Kard. Müller nach Gespräch mit Papst Leo: „Atmosphäre ist von wechselseitigem Vertrauen bestimmt“

1. Februar 2026 in Interview


Kardinal Gerhard Müller im KATH.NET-Interview nach Privataudienz bei Leo XIV. – Zur Kirche in Deutschland: „Im Raum einer Bischofskonferenz kann kein selbstermächtigtes Verfassungsorgan aus Laienfunktionären, Priestern und Bischöfen gebildet werden“


Vatikan (kath.net) „Das Gespräch mit Papst Leo XIV. ist natürlich vertraulich, aber keineswegs, was die großen Themen und Probleme der Kirche von heute angeht, geheim wie bei den staatlichen Sicherheitsdiensten… Jeder Gläubige hat ein Recht auf die Wahrheit Gottes und des Evangeliums Christi.“ Das erläutert Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der emeritierte Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, im KATH.NET-Interview. Müller war ab 1986 Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München gewesen, er wurde von Papst Johannes Paul II. 2002 zum Bischof von Regensburg ernannt, diesen Dienst übte er bis 2012 aus. In dieser Zeit war Müller auch Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) gewesen, er war u.a. Vorsitzender der Ökumenekommission. 2012 bis 2017 war Müller Präfekt der Glaubenskongregation, Papst Franziskus erhob ihn 2014 zum Kardinal, 2021 berief er ihn zum Mitglied der Apostolischen Signatur.

kath.net: Herr Kardinal Müller, „die erste Privataudienz“ bei einem neuen Papst – wie oft und bei wem haben Sie dies nun schon erlebt? Und bleibt das trotzdem immer wieder aufs Neue spannend? 

Kardinal Gerhard L. Müller: Seit ich Bischof von Regensburg wurde, hatte ich von Amts wegen bei Johannes Paul II., Benedikt XVI. und später bei Papst Franziskus von Zeit zu Zeit eine Privataudienz. Die Präfekten der Glaubenskongregationen haben die regelmäßige Tabellenaudienz, in der die wichtigsten Entscheidungen des Dikasteriums besprochen werden. 

Das Gespräch mit Papst Leo XIV. ist natürlich vertraulich, aber keineswegs, was die großen Themen und Probleme der Kirche von heute angeht, geheim wie bei den staatlichen Sicherheitsdiensten. Die Kirche ist auf solche geheimen Machenschaften und Machtspiele nicht angewiesen. Jeder Gläubige hat ein Recht auf die Wahrheit Gottes und des Evangeliums Christi. Wir sollen vor niemanden Furcht haben. „Denn nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird…, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern.“ (Mt 10,26f).

kath.net: Konnten Sie mit Papst Leo über die Situation der Kirche in Deutschland sprechen? Welche Anliegen wollten Sie ihm diesbezüglich nahebringen? Hatten Sie auch eine Schismagefahr in der katholischen Kirche Deutschlands angesprochen? Was dürfen Sie uns dazu über seine Antworten weitergeben?

Kard. Müller: Der Papst ist von Amts wegen für die Einheit der universalen Kirche in der geoffenbarten Wahrheit verantwortlich. Das umfasst auch die katholischen Diözesen in Deutschland, deren Bischöfe zwar in einer Konferenz verbunden sind, die aber keineswegs eine nationalstaatliche Einheit bilden oder eine Zwischeninstanz darstellen zwischen den Teilkirchen (Diözesen) und der Universalkirche. Im Raum dieser Bischofskonferenz kann auch kein selbstermächtigtes Verfassungsorgan aus Laienfunktionären, Priestern und Bischöfen gebildet werden, die wie bei den Anglikanern ein (ständebasiertes oder gruppenrepräsentierendes) Kirchenparlament bilden würde, das irgendeine lehramtliche, pastorale oder juridische Entscheidungs-Befugnis hätte. Die davon träumen, verwechseln die Kirche mit einem politischen Machtblock, in dem die einzelnen Interessengruppen um den größeren Anteil an der Macht kämpfen, wie ein Löwenrudel um die Beute. 

