„Nur leere Hände können gefüllt werden“

1. Februar 2026 in Spirituelles


„Alles, was der Herr sagt, verdichtet sich in der Eucharistie. Arm kommen wir. Mit leeren Händen. Ein Stück Brot, Wein – und doch das Unterpfand des Himmelreiches.“ Predigt zu den Seligpreisungen. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Die Seligpreisungen – Einladung zu einem Weg ins wahre Leben. Predigt zum 4. Sonntag im Jahreskreis (A) – Mt 5,1–12a

Liebe Schwestern und Brüder,
das Evangelium führt uns heute auf einen Berg (der Seligpreisungen in Galiäa).
Jesus steigt hinauf, er setzt sich, und dann heißt es schlicht: „Er öffnete seinen Mund und lehrte sie.“

Die Väter der Kirche verweilen bei diesem Satz. Er ist kein beiläufiges Detail. Denn wenn Christus den Mund öffnet, öffnet er zugleich den Himmel. Er spricht nicht hastig, nicht im Vorübergehen. Er setzt sich wie ein Lehrer, der bleiben will; wie ein Arzt, der Zeit hat für die Wunde; wie ein Vater, der sein Innerstes öffnet.

Und Augustinus sagt: Wer diese Rede mit wachem Geist und offenem Herzen hört, findet darin eine vollkommene Richtschnur christlichen Lebens. Nicht als Gesetz von außen, sondern als Ordnung, die von innen her heilt.

Christus sammelt die Jünger auf der Höhe, nicht um sie von der Welt zu trennen, sondern um ihren Blick zu läutern. Wer nur am Irdischen haftet, versteht die Sprache des Himmels nicht. Darum erhebt der Herr die Aufmerksamkeit der Seinen durch den schönen Ausblick über den See Genezareth, bevor er sie belehrt.

Seligkeit – der Anfang des Weges
Bemerkenswert ist, womit Jesus beginnt.
Nicht mit Forderung, nicht mit Drohung, nicht mit dem Gewicht des Gesetzes. Er beginnt mit der Seligkeit.
Das ist kein Zufall. Gott zeigt zuerst das Ziel, damit der Weg begehrenswert wird. Er verheißt nicht Enge, sondern Weite; nicht Angst, sondern Freude. Die Seligpreisungen sind kein harter Befehl, sondern eine Einladung auf den Weg in das wahre Leben.

Augustinus nennt den Frieden die tranquillitas ordinis – die Ruhe der Ordnung. Frieden ist nicht bloß Abwesenheit von Konflikt, sondern die Harmonie des Herzens, wenn das Höchste wieder oben steht. Genau darauf zielen die Seligpreisungen: Sie ordnen das Innere des Menschen, damit es ruhen kann in Gott.

„Selig, die arm sind vor Gott“ – Leichtigkeit der Demut
Der Schlüssel zu allem lautet: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“

Nicht der Mangel wird gepriesen, sondern das geöffnete und erwartende Herz. Nicht die Armut der Not, sondern die Freiheit von Selbstgenügsamkeit. Arm vor Gott ist, wer nicht voll ist von sich selbst; wer nicht auf Besitz, nicht auf Wissen, nicht auf Macht vertraut, sondern bittend vor dem steht, der allein der Geber aller Gaben ist.

Das Evangelium spricht vom Bettler-Sein. Und hierin liegt die befreiende Wahrheit: Der Bettler ist nicht der Wertlose, sondern der Empfangende. Nur leere Hände können gefüllt werden.

Der Hochmut macht das Herz eng, die Seele schwer und zieht sie nach unten. Die Demut aber macht sie leicht, öffnet und hebt sie empor. Diese Armut ist keine Erniedrigung, sondern Auftrieb. Sie nimmt der Seele die Last, sich selbst tragen zu müssen.

Das Himmelreich – Gegenwart Gottes im Herzen
Darum ist auch die Verheißung so kühn: „Ihnen gehört das Himmelreich.“
Dies wird nicht versprochen und aufgeschoben in eine ferne Zukunft. Es wird zugesprochen als Gegenwart. Das Reich Gottes ist kein Ort jenseits der Welt, sondern Gottes Wohnung im demütigen Herzen.
Wer Gott Raum gibt, trägt das Reich in sich. Kein Verlust kann es entreißen, keine Krankheit es zerstören, kein Tod es nehmen. Wer Gott hat, ist nicht arm. Er ist gehalten.

Trauer, Sanftmut, Hunger – Wege der Heilung
Von hier aus werden die weiteren Seligpreisungen verständlich.
Selig die Trauernden. - Nicht die Verzweifelten, sondern die Sehenden. Diese Trauer ist keine Flucht, sondern Wahrheit. Sie beweint die Sünde nicht, um zu quälen, sondern um zu heilen. Der Trost, den Gott verheißt, ist keine billige Beruhigung, sondern seine eigene Nähe. Der Geist Gottes verwandelt Tränen in Quelle.

Selig die Sanftmütigen. - Nicht die Schwachen, sondern die Überwinder. Sanftmut ist kein Ausweichen, sondern Sieg über den Zorn. Wer im Zorn lebt, wird innerlich heimatlos. Wer sanft wird, findet festen Boden. Darum erben sie das Land – den Ort der Beständigkeit, den niemand rauben kann.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. - Nicht ein flüchtiger Wunsch, sondern brennende Sehnsucht. Wer satt ist an sich selbst, hungert nicht nach Gott. Dieser Hunger läutert den Blick, macht barmherzig und öffnet das Herz.

Frieden stiften – Gott ähnlich werdenSelig die Frieden stiften.
Friede beginnt in unserem Innern. Wer selbst zerrissen ist, kann nicht einen. Wo Gott oben steht, finden die Kräfte ihre Ordnung. Und wer diesen Frieden trägt, wird dem Sohn ähnlich, der das Getrennte versöhnt und das Feindliche überwindet.

Eucharistie – Armut, die reich macht
Alles, was der Herr sagt, verdichtet sich in der Eucharistie.
Arm kommen wir. Mit leeren Händen. Ein Stück Brot, ein Schluck Wein – und doch das Unterpfand des Himmelreiches.
Gott gibt nicht etwas. Er gibt sich selbst.

Wer bittend kommt, empfängt.
Wer sich selbst genügt, bleibt draußen – nicht, weil Gott verschließt, sondern weil das Herz verschlossen bleibt.

Schluss
Die Seligpreisungen sind keine Vertröstung. Sie sind eine Einladung in ein reicheres Leben.
Reich ist nicht, wer viel besitzt.
Reich ist, wer arm genug ist, sich beschenken zu lassen.

Seligkeit beginnt dort, wo ein Herz sagt:
„Du, Herr, bist mein Reichtum. Ich brauche Dich. Du bist mein Alles.“ Amen.

 


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