Die Angriffe auf Israel sind Angriffe auch auf uns

9. Oktober 2023 in Kommentar


Der Krieg rund um uns herum tobt immer ungehinderter. Der Frieden verabschiedet sich für lange Zeit. Und die Kirche dreht sich um sich selbst - Der Montagskick von Peter Winnemöller


Linz-Jerusalem (kath.net)

So schwer war es schon lange nicht mehr mit dem Schreiben des Montagskicks zu beginnen. Die Bilder aus Israel blockieren das Denken. 2000 Raketen auf Israel, so lautet die grausige Zahl. Wer kann sich das denn überhaupt vorstellen? Aber mehr noch, die Kirche, die als Stimme in der Welt jetzt so nötig wäre ist in Eigenrotation. Rund um uns herum beginnt das große Sterben und die Kirche denkt über Synodalität nach. Man könnte kirre werden.

Dabei wäre es jetzt nur umso nötiger, nüchtern zu denken. Es geht um Krieg. Es geht aber vor allem um die Türöffner für den Krieg und es geht um jene, die allzu bereitwillig oder allzu naiv, die Türen zum Krieg zu durchschreiten bereit erscheinen. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine war nicht der Beginn. Schon sehr viel länger spricht Papst Franziskus davon, dass wir uns mitten im 3. Weltkrieg befinden und man muss leider sagen, dass er damit nicht falsch lag. Spaltungen schwächen die Gesellschaften im Westen. Eine immer schwächer werdende Kirche gibt den Menschen immer weniger Orientierung. Und auch die Kirche selber ist immer weniger orientiert, wenn in der Pressemeldung der DBK zum Angriff auf Israel noch die Zweistaatenlösung auftaucht. Terror ist kein Staat. Terror ist ein Verbrechen. Der Angriffskrieg auf die Ukraine kann als Schlüsselmoment angesehen werden. Und wenn sich historische Vergleiche auch verbieten, so war die Besetzung der Krim im Jahre 2014 und die Reaktion der Völkergemeinschaft darauf nicht weniger schlimm und dennoch nicht weniger nachvollziehbar als Chamberlains Appeasement gegenüber dem Deutschen Reich. Man versucht doch am Ende alles, um sowas wie Frieden zu wahren.

Man sei, so Kaiser Wilhelm lange nach dem 1. Weltkrieg, da so hineingerutscht. Doch wer ehrlich ist, kann erkennen, dass die Vernachlässigung der fragilen Bündnispolitik Bismarcks durch dessen Nachfolger das labile Gleichgewicht der Kräfte hat zusammenkrachen lassen. Die Rutschpartie war zu erkennen. Rationale Mahner wurden damals überhört und werden heute wieder überhört. Die Regierung in Israel spaltet das Volk mit einer problematischen Justizreform. Es kann und soll hier nicht entschieden werden, wer Recht hat und wer unrecht. Fakt ist, eine gespaltene Gesellschaft ist verlockend für jeden Gegner. Von diesen hat der kleine, einzige freiheitlich demokratische Staat im Nahen Osten wahrlich genug. Die kleinste Schwäche könnte beim Gegner die Illusion wecken, stark genug zu sein. Das ist ein trauriger aber nicht zu leugnender Fakt. Uns so ist es geschehen.

Ein Blick in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt über Jahrzehnte eine Welt die dort, wo es wirklich gefährlich ist, nämlich in Mittel- und Osteuropa, in einem fragilen friedlichen Zustand. Von Frieden zu reden wäre zynisch angesichts der Arsenale voller Massenvernichtungswaffen. Und dennoch!

Vor ziemlich genau vierzig Jahren lag ich während meiner Grundausbildung bei der damals noch verteidigungsfähigen Bundeswehr im Matsch und lernte, wie im Fall der Fälle unser Land gegen den Feind, damals „Rotland“ genannt, zu verteidigen wäre. Unser Bonmot, die Bundeswehr sei dazu da, den Feind an der Grenze aufzuhalten, bis Soldaten kommen, wurde hinter vorgehaltener Hand selbst von unseren Vorgesetzten kolportiert. Heute könnte die Bundeswehr nicht einmal mehr das. Aber etwas anderes – sehr wertvolles - enthielt dieses Bonmot auch: Wir mussten nicht alleine stark sein, wir waren in einer Gemeinschaft, die unsere Freiheit im Fall der Fälle verteidigen würde.

