Mexiko gedenkt 100 Jahre Cristero-Krieg

19. Jänner 2026 in Aktuelles


Gesetze gegen die Kirche von Präsident Calles 1926 ließen Gläubige zu den Waffen greifen - Großes Jugendtreffen und Kongress erinnern an bisher kaum aufgearbeiteten Konflikt.


Mexiko-Stadt (kath.net/ KAP) 
Vor bald 100 Jahren, am 14. Juni 1926, wurde in Mexiko die sogenannte "Ley Calles" verkündet. Das Gesetzesbündel, das von Präsident Plutarco Elias Calles (1877-1945) erlassen wurde, schränkte die öffentliche Glaubensausübung stark ein und stellte die Kirche unter staatliche Kontrolle, was zu Jahren massiver Unsicherheit, Verfolgung und heftiger Spannungen zwischen Staat und Kirche führte. Gläubige leisteten damals auch bewaffneten Widerstand in einem Konflikt, der laut Angaben der nationalen Bischofskonferenz 200.000 Tote hinterließ und als "Guerra Cristera" (Cristero-Krieg) in die Geschichte einging. Die Nachwirkungen prägen Historikern zufolge die mexikanische Gesellschaft und Kirche bis in die Gegenwart.
Die Ley Calles gilt aus heutiger Sicht als Ergebnis einer langfristigen antiklerikalen Staatsstrategie in Mexiko, deren Wurzeln ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Liberale Reformen und laizistische Ideologien, beeinflusst durch europäische Vorbilder sowie Strömungen aus den USA, zielten darauf ab, den Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen. Nach der Mexikanischen Revolution (1910-1920) und dem erfolglosen Versuch der Schaffung einer von Rom gelösten katholischen mexikanischen Staatskirche 1925 setzte Präsident Calles die schon bestehenden kirchenfeindlichen Verfassungsbestimmungen mit besonderer Härte durch. Für große Teile der katholisch geprägten Bevölkerung bedeutete dies einen tiefen Eingriff in religiöse Praxis und Identität, der zur Eskalation des Konflikts beitrug.
So drängten die Bestimmungen von 1926 die katholische Kirche weitgehend aus der öffentlichen Sphäre. Religiöser Unterricht wurde ebenso verboten religiöse Symbole und Prozessionen, auch alle anderen kirchlichen Aktivitäten bekamen staatliche Kontrolle, öffentliche Gottesdienste wurden stark eingeschränkt und der Kirche ihre juristische Persönlichkeit und Eigentumsrechte genommen. Priester mussten sich registrieren lassen, durften nur mexikanischer Herkunft sein und wurden zahlenmäßig pro Bundesstaat begrenzt, auch war ihnen jede Kritik am Staat untersagt. Verstöße konnten mit hohen Geldstrafen oder Gefängnis geahndet werden, zudem waren staatliche Stellen befugt, Kirchen, Klöster, Schulen oder Pfarrhäuser zu schließen oder zu konfiszieren.

Aussetzung öffentlicher Gottesdienste
Als Reaktion setzten die mexikanischen Bischöfe am 31. Juli 1926 die öffentlichen Messfeiern landesweit aus. Es gab Boykottaufrufe gegen die Gesetze und gegen Produkte aus staatsnahen Firmen, sowie eine breite Solidarisierung mit den Opfern. Die Regierung verstärkte die Repression, mit Massenverhaftungen, Vertreibungen und militärischen Maßnahmen gegen die Zivilbevölkerung, was schließlich zur Eskalation führte: Die sogenannten "Cristeros" - Laien, Landbevölkerung und ganze Dorfgemeinden - erhoben sich bewaffnet gegen die staatlichen Eingriffe, auch Priester beteiligten sich am Aufstand. Ihr Name leitet sich vom Ruf "¡Viva Cristo Rey!" ab, der aus Verhörsituationen stammt, in denen Gefangene zur Loyalität gegenüber dem Staat gezwungen werden sollten und stattdessen ihre religiöse Bindung bekannten.
Die Regierung, militärisch und technisch überlegen, reagierte mit zahlreichen Hinrichtungen. Dutzende Opfer wurden später von der katholischen Kirche selig- oder heiliggesprochen, darunter bekannte Namen wie die Priester Miguel Agustin Pro und Mateo Elias Nieves Castillo sowie der Laie Anacleto Gonzalez Flores. Den im Alter von nur 14 Jahren nach schwerer Folter hingerichteten Jose Sanchez del Rio, der sich den Aufständischen anschloss und für sie als Kurier und Träger von Nachrichten tätig war, sprach Papst Franziskus 2016 in Rom heilig.
Der bewaffnete Konflikt endete formal 1929 mit einem unter starkem diplomatischem Druck und Vermittlung des US-Botschafters Dwight W. Morrow zustande gekommenen Abkommen zwischen der mexikanischen Regierung und den Bischöfen. Dadurch wurde die Wiederaufnahme öffentlicher Gottesdienste ermöglicht und die schärfsten Maßnahmen der Ley Calles faktisch außer Kraft gesetzt. Trotz des offiziellen Endes hielten lokale Gewalt und Repressionen, darunter besonders die Verfolgung und Tötung entwaffneter Cristeros, noch über Jahre an. Erst mit der Gesetzesreform von 1992 erhielt die katholische Kirche in Mexiko wieder uneingeschränkte juristische Rechte.

