
15. März 2026 in Aktuelles
„Als sich der Heilige Vater Leo XIV. vor geraumer Zeit entschied, wieder in den Apostolischen Palast zu ziehen, mokierte sich eine Reihe von Medien. Aber…“ Von Ulrich Nersinger
Vatikan (kath.net) Als sich der Heilige Vater vor geraumer Zeit entschied, wieder in den Apostolischen Palast zu ziehen, mokierte sich eine Reihe von Medien mit den Schlagzeilen: „Papst Leo XIV. bezieht Luxuswohnung im Vatikan“, „Leo XIV. zieht wieder in prunkvollen Apostolischen Palast“, „Marmor, Gold und Prunk“. Und noch am Tag des Einzugs glaubte der „Spiegel“ bemerken zu müssen: „Kurswechsel nach dem bescheidenen Stil von Franziskus“.
Der Apostolische Palast die traditionelle Wohn- und Arbeitsstätte der Päpste, war für über ein Jahrzehnt – von 2013 bis 2025 – in Misskredit geraten und nur bedingt in Verwendung gewesen. Audienzen fanden dort zwar noch statt, aber als seine Unterkunft hatte Papst Franziskus einen anderen Ort gewählt. Er zog es vor, im vatikanischen Gästehaus „Domus Sanctae Marthae“ wohnen zu bleiben. Dort, wo er gemeinsam mit den Papstwählern von 2013 während des damaligen Konklaves untergebracht war – seinem Wunsch gemäß, um in Bescheidenheit näher beim „Volk“ zu sein.
Die über Jahrhunderte unumstrittene Residenz des Papstes war im letzten Pontifikat zu Unrecht in Verruf geraten. Man hatte kolportiert, der Heilige Vater verabscheue die vatikanische Prachtentfaltung und das höfische Ambiente. Doch hatte sich Papst Franziskus so nicht explizit geäußert, auch wenn ihm alles „Römische“ nicht sehr nahe stand. Der Papst selber dürfte übrigens nie von einer „Luxusherberge“ gesprochen haben. Er nutzte den Apostolischen Palast zwar nicht als persönliche Wohnstätte, nahm aber, wie schon erwähnt, dessen prachtvolle Audienzsäle für das Zusammentreffen mit Gläubigen und Nichtgläubigen in Anspruch.
Das vatikanische Gästehaus konnte in Bezug auf Armut und Bescheidenheit nicht überzeugen. Seine innere und äußere Absicherung verschlang unglaubliche Summen an Geld. Der ehemaligen Konklavewohnung des Kardinals Bergoglio hatte sich zudem mit der Zeit das ganze zweite Stockwerk des Hauses als Papstresidenz hinzugesellt. Und in den letzten Jahren war von einer Volksnähe des Papstes in „Santa Marta“ kaum noch etwas zu spüren gewesen.
Die ursprüngliche Residenz der Päpste war anfangs nicht der Vatikan, sondern der Lateran gewesen. Erst unter Papst Symmachus (gest. um 514) entstand eine erste bischöfliche Residenz, eine Episcopia, bei Sankt Peter. Da der Pontifex Maximus zu bestimmten Festen die vatikanische Basilika aufzusuchen hatte und dann dort auch übernachtete, war ein solcher Bau angebracht. Spätere Päpste erweiterten die Anlage und bauten sie festungsartig aus.
Als Gregor XI. (1370-1378) im Jahre 1377 aus dem Avignoner „Exil“ der Päpste nach Rom zurückkehrte, zeigte sich der Lateranpalast vom Zerfall gezeichnet und war nicht mehr bewohnbar. Der Pontifex beschloss nun endgültig, den Vatikan als hautsächliche Residenz zu beziehen. Nikolaus V. (1447-1455) begann dann im Jahre 1450 mit dem Bau eines neuen Palastes. Unter Klemens VIII. (1592-1605) wurde der Palast schließlich in seiner Grundstruktur vollendet.
„Wie ein Papst leben, pflegt man noch immer zu sagen, um ein Leben voller Bequemlichkeit zu bezeichnen; aber das ist ein Gemeinplatz, der es heutzutage verdient, den vielen anderen ebenso unrichtigen zugesellt zu werden, der eine falsche Romantik auf Rechnung des Vatikans geheiligt hat“, gab der Vatikanist Silvio Negro in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in seinem Buch „Vaticano minore“ zu bedenken. Für ihn war der Apostolische Palast nicht „das Königsschloss eines weiß gewandeten Herrschers“.