Die Kirche ist dagegen die von der Einheit des dreifaltigen Gottes zusammengefügte Heilsgemeinschaft in Jesus Christus, in dem die Fülle der Wahrheit und Gnade offenbart und uns geschenkt ist. Die Autorität der Bischöfe (und der Priester und Diakone in hierarchisch-sakramentaler Gemeinschaft mit ihnen) ist nicht im politischen Sinn eine Macht von Menschen über Menschen. Sie sind vielmehr von Christus autorisiert im Sakrament der Weihe, das Volk Gottes in seinem Namen zum ewigen Heil hinzuführen. Das bedeutet, „dass durch die Handauflegung und die Worte der Weihe die Gnade des Heiligen Geistes so übertragen und das heilige Prägemal so verliehen wird, dass die Bischöfe in hervorragender Weise die Aufgabe Christi selbst, des Lehrers, Hirten und Priesters innehaben und in seiner Person handeln.“ (Lumen gentium 21). 

Auf der sog. Synodalkonferenz in Stuttgart – so wurde berichtet – war von dem dreieinigen Gott, von Christus, seinem Sohn und einzigen Mittler der Gnade und Wahrheit, von der Verkündigung des Evangeliums an alle Völker, den Sakramenten als Mitteln der Gnade, der Heilsnotwendigkeit der Kirche als Sakrament des Heils der Welt in Christus nicht die Rede. Gestritten und gezankt wurde nur um Strukturfragen, d.h. es ging um den Beuteanteil an Macht und Geldmitteln und vor allem um eine totalitäre ideologische Dominanz, die nicht nur andere theologische Meinungen, sondern die alleinige Geltung des katholischen Glaubens in der katholischen Kirche ausschließt. 

Papst Leo jedoch erklärt in seinen Mittwochsaudienzen den Zuhörern die Lehre des II. Vatikanischen Konzils, welches das wesentliche Ziel hatte, „das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen … und alle in den Schoß der Kirche zu rufen.“ (Sacrosanctum concilium 1), während die Aktualisierung der Methoden und Strukturen nur die adäquaten Mittel bereitstellen soll für eine universale Verkündigung des „Evangeliums als Gottes Kraft, die jeden rettet, wer glaubt.“ (Röm 1, 16).

kath.net: War auch die Frage des künftigen Umgangs mit der außerordentlichen Form der Liturgie Thema? 

Kard. Müller: Vor den heißen Diskussionen um die neuere und ältere Form des lateinischen Ritus der hl. Messe und der Sakramente sollte einmal grundsätzlich geklärt werden, was Liturgie als Gottesverehrung und Heilsvermittlung überhaupt ist, wie sie im Gott-menschlichen Heilsgeheimnis Christi gründet und wie sie die Gegenwart Christi repräsentiert und vermittelt, wie die Riten sich geschichtlich entwickelt haben, um von daher auch kritisch zu fragen, welche Früchte die Liturgiereform gebracht hat, wie sie durch Willkür und Unkenntnis entstellt wurde und wie – im Sinne von Papst Benedikt XVI. – die ordentliche und außerordentliche Form des lateinischen Ritus sich gegenseitig befruchten und evtl. auch etwas korrigieren können.

kath.net: Sie hatten möglicherweise mehrere Themen auf Ihrer To-Do-Liste, als Sie zu Papst Leo zur Privataudienz gingen, möchten Sie uns davon noch welche nennen – unabhängig davon, ob dann in der vermutlich gedrängten Zeit angesprochen werden konnten oder nicht?

Kard. Müller: Wichtig ist heute auch das wissenschaftliche und kulturelle Niveau von Bischöfen, Priestern und auch der Professoren in den theologischen Fakultäten. In den letzten Jahren war immer dann von der pastoralen Ausrichtung die Rede, wenn die intellektuelle und charakterliche Mediokrität der Kandidaten bemäntelt werden sollte. 

In Wirklichkeit sind anspruchsvolle Verkündigung und menschennahe Pastoral nicht zu trennen, wie wir am Beispiel des hl. Augustinus sehen. Gewiss bedarf der Glaube als Akt der Hingabe an Gott mit Verstand und Willen nicht einer wissenschaftlichen Vorbildung. Aber die Lehrer des Himmelreiches müssen wohl unterrichtet sein (vgl. Mt 13, 52) wie schon die Apostel drei Jahre in die Schule des göttlichen Meisters gingen und wie später sich Bischöfe und Kirchenlehrer in die Lage versetzten, den Glauben mit den Ansprüchen der Vernunft zu versöhnen um jede Vermischung der Offenbarungswahrheit mit philosophischen Irrtümern und ideologischen Verfälschungen zu erkennen und zurückzuweisen. 

