
16. März 2026 in Kommentar
In Deutschland muss man alles, was nicht auf den Schienen der Kirchensteuerkirche daher kommt, genauestens untersuchen - Der Montagskick von Peter Winnemöller
Münster (kath.net)
Ein Kaplan trifft auf junge Menschen, die im Internet durch Christfluencer aus Jesus Christus gestoßen sind. In Deutschland muss man alles, was nicht auf den Schienen der Kirchensteuerkirche daher kommt, genauestens untersuchen. So hat sich eine Fachtagung mit dem Phänomen der Christfluencer befasst. Der Montagskick von Peter Winnemöller
Eine Pressemeldung des Bistums Münster schreckt auf. Kirchenamtliche befassen sich mit Christfluencern. Unter Christfluencer versteht man meist jüngere Menschen, die sich in den Sozialen Medien zu ihrem Glauben bekennen und darüber reden. Das Phänomen ist vor allem deshalb interessant, weil es ausgerechnet diese recht unabhängigen und sehr mutigen Christen sind, durch die kirchenfremde, zumeist nicht getaufte junge Menschen mit dem Glauben an Jesus Christus in Berührung kommen. Und irgendwann schlagen die dann in der Kirche im Gottesdienst auf. Und so beginnt es auch in der Pressemeldung mit der Begegnung eines Seelsorgers mit zwei jungen Menschen, die bisher gar nicht in der Kirche waren.
Eine zufällige Begegnung in zwei Gottesdiensten an einem einzigen Sonntag im Herbst 2024 führte dazu, dass Jan Aleff, Kaplan in St. Antonius in Recklinghausen, in eine von ihm bisher kaum wahrgenommene religiöse Suchbewegung junger Menschen hineingezogen wurde. Was zunächst wie ein pastoraler Zufall wirkte, entwickelte sich zu einer verbindlichen Gruppe von Jugendlichen, die sich intensiv mit Glaubensfragen auseinandersetzen – und zugleich mit spirituellen Einflüssen aus dem Internet ringen.
Das ist der positive Teil der Geschichte. Der Kaplan, der dem interessierten Betrachter auf den beiliegenden Pressefotos in münsteraner Klerikalkleidung (Pullover und Cordhose) entgegenlächelt, hatte eine Begegnung der dritten Art. Er wurde durch einen Gottesdienstbesuch junger Menschen, die sich außerhalb von KJG und Co. bewegen und mit der verfassten, beamteten und kirchensteuerfinanzierten Kirche noch nie in Berührung gekommen waren, mit der sogenannten Christfluencer-Szene, konfrontiert. Aus der Begegnung wird zunächst ein Gespräch, später eine WhatsApp‑Gruppe „Bibeltreff“ und der Instagram‑Kanal „Christ Circle Recklinghausen“.
Damit lernt der 44-Jährige Kleriker eine Entwicklung kennen, die die Pressestelle des Bistums als ambivalent bezeichnet. Das darf man fast als Lob ansehen. Viele der Jugendlichen, so die Meldung, stießen über Instagram und TikTok auf sogenannte Christfluencer, die biblische Inhalte präsentieren. Sie bereiten diese, wie der Kaplan berichtet, sie oft ansprechend auf, seien aber theologisch und politisch nicht unproblematisch. „80 Prozent von dem, was sie sagen, würde ich genauso sagen. Aber die anderen 20 Prozent sind gefährlich – toxisch sogar“, betont er in der Pressemitteilung. Und schon stellt man sich Fragen. 80 Prozent Übereinstimmung bedeuten im wirklichen Leben, dass man sich in fast allem Punkten einig ist. Wo soll das Problem sein? Die Meldung spricht von „theologisch und politisch nicht unproblematisch“. Wer das Lesen kirchenamtlicher Texte aus jüngerer Zeit gewohnt ist, kann es sinnerfassend so lesen: Die sind nicht links! Was dann toxisch ist, ist garantiert nach rechts anschlussfähig und für den Mainstream damit hochgradig gefährlich.