Er schrieb über die Papstresidenz: „Wer heute vom Petersplatz zu dem Gebäude emporschaut, das die Gesamtfront des Vatikans ausmacht, der kann an den drei Stockwerken, die für jeden alten römischen Palast kennzeichnend sind, drei verschiedene Bestimmungen erkennen. Das erste Stockwerk ist dass das Kardinalstaatssekretärs, der dort die Staatsräume und seine Wohnung hat, das zweite ist das der Ehrenräume des Papstes, wo die Audienzen stattfinden und das dritte ist das der Privatwohnung.“
Bis zum Jahre 1903 wohnte im dritten Stock der Kardinalstaatssekretär des Heiligen Vaters. Leo XIII. (1878-1903) schlief in einem der kleinen Zimmer vor der Privatbibliothek; dort nahm er auch seine Mahlzeiten ein. Da man durch dieses Zimmer musste, um in die Bibliothek zu kommen, so verbarg ein schwerer Vorhang, der eine Art Gang bildete, wenn der Papst Audienzen gab, den Besuchern das, was sich an Persönlichem und Häuslichem auch im Zimmer eines Papstes abspielt. Papst Pius X. (1903-1914) machte diesen Zuständen ein Ende. Er ließ für den Kardinalstaatssekretär die Räume, die sich im ersten Stock befanden, angemessen einrichten. Das dritte Stockwerk behielt er sich als seine ausschließlich private Wohnung vor.
Zu den Appartements Pius‘ XI. (1922-1939) hieß es in einer zeitgenössischen Schrift: „Der Speisesaal des Papstes ist einfach und ohne Schmuck. Das Büffet und die Kredenz sind nicht anders als in allen Räumen dieser Art, und auch der Tisch aus Nussbaumholz geschnitzt, erhebt keinen Anspruch darauf, große Kunst zu sein. Das Studierzimmer hat gleichfalls nichts Auffallendes, obschon die Möbel hier aus Ebenholz sind. Neben dem Schreibtisch befindet sich ein Polstersessel. Das Eckzimmer, das ein Fenster auf dem Petersplatz und auf Rom hat, ist das Schlafzimmer. Es ist noch einfacher und kahler als die anderen. Ein sehr bescheidenes Messingbett mit einer Damastdecke und einem armseligen Teppich zur Seite; eine Madonna vom Guten Rate an der Wand.“
Nach dem Ableben Pius´ XI. erforderten die päpstlichen Räumlichkeiten eine grundlegende Renovierung, die so manchen Missstand zu beseitigen wusste. Schwester Pascalina Lehnert, die Haushälterin Pius´ XII. (1939-1958), schrieb in ihren Erinnerungen: „Die ganze Papstwohnung war zweckentsprechend und würdig. Wie sehr hatte sie sich nach der Renovierung zu ihrem Vorteil verändert. Eines der Fenster, ´das wachende Auge des Vaters der Christenheit´, wie es genannt wurde, hat Weltruf bekommen. Bis in die Morgenstunden hinein war dieses Fenster erleuchtet. Es zeugte von dem nimmermüden Schaffen und den Sorgen des Heiligen Vaters, der sich dort oben im Dienste Gottes der Kirche und der Seelen wie eine Kerze verzehrte.“
Während der Besatzungszeit der Ewigen Stadt im Zweiten Weltkrieg durch deutsche Truppen solidarisierte sich der Pontifex auch im Apostolischen Palast mit der Bevölkerung. Bemerkenswert ist eine Notiz im Tagebuch eines Mitglieds der Päpstlichen Nobelgarde im Winter des Jahres 1944. Der Nobelgardist, der bei der Wohnung des Papstes Dienst tat, fragte sich: „Wann nur wird die Kälte dieses endlosen Winters weniger werden. Sie ist heftig. Dennoch erträgt sie Seine Heiligkeit sehr gut. Auf seinen entschiedenen Befehl hin ist nirgendwo geheizt worden. An dem Abend arbeitete der Papst bis in die späte Nacht hinein mit einer einfachen Decke auf seinen Knien.“ Die Päpste, die auf Pius XII. folgten, nahmen für ihre Pontifikate notwendige Renovierungen und Modernisierungen vor, die aber jeglichen Luxus vermieden.
Die Jahre papstlosen Wohnens im Apostolischen Palast haben der Residenz schwer zugesetzt. Mehr als zehn Monate benötigten die Arbeiter, um dort Wasser- und Elektroleitungen zu erneuern, des sich ausbreitenden Schimmels Herr zu werden und gravierende Schäden am Mauerwerk und der Dachkonstruktion zu beseitigen. Dem jetzigen Heiligen Vater kommt aber nicht nur das Verdienst zu, zur bewährten Tradition der Väter zurückgekehrt zu sein, sondern auch Verantwortung für den Erhalt des „Welterbes Vatikan“ bewiesen zu haben.
Foto: Kurzzeitig war in der Nacht von Samstag auf Sonntag Licht in einem der Gemächer des päpstlichen Appartamientos zu erkennen (c) Vatican News Webcam/Screenshot
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