Bischöfe dürfen nicht naiv meinen, es gehe heute nur um die pastorale Sorge für einzelne Personen mit homosexuellen Neigungen, während sie nicht begreifen, dass die Genderideologie einer atheistischen Anthropologie entspringt, die die Gottebenbildlichkeit des Menschen leugnet, zu der auch die Erschaffung der menschlichen Natur in den beiden aufeinander bezogenen Geschlechter gehört, die allein der Schöpfer segnete. Und der kirchliche Ritus des Segens kann nur den realen Segen Gottes zum Ausdruck bringen und sichtbar vermitteln, wenn er dem Willen des Schöpfers und Erlösers entspricht. Sonst wird er zu einer blasphemischen Farce und einem medialen Spektakel. 

kath.net: Papst Leo empfing Sie am selben Tag, an dem er auch die Teilnehmer der aktuellen Vollversammlung des Dikasteriums für die Glaubenslehre zur Audienz empfing – war das einfach nur ein Zufall gewesen?

Kard. Müller: Äußerlich war es ein Zufall, aber doch ein auffälliges Zeichen, das manche erfreute und einige irritierte. Aber gerade in der Kirche können wir vieles einfach mit Humor nehmen und allen Ressentiments zum Trotz uns gegenüber wohlwollend sein.

kath.net: Man hört und liest immer wieder von solchen, die mit Papst Leo unmittelbaren Kontakt haben/hatten, dass er ausgesprochen gut und informiert zuhört. Haben auch Sie dies so erlebt? Ist die Begegnung – nun im Rückblick – auch für Sie persönlich ermutigend gewesen? 

Kard. Müller: Der Eindruck trügt nicht. Die Atmosphäre ist entspannt und von wechselseitigem Vertrauen bestimmt. Besonders bewegt mich persönlich seine Christo-zentrische Verkündigung im Geist des hl. Augustinus und die Bedeutung, die er der Lehre des II. Vatikanums zumisst, die freilich nichts anderes ist als die Lehre der Apostel und der Kirche in einer Gestalt, die der geistigen Situation unserer Zeit entspricht – ohne vom Inhalt der Offenbarung auch nur ein Jota abzuweichen.

kath.net: Noch zwei Fragen, die über die Privataudienz hinausgehen: Die Deutsche Bischofskonferenz wird in Kürze ihren neuen 1. Vorsitzenden wählen, der Limburger Bischof Georg Bätzing hat bereits erklärt, nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Wie würden Sie einen idealen künftigen DBK-Vorsitzenden beschreiben? 

Kard. Müller: Vor allem soll er sich als das verstehen, was er ist, nämlich nur ein Moderator der Versammlung und kein Parteivorsitzender oder ein Sektengründer, der seinen Anhängern ein ideologisches Programm oder eine säkularistische Agenda aufzwingt oder unterjubelt. 

Wer eklatante Gegensätze zum katholischen Glauben, also ekklesiologische und anthropologische Häresien, als „anders katholisch“ dem staunenden Publikum verkaufen will, der betreibt mit dem Attribut „katholisch“ eine schändliche Täuschung der Gläubigen. Keiner kann sich nach eigenem Gusto oder nach ideologischen Vorgaben katholisch nennen im Unterschied zu der Definition von katholisch hinsichtlich der einen und ganzen Glaubenslehre und der vollen sakramentalen Verfassung der sichtbaren Kirche, die von den Bischöfen als Nachfolgern der Apostel geleitet wird in voller Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom als persönlicher Nachfolger Petri.

kath.net: Es werden nun Stimmen laut, die darum bitten, den Seligsprechungsprozess für den verstorbene Papst Benedikt XVI. zu beginnen. Wie stehen Sie dazu?

Kard. Müller: Das können wir ruhig dem Heiligen Geist überlassen, der uns Zeichen gibt vermittels der Verehrung des Volkes Gottes für sein vorbildliches Leben, seine Verkündigung und seine außergewöhnliche Gelehrsamkeit, die er in der geistigen Auseinandersetzung mit der Welt von heute in den Dienst des geoffenbarten Glaubens und der Kirche Gottes gestellt hat.

Foto: Kardinal Müller beim Konklave 2025, aus dem Kardinal Robert Prevost als Papst Leo XIV. hervorging 


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