
28. März 2026 in Aktuelles
Leo XIV. erinnert an Verantwortung von Wohlstand und Glauben. Monaco als Ort der Begegnung und sozialen Verantwortung im Horizont des Reiches Gottes. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) Beim seinem Apostolischen Besuch im Fürstentum Monaco wurde Papst Leo XIV. am Vormittag des 28. April von Fürst Albert II. empfangen und richtete dann vom Balkon des Palastes eine Ansprache an die Bevölkerung. Er erinnerte daran, erstmals als Nachfolger Petri in der Neuzeit diesen Stadtstaat zu besuchen, der sich durch seine Verbundenheit mit Rom und dem katholischen Glauben auszeichne.
Das Land habe, so der Papst, „in seiner Unabhängigkeit eine Berufung zur Begegnung und zur Pflege der sozialen Freundschaft“, die durch Abschottung gefährdet sei. Die „Kleinheit“ sei ein Auftrag: „Das Geschenk der Kleinheit […] verpflichtet Ihren Wohlstand zum Dienst an Recht und Gerechtigkeit“. In diesem Zusammenhang hob er hervor: „Wie Sie wissen, schreiben in der Bibel die Kleinen Geschichte!“ Der Glaube verlange Vertrauen in die Vorsehung, auch angesichts von Ohnmacht, da das Reich Gottes „einem winzigen Samenkorn gleicht, das zu einem Baum wird“. Dieser Glaube verändere die Welt, wenn der Mensch seiner Verantwortung entspreche.
Mit Blick auf die soziale Struktur Monacos beschrieb der Papst das Land als „Mikrokosmos“, in dem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zum Gemeinwohl beitrügen. Daraus erwachse die Aufgabe, den eigenen Platz in der Welt zu erkennen, denn: „In Gottes Augen empfängt man nichts ohne Grund“. Im Horizont des Evangeliums dürften anvertraute Güter nicht „in der Erde vergraben werden“, sondern müssten zum Wohl aller eingesetzt werden. Das Reich Gottes sei keine Utopie, sondern wirke gegen „ungerechte Machtverhältnisse“ und „Strukturen der Sünde“. Jedes Gut trage „einen innewohnenden Anspruch, nicht zurückgehalten, sondern neu verteilt zu werden“.
Der katholische Glaube verpflichte dazu, „ein Reich von Brüdern und Schwestern zu bilden“, das Leben zu schützen und niemanden auszuschließen. In diesem Zusammenhang verwies der Papst auf die Soziallehre der Kirche und übertrug Monaco die Aufgabe, diese zu vertiefen und in konkrete Praxis umzusetzen. Auch in einer säkularisierten Kultur könne diese Herangehensweise „das große Licht offenbaren, das vom Evangelium her in unsere Zeit hineinstrahlt“.
Abschließend erinnerte der Papst an die Worte von Paul VI. über die Bedeutung der Wahrheit für den gesellschaftlichen Fortschritt und rief dazu auf, Maria zu bitten, zu Christus zu führen.
kath.net veröffentlicht die Ansprache von Papst Leo XIV. beim Höflichkeitsbesuch bei Fürst Albert II. von Monaco:
Durchlaucht,
liebe Brüder und Schwestern!
Ich freue mich, diesen Tag mit Ihnen zu verbringen und damit als erster unter den Nachfolgern des Apostels Petrus in der Neuzeit das Fürstentum Monaco zu besuchen, einen Stadtstaat, der sich durch eine tiefe Verbundenheit mit der Kirche von Rom und dem katholischen Glauben auszeichnet.
Am Mittelmeer gelegen und eingebettet zwischen Gründungsländern der europäischen Einheit, hat Ihr Land in seiner Unabhängigkeit eine Berufung zur Begegnung und zur Pflege der sozialen Freundschaft, die heute durch ein weit verbreitetes Klima der Abschottung und Selbstgenügsamkeit bedroht sind. Das Geschenk der Kleinheit und ein lebendiges geistliches Erbe verpflichten Ihren Wohlstand zum Dienst an Recht und Gerechtigkeit, besonders in einem Moment der Geschichte, in dem die Zurschaustellung von Macht und die Logik des Machtmissbrauchs der Welt Schaden zufügen und den Frieden gefährden. Wie Sie wissen, schreiben in der Bibel die Kleinen Geschichte! Authentische Spiritualität hält dieses Bewusstsein lebendig. Man muss auf die Vorsehung Gottes vertrauen, auch wenn das Gefühl der Ohnmacht oder Unzulänglichkeit überwiegt, denn wir glauben, dass das Reich Gottes einem winzigen Samenkorn gleicht, das zu einem Baum wird (vgl. Mt 13,31-32). Natürlich verändert dieser Glaube die Welt nur dann, wenn wir unserer historischen Verantwortung gerecht werden.
