Er begeistert (nur) die mehrheitlich linksgrünen Medien: Kirchenrechtler Thomas Schüller

29. September 2023 in Kommentar


„Doch sein Vergleich von Bischof Meier (Augsburg) mit Nazi-Bischöfen ist beispiellos. Ausgerechne Meier argumentiert stets differenziert, niemals als Scharfmacher oder ‚Bandleader‘ eines kirchenpolitischen Lagers.“ - Gastkommentar von Jürgen Henkel


Augsburg-Münster (kath.net/jh) Kein Medienbericht zur katholischen Kirche und Kirchenpolitik in Deutschland ohne ihn, kein Thema der katholischen Kirche und Theologie in der Presse ohne Zitate von ihm. Dabei hat Thomas Schüller als Universitätsprofessor für Kirchenrecht an der Universität Münster sicherlich viel zu tun mit Forschen, Lehren und Publizieren wissenschaftlicher Werke. Das katholische Kirchenrecht ist komplex und breitgefächert, die Beschäftigung damit für Interessierte sehr spannend, für Studentinnen und Studenten (und Priesteramtskandidaten) Pflicht oder Neigung, je nachdem. Doch mit dem Forschen, Lehren und Publizieren wissenschaftlicher Arbeiten lässt es Thomas Schüller seit Jahren nicht bewenden.

Bei ihm steht das öffentliche apodiktische Kritisieren, Belehren und Bekehren seiner eigenen Kirche über alle verfügbaren Printmedien, Agenturen, Rundfunk und Fernsehen genauso im Fokus wie sein wissenschaftliches Wirken – und damit er selbst im Fokus der Medien. Nun kann man zu vielen Themen – außer bei Dogmen, die zu glauben heilsnotwendig ist – offen diskutieren und geteilter Meinung sein. Nicht umsonst gilt besonders für Juristen das Bonmot (auch anwendbar auf Theologen): „Drei Juristen, vier Meinungen.“ Und Schüller ist als Kirchenrechtler primär Jurist. In seinem Falle aber vertauscht er die „Robe“ des Gelehrten und Juristen gerne und oft mit Megaphon und Trommeln des linkskatholischen Aktivisten. Er präsentiert und gefällt sich dabei in der Rolle als Kronzeuge und „Kirchenrächer“, der mit beispielloser Einseitigkeit und Polemik alles niedermacht, was nicht dem links-, liberal- oder reformkatholischen und deutschsynodalen Mainstream und den Adepten dieser selbsternannten kirchenpolitischen Avantgarde entspricht.

Die mehrheitlich linksgrünen Medien in Deutschland, die sich der traditionellen katholischen Kirche und Lehre sowie dem Vatikan selten wohlgesonnen zeigen, sind seit Jahren von Schüller begeistert. Zu allen Themen können sie mit Schüller jemand interviewen und zitieren, der der eigenen – oft genug kirchenfernen oder kirchenfremden – medialen Reformagenda für die Katholische Kirche und den Vatikan maximal erwartungsgemäß entspricht und als Stichwortgeber das Wort redet. Es wäre interessant zu erfahren, wie viele der Journalisten und „Experten“, die regelmäßig auch unter Bezug auf Thomas Schüller der katholischen (Welt)Kirche in den Medien schlaue Reformratschläge zu geben sich berufen fühlen, der Katholischen Kirche oder überhaupt einer Kirche angehören.

Dabei gibt es viele Kirchenrechtlerinnen und Kirchenrechtler in Deutschland und im deutschsprachigen Raum, die das breite Spektrum des Fachs und auch unterschiedliche Meinungen widerspiegeln. Doch auf Ausgewogenheit kommt es im deutschen Kampagnen-, Haltungs- und Erziehungsjournalismus ja schon lange nicht mehr an. Und niemand antwortet so planbar linkskatholisch, hierarchiekritisch und traditionsnegierend wie Schüller. Die deutschen Medien lieben ihn dafür und denken gar nicht daran, auch Kirchenrechtler mit anderer Positionierung zu interviewen oder zu zitieren. Das könnte ja das zu vermittelnde Weltbild stören. Und dieser Meinungsfilter beginnt mittlerweile schon bei den Nachrichtenagenturen.

