
2. Jänner 2026 in Interview
Kölner Erzbischof Kardinal Woelki: „Ich habe Papst Leo XIV. schon vor seiner Wahl als klugen, zugewandten Priester, Bischof und Kardinal erlebt, der aufmerksam zuhört und wohlüberlegt entscheidet.“ KATH.NET-Interview von Petra Lorleberg
Köln (kath.net/pl) „Auch jetzt als Papst verbindet Leo XIV. die geistliche Dimension seines Amtes ebenso wie die Leitung der Weltkirche mit echtem Interesse an den Menschen. Die Impulse, die er bisher gesetzt hat, zeigen, dass er Vertrauen schaffen und Gegensätze versöhnen will. Besonders wichtig ist ihm die Evangelisierung – ich bin überzeugt, dass dies das zentrale Thema seines Pontifikats wird.“ Das erläutert Rainer Maria Kardinal Woelki, der Erzbischof von Köln, im KATH.NET-Interview zum Neuen Jahr. Der Kölner Kardinal antwortet auf Fragen zu den Themenkreisen „Synodalität“ und „Evangelisierung“. Dabei stellt er fest: „Ich wünsche mir, dass wir im Erzbistum Köln und in Deutschland alle Kräfte für einen lebendigen Glauben und die Weitergabe des Evangeliums einsetzen. Wir alle sind zur Evangelisierung ausgesandt, damit Menschen Christus begegnen können.“
Woelki ist in der Deutschen Bischofskonferenzn u.a. der Vorsitzende der Kommission für Wissenschaft und Kultur und der stellvertretende Vorsitzende der Kommission IV „Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste“. An der Römischen Kurie ist er aktuell Mitglied des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, des Dikasteriums für den Klerus, der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls, des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Papst Leo XIV. berief ihn jüngst zum Mitglied des Dikasteriums für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse (Link).
kath.net: Herr Kardinal Woelki, Sie waren wahlberechtigt in dem Konklave, aus dem Robert Prevost als Papst Leo XIV. hervorging. Nun ist er sieben Monate im Amt. Welche Impulse für die Kirche in Deutschland kann dieser neue Papst geben?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Ich habe Papst Leo XIV. schon vor seiner Wahl als klugen, zugewandten Priester, Bischof und Kardinal erlebt, der aufmerksam zuhört und wohlüberlegt entscheidet. Auch jetzt als Papst verbindet er die geistliche Dimension seines Amtes ebenso wie die Leitung der Weltkirche mit echtem Interesse an den Menschen. Die Impulse, die er bisher gesetzt hat, zeigen, dass er Vertrauen schaffen und Gegensätze versöhnen will. Besonders wichtig ist ihm die Evangelisierung – ich bin überzeugt, dass dies das zentrale Thema seines Pontifikats wird.
kath.net: Ich habe den Eindruck, Papst Leo kann innerkirchlich gut zuhören, eine zwischenmenschliche Brücke schlagen, in jeder Meinung das Gute entdecken, das drinstecken mag – aber dennoch kann er zu seiner eigenen fundierten Meinung gelangen und sie auch in Freundlichkeit transparent machen. Dürfen wir uns so einen kirchlich-synodalen Leitungsstil vorstellen?
Kard. Woelki: Ja, das ist Synodalität: gemeinsam auf den Heiligen Geist hören und Gottes Willen für die Kirche suchen. Synodalität ist mehr als Gremienarbeit – sie bedeutet, im Einklang mit Offenbarung und dem Glauben der Kirche zu fragen, wohin Gott die Kirche führen will. Papst Franziskus und Papst Leo haben klar betont, dass Synodalität nicht als kirchenpolitisches Instrument zur Durchsetzung eigener Interessen missbraucht werden darf.
kath.net: In Europa verliert der christliche Glaube auch weiterhin an Akzeptanz. Was können wir als katholische Kirche dagegen tun, was als einzelner katholischer Christ?
Kard. Woelki: Im Psalm 127 heißt es: „Wenn nicht der HERR das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen.“ Wir müssen als Kirche wieder lernen, Gottes Wirken ernster zu nehmen. Es ist Realität, dass der Glaube weitgehend aus dem öffentlichen Leben verschwunden ist und viele Menschen scheinbar keinen Zugang mehr zu Glaubensfragen haben. Dennoch bleibt die Zusage Jesu: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20)
Die Grundsehnsucht des Menschen nach Liebe, Sinn und Verbundenheit bleibt. Viele Menschen suchen nach Antworten auf diese Grundsehnsucht– das müssen sie von der Kirche erwarten können. Leere Worte reichen nicht, um diesen Hunger zu stillen. Gott ist in der Kirche gegenwärtig, ganz besonders im Sakrament der Heiligen Eucharistie. Oft fehlt uns der Mut, diesen Glauben an Gottes Gegenwart und sein Wirken überzeugend und sichtbar zu leben. Evangelisierung und Glaubensweitergabe sind keine Selbstläufer. Unsere Aufgabe ist es, die uns anvertrauten Ressourcen klug einzusetzen und auch moderne Erkenntnisse zu nutzen, ohne das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren: Christus sichtbar zu machen und alle Menschen in seine Nähe einzuladen.