Wir waren uns damals ziemlich sicher, dass nichts passieren würde. Grafiken zeigten uns das Kräfteverhältnis von Ost und West und mehrere Overkill Atomwaffen in den Bunkern der damals recht nüchtern agierenden Kontrahenten waren eine perverse Versicherung gegen einen Krieg, den keiner gewinnen würde. Man sprach von einem Gleichgewicht des Schreckens, doch es war genau das: Ein Gleichgewicht. Für naive Kriegsdienstverweigerer, die nur die Narrative der Sowjetmacht nachplapperten, hatten wir wenig Verständnis, denn eines war uns damals klar und bewahrheitet sich heute mehr und mehr: Fühlt sich einer in der Übermacht, dann wird er es probieren. Auch wenn sich Spekulationen verbieten, Angesichts einer Nato in der Stärke von 1983 wäre auch Putin vermutlich nicht einfach in die Ukraine einmarschiert. 2022 fühlte er sich aus zahlreichen Gründen stark genug es tun zu können. Die Folgen einer weltweiten Schwäche zeigen sich jetzt, nahezu 18 Monate später kriselt und zündelt es rund um uns herum. Auch in Deutschland und rund um unsere Haustür herum in Europa verlieren sich die Gesellschaften in einer Art Marihuana-Rausch aus sinnlosen destruktiven Nichtdebatten um Gender, Klima und Migration. Ein nicht zu kittender Riss in der Gesellschaft verdunkelt den Blick auf die wirklichen Gefahren für unsere Freiheit und unseren Frieden. Die Armenier verlieren Berg- Karabach und müssen fliehen. Israel wird von Palästinensern mit einer Terrorwelle überzogen. Serbien streckt die Hand in Richtung Kosovo aus. Weitere werden folgen. Die Welt blickt auf die Ukraine und die Uhr für das Land tickt. Die weltpolitische Lage wendet sich gerade. Die USA driften schon davon, auch Polen will nicht weiter, eine neue Regierung in der Slowakei positioniert sich eher für Putin. Die Rechnung des russischen Diktators könnte aufgehen, dass der Westen am Ende doch nicht durchhält, die Ukraine lange genug zu unterstützen. Je mehr Krisen- und Kriegsherde rund um die Tür herum aufflammen, umso mehr ist der Westen mit dem Austreten von Flammen beschäftigt. Dieses Kalkül dürfte jeder, der nur mit etwas Verstand gesegnet ist, von vorherein gesehen haben.

Noch stehen keine deutschen Soldaten direkt in einem Krieg. Noch! Der erste Angriff auf ein Natoland, beispielsweise im Baltikum, würde diesen Zustand sofort ändern. Wir sind so nahe an einem großen Krieg, wie wir es seit der Kubakrise nicht mehr waren. Der Unterschied ist, dass sich in einer damals bilateralen Welt zwei rationale Gegner gegenüberstanden und die Pokerpartie rechtzeitig endete. Heute leben wir in einer irrationalen multilateralen Welt, in der die Zahl der Atommächte sich gerade vervielfältigt. Atomwaffen geraten mehr und mehr in die Hände unberechenbarer Despoten. Ein auch wirtschaftlich geschwächter Westen verliert mehr und mehr die Kontrolle. Das ist die Lage.

Es ist gut, dass Franziskus einen Kardinal Zuppi mit seiner Friedensmission auf den Weg geschickt hat. Es ist hingegen schlecht, dass gerade jetzt die Kirche in einem weltweiten selbstreferentiellen Prozess steckt, der alle Kräfte bündelt. Der Papst müsste die Synode sofort beenden, bevor es der Synode so ergeht, wie dem ersten Vatikanischen Konzil. Es gälte Kardinal Zuppi hundertfach zu klonen, indem man alle verfügbaren Kurienbischöfe und Nuntien diplomatisch schult und sie als Friedensboten in alle Welt sendet. Am Ende wird nur eine multinationale Friedenskonferenz aller Nationen guten Willens zu einem neuen Frieden führen.

Allein den Betern kann es noch gelingen, wie Reinhold Schneider einst schrieb, heute den Frieden wiederzugewinnen, So ist das Gebet um den Frieden jetzt das nötigsten Gebet überhaupt. „Lasset uns beten für den Frieden unsrer Erde, denn der Friede der Erde ist todkrank“, schrieb die Dichterin Gertrud von Le Fort in ihrer „Litanei zur Regina Pacis“. Diese Litanei ist eines der eindrucksvollsten Gebete um den Frieden, zeigt die Dichterin darin doch in betenden Worten schonungslos das Grauen des Krieges auf. „Es ist ein Grauen um uns“, schreibt Gertrud von Le Fort, „wie noch nie gewesen, es ist als sännen tausend Finsternisse Blut und Mord!“ Besser kann man den gegenwärtigen Zustand nicht beschreiben.

Die Litanei zur Regina pacis zum persönlichen Gebet oder zum Gebet in Gruppen findet sich hier: https://www.prwi.nrw/?p=6424


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