Wer sich Christfluencer ansieht, die zumeist, das muss man zugestehen, aus dem evangelikalen Umfeld kommen, hört eine klare christliche Anthropologie. Die Familie ist der Kern einer Gesellschaft und besteht aus Vater, Mutter und Kindern. Sex vor der Ehe ist eine Sünde. Gender ist Quark – und zwar die ungenießbare Sorte. Wer sowas sagt, wird schnell als „rechts anschlussfähig“ bezeichnet und hat damit sein Label weg. Theologisch problematisch wird es ja schon, wenn Freikirchler die Bibel nicht historisch-kritisch lesen. Junge Priester heute sind weitestgehend pastoraltheologisch geprägt. Kommt ihnen jemand dogmatisch, verstört das. Aber genau das ist es, was zieht. Die Jugendlichen suchen das Wahre, das Gute und das Schöne. Wer sich fragt, warum Johannes Hartl bei jungen Menschen so gut ankommt, findet dort den Grund. Das heißt nicht, dass Johannes Hartl immer recht hat, das würde er auch selbst nie behaupten. Er sucht und er gibt das zu. Er nimmt die Menschen mit auf seine Suche, indem er teilt, was er verstanden hat. Die jungen Menschen, die Jesus Christus begegnen, die suchen auch. Manche können es noch nicht zugeben, aber sie tun es. Und so gehen sie gerne mit, wenn sie einem zutrauen, sie nicht in die Irre zu führen.
Der deutsche Theologe an sich darf natürlich kein Phänomen als solches einmal stehen lassen und ihm Raum geben. Es muss immer sofort eine Bewertung her. Für die Jugendlichen, die Aleff begleiten darf, seien diese digitalen Stimmen, also die der Influencer, prägend. Dann folgen ein Gedankenstrich und ein Satz, der den Verfasser dieser Zeilen zu einem spontanen Auflachen gebracht hat. „– oft stärker als kirchliche Angebote.“ Deo gratias! Viele seien nicht getauft, hätten keinen Bezug zu Pfarrgemeinden, so geht es weiter in der Meldung, suchten aber dennoch nach Halt. Mehr noch! Sie suchen nicht einfach nur Halt, sie suchen Jesus Christus. Sie wissen das teilweise nicht, ja sie ahnen es oft nicht einmal, aber genau das ist es. Der Herr ruft sie und sie reagieren wie Samuel als er im Tempel geweckt wird. Kaplan Aleff, so die Pressemeldung, sehe die Lebenswirklichkeit der jungen Leute klar: Krieg in Europa, wieder eingeführte Wehrpflicht, Klimakrise, unsichere Zukunftsaussichten. Die ersten Aspekte der Aufzählung kann man weidlich diskutieren. Kriege gab es schon immer, Wehrpflicht, das ist eine rechtsstaatliche Regelung. Wäre es besser, wenn Landsknechte durch die Dörfer ziehen und wahllos junge Männer ins Heer pressen? Klimakrise, ja sicher. Wir werden alle verbrennen, erfrieren, vertrocknen oder ertrinken. Man weiß es noch nicht genau. Die beiden letzten Worte der Aufzählung sind es, die entscheidend sind und die das menschliche Leben seit dem Sündenfall prägen. Es gibt keine sichere Zukunft in einer durch die Sünde gebrochenen Welt. Auch wenn die jungen Menschen selektiv konkrete Ereignisse fürchten, am Ende ist es immer die Folge der Erbsünde, die uns existenziell bedroht. Die Erlösung daraus hat einen Namen: Jesus Christus. Die jungen Menschen ahnen das, sie spüren es intuitiv und sie sind damit natürlich immer gefährdet, Rattenfängern auf den Leim zu gehen. Wenn ein Priester da eine Aufgabe sieht, dann ist das gut und richtig. Nur eines darf nicht geschehen: Den hier wirkenden Geist sollte man nicht mit Methoden der Kirchensteuerkirche erschlagen wollen.
Der Rest der Meldung ist so herrlich deutsch. 60 „Teilnehmende“ (was waren sie danach? Aufs-Klo-Gehende? Abreisende?) haben sich zu einer Fachtagung getroffen. Zwei evangelische Theolog*glucks*Innen haben die volle Breitseite hauptamtlichen Bedenkenträgerschaft vorgeführt. Habe ich damit alle Vorurteile bedient? Okay. Dann werden wir ab hier wieder ernst. Beeindruckt hat folgender Satz: „Christfluencing funktioniert besonders dann, wenn Follower den Eindruck haben, dass jemand ehrlich über seinen Glauben spricht und zeigt, wie dieser im eigenen Alltag wirkt. Die Nähe, die über soziale Medien entstehen kann, verstärkt dieses Vertrauen zusätzlich“, betont Aline Knapp von der Universität Bonn. Genau das ist der Punkt. Ist der Influencer authentisch, nehmen die Follower an, was er sagt. Geht es um das Christentum, dann ist die Frage, wie stehe ich zu Christus, das Merkmal, ob man als Christfluencer authentisch ist oder nicht.