Schon vor 50 Jahren hat Papst Paul VI. in Evangelii Nuntiandi betont: „Die Kirche existiert, um zu evangelisieren.“ Jede Christin und jeder Christ ist aufgerufen, durch das eigene Leben Christus zu verkünden: ganz so, wie Er es seinen Jüngern aufgetragen hat: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15)
kath.net: Stichwort Evangelisierung/Neuevangelisierung: Wo und wie setzen Sie dazu im Erzbistum Köln pastorale Schwerpunkte?
Kard. Woelki: Im Erzbistum Köln sprechen wir bewusst von „Evangelisierung“ und nicht etwa von „Neu-Evangelisierung“, weil wir auf der langen christlichen Tradition unseres Landes aufbauen und auf der Arbeit all derer, die – egal ob im Haupt- oder Ehrenamt – vor uns mit großer Liebe und Hingabe das Evangelium verkündet und weitergegeben haben. Die Aufgabe jeder Generation ist es, die Botschaft Jesu zeitgemäß zu vermitteln, ohne ihren Inhalt zu verändern. Darauf legen wir jetzt noch einmal einen besonderen Fokus.
Zunächst geht es beim Schwerpunkt Evangelisierung um ein Bewusstsein für das Anliegen, Christus zu verkündigen und um unsere innere Haltung. Wir sprechen auch von der „Entscheidung, missionarisch Christ und Christin sein zu wollen.“ Evangelisierung ist mehr als einzelne Projekte – sie ist der immer aktuelle Grundauftrag der Kirche.
kath.net: Sie haben das Erzbistum Köln konkret eingeklinkt in die Umsetzungsphase der Weltsynode. Wie dürfen wir uns dies vorstellen?
Kard. Woelki: Ganz dem Abschlussdokument der Weltsynode zur jetzt folgenden Umsetzungsphase entsprechend habe ich den Diözesanpastoralrat zum „Synodenteam“ für das Erzbistums Köln ernannt. Der DPR ist dafür bestens geeignet: Er setzt sich vielfältig aus haupt- und ehrenamtlich engagierten Katholikinnen und Katholiken zusammen, darunter Mitglieder aus verschiedenen Gremien und pastoralen Berufsgruppen. Erstmals wurden auch ein Drittel der Mitglieder per Losverfahren bestimmt – je zur Hälfte Frauen und Männer, aus allen Altersgruppen und sowohl aus städtischen als auch ländlichen Gemeinden. Der DPR arbeitet schon seit längerem synodal und geistlich miteinander. So haben wir bereits ein Gremium, das die Vielfalt des Volkes Gottes abbildet und synodale Arbeitsweisen lebt. Ich bin überzeugt, dass wir mit diesem motivierten Team im Hören auf den Heiligen Geist ausarbeiten werden, was Synodalität konkret für unsere Arbeit in der Kirche von Köln bedeutet.
kath.net: Wo sehen Sie Mission und Aufbruch in der katholischen Kirche in Deutschland bzw. im Erzbistum Köln?
Kard. Woelki: Es gibt ganz viele und ganz verschiedene Aufbrüche und Initiativen – die meisten davon vor Ort und nicht zentral gesteuert. Besonders die Sehnsucht vieler, gerade auch junger Menschen nach Gottes Nähe, macht mir Mut. Die Suche nach Gott ist und bleibt tief im Menschen verankert. Wir haben immer Anknüpfungspunkte, wenn wir als Zeugen Jesu auf andere zugehen.
Zudem macht es mir auch viel Mut, dass es so viele Menschen in unserem Erzbistum gibt, die sich von einer neuen Leidenschaft, Energie und Kreativität anstecken lassen, um immer neue Wege zu finden, diesen großen Anspruch und die große Aufgabe der Evangelisierung ganz konkret umzusetzen.
kath.net: Papst Leo hat den aus Indien stammenden Joshy Pottackal zum Weihbischof in Mainz berufen. Das kam vielleicht für manche Menschen unerwartet. Welchen Beitrag leisten die katholischen Gemeinden ausländischer Muttersprachen sowie Priester, die aus dem Ausland stammen, für die katholische Kirche hierzulande?
Kard. Woelki: Die Priester aus aller Welt, die in unseren Gemeinden Dienst tun, sind für unsere Seelsorge unverzichtbar. Im Erzbistum Köln gehören etwa 20 % der Katholiken muttersprachlichen Gemeinden an. Viele Priester aus Indien, Korea, Afrika und anderen Teilen der Welt, sind fester Teil unserer Pastoralteams. Ihr Dienst bereichert unsere Kirche und zeigt ihre weltumspannende Dimension. Deshalb ist es nicht überraschend, sondern im Gegenteil eigentlich überfällig, dass sich diese weltumspannende Vielfalt auch in der Bischofskonferenz abbildet.
kath.net: Mit welchen Hoffnungen gehen Sie in das Neue Jahr?
Kard. Woelki: Ich wünsche mir, dass wir im Erzbistum Köln und in Deutschland alle Kräfte für einen lebendigen Glauben und die Weitergabe des Evangeliums einsetzen. Wir alle sind zur Evangelisierung ausgesandt, damit Menschen Christus begegnen können. Meine Hoffnung ist, dass immer mehr Menschen – bewusst oder unbewusst – durch und in der Kirche Gottes Gegenwart erfahren.
Archivfoto Kardinal Woelki (c) Erzbistum Köln
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