predigt zum Hochfest Christi Himmelfahrt von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net/pl) „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt Feste im Kirchenjahr, die zunächst stiller wirken als Weihnachten oder Ostern — und doch ein ungeheures Geheimnis in sich tragen. Christi Himmelfahrt ist ein solches Fest.

Vierzig Tage lang hat die Kirche Ostern gefeiert. Vierzig Tage lang hat die Liturgie versucht, die Freude der Auferstehung tiefer in unser Herz einzuprägen. Denn Ostern ist nicht bloß Erinnerung an etwas Vergangenes. Ostern will unser Leben verwandeln. Und heute feiern wir Christi Himmelfahrt.

Dieses Fest wird jedoch leicht missverstanden. Viele denken dabei an ein Weggehen Jesu, an Abschied, an ein göttliches Verschwinden aus der Welt. Aber genau das ist Christi Himmelfahrt nicht.

Christi Himmelfahrt ist kein Fest der Abwesenheit Gottes. Es ist ein Fest der Hoffnung. Ein Fest der Verwandlung. Ein Fest der Würde des Menschen.

Denn seit Christus, als wahrer Gott und wahrer Mensch, zum Vater heimgekehrt ist, wissen wir: Unser Menschsein hat einen Platz bei Gott.

Das ist die eigentliche Botschaft dieses Tages: Der Mensch ist nicht für das Nichts geschaffen. Nicht für Sinnlosigkeit. Nicht für die endgültige Dunkelheit.

In Christus ist unser Menschsein beim Vater angekommen. Deshalb ist Christi Himmelfahrt kein trauriges Fest. Es ist ein Fest der geöffneten Zukunft – gegen Angst und Hoffnungslosigkeit, gegen die heimliche Überzeugung vieler Menschen, dass am Ende doch alles vergeht.

Nein. – Der Himmel ist offen. Gott hat den Menschen nicht vergessen. Unsere Sehnsucht nach Liebe, nach Heimat, nach Ewigkeit ist keine Täuschung. Sie weist auf unser Ziel hin.

Die Apostelgeschichte erzählt uns: Nachdem Christus vor den Augen der Jünger emporgehoben wurde, stehen sie da und schauen zum Himmel. Da treten Engel hinzu und fragen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ - Fast klingt das wie eine liebevolle Unterbrechung ihrer Erstarrung.

Denn christlicher Glaube bedeutet nicht, weltfremd nach oben zu starren. Christlicher Glaube bedeutet, mit dem Herzen im Himmel und zugleich mit beiden Füßen auf der Erde zu leben.

Die vierzig Tage zwischen Ostern und Himmelfahrt sind, wie dies immer in der Bibel die Zahl 40 andeutet, eine Zeit der Reifung: Vierzig Jahre zieht Israel durch die Wüste. Vierzig Tage fastet Christus in der Wüste. Vierzig Tage begleitet der Auferstandene seine Jünger.

Vielleicht ist das auch ein Bild unseres eigenen Lebens. Unser Leben ist ein Weg. Eine Schule des Herzens. Eine Zeit des Reifens.

Die Engel sagen den Jüngern im Grunde: Bleibt nicht stehen. Verliert euch nicht in Angst und Resignation. Geht weiter. Lebt. Liebt. Hofft. Tragt Christus in die Welt hinein.

Denn wer an den Himmel glaubt, darf die Erde nicht aufgeben. Wer Christus liebt, darf den Menschen nicht vergessen. Wer die Ewigkeit hofft, muss gerade jetzt trösten, helfen, vergeben und heilen.

Vielleicht braucht unsere Zeit genau solche Christen: nicht Menschen, die dauernd empört oder resigniert sind, sondern Menschen, durch die etwas von Gottes Hoffnung sichtbar wird. Menschen, bei denen andere spüren: Das Leben ist größer als Angst. Größer als Leistung. Größer als Vergänglichkeit.

Wenn man heute auf den Ölberg in Jerusalem kommt und die kleine Himmelfahrtskapelle besucht, zeigt man dort zwei Fußabdrücke im Steinboden.

Manche lächeln darüber. Und doch steckt darin ein tiefer geistlicher Gedanke: Christus ging nicht spurlos durch diese Welt. Er hinterließ seine vestigia salutis – seine Spuren des Heils. Spuren seiner Liebe. Spuren seines Erbarmens. Spuren seiner Menschenfreundlichkeit.

Bei Maria Magdalena, die wieder hoffen durfte. Bei der Ehebrecherin, die er nicht verurteilte. Bei Petrus, der trotz seines Versagens nicht aufgegeben wurde. Bei Zachäus, dessen Leben neu begann. Beim Schächer am Kreuz, dem noch im Sterben das Paradies geöffnet wurde.

