Das Märchen vom armgebliebenen Königsohn

15. September 2023 in Kommentar


Mir scheint, dass wir als Christen in einer ganz ähnlichen Situation sind wie der Adoptivsohn des verreisten Königs. Wir wissen um die Reichtümer in den Schatzkammern des Schlosses ... - BeneDicta am Freitag von Linda Noé


Linz (kath.net)

„Das Lied des Glücklichen“. Mit einem Seufzer der Erleichterung legte ich meine Füllfeder beiseite, nachdem ich diesen Titel über meine Deutsch-Matura geschrieben hatte. Viele Jahre ist das her, aber ich habe mich später noch einige Male darüber geärgert, dass ich mir diese Arbeit niemals abgeholt habe, denn sie hat mir richtig gut gefallen. Ein Märchen- was für eine Freude, dass ich so etwas schreiben durfte. Märchen und Phantasiegeschichten, später auch Gleichnisse, haben mich immer fasziniert. Starke Bilder, die für Kinder eine spannende Erzählung sind, wobei die Größeren eine tiefere Botschaft dahinter entdecken können, die zeitlos ist und jeden Menschen ansprechen möchte.

Gestern, als ich auf der Couch eine kleine Mittagspause gehalten habe, habe ich mich wieder an das Geschichtenschreiben von Früher erinnert, als ich mittendrin in der Überlegung war, welches Thema ich für die heutige Kolumne wählen soll. Und so ist mir zum heutigen Thema ein ganz kleiner Ausflug in die Märchenwelt meiner Vergangenheit eingefallen.

Es war einmal ein unglaublich mächtiger König. Sein Reich erstreckte sich über die ganze Welt und darüber hinaus, die Grenzen Seines Königreichs konnte kein Bote jemals erreichen, wie weit er auch in den Sonnenuntergang reiten mochte. Der König war ein guter Herrscher, er liebte sein Volk über alles, war gerecht und weise. In seiner großen Liebe wollte er nicht für immer alleine über das Reich herrschen, und so wählte er sich eines Tages einen Adoptivsohn aus dem Volk, mit dem er alles teilen wollte, was er besaß. Sein Sohn war die ersten Jahre seines Lebens ärmlicher aufgewachsen, und so war er überwältigt von der Größe und Schönheit des Palastes, des Schlossgartens, des köstlichen Essens und vor allem von der Liebe des Vaters. Er war glücklich, ja, oft konnte er sein Glück kaum fassen, dass er, der kleine Junge von der Straße, es verdient haben sollte, Königssohn zu werden. So wuchs der Adoptivsohn heran, wurde größer und stärker und lernte seinen Vater besser kennen. Der Vater ließ ihm gute Lehrer zukommen und war auch selbst immer für ihn da. Als der Junge heranwuchs, merkte er jedoch immer stärker, dass es einen Unterschied zwischen ihm und dem Vater gab. Der Vater war immer gütig und weise, und wusste auf alles eine Antwort und schien alle Menschen zu lieben und ihnen Gutes zu geben. Der Adoptivsohn aber wurde oft zornig und dann auch unfreundlich zu seinen Mitmenschen, oder er wurde eifersüchtig auf jemand anderen, der eine bessere Note bekam, und konnte sich nicht mitfreuen. Anstatt darüber mit seinem Vater im Gespräch zu bleiben und ihn um Rat zu fragen, entfremdete er sich über die Jahre innerlich ein wenig von ihm. Nicht äußerlich, denn er saß immer noch mit seinem Vater zu Tisch. Innerlich zweifelte der Adoptivsohn aber immer stärker seine Berufung an. Sein Vater war wohl einfach eine Nummer zu groß für ihn, es war doch völlig unmöglich, dass er selbst einmal ganz in dessen Fußstapfen treten sollte, obwohl ihm das der Vater immer wieder auch deutlich in vielen Briefen schrieb, die er sich aufbewahren sollte. So wusste der Adoptivsohn zwar von den großen Schatzkammern im Schloss, aus denen sein Vater dem Volk Gutes zuteilwerden ließ, aber es reichte ihm, zu wissen, dass es andere im Hofstaat gab, die seinem Vater halfen, die Schätze zu verteilen, andere, die würdiger waren als er selbst, und er weigerte sich, selbst die Schatzkammern zu betreten. Er wusste ja um sein eigenes, oft so zweifelndes und manchmal auch schlechtes Herz.

Eines Tages jedoch musste der Vater für eine Weile verreisen, und rief seinen Sohn zu sich. Er trug ihm auf, während seiner Abwesenheit seine Geschäfte zu übernehmen, die Menschen mit Gaben aus der Schatzkammer zu beschenken, die Kranken zu heilen, wie er es ihn gelehrt hatte, und niemand hungern zu lassen. Er sollte das tun, als sein von ihm eingesetzter Stellvertreter, als Königssohn, der von niemand anderem ersetzt werden konnte.

Was würde nun geschehen, wenn in den nächsten Tagen Menschen in Not zu ihm um Hilfe kommen würden? Würde der Adoptivsohn an sich selbst zweifeln, an seiner eigenen Realität zerbrechen, oder würde er darauf vertrauen, dass die Zusagen und das Erbe des Vaters größer sind als er selbst?

Mir scheint, dass wir als Christen, als Diejenigen, die in die Nachfolge Jesu gerufen sind, in einer ganz ähnlichen Situation sind wie der Adoptivsohn des verreisten Königs. Wir wissen um die Reichtümer in den Schatzkammern des Schlosses, und wir lesen von den Heiligen, die hinein gegangen sind, aus vollen Händen geschöpft und verteilt haben, so dass wir auch selbst noch so viele Jahre danach noch aus den sprudelnden Quellen trinken können, die aus ihrer persönlichen Nachfolge des Königs entstanden sind. Die Heiligen, die von sich selbst bekannt haben, Sünder zu sein, und die trotzdem diesen Weg gegangen sind. Wir glauben oft lieber an eine übertriebene Bescheidenheit dieser Heiligen, als dass wir uns diesem Anspruch aussetzen, selbst die Werke zu tun, die Jesus uns aufgetragen hat.

Mk 16,17 -20: „Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden. Nachdem Jesus, der Herr, dies zu ihnen gesagt hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.         

Sie aber zogen aus und predigten überall. Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte die Verkündigung durch die Zeichen, die er geschehen ließ.“

Im Auftrag des Königs als sein eingesetzter Stellvertreter unterwegs zu sein ist unmöglich, wenn man, wie der Adoptivsohn in meiner kurzen Geschichte, zuerst auf die eigene Leistung, Fehler und die ursprüngliche Herkunft sieht. Auf diesem Kampfplatz werden wir immer angreif- und sogar zerstörbar bleiben, denn: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns.“ (1 Joh 1,8)

Wir müssen uns nicht einreden, fehlerlos zu sein, sondern dürfen immer wieder neu Gottes Vergebung empfangen.

Unseren aufgetragenen Dienst tun wir aber nicht, weil wir selbst so gut wären, sondern weil wir durch Jesus Adoptivkinder des Königs sind und tatsächlich Zugang zu dessen Schatzkammern haben, die uns aber nichts nützen, wenn wir nicht wagen, das Wort Gottes ernst zu nehmen und nach mehr zu fragen, wo wir nicht heute und hier sehen und erleben, was uns das Evangelium verheißt. Auch geht es bei all den Reichtümern, die wir verteilen sollen, überhaupt nicht um uns selbst und damit anzugeben wie toll wir sind, sondern darum, anderen Menschen damit zu dienen und den Leib aufzubauen.

Eph 1,18-19: „Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt  und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.“

 

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