Die vielfältige Zusammensetzung der Bevölkerung macht dieses Land zu einem Mikrokosmos, zu dessen Wohlergehen eine lebendige Minderheit Einheimischer und eine Mehrheit von Bürgern aus anderen Ländern der Welt beitragen. Nicht wenige von ihnen bekleiden einflussreiche Positionen im Wirtschafts- und Finanzbereich, viele üben Dienstleistungsberufe aus, und zahlreich sind auch die Besucher und Touristen. Hier zu leben stellt für einige ein Privileg dar und für alle eine besondere Aufforderung, sich nach dem eigenen Platz in der Welt zu fragen.
In Gottes Augen empfängt man nichts ohne Grund! Wie Jesus im Gleichnis von den Talenten andeutet, darf das, was uns anvertraut wurde, nicht in der Erde vergraben werden, sondern es muss in Umlauf gebracht und im Blick auf das Reich Gottes vermehrt werden. Dieser Horizont ist weiter als der private und bezieht sich nicht auf eine Utopie: Das Reich Gottes, dem Jesus sein Leben gewidmet hat, ist nahe, denn es kommt zu uns und erschüttert die ungerechten Machtverhältnisse, die Strukturen der Sünde, welche Abgründe zwischen Arm und Reich, zwischen Privilegierten und Ausgeschlossenen, zwischen Freunden und Feinden aufreißen. Jedes Talent, jede Chance, jedes Gut, das uns anvertraut wurde, hat eine umfassende Bestimmung, einen innewohnenden Anspruch, nicht zurückgehalten, sondern neu verteilt zu werden, damit das Leben aller besser wird. Deshalb hat Jesus uns gelehrt zu beten: »Gib uns heute das Brot, das wir brauchen!« (Mt 6,11); und zugleich sagt er: »Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit« (Mt 6,33). Diese Logik der Freiheit und des Teilens bildet die Grundlage des Gleichnisses vom Jüngsten Gericht, in dessen Mittelpunkt die Armen stehen: Christus, der Richter, der auf dem Thron sitzt, identifiziert sich mit jedem einzelnen von ihnen (vgl. Mt 25,31-46).
Der katholische Glaube, den Sie als eines der wenigen Länder der Welt als Staatsreligion haben, stellt uns vor die Hoheit Jesu, der die Christen dazu verpflichtet, in der Welt ein Reich von Brüdern und Schwestern zu bilden, nicht zu unterdrücken, sondern aufzurichten, nicht zu trennen, sondern zu verbinden, bereit zu sein, alles menschliche Leben liebevoll zu schützen, zu jeder Zeit und unter allen Umständen, damit niemand jemals vom Tisch der Geschwisterlichkeit ausgeschlossen wird. Das ist die Perspektive der ganzheitlichen Ökologie, die Ihnen, wie ich weiß, sehr am Herzen liegt. Ich vertraue dem Fürstentum Monaco aufgrund seiner so tiefen Verbindung mit der Kirche von Rom die ganz besondere Aufgabe an, die Soziallehre der Kirche zu vertiefen und gute lokale und internationale Praktiken zu entwickeln, die ihre verwandelnde Kraft zeigen. Auch in einer wenig religiösen, stark säkularisierten Kultur kann die für die Soziallehre typische Herangehensweise bei der Problemlösung das große Licht offenbaren, das vom Evangelium her in unsere Zeit hineinstrahlt – eine Zeit, in der es vielen Menschen so schwerfällt, zu hoffen.
Dank eines seit langem bestehenden Glaubens werden Sie so zu Experten für Neues: nicht indem Sie vergänglichen Gütern nachjagen – oft Neuheiten, die schon nach einer Saison veralten –, sondern dadurch, dass Sie auf noch nie dagewesene Herausforderungen vorbereitet sind, denen man sich nur mit freiem Herzen und erleuchtetem Verstand stellen kann. »Ihr versteht sehr gut«, sagte der heilige Papst Paul VI. zum 75. Jahrestag von Rerum novarum, »dass man Licht braucht, um voranzukommen, und dass man eine Lehre braucht, um den sozialen Fortschritt zu fördern […]; es ist das Denken, das das Leben leitet; und wenn das Denken die Wahrheit widerspiegelt – die Wahrheit über den Menschen, über die Welt, über die Geschichte, über die Dinge –, dann kann der Weg offen und zügig weitergehen; wenn nicht, wird der Weg entweder langsam, unsicher, beschwerlich oder führt in die Irre«.1 Das sind sehr aktuelle Worte! Deshalb wollen wir Maria, Sitz der Weisheit und Ursache unserer Freude, bitten, sie möge uns stets mit unserem Verstand, unserem Herzen und unseren Entscheidungen zu Christus, dem Friedensfürsten, führen.
Pax vobis! Que la paix soit avec vous!
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1 Hl. Paul VI., Predigt zum 75. Jahrestag der Enzyklika „Rerum novarum“ (22. Mai 1966).
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