
8. Jänner 2026 in Chronik
„Jeder, der ihm … begegnet ist und sich ernsthaft mit ihm unterhalten hat, weiß, dass er alles andere als ein Mensch war, der ewig in der Vergangenheit verhaftet war, geschweige denn der Panzerkardinal, als der er mitunter karikiert wurde.“
Rom (kath.net/pl) „„Dass ein ehemaliger Kollege Papst wird, ist ein besonderes, wohl sehr seltenes Erlebnis. Für mich war vom ersten Moment an klar: Jetzt ist Loyalität gefragt. Schon in der Sixtinischen Kapelle sagte mir der neu gewählte Papst Benedikt: ‚Nun werden wir den Weg der Einheit gemeinsam gehen.‘ Und so war es auch, und die Zusammenarbeit funktionierte hervorragend. Zu den schwierigsten Momenten seines Pontifikats gehörte der Umgang mit der unglücklichen Aufhebung der Exkommunikation des Lefebvrianers und Holocaustleugners Williamson. Der Fehler lag nicht im Verantwortungsbereich des Papstes, sondern resultierte aus einem Kommunikationsdesaster innerhalb der Römischen Kurie. Ich war nicht überrascht von seiner Entscheidung, 2013 vom Petrusamt zurückzutreten. Tage zuvor, bei einem privaten Treffen mit ihm, bemerkte ich, dass er Schwierigkeiten beim Gehen hatte und seine Stimme schwächer als sonst war. Seine Entscheidung traf mich innerlich ‚vorbereitet‘.“ Das erläutert Kardinal Walter Kasper im Interview mit Filippo Rizzi für die italienische katholische Zeitung „Avvenire“. Das Interview trägt den Titel „Kasper: Ratzingers Lehramt: Ein Erbe für die Gläubigen von heute“ und wurde anlässlich des dritten Todestages des Papstes aus Bayern gemacht. Kasper ist emeritierter Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, er war zuvor Dogmatikprofessor in Münster, dann in Tübingen gewesen, danach Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Kasper schildert, dass sich die Wege von Joseph Ratzinger und ihm selbst immer wieder gekreuzt hätten. „Wir begegneten uns 1963, vor über sechzig Jahren, auf einer Konferenz an der Diözesanakademie in Stuttgart. Damals war er bereits ein aufstrebender Stern der Theologie und hielt – etwas, woran wir uns später gewöhnen sollten – eine brillante Vorlesung über die Eucharistielehre. Ich war ein Fremder, sechs Jahre jünger, und bereitete mich an der Universität Tübingen auf meine Habilitation vor. Die Größe des ‚Ratzinger-Professors‘ wurde mir sofort deutlich, angefangen mit der Vorlesung, die den Beginn seiner Lehrtätigkeit in Bonn markierte und in der das Thema Glaube und Vernunft für ihn von zentraler Bedeutung war.“
Gefragt nach dem II. Vatikanischen Konzil und nach Ratzingers Zusammenarbeit mit Kardinal Frings schildert Kasper: „Ratzinger war während des Zweiten Vatikanischen Konzils ein hoch angesehener Theologe und arbeitete mit Karl Rahner an den vorbereitenden Entwürfen zu den Quellen der Offenbarung zusammen. Er erlebte das Konzil mit den Erwartungen und dem Enthusiasmus, die für einen jungen, 35-jährigen, ‚progressiven‘ Theologen typisch waren. Seine kritischen und tiefgründigen Betrachtungen als Vertrauter des Kölner Kardinals Joseph Frings sind unvergesslich, beispielsweise die berühmte Nota Praevia, die Paul VI. zur Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium in Auftrag gab. Er akzeptierte die gesamte Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils vollumfänglich, hielt aber stets an der Beziehung zwischen Tradition und Heiliger Schrift fest. Es wäre ein Irrtum anzunehmen, er habe die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils neu überdacht. Wie Henri de Lubac – mit dem er 1972 die Zeitschrift Communio gründete – empfand er dieselbe Bitterkeit über die pastoralen und in gewisser Weise auch soziologischen Abweichungen und Verzerrungen in der Rezeption und Interpretation der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Jahren nach dem Konzil. Es ist kein Zufall, dass er in seiner denkwürdigen Rede vor der Römischen Kurie, wenige Monate nach seiner Wahl zum Papst im Dezember 2005, seine wahren Gedanken zum Zweiten Vatikanischen Konzil bekräftigen wollte.“
