Der entschärfte Gott

18. März 2026 in Aktuelles


Wenn die Kirche vergisst, wer Gott ist – „Papst Franziskus hat den deutschen Bischöfen einmal nüchtern gesagt, Deutschland brauche keine zweite evangelische Kirche.“ Von Diakon Ulrich Franzke


Essen (kath.net) Vor einigen Jahren mahnte mich ein Priester aus dem Generalvikariat nach einer Predigt: Die Menschen, sagte er mir, wollten sonntags etwas Erbauliches hören. Die Realität der Menschen sei schon hart genug, die Woche ohnehin oft schwierig. Sie wollten sonntags in der Messe nicht auch noch von Beichte, Gericht oder Hölle hören. Und dann fügte er einen Satz hinzu: "Mit solchen Themen erreichen Sie niemanden."

Der Satz ist mir im Gedächtnis geblieben. Er tat weh. Nicht weil er besonders hart gewesen wäre, sondern weil er vermutlich eine verbreitete Überzeugung ausspricht. Die Predigt soll trösten, ermutigen, aufrichten. Das ist verständlich. Niemand bestreitet, dass Menschen Trost brauchen. Aber irgendwann stellt sich eine einfache Frage: Wenn Kirche nur noch ermutigt, aber nichts mehr fordert – was unterscheidet sie dann noch von einer gut gemeinten Lebensberatung?

Vielleicht liegt genau hier ein Teil des Problems unserer Zeit. Der moderne Mensch hat Gott nicht einfach verloren. Eher scheint etwas anderes geschehen zu sein: Er hat ihn entschärft. Die entschärfte Verkündigung lässt sich an vielen kleinen Verschiebungen beobachten. Sünde wird zu "Unvollkommenheit". Umkehr wird zu "Begleitung". Buße wird zum "Versöhnungsgespräch". Gericht verschwindet fast vollständig aus der Verkündigung. Selbst Begriffe wie Erlösung oder Rettung wirken manchen bereits zu dramatisch.

Man wollte den Glauben verständlicher machen. Zugänglicher. Weniger abschreckend. Doch dabei geschah etwas Merkwürdiges: Je harmloser die Botschaft wurde, desto uninteressanter wurde sie. Ein Gott, der nichts verlangt, geht den Menschen nicht verloren. Aber er wird auch kaum noch ernst genommen. Und vielleicht liegt hier tatsächlich der Kern des Problems: Viele Menschen verlassen die Kirche heute nicht aus Rebellion. Sie verlassen sie aus Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit entsteht selten durch Widerstand. Sie entsteht, wenn etwas seine Dringlichkeit verliert.

Oft verraten kleine Szenen mehr über den Zustand der Kirche als lange Analysen. Man muss nur hinschauen: In manchen Gemeinden ist die Beichte nahezu verschwunden. Der Beichtstuhl steht noch da. Oft hat er aber eine ganz andere Funktion bekommen. In manchen Kirchen stehen dort heute Keyboard, Instrumente oder alte Bücher, andernorts werden Eimer, Wischmopp und Staubsauger darin abgestellt. Viele Gläubige wissen gar nicht mehr, wann überhaupt Beichtzeit ist. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach Gesprächen, Beratung, psychologischer Begleitung. Sicher, all das kann wertvoll sein – aber die eigentliche sakramentale Wirklichkeit, die Vergebung der Schuld vor Gott, tritt immer weiter in den Hintergrund.

Eine zweite Beobachtung betrifft die Sprache über das Böse (oder besser den Bösen). In vielen Predigten kommt sie kaum noch vor. Wenn heute von Leid gesprochen wird, wird es meist sozial oder psychologisch erklärt – als Folge von Umständen, Systemen oder menschlichen Fehlern – während die geistliche Dimension kaum noch zur Sprache kommt. Die alte christliche Sprache vom geistlichen Kampf wirkt vielen fremd. Dabei gehörte sie über viele Jahrhunderte ganz selbstverständlich zur christlichen Verkündigung.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel dafür sind sogar die liturgischen Texte selbst. In älteren Segensgebeten wurde das Böse nicht nur abstrakt erwähnt. Es wurde ausdrücklich angesprochen. In der klassischen Segnung von Weihwasser wurde der Satan direkt angewiesen zu weichen. Das berühmte "Vade retro" – "Weiche zurück" – ist kein poetisches Bild, sondern Ausdruck eines sehr konkreten geistlichen Realismus. Dahinter steht die Überzeugung der Kirche, dass das Böse nicht nur eine symbolische Größe ist, sondern dass der Böse eine personale Wirklichkeit ist. Darum sprach sie nicht nur über das Böse, sondern auch gegen den Bösen. Sie widersprach ihm, sie wies ihn zurück. Das geweihte Wasser sollte nicht nur erinnern, sondern schützen.

Solche Elemente wirken heute auf manche fremd oder sogar befremdlich. Doch sie zeigen, dass die christliche Tradition das Böse nicht symbolisch verstand, sondern sehr ernst genommen hat. Diese Veränderungen geschehen selten durch eine große Entscheidung. Sie entstehen langsam. Aber sie verändern das Klima des Glaubens.