Dass sich nun Theoretiker und Praktiker aus der Pastoral damit befassen, zeigt, dass die Tatsache, dass jungen Menschen wohl doch etwas fehlt, wenn Gott fehlt, nun doch in die verfasste Kirche vordringt. Das macht im Übrigen die Thesen von Jan Loffeld nicht falsch, sie gelten nur nicht durchgängig. Das ist ein Phänomen, das man sehr differenziert betrachten muss. Es gipfelt im Kern immer in der Frage, wie sich ein so brutaler Traditionsabriss, wie ihn die Kirchen in Europa in den vergangenen 50 bis 70 Jahren hingelegt haben, auswirken würde. Ein Aspekt, nicht der einzige, ist die Islamisierung der europäischen Gesellschaften. Der Ramadan, der bei türkischen Kollegen in den 80er und 90er Jahren kaum eine Rolle spielte, erlebt eine sagenhafte Renaissance. Er ist im Islam neben vielem anderen auch ein Jugendphänomen, das noch viel zu wenig untersucht ist. Auch die Eucharistische Anbetung ist – hier im Christentum – ein Jugendphänomen. Muslimische Influencer gibt es in gleicher Weise, wie es Christfluencer gibt. Auf Actio folgt Reactio. In Frankreich ist die Islamisierung deutlich weiter fortgeschritten als bei uns. Der Ramadan tritt dort noch offensiver auf, als er es bei uns tut. Wir können da absehen, was uns hier erwarten wird.
Die Reaktion auf das Jugendphänomen Ramadan sind junge Menschen, die sich auf der Suche befinden und am Aschermittwoch das Aschenkreuz abholen und es auf den Sozialen Medien teilen. Es ist ein spannendes Phänomen, dass sich das Christentum über die Österliche Bußzeit, also die Fastenzeit, die hier als Sozialphänomen eine Alternative zum Ramadan darstellt, den Weg zurück zu den Menschen bahnt. Nun kommt dazu, dass es in den vergangenen Jahren eine zeitliche Nähe zwischen Fastenzeit und Ramadan gab, was die Korrelation noch mal deutlicher sichtbar machte.
Es passiert etwas, das macht die Schilderungen des Kaplans so anrührend. Völlig unerwartet und völlig unvorbereitet tauchen junge Menschen im Gottesdienst auf, die weder getauft noch christlich sozialisiert sind. Aber sie glauben. Was, wissen sie noch nicht, aber dieser Jesus Christus hat sie berührt. Oftmals haben sie einen bereits erstaunlich tiefgehenden Glauben, der ihnen völlig an der Kirche vorbei entgegen getreten ist. Keine Frage, dass die Religionsbeamten sich die Frage stellen, ob man das nicht unterbinden muss. Die Antwort von Jesus ist klar. Hindert sie nicht. Hindert die Christfluencer nicht, macht die Türen weit auf für junge Menschen, die Jesus Christus im Internet begegnet sind. Versteht aber bitte, die wollen die Kirche so, wie sie ist, und den Glauben, so wie die Kirche ihn lehrt. Schon allein der Versuch, diese jungen Menschen irgendwie in bestehende kirchliche (Reform-)Strukturen, gar in Verbände, zu integrieren, wird sie in die Flucht schlagen. Lasst den Geist wehen, wo er will. Hindern kann man ihn ohnehin nicht.
Ein letzter Schritt, den es zu akzeptieren gilt, ist die intuitiv ökumenische Ausrichtung junger Menschen. Exzellent zu beobachten ist dies Phänomen auf den großen christliche Festivals, MEHR, Adoratio, UNUM und vielen anderen mehr. Die Elemente Lobpreis, Vorträge, Stille und Begegnung prägen diese Feste und man findet dort eine beeindruckende Kultur des Respekts vor der jeweils anderen Konfession. Bei allem Trennenden stiftet doch Jesus Christus eine Einheit, die trägt. Auch das ist ein neues Phänomen, eine ganz neue Art Ökumene, die das Konfessionstrennende keineswegs ignoriert oder leugnet. Es ist eine gegenseitige Neugier aufeinander, die die Person Jesus in die Mitte stellt und hier die Einheit findet, die in Gebet und Lobpreis, in der Heiligen Schrift und im gemeinsamen Nachdenken ihren Ausdruck findet.
Bild oben: Häufig begegnen in unserer Zeit junge Menschen Christus in den Sozialen Netzen durch Christfluencer. Foto: Peter Winnemöller - Symbolbild mit AI generiert.
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