Zwischen Todesurteil und Erlösung. Barmherzigkeit ist Gottes Macht

28. März 2026 in Aktuelles


Leo XIV.: die Auferweckung des Lazarus im Licht von Kreuz und Auferstehung. Götzendienst, Macht und Barmherzigkeit im Horizont der Heilsgeschichte. Eindringlicher Appell für den Frieden. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Bei der heiligen Messe im Stadion Stade Louis II im Fürstentum Monaco zum Abschluss seines Besuchs entfaltete Papst Leo XIV. die Lesungen des Tages als Darstellung eines Geschehens, in dem sich menschliches Handeln und göttliche Vorsehung gegenüberstehen.

Ausgehend vom Evangelium (Joh 11, 45–57) wurde das Urteil gegen Christus als bewusste Entscheidung beschrieben: „Das Evangelium, das wir gehört haben, berichtet von einem grausamen Urteil gegen Jesus: Es erzählt uns nämlich von dem Tag, ab dem die Mitglieder des Hohen Rates entschlossen waren, ihn zu töten“. Der Grund dieses Entschlusses liege darin, dass Christus Lazarus vom Tod auferweckt und einem Freund das Leben zurückgegeben habe. Daraus ergebe sich ein Gegensatz: „Gerade Jesus, der in die Welt gekommen ist, um uns von der Verurteilung zum Tod zu befreien, wird zum Tod verurteilt“. Dieses Geschehen sei nicht zufällig gewesen, sondern „bewusst und genau so gewollt“.

Das Handeln des Hohen Rates sei aus einem Kalkül hervorgegangen, das von Furcht bestimmt gewesen sei. Wenn Christus weiterhin Hoffnung schenke, so habe die Sorge bestanden, „die Römer werden kommen und den Ort zerstören“. Anstelle der Anerkennung des Messias sei eine Wahrnehmung als Bedrohung getreten. In dieser Sichtweise zeige sich eine Verzerrung, durch die selbst jene, die das Gesetz kannten, das Gesetz übertraten. Hinter dieser Haltung habe sich das Streben nach Macht verborgen. Zugleich habe die göttliche Vorsehung dieses Geschehen aufgenommen und gewandelt. So habe Kajaphas, ohne es zu beabsichtigen, „aus prophetischer Eingebung“ ausgesprochen, „dass Jesus für das Volk sterben werde“.

Der Papst stellte dieses Geschehen als Begegnung zweier Bewegungen dar: „So sind wir Zeugen zweier gegenläufiger Bewegungen: einerseits der Offenbarung Gottes, der sein Antlitz als allmächtiger Herr und Heiland zeigt, und andererseits des verborgenen Wirkens mächtiger Autoritäten, die bereit sind, ohne Skrupel zu töten“. Im Schnittpunkt dieser Bewegungen erscheine das Zeichen Christi, das darin bestehe, das Leben hinzugeben. Dieses Zeichen habe sich bereits im auferweckten Lazarus angekündigt und weise auf das Pascha Christi hin. Das Pascha sei somit Vollendung des Werkes Gottes: „So wie Gott am Anfang der Zeiten das Sein aus dem Nichts ins Leben gerufen hat, so erlöst er in der Fülle der Zeiten alles Leben vom Tod“ .Daraus gehe die Freude des Glaubens hervor und die Kraft des christlichen Zeugnisses.

Im Blick auf die Gegenwart wie Leo XIV.  darauf hin, dass sich im Leben Jesu das Schicksal der Menschen widerspiegele. Es gebe weiterhin Pläne, Unschuldige zu töten, und Begründungen, die solche Handlungen rechtfertigten. Dem gegenüber stehe das Handeln Gottes: „Der Herr befreit vom Leid, indem er Hoffnung schenkt. Er wandelt die Hartherzigkeit, indem er Macht in Dienst verwandelt“. In dieser Bewegung werde die Allmacht Gottes offenbar, deren „wahrer Name Barmherzigkeit“ sei. Diese Barmherzigkeit umfasse das menschliche Leben in allen seinen Phasen. Sie nehme sich jedes Lebens an, „von seinem Erblühen im Mutterleib bis zu seinem Verwelken und in all seiner Zerbrechlichkeit“. In diesem Zusammenhang erinnerte Leo XIV. an die Lehre von Papst Franziskus, wonach sich die Kultur der Barmherzigkeit der Wegwerfmentalität entgegenstelle.