Jugendwallfahrt und Kongress
Zum 100-Jahre-Gedenken sind in Mexiko mehrere Veranstaltungen geplant. Für den 31. Jänner haben die Diözesen des Landes eine Nationale Jugendwallfahrt zum Christkönig-Monument auf dem Cubilete-Berg im Bundesstaat Guanajuato angekündigt, zu der 45.000 Jugendliche erwartet werden. Die Wallfahrt beginnt am Vorabend mit einem Jugendtreffen, am Tag selbst folgt der Aufstieg zu der monumentalen Christusstatue. Die Heilige Messe an der Spitze des Hügels wird vom Apostolischen Nuntius in Mexiko, Joseph Spiteri, und dem Erzbischof von Leon, Jaime Calderon Calderon, sowie weiteren Bischöfen und Priestern zelebriert.
Ergänzend findet im Februar im südmexikanischen Cancun der erste Cristero-Kongress statt, organisiert in einer dem heiligen Jose Sanchez del Rio geweihten Kirche. Teilnehmer sind unter anderem der Priester Juan Razo Garcia, Uriel Esqueda von der Plattform "Activate" für Religionsfreiheit sowie der Historiker und Philosoph Javier Olivera Ravasi. Unterstützt wird der Kongress vom Apostolischen Administrator von Cancun-Chetumal, Pedro Pablo Elizondo Cardenas. Ziel der Veranstaltung ist es, die historischen Ereignisse der Cristero-Kriege aufzuarbeiten und zu dokumentieren, zumal sie in Mexiko lange Zeit bewusst verschwiegen wurden und kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert sind.
Die Organisatoren beider Ereignisse betonen, dass die Veranstaltungen nicht auf eine Wiederbelebung von Konflikten abzielen, sondern das Gedenken an die "Märtyrer", die Verteidigung der Religionsfreiheit und die öffentliche Sichtbarkeit des Glaubens fördern sollen. Der Ruf "¡Viva Cristo Rey!" sei dabei als ein zentrales Symbol für die Cristeros und ihr historisches Engagement für den Glauben zu verstehen, hieß es.

Für Bischöfe "leuchtendes Kapitel der Kirchengeschichte"
Bereits im vergangenen November hatte sich die Mexikanische Bischofskonferenz zum Cristero-Krieg geäußert. Die 200.000 dabei Getöteten - darunter Kinder, Jugendliche, Ältere, Landarbeiter, Priester und Laien - seien "Märtyrer", die mit ihrem Leben gezeigt hätten, dass für sie nicht etwa "ein in seinem Stolz gefangener weltlicher Machthaber", sondern allein Christus der König sei. Sie hätten damit ein "leuchtendes Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche und Mexikos geschrieben". Das Gedenken dürfe sich nicht in Nostalgie erschöpfen, sondern fordere zu "Gewissensprüfung und erneuertem Engagement" zur Verteidigung des Glaubens auf. Gleichzeitig warnten die Bischöfe vor der Tendenz, den Glauben auf den privaten Bereich zu beschränken, und wiesen auf die zentrale Rolle der Religion im öffentlichen Leben.

Copyright 2026 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich (www.kathpress.at) Alle Rechte vorbehalten

 


© 2026 www.kath.net