Schüller schwimmt dabei auf der gleichen antirömischen und vatikankritischen Welle wie weiland Eugen Drewermann und der mittlerweile verstorbene Hans Küng. Rom-, Vatikan- und Traditionskritik kommt in Deutschland immer ungeheuer gut an, ist und macht populär und steigert die eigenen Buchauflagen. Letztlich sind diese Art der Selbstvermarktung und derlei Schielen auf Zustimmung der Justes Milieus daher auch Populismus pur. Dabei nimmt der Kirchenjurist meist keine Rücksicht auf juristische Prinzipien wie „Audiatur et altera pars“ (Auch die andere Seite muss gehört werden), sondern poltert hemmungslos darauf los. Nur wenige Kirchenleute und Theologen äußerten sich bisher so respektlos, maßlos und bestürzend einseitig zu Papst Benedikt XVI. und Kardinälen wie Rainer Maria Woelki wie der Kirchenrechtler aus Münster. Gleichzeitig fordert ausgerechnet dieser Hyperkritiker aber Kritiker von Papst Franziskus wie die Dubia-Kardinäle zu Gehorsam gegenüber dem Papst auf. Das ist die bekannte „Toleranz der Toleranten“.

Wenn Schüller nun ausgerechnet gegen einen beliebten und stets differenziert argumentierenden Bischof wie Bertram Meier von Augsburg, der niemals als Scharfmacher oder „Bandleader“ eines kirchenpolitischen Lagers auftritt, die platte Nazi-Keule schwingt, weil dieser sich gegen die absolute Ausgrenzung von AfD-Mitgliedern in der Kirche und für das Gespräch mit AfD-Mitgliedern und Anhängern ausgesprochen hat, dann ist das selbst für Schüllers Verhältnisse beispiellos. Tatsache ist: Die AfD führt mittlerweile in Ostdeutschland mit über 30 Prozent die Umfragen an und auch im Westen stabilisiert sie sich bei weit über 20 Prozent auf dem zweiten Platz, knapp hinter der CDU. Das mag man entsetzlich finden, doch Realitäts- und Gesprächsverweigerung ist keine Lösung. Jesus selbst ging zu unbeliebten Zöllnern und Sündern (und hielt sogar Tischgemeinschaft mit ihnen), nicht nur zu den angesehenen Spitzen der Gesellschaft. Im Gegenteil: mit den selbstgerechten Schriftgelehrten und Pharisäern legte er sich oft an. Der demokratische Diskurs muss auch mit Rechts- und Linkspopulisten geführt werden. Nur zur Erinnerung: in den 1980er Jahren trafen sich hochrangige Parteifunktionäre der heute vollmundig scharfe Brandmauern gegen die AfD einklagenden SPD zu „Strategiegesprächen“ mit Vertretern der SED, der Partei von Stacheldraht, Berliner Mauer und Schießbefehl.

Es wäre nicht zielführend für die Kirchen in Deutschland, jedes Gespräch mit AfD-Mitgliedern sowie deren Wählern und Anhängern grundsätzlich zu verweigern, diese Menschen aus dem kirchlichen Leben vollständig auszugrenzen und nur als Nazis zu beschimpfen. Auch das dient nicht dem vielbeschworenen Zusammenhalt der Gesellschaft, dem doch gerade die Kirchen dienen wollen und sollen. Zur Abtreibungs- und Zuwanderungspartei der Grün*innen und zu den Klimakriminellen herrschen interessanterweise weniger Berührungsängste, vor allem die Klimakriminellen werden vom kirchlichen Establishment sogar gefeiert. Schüllers Vergleich von Bischof Meier mit Nazi-Bischöfen war jedenfalls Hassrede pur und völlig deplaziert.

Dr. Jürgen Henkel ist evangelischer Gemeindepfarrer in Selb, Professor h.c. an der Babes-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca in Rumänien und Schriftleiter der Zeitschrift „Auftrag und Wahrheit. Ökumenische Quartalsschrift für Predigt, Liturgie und Theologie“, die im Schiller Verlag Bonn erscheint (Link zur aktuellen Nummer).  


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