Im Anschluss beschäftigte sich der Papst mit der Lesung aus dem Buch Ezechiel. Das Handeln Gottes beginne mit Befreiung und führe zur Heiligung. Dieser Weg sei ein Weg der Umkehr, der die Beziehung zu Gott und zu den Mitmenschen betreffe. Die Befreiung werde als Reinigung von den „unreinen Götzen“ beschrieben. Diese Götzen seien Wirklichkeiten, die das Herz binden und die Sicht des Menschen verengen. „Das Wort Idol bedeutet eine kleine Vorstellung, also eine verkürzte Sichtweise“, wodurch die Ehre Gottes geschmälert und der Verstand des Menschen eingeengt werde. Reichtum könne zur Gier werden, Schönheit zur Eitelkeit, und daraus entstehe eine Form der Knechtschaft.

Gott lasse den Menschen in dieser Situation nicht allein. In Aufnahme eines Gedankens von Augustinus von Hippo erklärte Leo XIV.: „Von ihrer ganz schrecklichen und gottlosen Herrschaft wird der Mensch befreit, wenn er an den glaubt, der zum Zweck der Erhebung ein Beispiel ebenso tiefer Demut dargeboten hat.“ Dieses Beispiel sei Christus selbst, durch dessen Liebe das Böse überwunden werde. So erfülle sich die Verheißung: „Ich mache sie rein. Dann werden sie mir Volk sein und ich werde ihnen Gott sein“.

„Darum, liebe Brüder und Schwestern“, so der Papst, „erhebt sich angesichts der vielen Ungerechtigkeiten, die die Völker verwunden, und angesichts des Krieges, der die Nationen quält, fortwährend die Stimme des Propheten Jeremia, die heute als Psalm vorgetragen wurde: »Ich verwandle ihre Trauer in Jubel, tröste sie und mache sie froh nach ihrem Kummer« (Jer 31,13). Die Reinigung vom Götzendienst, der die Menschen zu Sklaven anderer Menschen macht, vollendet sich als Heiligung, als Gnadengabe, die die Menschen zu Kindern Gottes und zu Brüdern und Schwestern untereinander macht. Dieses Geschenk erhellt unsere Gegenwart, denn die Kriege, die sie mit Blut beflecken, sind Frucht des Götzendienstes der Macht und des Geldes. Jedes zerbrochene Leben ist eine Wunde am Leib Christi. Gewöhnen wir uns nicht an den Lärm der Waffen, an die Bilder des Krieges! Frieden ist nicht bloß ein Kräftegleichgewicht, sondern das Werk gereinigter Herzen, von Menschen, die im anderen einen Bruder und eine Schwester sehen, die es zu behüten gilt, nicht einen Feind, der vernichtet werden muss“.

Am Ende seiner Predigt beschrieb der Papst die gegenwärtige Zeit als eine Phase, in der das Böse wirke und der Götzendienst die Herzen verhärte, während zugleich das Pascha Christi vorbereitet werde. Dieses Geschehen werde im Menschen sichtbar: im auferweckten Lazarus, im Sünder, dem vergeben werde, und im gekreuzigten und auferstandenen Christus. Christus sei „der Weg, die Wahrheit und das Leben“, der den Weg der Kirche trage und ihre Sendung bestimme, das Leben Gottes weiterzugeben.

kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Leo XIV. bei der heiligen Messe im Stadion Stade Louis II in Monaco

Liebe Brüder und Schwestern,

das Evangelium, das wir gehört haben (vgl. Joh 11,45–57), berichtet von einem grausamen Urteil gegen Jesus: Es erzählt uns nämlich von dem Tag, ab dem die Mitglieder des Hohen Rates »entschlossen waren, ihn zu töten« (vgl. V. 53). Warum geschieht ihm das? Weil er Lazarus vom Tod auferweckt hat; weil er seinem Freund, an dessen Grab er weinte und um den er mit Marta und Maria trauerte, das Leben zurückgegeben hat. Gerade Jesus, der in die Welt gekommen ist, um uns von der Verurteilung zum Tod zu befreien, wird zum Tod verurteilt. Das war kein Unglücksfall, sondern bewusst und genau so gewollt.