Die vielleicht größte Veränderung betrifft das Gottesbild selbst. Der christliche Glaube hat immer Spannungen getragen, die sich nicht einfach auflösen lassen. Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Maria ist Jungfrau und Mutter. Gott ist einer – und doch drei Personen. Solche und viele weitere Aussagen lassen sich nicht bequem erklären. Sie wollen auch gar nicht erklärt werden wie ein mathematischer Lehrsatz. Sie markieren eine Wirklichkeit, die größer ist als unsere Begriffe und unser Denken. Vielleicht gehört es gerade zur modernen Versuchung der Vereinfachung, solche Spannungen nicht mehr auszuhalten. Was sich nicht leicht verstehen lässt, wird leiser gesagt – und irgendwann gar nicht mehr.

Der Gott der Heiligen Schrift ist nicht nur Begleiter. Er ist Schöpfer, Richter und Erlöser, Retter und Heiland, Herr über Leben und Vergehen, Herr über Geschichte und Sein. Er spricht, ruft, fordert, vergibt. Er ist Gegenüber. Wenn Gott dagegen nur noch als wohlwollende Kraft erscheint, verändert sich alles. Dann verliert das Gebet seine Dringlichkeit. Dann verliert die Umkehr ihren Ernst. Dann wird der Glaube zu einer spirituellen Atmosphäre und zu einem esoterischen Irgendetwas.

Der Mensch bleibt religiös – aber Gott verschwindet als Person. Religion bleibt, aber das Gegenüber geht verloren.

Dabei besitzt die katholische Kirche eine erstaunlich konkrete und wertvolle geistliche Wirklichkeit. Da ist das Sakrament der Beichte, in dem Schuld nicht relativiert, sondern durch den HERRN vergeben wird. Da ist die Eucharistie, nicht nur als erinnerndes Gemeinschaftsmahl, sondern als reale Gegenwart Christi. Da ist die eucharistische Anbetung, in der Menschen schweigend, betend, flehentlich bittend und dankend vor Gott knien. Da sind Sakramentalien, die den Ernst des geistlichen Lebens ausdrücken. Und ja – da ist auch die alte christliche Gewissheit, dass das Böse nicht nur ein Symbol, sondern eine reale geistliche Wirklichkeit ist: der Böse in Gestalt eines gefallenen Engels. All das gehört zur katholischen Wirklichkeit. Doch vieles davon ist im kirchlichen Alltag erstaunlich leise geworden.

Heutzutage scheint die Versuchung zu bestehen, diese Spannung durch Anpassung zu lösen. Der Glaube soll moderner wirken, verständlicher, kompatibler mit dem Denken der Gegenwart. Doch vielleicht liegt gerade hier ein Missverständnis: Die Kirche wird nicht lebendig, wenn sie versucht, sich dem Zeitgeist untertänig anzubiedern. Sie wird lebendig, wenn sie endlich wieder katholischer wird.

Die Kirche verliert ihre Kraft nicht dort, wo sie zu katholisch ist, sondern dort, wo sie vergisst, katholisch zu sein.

Papst Franziskus hat den deutschen Bischöfen einmal nüchtern gesagt, Deutschland brauche keine zweite evangelische Kirche. Der Satz wirkt zunächst wie eine ökumenische Randbemerkung, trifft aber einen empfindlichen Punkt. Vielleicht liegt in diesem Satz eine wichtige Erinnerung. Die Kirche verliert ihre Kraft nicht dadurch, dass sie zu katholisch ist. Sie verliert sie dort, wo sie aufgibt, was sie selbst ist.

Dabei ist es unübersehbar so: Die Kraft der Kirche liegt nicht in ihrer Anpassungsfähigkeit, sie liegt in der Wirklichkeit dessen, was sie unverkürzt und ungeändert lebt, verkündet und feiert.

Vielleicht beginnt ein neuer Aufbruch deshalb nicht mit neuen Strukturen oder Programmen. Vielleicht beginnt er viel einfacher: Wenn Beichte wieder selbstverständlich wird. Wenn Menschen wieder vor dem eucharistischen Herrn knien. Wenn Sakramente und Sakramentalien wieder ernst genommen werden. Wenn Gott wieder als Gegenüber verkündet wird – und nicht nur als verständnisvoller Begleiter. Vielleicht beginnt er dort, wo die Kirche den Mut hat, ihre eigene Wirklichkeit wieder ernst zu nehmen. Nicht härter. Nicht spektakulärer. Nicht lauter. Nur klarer. Denn: Ein Gott, der nichts verlangt, rettet niemanden.

Vielleicht liegt die eigentliche Frage noch tiefer: Hat die Kirche die Ehrfurcht vor Gott verloren, weil sie begonnen hat, sich vor den Menschen zu fürchten?

Archivfoto Hl. Eucharistie (c) Lohmann Media


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