„Avvenire“ fragte nach Kaspers Einschätzung von Ratzingers Bestseller „Einführung in das Christentum“ 1968. Kasper erläutert gegenüber der katholischen Zeitung, dass es sich hierbei um Ratzingers „theologisches Meisterwerk“ handle. Es sei „ein sehr akademischer Aufsatz, dem vielleicht die aristotelische Praxis und die pastorale Konkretheit fehlen, die seinen Charakter stets auszeichneten. In gewisser Weise erweckten einige von Ratzingers Äußerungen, angefangen mit diesem Aufsatz, den Eindruck, dass die offene, zugängliche und hoffnungsvolle Vision, für die sich seine Studenten in Bonn, Münster und Tübingen begeisterten, aufgrund der negativen Erfahrungen von 1968 zeitweise einem düstereren Bild gewichen war.“
Grundsätzlich stellte Kasper über Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. fest: „Jeder, der ihm auch nur einmal begegnet ist und sich ernsthaft mit ihm unterhalten hat, weiß, dass er alles andere als ein Mensch war, der ewig in der Vergangenheit verhaftet war, geschweige denn der Panzerkardinal, als der er mitunter karikiert wurde. Gerade wenn ich an bedeutende Denker und bedeutende Väter der Befreiungstheologie denke, wie den ehemaligen Franziskaner Leonard Boff, den peruanischen Dominikaner Gustavo Gutiérrez oder seinen ehemaligen Kollegen aus Tübinger Tagen, Hans Küng, erinnere ich mich an die offenen und ungezwungenen Gespräche, die ich mit ihnen geführt habe. Ratzinger war ein Mann, der den Geschichten und Erfahrungen der Menschen, selbst denen ‚einfacher‘ Priester, sehr aufmerksam zuhörte.“
Auch könne er „bezeugen, dass wir unter vier Augen sehr offen über die berühmte Erklärung Dominus Iesus sprachen, die im Jahr 2000 von der Glaubenskongregation veröffentlicht wurde, deren Präfekt Ratzinger unter dem Pontifikat von Johannes Paul II. war. Ich erinnere mich, dass ich – damals war ich Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen – dem damaligen bayerischen Kardinal gegenüber erwähnte, wie spaltend dieses Dokument gewesen sei und wie sehr es von den Protestanten bedauert wurde. An dieser Stelle bekräftigte ich, dass es meiner Meinung nach richtig sei, diese christlichen Bekenntnisse als ‚Kirchen anderer Art‘ zu betrachten.
Es bestehe „kein Zweifel, dass Papst Benedikt XVI. ein bedeutender Theologe war, nicht nur intellektuell, sondern auch emotional“, stellt Kasper dezidiert fest. Unterschiede zwischen Ratzinger und ihm selbst, so erläutert er auf Nachfrage, seien „in seiner positiveren bzw. kritischeren Wahrnehmung der kirchlichen Lage, in den jeweiligen Schwerpunkten“ gelegen. „Ratzinger war stärker in der Patristik, im heiligen Augustinus und seinem verehrten heiligen Bonaventura verwurzelt. Ich hingegen kam aus der modernen Theologie und interessierte mich mehr für die Theologie des heiligen Thomas von Aquin. Dies führte zu Missverständnissen – einige davon wurden von Dritten (nicht römischen, sondern deutschen) geschürt –, die sich jedoch stets durch respektvolle Gespräche ausräumen ließen.“
Kasper erinnerte sich, dass ihm in seinen Gesprächen mit Ratzinger immer wieder aufgefallen sei, „dass er sich zwischen praktischen Fragen der Kirchenleitung und der Freiheit theologischer Diskussionen stets für Letzteres entschied. Er war ein Mann, der sich intensiv mit den Problemen seiner Zeit auseinandersetzte. Ein wahrhaft pluralistischer Denker. Praktische Angelegenheiten und die für Pfarrer typische konkrete Seelsorge lagen ihm nicht. Er benutzte keinen Computer und schrieb, wenn möglich, alles handschriftlich. Während unserer gemeinsamen Studienzeit besaß er ein Auto. Doch er sagte mir offen: ‚Ich bin ontologisch ungeeignet, eines zu fahren‘. Und so war es auch. Ich glaube, Papst Benedikt war auch so: einfach und sanftmütig. Ein Mann von profunder Bildung, dessen Katechesen und Predigten bis heute ein Vermächtnis für die Gläubigen sind. Und nicht nur das.“
Archivfoto Kardinal Kasper (c) Kath.net/Petra Lorleberg
Das Interview in voller Länge:
Kasper: il magistero di Ratzinger⁰patrimonio per i credenti d’oggi https://t.co/Hu2MPiC6c4
— ???????? (@Avvenire_Nei) January 2, 2026
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