Das Urteil des Kajaphas und des Hohen Rates entspringt in der Tat einem politischen Kalkül, dem eine Angst zugrunde liegt: Wenn Jesus weiterhin Hoffnung schenkt und den Schmerz des Volkes in Freude verwandelt, werden »die Römer kommen« und den Ort zerstören (vgl. V. 48). Anstatt in dem Mann aus Nazaret den Messias, das heißt den lang ersehnten Christus, zu erkennen, sehen die religiösen Führer in ihm eine Bedrohung. Ihr Blick ist derart verzerrt, dass gerade die Gesetzeslehrer das Gesetz brechen. Sie vergessen Gottes Verheißung an sein Volk und wollen den Unschuldigen töten, denn hinter ihrer Angst verbirgt sich ihr Streben nach Macht. Doch wenn die Menschen Gottes Gesetz vergessen, das gebietet, nicht zu töten, vergisst Gott nicht die Verheißung, die die Welt auf die Erlösung vorbereitet. Seine Vorsehung macht dieses mörderische Urteil zu einer Gelegenheit, seine höchste Liebe zu zeigen: Obgleich er boshaft war, sagte Kajaphas doch »aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde« (V. 51).

So sind wir Zeugen zweier gegenläufiger Bewegungen: einerseits der Offenbarung Gottes, der sein Antlitz als allmächtiger Herr und Heiland zeigt, und andererseits des verborgenen Wirkens mächtiger Autoritäten, die bereit sind, ohne Skrupel zu töten. Ist das nicht genau das, was heute geschieht? Da, wo sie sich überkreuzen, steht das Zeichen Jesu, das darin besteht, das Leben hinzugeben. Es ist ein Zeichen, das sich im auferstandenen Lazarus ankündigt, der unmittelbarsten Prophezeiung dessen, was Christus in seinem Leiden, Sterben und Auferstehen widerfahren wird. An jenem Paschafest wird der Sohn das Werk des Vaters mit der Kraft des Heiligen Geistes vollenden: So wie Gott am Anfang der Zeiten das Sein aus dem Nichts ins Leben gerufen hat, so erlöst er in der Fülle der Zeiten alles Leben vom Tod, der die Schöpfung zerstört.

Von dieser Erlösung kommt die Freude des Glaubens und die Kraft unseres Zeugnisses, überall und zu jeder Zeit. In der Geschichte Jesu spiegelt sich nämlich unser aller Schicksal wider, angefangen bei den Kleinsten und Bedrückten: Auch heute noch werden weltweit so viele Pläne geschmiedet, um Unschuldige zu töten. Wie viele falsche Gründe werden vorgebracht, um sie aus dem Weg zu räumen! Doch der Hartnäckigkeit des Bösen steht die ewige Gerechtigkeit Gottes gegenüber, die uns stets aus unseren Gräbern erlöst, wie bei Lazarus, und uns neues Leben schenkt. Der Herr befreit vom Leid, indem er Hoffnung schenkt; er wandelt die Hartherzigkeit, indem er Macht in Dienst verwandelt, gerade während er den wahren Namen seiner Allmacht offenbart: Barmherzigkeit. Es ist die Barmherzigkeit, die die Welt erlöst: Sie nimmt sich eines jeden menschlichen Lebens an, von seinem Erblühen im Mutterleib bis zu seinem Verwelken und in all seiner Zerbrechlichkeit. Wie uns Papst Franziskus gelehrt hat, widersetzt sich die Kultur der Barmherzigkeit der Mentalität des Wegwerfens.

Die Stimme der Propheten, die wir gehört haben, bezeugt, wie Gott seinen Heilsplan verwirklicht. In der ersten Lesung verkündet Ezechiel, dass das göttliche Wirken mit der Befreiung beginnt (Ez 37,23) und sich in der Heiligung des Volkes vollendet (vgl. V. 28). Es ist ein Weg der Bekehrung, genau wie der, den wir in der Fastenzeit erleben. Es handelt sich um eine Initiative, die mithineinnimmt, die nicht privat oder individuell ist, sondern unsere Beziehungen zu Gott und unseren Mitmenschen verwandelt.

Zunächst einmal geschieht die Befreiung in Gestalt einer Läuterung von den »unreinen Götzen« (V. 23). Worum handelt es sich dabei? Mit diesem Begriff bezeichnet der Prophet all jene Dinge, die das Herz versklaven, es kaufen und verderben. Das Wort Idol bedeutet „kleine Vorstellung“, also eine verkürzte Sichtweise, die nicht nur die Ehre des Allmächtigen schmälert, indem sie ihn in ein Objekt verwandelt, sondern auch den Verstand des Menschen. Götzendiener sind also Menschen mit einem engen Blickwinkel: Sie schauen auf das, was ihre Augen fesselt und sie damit verblendet. Und so werden gerade die großen und guten Dinge dieser Erde zu Götzen und verwandeln sich in Formen der Knechtschaft – nicht für den, dem sie fehlen, sondern für den, der sich mit ihnen vollstopft und seinen Nächsten in Elend und Traurigkeit zurücklässt. Die Befreiung von den Götzen ist also das Freiwerden von einer Macht, die zu etwas Beherrschendem geworden ist, vom Reichtum, der zur Gier verkommen ist, von der Schönheit, die zur Eitelkeit verzerrt wurde.