Und durch die Jahrhunderte hindurch hat Christus solche Spuren hinterlassen: in den Heiligen, in stillen gläubigen Menschen, in Müttern und Vätern, in Menschen, die getragen, vergeben, gehofft und geliebt haben.

Vielleicht kennen auch wir solche Augenblicke: ein Wort, das uns aufgerichtet hat; ein Mensch, durch den Gott uns nahekam; ein Trost mitten in dunkler Zeit; ein neuer Anfang nach Schuld und Enttäuschung.

Das sind seine Spuren des Heils bis heute, - Himmelsspuren mitten auf der Erde.

Denn in Christus haben sich Himmel und Erde berührt, Ewigkeit und Zeit, Göttlichkeit und Menschsein. Und deshalb ist unser verwundetes Menschsein nicht verloren. Es ist angenommen. Gehalten. Heimgeführt.

Die Kirchenväter wagten einen ungeheuren Satz: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Anteil am göttlichen Leben erhält.“ Das heißt: Unser Leben ist nicht bedeutungslos. Unser Menschsein ist gewollt. Es ist zur Herrlichkeit berufen.

Johannes Chrysostomos sagt: „Unsere Natur, mit unsterblicher Herrlichkeit bekleidet, erstrahlt auf dem königlichen Thron.“ Es ist hinterlegt bei Gott.

Christi Himmelfahrt bedeutet deshalb: Der Mensch ist nicht für Hoffnungslosigkeit geschaffen. Nicht für die endgültige Nacht. Sondern für Gemeinschaft mit Gott.

Vielleicht ist genau das die große Sehnsucht unserer Zeit: dass das Leben Sinn hat, dass wir mehr sind als Zufall, dass Liebe stärker ist als Tod und Vergänglichkeit.

Christi Himmelfahrt antwortet darauf mit einem großen Ja Gottes zum Menschen.  Darum ist dieses Fest so befreiend. Denn wer vom Himmel her lebt, muss sich nicht mehr krampfhaft an alles klammern. Dann verlieren Erfolg, Besitz und Anerkennung ihre letzte Macht. Dann darf das Herz freier werden.

Augustinus sagt: „Er ist aufgestiegen, aber nicht von uns gegangen.“ – Was für ein Trost: Christus ist nicht ferner, sondern er ist uns näher geworden.


Und deshalb spricht Christus am Ende des Matthäusevangeliums jene Worte, die zu den großen Trostworten der Bibel gehören: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ – Das ist sein Vermächtnis.

Er sagt nicht: „Ihr seid jetzt allein.“ – „Ihr müsst nun selbst sehen, wie ihr zurechtkommt.“ Sondern er sagt: Ich bin doch bei euch. Im Leben und im Sterben. In Freude und Zweifel. In Krankheit und Hoffnung. Im Licht und auch in den dunklen Stunden.

apst Benedikt XVI. sagte einmal: „Himmelfahrt ist nicht Weggehen in eine ferne Zone des Kosmos, sondern die bleibende Nähe Christi.“ - Genau das feiern wir heute: Christus ist nicht verschwunden. – Er lebt, Er begleitet uns. Oft verborgen. – Aber wirklich.

Leo der Große sagt, „Christus wolle nicht mehr bloß mit leiblichen Augen erkannt werden, sondern im Glauben. – Früher stand er neben den Menschen. Heute will er im Herzen des Glaubenden wohnen.“

Ja: Christus in mir. Christus in meiner Hoffnung. Christus in meiner Schwäche. Christus in meinem Alltag.

Darum dürfen wir ihn nicht nur „oben“ suchen. Wir dürfen ihn mitten in unserem Leben suchen: im Gebet, in der Eucharistie, im leidenden Menschen, im Wort Gottes und in den stillen Stunden unseres Herzens.

Denn Gott ist uns oft näher, als wir selbst uns nahe sind.

Liebe Schwestern und Brüder,
vielleicht sollten wir heute nur einen einzigen Satz mit nach Hause nehmen: „Unsere Heimat ist im Himmel.“ Das ist keine Weltflucht. Das ist Hoffnung. Denn wer weiß, wohin er geht, kann auch schwere Wegstrecken bestehen.

Christus hat uns den Weg geöffnet — mit unserem Menschsein, mit unseren Wunden, mit unserer Sehnsucht.

Darum sagt uns Christi Himmelfahrt: Du gehst nicht ins Leere. Du gehst nicht ins Nichts. Du bist von Gott gewollt. – Du hast Heimatrecht bei Gott.
Und wenn das Leben schwer wird, wenn Angst oder Einsamkeit uns bedrängen, wenn wir müde werden oder keinen Ausweg mehr sehen, dann bleibt seine Verheißung: „Ich bin doch bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Amen.

 


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