Gott verlässt uns in diesen Versuchungen nicht, sondern er kommt dem schwachen und traurigen Menschen zu Hilfe, der glaubt, dass es die Idole der Welt seien, die ihm das Leben retten würden. Der heilige Augustinus lehrt: »Von ihrer ganz schrecklichen und gottlosen Herrschaft wird der Mensch befreit, wenn er an den glaubt, der zum Zweck der Erhebung ein Beispiel ebenso tiefer Demut dargeboten hat« (De civitate Dei, VII, 33). Dieses Beispiel ist das Leben Jesu selbst, Gott, der zu unserem Heil Mensch geworden ist. Anstatt uns zu bestrafen, vernichtet er das Böse durch seine Liebe und erfüllt damit ein feierliches Versprechen: »Ich mache sie rein. Dann werden sie mir Volk sein und ich, ich werde ihnen Gott sein« (Ez 37,23). Der Herr verändert die Weltgeschichte, indem er uns vom Götzendienst zum wahren Glauben, vom Tod zum Leben ruft.

Darum, liebe Brüder und Schwestern, erhebt sich angesichts der vielen Ungerechtigkeiten, die die Völker verwunden, und angesichts des Krieges, der die Nationen quält, fortwährend die Stimme des Propheten Jeremia, die heute als Psalm vorgetragen wurde: »Ich verwandle ihre Trauer in Jubel, tröste sie und mache sie froh nach ihrem Kummer« (Jer 31,13). Die Reinigung vom Götzendienst, der die Menschen zu Sklaven anderer Menschen macht, vollendet sich als Heiligung, als Gnadengabe, die die Menschen zu Kindern Gottes und zu Brüdern und Schwestern untereinander macht. Dieses Geschenk erhellt unsere Gegenwart, denn die Kriege, die sie mit Blut beflecken, sind Frucht des Götzendienstes der Macht und des Geldes. Jedes zerbrochene Leben ist eine Wunde am Leib Christi. Gewöhnen wir uns nicht an den Lärm der Waffen, an die Bilder des Krieges! Frieden ist nicht bloß ein Kräftegleichgewicht, sondern das Werk gereinigter Herzen, von Menschen, die im anderen einen Bruder und eine Schwester sehen, die es zu behüten gilt, nicht einen Feind, der vernichtet werden muss.

Die Kirche in Monaco ist berufen, Zeugnis abzulegen, indem sie in Frieden und in Gottes Segen lebt: Darum, meine Lieben, macht viele Menschen mit eurem Glauben glücklich, indem ihr die echte Freude zeigt, die man nicht durch eine Wette gewinnt, sondern in Liebe mit anderen teilt. Quelle dieser Freude ist die Liebe Gottes: die Liebe für das ungeborene und hilfsbedürftige Leben, das es stets anzunehmen und zu umsorgen gilt; die Liebe zum jungen und zum alten Leben, das in den Prüfungen jedes Alters gefördert werden muss; die Liebe zum gesunden und zum kranken Leben, das manchmal einsam ist und immer fürsorglichen Beistands bedarf. Möge die Jungfrau Maria, eure Patronin, euch helfen, ein Ort zu sein, an dem die Kleinen und Armen Annahme und Achtung ihrer Würde erfahren, ein Ort ganzheitlicher und inklusiver Entwicklung.

In der langen Fastenzeit der Welt, gerade jetzt, wo das Böse wütet und der Götzendienst die Herzen gleichgültig macht, bereitet der Herr sein Pascha vor. Das Zeichen dieses Ereignisses ist der Mensch: Lazarus, der aus dem Grab gerufen wird; wir Sünder, denen vergeben wurde; der gekreuzigte Auferstandene, der Urheber des Heils. Er ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6), er erhält unsere Pilgerschaft und die Sendung der Kirche in der Welt, die darin besteht, das Leben Gottes weiterzugeben. Eine erhabene und unmögliche Aufgabe, wenn wir unser Leben nicht dem Nächsten schenken. Eine begeisternde und fruchtbare Aufgabe, wenn das Evangelium unsere Wege erleuchtet.

 


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